Petruschka – L’ Enfant et les Sortilèges – Komische Oper

Petruschka - Strawinsky- Komische Oper © Holger Jacobs

Petruschka – L’ Enfant et les Sortilèges – Komische Oper

 

Von Holger Jacobs

5.2.2017

🙂 🙂 🙂 🙂 (vier von fünf)

Mit klassischem Ballett hatte dieser Abend in der Komischen Oper wenig zu tun. Dafür mit faszinierender Filmtechnik und gekonnter Akrobatik.

1. Teil des Abends, „Petruschka“ von Igor Strawinsky, ca. 30 Minuten, uraufgeführt am 13. Juni 1911 im Theatre du Chatelet in Paris. Die Titelpartie tanzte damals Vaslav Nijinsky (über dessen Leben gerade Ralph Fiennes einen Film dreht).

Hintergrund

Genau wie das gerade in der Deutschen Oper gesehene Ballett „Daphnis et Chloé“ von Maurice Ravel in der Choreographie von Benjamin Millepied (kultur24.berlin berichtete von der Premiere) ist auch dieses Ballett (hier allerdings von Igor Strawinsky komponiert) auf eine Zusammenarbeit mit Serge Djagilew und Michel Fokine für das Ballet Russes zurückzuführen.

Nach dem großen Erfolg von Strawinskys Ballettkomposition „Der Feuervogel“ (1910) sollte er gleich eine weitere Komposition schreiben und der Musiker machte sich an die Partitur von „Le Sacre du Printemps“ (Uraufgeführt 1913). Doch noch während er daran schrieb hatte er die Idee einer mechanischen Puppe, die durch Musik zum Leben erweckt wird.

So wurde daraus die Geschichte der Puppe Petruschka (Verkleinerungsform von Peter), die auf einem russischen Jahrmarkt in dem Puppenspiel eines Gauklers auftreten muss und von dessen Flötenspiel zum Leben erweckt wird. Doch Petruschka will nicht ständig seinem Herren zu Diensten sein. Vielmehr beschäftigt ihn die Liebe zur Ballerina Ptitschka., die sich aber mehr zu dem starken Patap hingezogen fühlt . Bei einem Handgemenge der beiden Männer stirbt Petruschka, dennoch gibt ihm der Tod die Freiheit von seinem Peiniger, dem Gaukler.

30 Bilder: Pauliina Räsänen als Akrobatin Ptitschka und Slava Volkov als der starke Patap, „Petruschka“, Komische Oper © Holger Jacobs

2. Teil des Abends „L’ Enfant et les Sortilèges“ (Das Kind und die Hexerei), eine Oper von Maurice Ravel, ca. 45 Minuten, uraufgeführt am 21. März 1925 in der Oper von Monte-Carlo. Das Libretto stammte von der berühmten franz. Schauspielerin Colette (nach der heute ein ebenso berühmter Concept Store in Paris benannt ist).

Handlung

Ein Kind sitzt in seinem Zimmer und soll Hausaufgaben machen. Doch seine Gedanken sind woanders, mehr bei seinen Spielsachen und lustigen Dingen. Als die Mutter hereinkommt und das Kind ermahnt, wird es wütend, zerstört sein Zimmer und misshandelt die Haustiere. Als die Wut verflogen ist und einen Moment Ruhe herrscht, beginnen auf einmal die Dinge des Zimmers ein Eigenleben: Die Uhr, die Tassen, die Teekanne, das Kaminfeuer und die Tiere werden lebendig und fangen an das Kind heftig zu beschuldigen. Dann öffnen sich die Mauern und das Kind befindet sich mitten in einem fürchterlichen Krieg, wo Tod und Verderben herrscht. Plötzlich gerät ein Eichhörnchen in das Gemetzel und es droht dabei umzukommen. Doch da nimmt sich das Kind ein Herz und rettet das arme Tier.

Und plötzlich ist der Spuk vorbei. Die Tiere haben sich wieder beruhigt und bringen das Kind zur Mutter zurück.

Die Mutter (Ezgi Kutlu), „L‘ enfant et les Sortilèges“, Komische Oper © Holger Jacobs

Kritik

Aufmerksame Besucher der Komischen Oper werden sofort feststellen, dass das Regie-Team dieser Produktion, die so genannten “1927“ (Suzanne Andrade, Esme Appleton und Paul Barrit) bereits die „Zauberflöte“ von Mozart 2012 am selben Haus einstudiert haben. Und so sieht es denn auch aus:

Ein animierter Film läuft im Hintergrund ab und vorne auf er Bühne agieren reale Personen, die sich geschickt in das laufende Video einfügen. Das sieht faszinierend aus. Auch die Zauberflöten-Produktion ist beim Publikum hervorragend angekommen, nur die Kritiker blieben etwas verhalten.

Nicht jedem gefällt eine Szenerie à la Walt Disney. Die Anleihen an die berühmten Comics ist nicht zu übersehen, auch eine Spur Stummfilm dürfte hier zitiert werden. Das Ballett „Petruschka“ ist mehr ein Varieté mit Akrobaten statt Tänzern und die Oper „L’ Enfant et les Sortilèges“ gleicht mehr einem Musiktheater mit laufender Bühne und bunten Bildern.

Es kommt sehr auf den persönlichen Geschmack an, ob einem diese Show gefällt. Technisch ist es brillant gelöst (laut Programmheft mit Hilfe des Computerprogramms „Catalyst“). Doch ob es den Zuschauer auch emotional mitnimmt, muss jeder für sich selber entscheiden.

Das Stück „Petruschka“ fand ich persönlich stärker, auch weil die drei Darsteller/ Akrobaten Tiago Fonseca (Clown), Pauliina Räsänen (Ptitschka) und Slava Volkov (Patap) einfach fabelhaft sind. Sie kombinieren seiltänzerisches Können mit starker persönlicher Ausstrahlung und großer Bühnenpräsenz. Großes Kino! – im wahrsten Sinne des Wortes.

Einmal mehr schafft es Intendant Barrie Kosky uns zu überraschen, wodurch die Komische Oper die fortschrittlichste Bühne in der Berlin bleibt.

Komische Oper Berlin
Behrenstraße 55-57
10117 Berlin

Nächste Vorstellungen: 8. und 19. Februar 2017

Um die Bewegungen auf der Bühne besser verstehen zu können hier das Videos zu „Petruschka“ auf kultur24.berlinTV:

 

 

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

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