Pornographie in der Volksbühne Berlin

21 pornographies - Mette Ingvartsen © Jens Setthzman

Pornographie in der Volksbühne Berlin

 

Von Holger Jacobs

15.12.2017

 english text below

Einen außergewöhnlichen Abend erlebte am Mittwoch das Premierenpublikum in der Volksbühne Berlin.

Das Thema Pornographie hat in diesem altehrwürdigen Haus am Rosa-Luxemburg-Platz fast schon Tradition. Erinnern wir uns doch an Abende wie die „120 Tage von Sodom“ nach Marquis de Sade in der Bühnenfassung von Johann Kresnik vom Mai 2015. Oder an den Abend „Porn of Pure Reason“ von Mai 2013, der erst um 22.30 Uhr begann und bei dem nur Zuschauer über 18 zugelassen waren (leider hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch kein Kulturmagazin, weshalb es darüber noch keinen Artikel gibt, nur ein paar Fotos).

3 Photos: „Porn of Pure Reason“, Volksbühne 2013, Foto: Holger Jacobs

Und nun „21 pornograhies“ der dänischen Choreographin Mette Ingvartsen. Regelmäßige Besucher des HAU (Theater Hebbel am Ufer in Berlin) kennen Mette Ingvartsen gut, sie ist dort fast jedes Jahr mit ihren Produktionen aufgetreten. Zuletzt 2016 mit 2 Arbeiten der neuen Serie RED PIECES, „69 positions“ und „7 pleasures“, zu der auch die nun gestern neu vorgestellten Stücke „21 pornographies“ und „to come (extended)“ zählen.

Der Abend beginnt im großen Saal. Wie ich mit Freude feststelle, muss ich nicht mehr wie zuletzt noch bei Frank Castorf auf billigen Plastikstühlen, installiert auf nacktem Beton, sitzen, sondern darf wieder in den originalen „Fauteuils“ der Volksbühne platznehmen (die Plastikstühle stehen jetzt im Foyer).

Die Bühne ist schwarz und kahl, nur ein paar Neonröhren ziehen sich über die Fläche.

Plötzlich betritt auf der linken Seite eine Frau den Zuschauerraum, bekleidet mit einer schwarze Hose und einer weißer Bluse. Es ist die Choreographin Mette Ingvartsen. Sie beginnt zu sprechen. Sie beschreibt eine Szenerie, die sich vor ihren Augen abspielt. Danach stehen mehrere imaginäre Herren links und rechts im Raum, darunter ein Präsident und ein Typ den sie „Juke“ nennt. Auch mehrere Frauen bevölkern die vorgestellte Szenerie. Sie geht auf die Bühne und erzählt verschiedene Situationen, die angelehnt sind an die Erzählungen des Marquis de Sade. U.a. spricht sie über die Situation, in der die bestimmenden „Herren“ die jungen Untergeordneten zwingen, ihre eigenen Exkremente zu essen. Dabei hat sich Mette Ingvartsen etwas Besonderes einfallen lassen: Sie bittet das Publikum unter ihre Sitze zu greifen und eine Praline hervorzuholen, die dort vor der Vorstellung hinterlegt wurde. Jeder darf jetzt diese Praline essen, die natürlich nicht aus Scheiße, sondern aus leckerer Schokolade, besteht.

3 Photos: „21 pornographies“, Mette Ingvartsen, Foto: Jens Sehtzman

Leider konnte ich keine 21 Geschichten aus Mette Ingvartsens Erzählungen heraushören, eigentlich nur drei: Einmal die Geschichte aus „120 Tage von Sodom“, dann ein Filmset, bei der eine Frau über und über mit heißer Schokolade begossen wird und zum Schluss eine Geschichte mit Soldaten. Da die Choreographin alles auf Englisch erzählt (und sie redet ohne Unterbrechung, die gesamte Länge des Stücks, geschlagene 70 Minuten), bin ich nach einer einiger Zeit etwas ermüdet und schalte meine Konzentration herunter.

Ungefähr zur Hälfte der Vorführung zieht sich Mette Ingvartsen dann ganz aus und agiert nun nackt. Dabei kommt es vor, dass sie sich mit gespreizten Beinen vorne an den Rand der Bühne setzt, nur wenige Meter von der ersten Zuschauerreihe entfernt. Ein Gynäkologe dürfte in seiner Praxis auch nicht viel mehr zu Gesicht bekommen…

Erotisch wirkt das nicht, auch nicht weiter anziehend, ist der Körper von Mette Ingvartsen doch eher androgyn zu nennen. Auch ihr Tanz oder ihre Bewegungen zeigen keinerlei Anzeichen von Anzüglichkeit. Es ist eher eine nüchterne Darstellung des Körpers. Am Schluss gibt es eine ca. 10-minütige Sequenz, in der sich die Tänzerin um ihre eigene Achse dreht, auf dem Kopf eine schwarze Kapuze. Ein Bild, welches natürlich sofort an die Folterfotos aus dem irakischen Gefängnis Abu Greib erinnert. Wie Mette Ingvartsen es schafft 10 Minuten lang im blinden Zustand relativ schnell sich um ihre eigene Achse zu drehen und dabei nicht zu schwanken oder hinzufallen ist allein schon bewundernswert. Eine technische Meisterleistung.

4 Photos: „21 pornographies“, Mette Ingvartsen, Foto: Jens Sehtzman

In der nun über eine Stunde dauernden Pause konnte der Zuschauer sich Porno-Filme ansehen, die im großen Foyer und im Roten Salon gezeigt wurden. Ziemlich bizarr anzusehen, wie eine Schar völlig normal aussehender Menschen auf ihren Stühlen saßen, ihren Wein und einen Snack verzehrten und dabei einer Frau zusahen, wie sie sich einen Wasserstrahl auf ihre Vagina laufen ließ und dabei einen Orgasmus nach dem anderen bekam…Nur ein paar junge Mädchen liefen kichernd davon.

Im zweiten Teil des Abends gab es dann noch einmal eine Choreographie im großen Saal, bei der 15 Tänzerinnen, von oben bis unten eingehüllt in einen blauen Ganzkörper-Bodysuit, verschiedene Tanzbewegungen vollführten, die immer wieder neue Konstellationen von Paaren und Formationen darstellten.

Fazit 1:

Wer hier sexuell animiert werfen möchte ist sicher fehl am Platz. Doch wer eine sinnliche Erfahrung mit einem nackten Körper im Raum erfahren will, der sollte sich dieses Experiment ansehen. Die Pornofilme im Foyer und Roten Salon, die angeblich „künstlerischer Art“ sein sollen, hätte man sich schenken können. Sie stören nur die Konzentration auf das Wesentlich der Tanzperformance.

Fazit 2: Die Vorstellung in der Volksbühne erinnert ein bisschen an eine Performance der Künstlerin Marina Abramovic im Museum for Modern Art in New York.

8 Photos: Pornofilme im Foyer, Foto: Holger Jacobs

 

 english text

A curious evening saw the premiere audience in the Volksbühne Berlin on Wednesday.
The subject of pornography is almost a tradition in this venerable house on Rosa-Luxemburg-Platz. Let’s remember evenings like the „120 days of Sodom“ by Marquis de Sade in the stage version of Johann Kresnik in May 2015. Or the evening „Porn of Pure Reason“ in May 2013, which began at 22.30 clock and in which only spectators over 18 were admitted (unfortunately I had no culture magazine at that time, which is why there is no article about it yet, just a few photos).
And now „21 pornograhies“ by Danish choreographer Mette Ingvartsen. Regular visitors to the HAU (Theater Hebbel am Ufer in Berlin) know Mette Ingvartsen well, she has appeared there almost every year with her productions. Recently in 2016 with 2 works of the new series RED PIECES, „69 positions“ and „7 pleasures“, which also includes the now newly presented pieces „21 pornographies“ and „to come (extended)“.
The evening starts in the big hall. As I am pleased to note, I no longer have to sit on cheap plastic chairs, installed on bare concrete, installed by former director Frank Castorf, but may again sit in the original „fauteuils“ of the Volksbühne (the plastic chairs are now in the foyer).
The stage is black and bare, only a few neon tubes are spread over the surface.
Suddenly, on the left side, a woman enters the auditorium, dressed in black pants and a white blouse. It is the choreographer Mette Ingvartsen. She starts to speak. She describes a scene that unfolds before her eyes. She told us about several imaginary gentlemen left and right in the room, including a president and a guy she calls „Juke“. Several women populate the scene presented. Mette Ingvartsen goes on stage and tells various situations that are based on the stories of the Marquis de Sade. She talks about the situation in which the dominant „masters“ force the young subordinates to eat their own excrement. Mette Ingvartsen has come up with something special: she asks the audience to reach under their seats and bring out a praline, which was deposited there before the performance. Everyone is allowed to eat this chocolate, which of course is not made of shit but of delicious chocolate.

Unfortunately I could not hear the 21 stories from Mette Ingvartsen’s tales, actually only three: Once the story from „120 Days of Sodom“, then a film set, in which a woman is overflowing with hot chocolate and finally a story with soldiers. Since the choreographer tells everything in English (and she talks uninterruptedly, the entire length of the piece, whipped 70 minutes), after a while I am a little tired and I turn my concentration down.
About half of the performance, Mette Ingvartsen then undresses completely and acts now naked. It happens that she sits with spread legs on the edge of the stage, only a few meters from the first row of spectators. A gynecologist should not be seen much more in his practice …
It does not look erotic, nor does it attract any more, since Mette Ingvartsen’s body is rather androgynous. Even her dance or her movements show no signs of sexual animation. It is rather a sober representation of the body. At the end, there is a 10-minute sequence in which the dancer turns on her own axis, with a black hood on her head. A picture, which of course immediately reminds of the torture photos from the Iraqi prison Abu Greib. How Mette Ingvartsen manages to turn around relatively quickly for 10 minutes in the blind state and does not waver or fall is already admirable. A technical masterpiece.
In the more than one hour break, the audience was able to watch porn films that were shown in the large foyer and in the Red Salon. It looked rather bizarre, a bunch of perfectly normal-looking people sitting in their chairs, drinking their wine and a snack, watching a woman run a jet of water on her vagina and get one orgasm after another … Only a few young girls ran away giggling.
In the second part of the evening there was another choreography in the big hall, in which 15 dancers, wrapped from top to bottom in a blue full body bodysuit, performed various dance movements, which represented new constellations of couples and formations.
Conclusion 1:
Who wants to be sexually animated here is certainly out of place. But who wants to experience a sensual experience with a naked body in the room, should take this experiment. The porn films in the foyer and red salon, which are said to be „artistic style“, you can forget. They only disturb the concentration on the essence of the dance performance.
Conclusion 2: The performance at the Volksbühne reminds a bit of a performance by the artist Marina Abramovic at the Museum for Modern Art in New York.

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

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