Premiere von Felix Krull im Berliner Ensemble

Felix Krull - Berliner Ensemble © Holger Jacobs/ kultur24.berlin

Premiere von Felix Krull im Berliner Ensemble

 

Von Holger Jacobs

19.08.2019

english text

Wertung: 🙂 🙂 🙂 (drei von fünf)

Der große Roman von Thomas Mann gerät zum allzu kleinen Theaterstück

Die Idee ist toll: Verführung und Illusion sind die Grundprinzipien des Theaters.
Ein Schauspieler „spielt“ eine andere Person, die Bühne verführt den Zuschauer in eine andere Welt. Was liegt also näher, als den größten Verführer der Literaturgeschichte zum Thema eines Theaterstücks zu machen?

Felix Krull als Theaterstar. Der junge Theaterautor Alexander Eisenach (*1984) bekam dafür vom Berliner Ensemble den Auftrag.
Im Laufe der Spielzeit 2019/2020 soll sogar noch eine Fortsetzung von „Felix Krull“ entstehen.

Berliner Ensemble, Aussenansicht bei Nacht © Holger Jacobs

Ist Alexander Eisenach die Umsetzung gelungen?

Wer mich kennt weiß, dass ich ganz allgemein kein Freund von Theaterstücken nach adaptierten Romanen bin. Speziell fürs Theater geschriebene Dramen sind für die Bühne einfach besser geeignet, gehen sie doch ganz gezielt auf die Situation des Schauspielers und seiner Präsentation vor einem Publikum ein.

Ein Roman wird zu Hause in einem Kämmerlein gelesen und lässt die Bilder dazu im Kopf entstehen. Und diese Bilder sind von Leser zu Leser ganz unterschiedlich. Auf diese Weise entsteht bei jedem Leser eine sehr individuelle Interpretation der Handlung – ein personalisiertes Kopfkino. Das macht die Faszination eines gelesenen Romans aus.

Kommt der Roman auf die Bühne oder wird gar verfilmt, übernehmen andere für einen die Visualisierung – mit Ergebnissen, die mit dem eigenen Kopfkino nichts mehr zu tun hat. Weshalb auch die Verfilmungen eines Romans oft eine Enttäuschung sind.

Applaus, „Felix Krull“, v-l.n.r. Martin Rentzsch, Constanze Becker, Sina Martens, Jonathan Kempf, Marc Oliver Schulze © Holger Jacobs

Alexander Eisenach, hier sowohl Autor als auch Regisseur seines eigenen Stücks, beginnt den Abend mit großer Nähe zum Original. Schauspieler Marc Oliver Schulze als Felix Krull steht in der Mitte der Bühne und fiedelt auf einer Geige, was das Zeug hält – doch keinen Ton spielt er selbst.
Der Ton kommt vom Band. Aber alle denken, dass er es selbst spielt, oder wollen es glauben, weil er doch so hübsch dabei aussieht. Marc Oliver Schulze macht das hervorragend und erzielt dementsprechend großes Gelächter.

Die nächste Szene macht gleich einen Sprung in die Zeit Krulls in Paris, wo er sich von reichen Damen aushalten lässt. Besonders von Mme Houpflé, deren Mann Klosettschüsseln herstellt und sich Krull als Loverboy hällt. Zum Schluss des ersten Teils dieses Abends lernt er noch auf einer Reise den Prof. Kuckuck kennen. Die Schauspieler*innen Constanze Becker, Sina Martens, Martin Rentzsch und der neu am Berliner Ensemble engagierte Jonathan Kempf begleiten dabei Krull in verschiedenen im Roman existierenden oder von Alexander Eisenach ausgedachten Rollen. Dabei fällt Jonathan Kempf besonders positiv heraus. Seine lässige, im Berliner Dialekt gesprochene Kommentator-Rolle, ist brüllend komisch und toll gespielt – ein Gewinn für das Haus!

Bühnenbild zu „Felix Krull“ © Holger Jacobs

Der zweite Teil des Abends wendet sich fast völlig vom Roman ab und präsentiert überwiegend frei erfundene Kalauer. Hintergrund bleibt natürlich auch hier der Drang des Menschen nach Anerkennung. Im heutigen digitalen Zeitalter praktiziert durch Selfies und halbdebile Videos auf sozialen Medien wie Instagram & Co. Mit einem riesigen Clown als Hintergrund.

Auch wenn der 2. Teil in seiner Idee gut gemeint ist mangelt es hier doch deutlich an einer guten Umsetzung. Zuletzt finden sich alle fünf Schauspieler in einer Badewanne wieder und bemalen sich selbst – der genaue Sinn dahinter blieb mir allerdings verschlossen.

Fazit: Guter Ansatz. Das hohe Niveau der ersten halben Stunde fällt dann aber zum Schluss deutlich ab.

„Felix Krull“ nach Thomas Mann
Berliner Ensemble
Dauer: 90 Minuten
Mit: Marc Oliver Schulze (Felix Krull), Constanze Becker, Sina Martens, Martin Rentzsch und Jonathan Kempf
Bearbeitung und Regie: Alexander Eisenach, Bühne: Daniel Wollenzin, Kostüme: Lena Schmid, Dramaturgie: Sibylle Baschung
Nächste Vorstellungen: 23. und 28. August, 3. und 8. September 2019

Hier unsere Bilderserie mit 6 Fotos der Aufführung:

Marc Oliver Schulze als „Felix Krull“, © Berliner Ensemble

english text

Premiere of Felix Krull in the Berliner Ensemble
By Holger Jacobs
08/19/2019
Rating: 🙂 🙂 🙂 (three out of five)
The great novel by Thomas Mann turns into an all-too-small play
The idea is great: Seduction and illusion are the basic principles of the theater. An actor „plays“ another person, the stage seduces the viewer into another world. What could be more obvious than to make the greatest seducer of literary history the subject of a play?
Felix Krull as a theater star. The young author Alexander Eisenach (* 1984) was commissioned by the Berliner Ensemble. In the course of the season 2019/2020 should even come a sequel.
Has Alexander Eisenach succeeded in the implementation?
A lot of you know that in general I am not a friend of plays adapted from novels. Dramas written especially for the theater are simply better arranged for the stage, as they specifically target the situation of the actor and his presentation to an audience.
A novel is quietly read at home in a little room and lets the pictures come to mind. And these pictures are very different from reader to reader. In this way, each reader creates a very individual interpretation – a personalized head cinema. That’s the fascination of a read novel.
If the novel comes on stage or is even filmed, others take over the visualization – with results that have nothing to do with your own head cinema. Which is why the film adaptations of a novel are often a disappointment.
Alexander Eisenach, both author and director of his play, begins the evening with close proximity to the original. Actor Marc Oliver Schulze as Felix Krull stands in the middle of the stage and plays a violin – but no sound he plays himself. The sound comes from a record. But everyone thinks that he plays it himself, or want to believe it, because he looks so pretty. Marc Oliver Schulze does that excellently and gets a lot of laughter by the audience.

The next scene makes a leap into Krull’s time in Paris, where he lives as a gigolo for rich ladies. Especially for Mme Houpflé, whose husband makes toilet bowls. At the end of the first part of this evening he gets to know to Prof. Kuckuck on a journey. The actors Constanze Becker, Sina Martens, Martin Rentzsch and Jonathan Kemp (who is a newcomer in the Berliner Ensemble) accompany Krull in various roles. Jonathan Kempf is brilliant. His commentator role, spoken in Berlin dialect, is roaring funny and played great – a win for the house!

The second part of the evening turns almost entirely off the novel and presents mostly fictional jokes. Naturally, the background to this is the urge of people for recognition. In today’s digital age everyone tries through selfies and foolish videos to be a hero on social media like Instagram & Co.
Even though the second part of the evening is well-intentioned in its idea, but it clearly lacks a good implementation. Finally, all five actors find themselves in a bathtub painting themselves – the exact meaning behind it, however, remained unclear to me.
Conclusion: Good approach. Can not keep the high level of the first half hour over the whole evening.
„Felix Krull“ after Thomas Mann
Berliner Ensemble
Duration: 90 minutes
With: Marc Oliver Schulze (Felix Krull), Constanze Becker, Sina Martens, Martin Rentzsch and Jonathan Kempf
Next performances: 23rd and 28th August, 3rd and 8th September 2019

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

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