Premiere von Jewgeni Onegin in der Komischen Oper

Tatjana (Asmik Grigorian) und Onegin (Günter Papendell) - Jewgeni Onegin, Komische Berlin 2016 © Holger Jacobs

Premiere von Jewgeni Onegin in der Komischen Oper

 

Wertung: 🙂 🙂 🙂 🙂 🙂   (fünf von fünf)

 

Von Holger Jacobs

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2.2.2016

Liebe Kulturfreunde,

 

Intro:

 

Und wieder einmal hat es Barrie Kosky an der Komischen Oper geschafft mit seiner neuen Produktion alle zu begeistern. Und wieder einmal sitze ich, wie schon bei „My Fair Lady“, vor meinem Bericht über die Premiere von „JEWGENI ONEGIN“ und überlege, ob ich etwas Negatives finden kann. Nein, ich kann es nicht, es war ein (fast) perfekter Abend. Großer Jubel und großer Beifall am Schluss.

 

Worum geht es?

 

Nun, kurz gesagt, es geht um nichts Geringeres als die russische Seele. Denn die Oper „Jewgeni Onegin“, oder auch „Eugen Onegin“ genannt, Komposition und Libretto von Peter Tschaikowsky, geht auf den berühmten Vers-Roman von Alexander Puschkin zurück, welcher bei den Russen als das National-Epos schlechthin gilt. So ein bisschen wie die Nibelungen-Sage für die Deutschen. Was lag also für Tschaikowsky näher, als dieses außerordentliche Werk der Literatur zu vertonen. So wie Richard Wagner es bei den Nibelungen tat. Für Tschaikowsky war es seine fünfte Oper und er konnte damit einen großen Erfolg starten. Seine Musik ist schwelgerisch und romantisch und entspricht dem Grundgefühl des Romans. Die Dramatik der Geschichte scheint diese „schöne“ Musik kaum wieder zu spiegeln, gleicht sie doch mehr dem Gesang eines Liebesromans.

 

Aber bleiben wir bei der Geschichte: Um 1820, ein Jahrhundert vor der Oktoberrevolution, ist die Welt der russischen Adligen noch in Ordnung. Man hat viel Geld, viele Besitztümer und muss für seinen Unterhalt nicht arbeiten. Eugen Onegin ist der Sohn eines reichen Gutsbesitzers und gibt sich dem Müßiggang hin. Deshalb oder trotzdem ist ihm das Leben furchtbar langweilig und die Sinnlosigkeit seines Daseins lässt ihn zynisch und gefühlskalt werden. Durch einen Freund lernt er eines Tages die schüchterne Nachbarstochter Tatjana kennen. Diese verliebt sich unsterblich in ihn, was Onegin aber völlig kalt lässt. Tiefere Gefühle kommen in seiner Welt nicht vor. Aus Verdruss macht er sich an die Verlobte seines Freundes Lenski ran, was zum Duell zwischen den beiden führt. Seht dazu auch mein Video von der Feier und das Video mit der Arie von Lenski: „Wohin, wohin seid ihr verschwunden“Dabei tötet Onegin seinen Freund Lensky und zum ersten Mal empfindet er Trauer und Verlust. Er verlässt den Ort und bereist die Welt. Tatjana heiratet inzwischen einen älteren General und lebt in St. Petersburg. Als Onegin nach drei Jahren auch nach St. Petersburg kommt und durch Zufall auf einem Ball Tatjana wiedersieht, verliebt er sich in sie. Doch es ist zu spät. Denn obwohl Tatjana Onegin immer noch liebt will sie ihren Mann nicht verlassen. Der Zeitpunkt der gemeinsamen Liebe ist für immer verpasst.

 

Kritik:

 

Ihr merkt schon durch meine Beschreibung der Geschichte, hier geht es um tiefe Gefühle, die eher schwermütig als heiter sind. Genau das, was man sich unter der russischen Seele vorstellt. Da Intendant und Regisseur Barrie Kosky von seiner Natur eher der heiteren Seite des Lebens näher steht, wird auch seine Inszenierung von „Jewgeni Onegin“ zu großen Teilen eher von fröhlich-romantischen Gedanken bestimmt. Gerade der Beginn auf einer Wiese mit ziemlich echt aussehendem Gras auf der Bühne lässt an laue Sommernächte erinnern. Und bei den Szenen mit der Dorfbevölkerung wird geschunkelt und gejauchzt wie auf einem Oktoberfest. Erst zum Ende des zweiten Aktes beim Duell der beiden Kontrahenten wird es ernst. Onegin kommt blutverschmiert aus dem Wald gestürzt. Auch nach der Pause geht es relativ frohgemut weiter, bis zum Ende, wenn sich Tatjana und Onegin zum letzten Mal treffen. Ein echter Regenschauer, der vom Bühnendach auf die beiden Liebenden herniederprasselt, dramatisiert die Schlussszene noch zusätzlich.

 

Besondere Ehre gebührt zweifelsfrei den Sängern. Fast ausnahmslos bringen sie dem Zuhörer die wunderschönen Töne von Tschaikowskys Komposition mit Bravour entgegen. Und Asmik Grigorian als Tatjana ist eine wahre Entdeckung. Jung, hübsch, schlank und dann noch eine tolle Stimme – das habe ich schon lange nicht mehr in dieser Kombi erlebt. Bravo, Bravo, was für ein Augenund Hörgenuss!

 

Jewgeni Onegin: Günter Papendell, Tatjana: Asmik Grigorian, Olga: Karolina Gumos, Lenski: Ales Briscein

Regie: Barrie Kosky, Musikalische Leitung: Henrik Nanasi, Bühne: Rebecca Ringst, Kostüme: Klaus Bruns

Eine Kooperation mit dem Opernhaus Zürich.

Wenn Barrie Kosky in seiner Komischen Oper so weiter macht wird der nächste „Oper des Jahres“ Titel nicht lange auf sich warten lassen.

 

Nächste Vorstellungen am 3., 6., 26., 28. Februar, 3. und 12. März und 6. Juli 2016.

 

Jewgeni Onegin, Komische Berlin 2016 © Holger Jacobs

34 Bilder: Jewgeni Onegin, Komische Berlin 2016 © Holger Jacobs

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

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