Premiere von „Moses und Aron“ von Schönberg

Premiere von „Moses und Aron“ von Schönberg

Wertung: 🙂 🙂 🙂 🙂   (vier von fünf möglichen)

Von Holger Jacobs (Text und Fotos)

21.4.2015. Am letzten Sonntag feierte die Schönberg Oper „Moses und Aron“ mit einiger Prominenz und viel Applaus Premiere an der Komischen Oper Berlin. Die Regie führte ihr Intendant, Barrie Kosky, die Musikalische Leitung hatte Vladimir Jurowski.

Worum geht es?

Wenn jemand Schönberg ruft, dann kann es passieren, dass Menschen schreiend davonlaufen. Warum? Nun, weil die Musik nicht unbedingt unserem musikalischen Harmonie-Empfinden entspricht. Schönberg hatte 1921, zunächst nur als Lösung eines kompositorischen Problems und beinahe aus Zufall, eine neue Art der Musik erfunden: die Zwölftonmusik. Sie orientiert sich an 12 aufeinander folgenden Tönen in jeweils verschieden Tonlagen, die sich innerhalb der Reihe nicht wiederholen. Sie steht im Kontrast zur „Dur-Moll-Tonalität“, auf die die meisten Kompositionen der früheren Zeit aufbauen und die wir als „harmonisch“ empfinden.

Das die Premiere von Schönbergs 1930 geschriebener Oper „Moses und Aron“ an der Komischen Oper trotzdem ein vergnügliches Erlebnis wurde, muss kein Widerspruch sein: Lässt man sich nämlich erst einmal auf den Klang der zunächst etwas ungewöhnlichen erscheinenden Musik ein, dann strahlt sie eine große Faszination aus (siehe Video der Aufführung auf kultur24.berlinTV). Ähnlich wie beim Gang zu einem Techno-Konzert, welches einen schnell, im wahrsten Sinne des Wortes, von den Beinen reißen kann. Dabei gilt Schönbergs Musik durchaus als Vorläufer serieller und auch elektronischer Musik. Aber wer würde schon im Techno-Tempel Berghain an Schönberg denken?

Die Handlung:

Es ist die Geschichte aus dem Alten Testament: Moses, wegen des Mordes an einem ägyptischen Aufseher nach Midian geflüchtet, hat auf dem Berg Horeb eine göttliche Offenbarung: Eine Stimme aus einem brennenden Dornbusch verkündet ihm, das Volk der Israeliten von den falschen Götzen zu befreien und sie aus Ägypten in das gelobte Land zu führen.

Er erwidert, dass er dazu nicht die sprachlichen Mittel besäße, eine große Menschenmenge von dem Gedanken Gottes zu überzeugen. Gott antwortet, er werde ihm einen Bruder namens Aron zur Seite stellen, der sein Mund und Sprache sein soll. Zurück beim Volk der Israeliten kann Aron das Volk durch mehrere Wunder von der Existenz des einen Gottes überzeugen, selbst wenn man diesen selbst nicht sehen kann. Auch zur Flucht aus Ägypten durch die Wüste Sinai kann er die Menschen überzeugen. Der erste Akt endet mit großer Euphorie über eine Zukunft in Freiheit. Im zweiten Akt ist Moses auf einen Berg gestiegen, um noch einmal die Offenbarung Gottes zu erhalten. Als er selbst nach 40 Tagen noch nicht zurückgekehrt ist, wird das Volk unruhig und glaubt nicht mehr an den Heilsbringer. Es will Moses töten und zurückkehren zu ihren alten Göttern. Aus Verzweiflung lässt Aron ein Goldenes Kalb entstehen, welches das Volk willig als Zeichen annimmt. Sie beginnen wie früher Opfergaben zu bringen und schrecken auch vor Blutopfern nicht zurück. Als nach mehren Stunden des religiösen Blutrausches Moses plötzlich mit seinen Gesetzestafeln vom Berg herunterkommt, bemerkt er, dass das Volk abtrünnig geworden ist und nicht bereit dem einzig wahren Gott zu folgen. Er zertrümmert die Tafeln und endet mit den Worten „Oh Wort, du Wort, das mir fehlt“. Schönberg hat sein Werk nie beendet. Trotzdem zählt „Moses und Aron“ zu seinen bekanntesten und meistgespielten Kompositionen.

Rezension:

Barrie Kosky ist hier zweifellos ein großer Wurf gelungen. Er schafft es, die Geschichte überaus spannend und erlebnisreich zu erzählen. Besonders die Massenszenen mit dem Volk der Israeliten ist ihm meisterlich gelungen. Die sich bis zum Schluss nicht verändernde Bühne steigt nach hinten an. Aus diesem Hintergrund laufen gefühlte 1000 Menschen auf die Bühne, um zu feiern, zu tanzen, zu streiten und auch, wie im Tanz um das Goldene Kalb, sich umzubringen. Kosky benutzt bei der Blutoper-Szene lebensechte Puppen, die das Volk auf einen großen Haufen wirft, ähnlich den Leichenbergen in den KZ’s der Nazis. Sehr stark auch der Tenor John Daszak als Aron. Das Kostümbild ist das einzige, was mich nicht überzeugt. Jeder Darsteller, bis auf Moses und Aron, trägt zeitgenössische Alltagskleidung und man hat den Eindruck, die Sänger des Chores wären geradewegs von zu Hause aufgebrochen, um sich dann ganz schnell auf die Bühne zu stellen. Die musikalische Leitung unter Vladimir Jurowski kann überzeugen und schafft es gekonnt, diese nicht leicht zu spielende Musik mit großer Emotionalität wiederzugeben.

Zum Schluss großer Applaus, besonders für den Chor unter der Leitung von David Cavelius. Es kommt nämlich nicht immer vor, dass ausgerechnet der Chor zum wesentlichen Element des Opernabends wird.

Gesichtet wurden: Alt-Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse mit Frau, Alt- Bürgermeister Klaus Wowereit mit Partner, Deutsche Theater-Intendant Ulrich Khuon mit Frau und Kulturunternehmer Jochen Sandig, Ehemann und enger Berater von Sasha Waltz und ihrer Tanzkompanie.

Das Goldene Kalb, Komische Oper Berlin, © Holger Jacobs

50 Bilder, hier: „Das Goldene Kalb“ (Tänzerin Meri Ahmaniemi), Komische Oper Berlin, © Holger Jacobs

 

Moses und Aron Video

Moses und Aron Video

 

 

 

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

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