Pussy Riot Concert Tour

Pussy Riot © Denis Sinyakov

Pussy Riot Concert Tour

 

Von Julia Engelbrecht-Schnür

29.1.2018

english text below

 

Das Konzert der berühmten Performance-Gruppe Pussy Riot in Hamburg, die weltweit bekannt wurden in ihrem Protest gegen den russischen Präsidenten Wladimir Putin.

Hintergrund 1

PUSSY RIOT ist ein russisches Protest-Kollektiv mit Sitz in Moskau. Gegründet 2011, hatte es eine variable Mitgliedschaft von ca. 11 Frauen. Die Gruppe inszeniert provokative Guerilla-Punk-Rock-Aufführungen an ungewöhnlichen, öffentlichen Plätzen. Ihr Protest richtet sich gegen die Unterdrückung der Frau, gegen Falschheit der Orthodoxen Kirche und gegen das autokrate Systems Putins.

Weltweite Aufmerksamkeit erhielten sie durch eine Protestaktion 2012 in der Kathedrale von Moskau. Drei ihrer Mitglieder, Nadja Tolokonnikova, Maria Alyokhina und Jekaterina Samutsevich, wurden dabei verhaftet und zu zwei Jahren Gefängnis in einem sibirischen Straflager verurteilt. Laut eigener Aussage wurden sie extremen Haftbedingungen ausgesetzt, welche die Verurteilten bis heute belasten.

Hintergrund 2

Pussy Riot Mitglied Nadja Tolokonnikova stellte am 14. März 2016 ihr im Hanser Verlag erschienenes Buch „Anleitung für eine Revolution“ vor.

6 Photos: Nadja Tolokonnikova bei der Buchvorstellung im Maxim Gorki Theater am 14.3.2016 , Foto: Holger Jacobs

Das Konzert

Als ich die Elbchaussee entlang fahre zu einem Auftritt von Pussy Riot, muss ich gestehen, dass mich vor allem die Neugier treibt. Wie ist Marija Aljochina live, der kreative Kopf des Punk-Trios aus Moskau? Haben zwei Jahre Haft in einem russischen Gefängnis die 29jährige Aktivistin gezeichnet? Womit wird sie diesmal schocken? Was ist aus ihren fotogenen Mitstreiterinnen Nadezhda und Jekaterina geworden, die auf der Welttournee von „Riot Days“ nicht dabei sind?

Vor der Bühne in der „Fabrik“ in Altona stehen junge Frauen mit kurzen Haarponys,  schwarzen Kapuzenpullis, Bierflaschen in der Hand und einer Menge Protest im Blick. Die männlichen Zuschauer sind in der Minderheit. Viele sprechen Russisch. Das Wort Putin fällt hier und da. Wie bei den Auftritten in Hannover, München, Nürnberg und Berlin, aber auch davor in Los Angelos, Berkeley und San Francisco zieht es vor allem Exil-Russen und Putin-Gegner zu den Konzerten von Pussy Riot. Ihre Fangemeinde ist groß, ihre Bekanntheit ist es allemal. Schließlich sorgten ihre spektakuläre Protestaktion 2012 vor dem Altar der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau sowie der zweifelhafte Prozess und das harte Gerichtsurteil gegen die jungen Frauen weltweit für Unverständnis.

Nachdem Produzent Alexander Cheparukhin die Bühne betreten und erklärt hat, dass die Performance „Riot Days“ auf dem Buch von Marija basiert, in dem die Protest-Künstlerin und Mutter eines 11jährigen Jungen ihre Erlebnisse rund um die Festnahme und die Haft verarbeitet, gehen vier Künstler an den Mikros breitbeinig in Stellung. Der Krach beginnt – und dauert eine Stunde. Es ist eine Punk-Musik-Performance, der es an nichts fehlt und die vor allem in ihrer Perfektion überzeugt. Neben Marija, wütet Sänger Kyril mit nacktem Oberkörper und vollem Körpereinsatz, Sängerin Nastya im hautengen Body-Suit brilliert mit starker Stimme und ebenfalls enormen Körperverrenkungen, und an  keybord und drums treibt Maxim die Dezibel in die Höhe.  Im Hintergrund auf einer Leinwand laufen Bildsequenzen von damals, von der Protestaktion 2012 vor dem Altar, Polizisten knüppeln auf Menschen ein,  Orthodoxe weinen, Putin küsst einen Kirchenfürsten. Betrug, Verrat, Teufelswerk. Dies sei die wahre russische Revolution, nicht die von 1917, nein, dieser Riot werde das System per Abtreibung beenden, schreien die Künstler sich synchron ihre Wut von der Seele. Eine Herde Wichser mit Botox aufgeblähter Wangen seien Putin und seine Gefolgschaft. Die Hassparolen nehmen Fahrt auf, die Obszönität ist grenzenlos.  Die deutsche Übersetzung auf der Leinwand lässt nichts aus.

Woher nehmen die Künstler diesen Mut, was macht diese zierliche Marija mit der blonden Lockenmähne so stark und angstfrei, Putin mit diesem  weltweiten anarchistischen Punk-Manifest erneut direkt zu provozieren. Der synchrone Schrei-Monolog wird geschickt unterbrochen durch fast sakrale Passagen, Pausen und Umbrüche in der Darstellung, aber insgesamt wird das starre Korsett, die absolute Ernsthaftigkeit nicht aufgeweicht. Hart wie Kruppstahl ist der Wille zum Protest, die Wut und die Entschlossenheit, sich mit dem Putin-System anzulegen. Auch wenn die Zuschauer an diesem Abend kaum einstimmen auf den Wut-Krawall, ihre Bestürzung und Anerkennung für die Künstler aber ist fühlbar, vor allem, als es um den intonierten Bericht von der Haftzeit geht, um die Zwangssedierung, um den Schlafentzug und die körperliche Erniedrigung. Am Ende – der krachende Musikrausch erreicht den Höhepunkt -, schreit Marija ins Publikum: „Seid Ihr frei?“ Stille. Die Zuschauer blicken sich ratlos an.

Dann findet Marija ihre Alltagsstimme wieder und berichtet von ihrer jüngsten Protest-Aktion in New York, wo sie im feudalen Treppenhaus des Trump Towers ein Banner entrollten mit der Forderung, den ukrainischen Regisseur Oleg Sentsov zu entlassen, der von einem russischen Gericht zu 20 Jahren Haft verurteilt wurde.

Auf der Rückfahrt auf der Elbchaussee, denke ich: Neugier auf mutige Menschen lohnt sich immer.

Nächste Konzerte:

Di., 6. März     RIOT DAYS PERFORMANCE Hall of Culture, Helsinki, Finland

Mi., 7. März     RIOT DAYS PERFORMANCE LCB, Wuppertal, Germany

Fr., 9. März     RIOT DAYS PERFORMANCE Arena, Wien, Austria

7 Photos: Marija Aljochina und die Pussy Riot in der Fabrik, Hamburg, am 11. Januar 2018, Foto: Julia Engelbrecht

 

 english text

Pussy Riot in the Hamburg Fabrik
By Julia Engelbrecht-Schnür
01/29/2018

The concert of the famous punk group Pussy Riot in Hamburg, who became known worldwide in their protest against Russian President Vladimir Putin.

Background 1
PUSSY RIOT is a Russian protest collective based in Moscow. Founded in 2011, it had a variable membership of about 11 women. The group stages provocative guerrilla punk rock performances in unusual public spaces. Their protest is directed against the oppression of women, against falsehood of the Orthodox Church and against the autocratic regime of Putin.
They received worldwide attention through a protest action in 2012 in the Moscow Cathedral. Three of her members, Nadezhda Tolokonnikova, Maria Alyokhina and Ekaterina Samutsevich, were arrested and sentenced to two years in a Siberian prison. According to their own statement, they were subjected to extreme conditions of imprisonment, which still burden the convicted until today.

Background 2
Nadezhda Tolokonnikova presented on March 14, 2016 her book published in Hanser Verlag „Instructions for a revolution“.

The concert
As I drive along Elbchaussee to a performance by Pussy Riot, I must confess that curiosity drives me above all. How is Marija Aljochina live, the creative head of the punk trio from Moscow? What did the two years in prison to the the 29-year-old activist? How will she shock the audience? What happened to her photogenic comrades Nadezhda and Ekaterina, who are not on the world tour of „Riot Days“?
In front of the stage in the „Fabrik“ in Altona stand a young women with short hair ponies, black hoodies, beer bottles in their hands and a lot of protest. The male viewers are in the minority. Many speak Russian. The word Putin falls here and there. As with the performances in Hanover, Munich, Nuremberg and Berlin, but also before that in Los Angelos, Berkeley and San Francisco, it draws mainly exiled Russians and Putin opponents to the concerts of Pussy Riot. Their fan base is big, their reputation always. Finally, their spectacular 2012 protest in front of the altar of the Christ the Savior Cathedral in Moscow, as well as the dubious lawsuit and the tough court verdict against the young women, caused worldwide incomprehension.
After producer Alexander Cheparukhin takes the stage and explains that the performance „Riot Days“ is based on the book by Marija, in which the protest artist and mother of an 11-year-old boy process their experiences around the arrest and detention, four artists go at the micros wide-legged in position. The noise begins – and lasts one hour. It is a punk music performance that lacks nothing and that convinces above all in its perfection. In addition to Marija, singer Kyril rages with a naked torso and full body use, singer Nastya in a skin-tight body suit shines with a strong voice and also enormous body contortions, and on keybord and drums Maxim drives up the decibel. In the background on a screen run sequences of pictures from that time, from the protest action in front of the altar in 2012, cops lash out at people, Orthodox weep, Putin kisses a church prince. Fraud, betrayal, devil’s work. This is the true Russian revolution, not that of 1917, no, this riot will end the system by abortion, the artists are screaming their rage synchronously from the soul. The hate slogans are picking up speed, the obscenity is limitless. The German translation on the canvas leaves nothing out.

Where do the artists take this courage from, what makes this dainty Marija with the blond curly mane so strong and fearless, to provoke Putin directly with this worldwide anarchist punk manifesto. The synchronous cry monologue is skilfully interrupted by almost sacral passages, pauses and breaks in the performance, but overall the rigid corset, the absolute sincerity, is not softened. Hart as Kruppstahl is the will to protest, the anger and the determination to put on with the Putin system. Even though the spectators on this evening hardly agree on the rage, their consternation and appreciation for the artists is palpable, especially when it comes to the intoned report of the prison term, the forced sedation, the sleep deprivation and the physical humiliation. In the end – the crashing rush of music reaches its climax – Marija screams into the audience: „Are you free?“ Silence. The audience looks at each other at a loss.
Then Marija recalls her everyday voice and reports on her recent protest action in New York, where she unrolled a banner in the feudal staircase of the Trump Tower, demanding that Ukrainian director Oleg Sentsov be released from a Russian court for 20 years was convicted.
On the return trip on the Elbchaussee, I think: curiosity about courageous people is always worthwhile.
Next concerts:
Tue, March 6 RIOT DAYS PERFORMANCE Hall of Culture, Helsinki, Finland
Wed., 7th March RIOT DAYS PERFORMANCE LCB, Wuppertal, Germany
Fri., March 9th RIOT DAYS PERFORMANCE Arena, Vienna, Austria

Julia Engelbrecht-Schnür

Author: Julia Engelbrecht-Schnür

Journalistin

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