RAUSCHEN von Sasha Waltz

Rauschen - Sasha Waltz © Holger Jacobs/ kultur24.berlin

RAUSCHEN von Sasha Waltz

 

Von Holger Jacobs

08.03.2019

Wertung: 🙂 🙂 (zwei von fünf)

english text

Die Gleichschaltung des Menschen in einer technologischen Welt?

Noch nie habe ich bei einer Choreographie von Sasha Waltz so wenig verstanden wie bei ihrer neusten Produktion „rauschen“ (als Verb klein geschrieben).

Und noch nie war ich so wenig berührt. Kann es sein, dass der hochgelobten Choreographin dieses Mal eine Kreation nicht gelungen ist? Oder liegt es an mir, dass ich den tieferen Sinn der Choreographie nicht erspüren, nicht fühlen konnte?

Es beginnt mit einem alten Song der Beatles, der wohl eine vertraute Atmosphäre erscheinen lassen sollte. Wie etwas aus einer vergangenen Zeit.

Doch dann steht plötzlich eine Tänzerin ganz allein auf weißer, nackter Bühne und windet sich wie im Schmerz.
Andere Tänzer*innen, alle in weiß oder schwarz gekleidet (tolle Kostüme:  Bernd Skodzig) gesellen sich dazu und sprechen (wie zu erfahren war – selbstgewählte-) Texte. Wie z.B. „I feel guilty because In am not satified“ oder „Demain j‘ ai des gros seins“ (Morgen habe ich große Brüste) und Ähnliches.
Es klingt ein bisschen wie bei einem Besuch beim Psychiater. Jeder lässt seinen Sorgen, seinen Ängsten oder auch seinen Wünschen freien Lauf. Doch interessiert es mich? Eigentlich nicht. Berührt es mich? Auch nicht. Zwischendurch ertönt eine Stimme aus dem Off: „Activating session 46“.

In einer zweiten Phase werden Matratzen und Kopfkissen, eingepackt in Plastikfolien, auf die Bühne gebracht. Auch ein Tisch kommt hinzu, der von einem Tänzer als Tür gebraucht wird, gegen die er energisch klopft und laut „Open this door“ ruft.

Im Vorfeld hatte ich gelesen, dass es bei Sasha Waltz neuem Stück um die digitalisierte Kontrolle ginge. Umso mehr wir uns mit den technischen Geräten des 21. Jahrhunderts umgeben, umso gleichgeschalteter würden wir werden. Leider kann ich auf der Bühne diese Aussage nicht finden.

Ein Mann nimmt sich ein Mikrofon und hält es auf seine Brust, um den Zuschauern sein pochendes Herz hören zu lassen. Handelt es sich hier um das Rauschen, welches als Thema gegeben wurde?

Wieder kommt ein alter Beatles Song , „Back in the USA“ von 1968 und wieder gibt es eine neue Szenerie. Dieses Mal werden die Hintergrundleinwände mit schwarzer Farbe besprüht, welche aber nach kurzer Zeit wieder von selbst verschwindet. Vielleicht ein Zeichen für unsere Foot Prints, die wir im Internet hinterlassen und die nach kurzer Zeit wieder in der Timeline einer Social Media Platform verschwinden? Vielleicht.

Sasha Waltz hat schon bei ihren letzten Choreographien ein Faible für technische Accessoires gezeigt. Wie die fluoreszierenden Folien bei „Kreatur“ oder die transparenten Plastikkästen, in die bei „Exodos“ Menschen eingeschlossen wurden. Mit immer wieder verblüffenden optischen Erlebnissen für die Zuschauer.

Solch ein Aha-Erlebnis leitete gestern Abend auch den letzten Teil ein.
Ein Mann (Sasha Waltz’s Sohn Laszlo Sandig) und drei Frauen besteigen vier Sockel in dünnen, weißen Kleidern.
Mit Wasserschläuchen beginnen sie sich abzuspritzen und – wie ein Wunder – lösen sich die Kleider in Luft auf und alle vier stehen nackt da. Danach setzen sie sich mit dem Rücken zum Zuschauerraum und beobachten, wie die hintere Wand mit der Zaubertinte schwarz besprüht wird.
Nun kommen auch die übrigen Tänzer*innen hinzu, alle mit freiem Oberkörper (Männlein wie Weiblein) und mit langen, schwarzen Röcken bekleidet.

Der anschließende rein aus Tanz bestehende Abschluss des Abends gehörte für mich zum besten Teil der neuen Choreographie. Im Gleichklang fliegen die weiten Röcke und wunderbare Bewegungen im Modern Dance Stil bilden den Höhepunkt von zwei Stunden „rauschen“.
Und ein letztes Mal erklingen die Beatles.
Fazit: Tolle einzelne Bilder, deren Sinn sich mir aber nicht erschließen wollten.

„rauschen“ von Sasha Waltz
Volksbühne Berlin
Bühne: Thomas Schenk, Kostüme: Bernd Skozig, Licht: David Finn, Dramaturgie: Jochen Sandig,
Mit: Annapaola Leso, Zaratiana Randrianantenaina, Yael Schnell, Clementine Deluy, Hwanhee Hwang, Lorena Justribo Marion, Blenard Azizaj, Davide Camplani, Edivaldo Ernesto, Aladino Rivera Blanca, Laszlo Sandig, Stylianos Tsatsos

Nächste Vorstellungen: 08., 09. und 10. März 2019

Unsere Bilderserie mit 15 Fotos der Produktion:

15 Photos: Lorena Justribo Marion, „rauschen“ by Sasha Waltz © Holger Jacobs/ kultur24.berlin

englisch text

NOISE by Sasha Waltz
By Holger Jacobs
08/03/2019
Equality of human beings in a technological world?
Never before I understood as little in a choreography by Sasha Waltz as in her latest production „rauschen“.
And never before I‘ ve been so little touched. Is it possible that the highly acclaimed choreographer did not succeed this time? Or is it because of me that I could not feel the deeper meaning of the choreography?
It starts with an old song by the Beatles, which should probably make a familiar atmosphere. Like something from the past.
But then suddenly a dancer stands alone on a white, naked stage and writhes as if in pain. Other dancers, all dressed in white or black (beautiful costumes: Bernd Skodzig) join in and speak (self-chosen) lyrics. For example: „I feel guilty because I am not satified“ or „Demain j ‚ai des gros seins“ (tomorrow I have big boobs) and so on. It sounds a bit like a visit at a psychiatrist. Everyone gives their worries, their fears or even their wishes. But does this interest me? Not really. Does this affect me? Neither. In between a voice from the off is heard: „Activating session 46“.
In a second phase, mattresses and pillows, wrapped in plastic sheets, are brought to the stage. There is also a table that is used by a dancer as a door against which he knocks vigorously and shouts loudly „Open this door“.
Before that, I had read that Sasha Waltz’s new piece was about digitized control. The more we surround ourselves with the technical devices of the 21st century, the more equal we would become. Unfortunately, I can not find that statement on stage.

A man takes a microphone and holds it on his chest to let the audience hear his throbbing heart. Is this the noise („rauschen“) that was given as theme?
Once again an old Beatles song is to be heard, „Back in the USA“ from 1968 and again a new scenery comes up. This time, the background screens are sprayed with black paint, which disappears after a short time by itself. Maybe a sign for our foot prints, which we leave behind on the internet and which disappear after a short time in the timeline of a social media platform? Perhaps.
Sasha Waltz has already shown an excitement for technical accessories in her latest choreographies. Like in „Kreatur“ where she used fluorescent films or in „Exodos“ with transparent plastic boxes where people were trapped by. With always amazing visual effect for the audience.
Such an eye-opening effect was also brought in in the last part in „rauschen“.
A man (Sasha Waltz’s son Laszlo Sandig) and three women climb four pedestals in thin, white dresses. Then they begin to splash off with water hoses and – miraculously – the clothes dissolve in the air and all four are naked. Then they sit with their backs to the auditorium and observe how the back wall is sprayed black with the magic ink.
Them the other dancers enter the stage, all with their torsos free (male and female) and wearing long black skirts.
The subsequent dance-only choreography  was for me the best part of the of the evening. The wide skirts flew in unison and wonderful movements in modern dance style were to be seen.
And one last time a Beatles song is to be heard.
Conclusion: The new piece „rauschen“ by SashaWaltz didn’t convinced me at all.
„rauschen“ by Sasha Waltz
Volksbühne Berlin
Stage design: Thomas Schenk, Costumes: Bernd Skozig, Light: David Finn, Dramaturgy: Jochen Sandig
With: Annapaola Leso, Zaratiana Randrianantenaina, Yael Schnell, Clementine Deluy, Hwanhee Hwang, Lorena Justribo Marion, Blenard Azizaj, Davide Camplani, Edivaldo Ernesto, Aladino Rivera Blanca, Laszlo Sandig, Stylianos Tsatsos
Next performances: 08, 09 and 10 March 2019

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

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