Richard David Precht – Tiere, Menschen und Google Burger

Richard David Precht © Holger Jacobs

Richard David Precht – Tiere, Menschen und Google Burger

 

Von Holger Jacobs

16.8.2017

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Ein Vortrag von Richard David Precht zum Thema Tiere und Menschen

Als ich vor gut 2 Wochen zum ersten Mal live einen Vortrag des deutschen Philosophen Richard David Precht hörte war ich überrascht. Er war besser als ich dachte. Natürlich kenne ich Richard David Precht schon lange durch seine Fernsehsendungen, jedoch geht mir dabei manchmal seine etwas schnöselige Art auf den Wecker: Dieses leise, aber stark suggeriende Einreden auf seinen Gegner, ohne aggressiv wirken zu wollen, aber doch immer mit der deutlichen Intension: Ich habe auf jeden Fall Recht!

Richard David Precht hatte am 3. August 2017 in Kampen auf Sylt zum Vortrag über sein letztes Buch geladen:

„Tiere denken: Vom Recht der Tiere und den Grenzen des Menschen“.

Lässig kommt er in Freizeitkleidung auf die Bühne , lehnt sich an einen hohen Hocker (so ein bisschen wie Dirigent Daniel Barenboim vor seinem Orchester) und legt gleich los. Er würde über das Thema in zwei Abschnitten sprechen: 45 Minuten vor der Pause über die Beziehung Mensch zu Tier seit der Antike und nach der Pause weitere 45 Minuten über den „jetzt“ Zustand.

Es ist erstaunlich: Alles, was Richard David Precht sagt, erscheint sofort nachvollziehbar, verständlich und überzeugend. Er beschreibt welche große Bedeutung es hatte, in welcher Klimazone die Menschen lebten. Im Urwald war jeder direkt von der Natur umgeben, die Erfahrung Mensch zu Tier war unmittelbar. Daraus resultierte für die Bewohner, dass das Leben ein Kreislauf wäre, welches alles Verstorbene wieder neu entstehen ließe. Wodurch sich der Gedanke der Wiedergeburt für Tier und Mensch, wie wir sie auch in späteren Religionen wiederfinden, manifestierte.

In Gegenden jedoch, die durch große Hitze ohne viel Regen karg und nahezu vegetationslos waren, erschien das Leben vergänglich und zu Staub zu zerfallen. Hier waren die Menschen auch auf den Verzehr von Tieren angewiesen. Der Anbau von Getreide kam erst ca. 10.000 vor Christi.

Interessant ist auch, dass Regionen mit starker Vegetation zumeist an viele Götter glauben, in heißen und kargen Gegenden dagegen nur an wenige oder nur an einen. Dieser eine Gott gab den Juden, Christen und Moslems einen höheren Rang unter den Lebewesen und sagte ihnen: „Macht Euch die Erde untertan. Herrscht über die Fische und das Tierreich“.

Noch wichtiger war die Frage, ob das Tier unsterblich sei wie der Mensch (nach religiöser Auffassung). Hat es eine Seele, die nach dem Tod zu Gott aufsteigt? Dies wurde von den drei oben genannten Religionen verneint. Und ebenfalls von den griechischen Philosophen in der Antike. Im Mittelalter war es der Theologe und Philosoph Thomas von Aquin, der den Tieren die Existenz des Geistes absprach – und damit die Möglichkeit der Unsterblichkeit.

Zwei kleine Anekdoten schob Richard David Precht noch hinterher:

  1. Die starke Vergrößerung des menschlichen Gehirns in der Vorzeit soll laut der Wissenschaft durch eine bessere Nahrungsaufnahme gekommen sein, insbesondere durch das Essen von Fleisch (Proteine). Zwischen dem Australopithecus (ca. 3 Mill. Jahre v. Chr.) und dem Homo Sapiens (ca. 200.000 Jahre v. Chr.) hatte sich das Gehirn verdreifacht. Precht aber meint, dass das Jagen von wilden Tieren für den damaligen Primaten zu anstrengend gewesen wäre, er hätte sich wohl vielmehr durch stark proteinhaltige Insekten ernährt.

Zu dieser Behauptung passt auch die Nachricht des Magazins DER SPIEGEL von vor zwei Tagen: Die Schweizer Supermarkt Kette COOP verkauft seit kurzem Burger mit hinzu gemischten Insekten…

  1. Der Verbot des Verzehrs von Schweinefleisch bei den Juden käme nicht aus der Idee eines unreinen Verhaltens der Tiere, sondern vielmehr aus einer politischen Strategie: Die Bevölkerung einer Region in Klein-Asien hatte sich gegen die Einführung des Monotheismus durch die Juden gewährt. Da dort wegen der Bodenverhältnisse überwiegend Schweine gehalten wurden, gaben die Juden ein allgemeines Verbot des Verzehrs von Schweinefleisch aus – um die Aufmüpfigen zur Aufgabe zu zwingen…

Hier ein kleiner Ausschnitt seines Vortrags auf unserem kultur24 TV Youtube Channel:

Nach der Pause sprach Richard David Precht über das heutige Verhältnis von Menschen zu Tieren. Er fragte, warum es Leute gibt, denen es offensichtlich Spaß macht Tiere zu töten? Denn nichts anderes könnte der Beweggrund für private Jäger sein einen Hirsch oder ein Reh über den Haufen zu schießen. Von der Großwildjagd in Afrika ganz zu schweigen. Das Argument einer einzuhaltenden Proportion der verschiedenen Tierarten in den Wäldern könnte nicht der Grund sein. Dies wäre durch staatliche Förster ausreichend zu bewerkstelligen.

Wie ist das Töten von Tieren in Schlachthäusern zu bewerten? Gibt es eine moralisch vertretbare Form des Tötens mittels eines angeblich schmerzfreien Schlags mit dem Bolzen? Was wollen Türschützer? Was wollen Tierrechtler? Zum großen Erstaunen wollen beide recht unterschiedliche Ziele erreichen. Precht zitierte hierzu den australischen Philosophen PETER SINGER, der 1975 das revolutionäre Buch „Animal Liberation“ herausbrachte.

Zum Schluss schaute Richard David Precht in die Zukunft. Wie sollen wir einmal 10 Milliarden Menschen auf unserem Planeten ernähren? Dabei berichtete er von neusten Forschungen, bei dem Zellen aus Rindernacken entfernt und in der Petrischale vermehrt werden. So stark, dass ein fleischartiges Gebilde entsteht. Und wer ist an dieser Forschung hauptsächlich beteiligt? Firmen im Silicon Valley, wie z.B. die Firma Alphabet, deren größtes Unternehmen GOOGLE ist – lang lebe der Google Burger.

Meine Empfehlung zum Thema:

„WE LOVE ANIMALS – 400 JAHRE TIER UND MENSCH IN DER KUNST“
1. Juli – 15. Oktober 2017
Kunstmuseum Ravebsburg
Burgstraße 9
88212 Ravensburg
Di – So 11 – 18 Uhr, Do -19 Uhr

3 Bilder: Albrecht Dürer „Das Rhinozeros, 1515, Kunstmuseum Ravensburg „We Love Animals“, © Kunstmuseum Ravensburg

 

 english translation

Richard David Precht – Animals, People and Google Burger
By Holger Jacobs
08/16/2017
When I first heard live a lecture of the German philosopher Richard David Precht about 2 weeks ago, I was surprised. He was better than I thought.
Of course, I’ve known Richard David Precht for a long time through his TV shows, but I sometimes get a bit chilly on the alarm clock: this quiet but strongly suggesting argument on his opponent without wanting to act aggressively, but always with the distinct intension: Ich Be the first.
On August 3, 2017, Richard David Precht was invited to the lecture on his last book in Kampen auf Sylt:
„Animals think: the right of animals and the limits of man“.
Casually, he comes to the stage in leisure clothes, leaning against a high stool (a bit like conductor Daniel Barenboim in front of his orchestra) and sets off immediately. He would talk about the topic in two sections: 45 minutes before the break about the relationship man to be since antiquity and after the break another 45 minutes on the „now“ condition.
It is astonishing: everything that Richard David Precht says appears immediately comprehensible and convincing.
Richard David Precht describes the great significance of the climate zone in which people lived. In the jungle everyone was directly surrounded by nature, the experience man to beast was immediate. The result for the inhabitants was that life would be a cycle that would allow all the deceased to emerge again. The manifestation of the rebirth of animals and human beings, as we find them in later religions, manifested itself.
In regions, however, which were barren and almost vegetation-free with great heat, without rain, life seemed to be perishable and decomposed into dust. Here humans were also dependent on the consumption of animals. The cultivation of grain came only about 10,000 BC.
It is also interesting that regions with strong vegetation mostly believe in many gods, but in hot and poor regions only a few or only one. This one God gave the Jews, Christians, and Muslims a higher rank among the living creatures, and said to them, „Undertake the earth, rule over the fish and the beast.“
More importantly, the question was whether the animal was immortal like man (according to religious opinion). Has it a soul that after death to God rises?

This was denied by the three religions mentioned. And also by the Greek philosophers in antiquity.
In the Middle Ages it was the theologian and philosopher Thomas Aquinas, who denied animals the existence of the spirit – and thus the possibility of immortality.
Two little anecdotes followed Richard David Precht:
1. According to science, the strong growth of the human brain in the past has been due to a better dietary intake, especially by eating meat (proteins). Between the Australopithecus (about 3 mill. BC) and the Homo Sapiens (about 200,000 years BC), the brain had tripled. Precht, however, thinks that chasing wild animals would have been too strenuous for the primates of these days, but that he would have fed on high-protein insects.
The following message, which reached us two days ago through the SPIEGEL, suits this claim: The Swiss supermarket chain COOP has recently sold burgers with mixed insects …
2. The prohibition of the consumption of pork by the Jews does not come from the idea of ​​an impure behavior of the animals, but rather from a political strategy: the population of a region in Asia Minor had opposed the introduction of monotheism by the Jews. Since there were mainly pigs kept there because of the soil conditions, the Jews gave a general ban on the consumption of pork – to force the Aufmüpfigen to task …
After the break, Richard David Precht talked about the relationship between humans and animals. He asked why there are people who obviously love to kill animals? For nothing else could be the motive for private hunters to shoot a deer or a deer. Not to mention the big game hunting in Africa. The argument of a proportionate proportion of the various species of animals in our forests could not be the reason. This could be done by state foresters.
How is the killing of animals in abattoirs? Is there a morally justifiable form of killing by means of a supposedly painless blow with the bolt?
What do door guards want? What do animal rights workers want? To the great astonishment both want to achieve quite different goals. Precht cited the Australian philosopher PETER SINGER, who published the book „Animal Liberation“ in 1975.
In the end Richard David Precht looked into the future. How should we feed 10 billion people on our planet? He reported on recent research in which cells are removed from bovine cattails and propagated in the Petrischale. So strong that a fleshy structure is formed. And who is mainly involved in this research? Silicon Valley companies, e.g. The company alphabet, whose largest company is GOOGLE – long live the Google Burger.
My recommendation on the topic:

„WE LOVE ANIMALS – 400 YEARS OF ANIMAL AND HUMAN IN ART“
1 July to 15 October 2017
Ravebsburg Art Museum
Castle road 9
88212 Ravensburg
Tue – Sun 11 am – 6 pm, Thurs – 7 pm

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Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist