Richard Wagners Meistersinger in München

Meistersinger - Bayerische Staatsoper © Wilfried Hösl

Richard Wagners Meistersinger in München

 

Eindrücke von Karin Jacobs-Zander

Karin-Portrait-100

9.6.2016

Stell dir vor , es wird Wagner gegeben und alle dürfen lachen! Die „Meistersinger“-Inszenierung   in der Bayerischen Staatsoper ist ein großer Spaß und ein musikalischer Genuss auf höchstem Niveau – das sei als erstes festgehalten.

Herrlich facettenreich spielt das Orchester unter Kirill Petrenko, mit leichter Hand und schier unendlichen Einfällen hat David Bösch das Werk in Szene gesetzt und gesanglich schenkt der Abend Freude pur . Ausnahmslos glänzende Sängerdarsteller (Hans Sachs: Wolfgang Koch, Walther von Stolzing : Jonas Kaufmann, Eva: Sara Jakubiak, Sixtus Beckmesser: Markus Eiche, David: Benjamin Bruns u.v.a.) , deren leidenschaftliche Spiel- und Sangesfreude sich auf das Publikum überträgt – was eigentlich will man mehr!

Der Regisseur David Bösch hat das Stück in eine etwas unbestimmte Zeit irgendwann nach dem Zweiten Weltkrieg verlegt und setzt damit einen atmosphärischen Akzent, der ihm offensichtlich wichtig ist. Nach Zerstörung und Verelendung ist nicht viel übrig geblieben von einer ehemals stolzen Handwerker- Gesellschaft, jedenfalls gibt es nur schmutzige Straßen, dunklen Himmel, graue hässliche Häuserwände (Bühne: Patrick Bannwart), zwischen denen herunter gekommene Menschen den einzigen Schatz hoch halten, der ihnen geblieben ist: die traditionelle Kunst der Meisterliedes, die ihnen Identifikation schafft. Was Hans Sachs am Ende formuliert, haben sie erfahren: die ganze Welt kann in Scherben gehen, was hält und trägt ist allein die Kunst, in denen der Geist der Menschen fortlebt.

Aber wie sie leben! Hans Sachs, der große, von allen verehrte Meister aller Meister, Poet und Schumacher , hat als Werkstatt einen alten Lieferwagen, in dem er arbeitet , verkauft und wohl auch lebt. Auf Äußerliches in Kleidung und Haarschnitt legt er keinen Wert ,   was wohl auch seinen traurigen Umständen geschuldet ist. Seine Mit-Meister haben es offensichtlich nicht besser getroffen, auch sie erscheinen verarmt und herunter gekommen. Einzig Sixtus Beckmesser, der Stadtschreiber und ewige Nörgler glänzt durch Eitelkeit und Besserwissertum. In diese mediokre Welt wirbelt ein Paradiesvogel hinein und stellt alles auf den Kopf, was bisher festgefügt erschien:

Jonas Kaufmanns Stolzing ist ein junger, unbeschwerter, wohlstandsverwahrloster, aber überaus liebenswerter „Lümmel von der letzten Bank“, der mit Rolex und stylischem Outfit geradewegs dem Cover eines Hochglanzmagazins entsprungen sein könnte. Bösch legt ihm das Stück zu Füßen und Kaufmann nutzt seine Spielbegabung , um mit ganzem Einsatz von Stimme und Schauspielerei einen Menschen zu zeigen, den wir zu kennen glauben. Sein scheinbar cooler Charakter ist nur Show, der sein Verletzbarkeit verdecken soll. Die Anfeindungen , die ihm in der fremden Gemeinschaft entgegen schlagen, schmerzen ihn und der Zwang, dem der hübsche Freigeist sich unterordnen soll, ist ihm ein Graus. Doch was tut man nicht alles, wenn man um die Hand seiner großen Liebe kämpfen muss!

Mit Haut und Haaren hat er sich in Eva Pogner verliebt, eine starke , dabei sehr attraktive junge Frau , die ihrem 50ger-Jahre – Kleidchen längst entwachsen ist. Stolzing bezirzt sie mit so viel Charme, dass sie mit ihm auf und davon laufen würde, wenn die Umstände nicht so ungünstig wären. Es bleibt nichts anderes übrig, sie muss einen Meistersinger , und zwar den besten, zum Ehemann nehmen! Stolzing geht auf das für ihn absurde Abenteuer ein und ist bereit, seine sängerische Naturbegabung den Regeln der Meister unterzuordnen. Ein nächtlicher Crash-Kurs bei Hans Sachs zeigt ihm, wie aus einem Liedchen ein Kunstlied wird- und das Publikum darf an mit angehaltenen Atem dem Entstehen des berühmten „Morgendlich leuchtet“ lauschen .

Jede Strophe bekommt eine andere Farbe, immer größer und schöner wird das Lied bis Kaufmann/ Stolzing   schließlich auf der Festwiese einen so glänzenden Vortrag hinlegt, dass er alles in den Schatten stellt, was diese Meister und viele Menschen im Publikum bisher in ihrem Leben gehört haben. Die Entwicklung vom talentierten Schmuse-Sänger mit Starallüren zu einem ernsthaften Kunstliedsänger ist eine der großen sängerischen und darstellerischen Leistungen von Jonas Kaufmann . Eine neue Paraderolle für ihn, der in München damit szenisch debütierte. Schade eigentlich, dass Bösch ihn am Ende in die Trotzkopf-Haltung zurück fallen lässt und sein „Will ohne Meister selig sein“ durch den genervten „Nichts- wie- weg – hier“ Abgang noch steigert. Der scheinbar so coole Typ hat die Anfeindungen der Meister trotz aller Belobigungen doch nicht vergessen, er packt seine Gitarre und sein Mädchen und verschwindet aus dieser dunklen, heruntergekommenen Welt. Kann man es ihm verdenken?

Die Frage am Ende des Abends bleibt allerdings: was hat uns Bösch mit dieser von aller Pathetik und aller Deutschtümelei radikal entrümpelten Operninszenierung gezeigt? Seine Verliebtheit ins Detail, sein Fokus auf akribisch naturalistisch gesetzte Gags, sein Sinn für Effekte und die Lust daran , die bis an den Rand mit Dekoration und Requisiten vollgestellte Bühne in ständiger Bewegung zu halten, dabei jedem Sänger in jedem Augenblick etwas zu spielen zu geben, bringt zu Beginn viel Spaß und Spannung , im Laufe der fast fünfstündigen Aufführung allerdings auch große Unruhe, die die Konzentration auf das, was gerade wesentlich ist, verstellt. Gags , die sich wiederholen und teilweise aus der Klamottenkiste der 60ger Jahre stammen ( wie das dauernde Alkohol –Trinken und Zigaretten-Rauchen) , sind einmal lustig, aber beim fünften Mal ermüdend. Nicht zu viel von allem und eine weniger vollgestellte Bühne würde jedem einzelnen Sänger mehr Raum und Ruhe geben. Dann hätte vielleicht möglich werden können, was ich in wesentlichen Szenen (vor allem mit Hans Sachs) sehr vermisste : Interaktionen zwischen den Personen , die mit ernsthaften Emotionen gefüllt sind, um ihre Beziehungen untereinander glaubhaft zu machen.

So bleibt es eine äußerst unterhaltsame, musikalisch und sängerisch grandiose Meistersinger- Inszenierung, die ein wenig leichtfüßig daher kommt , weil sie allzu schweres Gepäck auf der Strecke ließ.

Nächste Vorstellungen: am 28. und 31. Juli 2016 jeweils 17.00 Uhr im Rahmen der Münchner Opernfestspiele 2016. Zusätzlich wird die Vorstellung am 31. Juli per Live-Stream im Internet zu sehen sein.

 

David (Benjamin Bruns), Walther von Stolzing (Jonas Kaufmann), Meistersinger von Nürnberg, Bayerische Staatsoper © Wilfried Hösl

13 Bilder: David (Benjamin Bruns), Walther von Stolzing (Jonas Kaufmann), Meistersinger von Nürnberg, Bayerische Staatsoper © Wilfried Hösl

 

Karin Jacobs-Zander

Author: Karin Jacobs-Zander

Karin Jacobs-Zander, Dramaturgin und Autorin der Bücher „Lebenslotsen“ und „Wo München am schönsten ist“ aus dem Ellert & Richter Verlag, lebt in München als freie Journalistin

Cookies help us deliver our services. By using our services, you agree to our use of cookies.