(Ritter) Blaubart in der Komischen Oper Berlin

Blaubart - Berliner Schloss © Holger Jacobs/ Ikone Freese

(Ritter) Blaubart in der Komischen Oper Berlin

 

Von Holger Jacobs

26.03.2018

english text below

Premiere der Neuproduktion von „Barbe-Bleue“ von Jacques Offenbach an der Komischen Oper. Mit einer Persiflage auf das Berliner Stadtschloss.

Viele Opern-Libretti entstammen Geschichten aus früheren Erzählungen und Märchen. So auch hier. 1697 veröffentlichte der Franzose Charles Perrault die Erzählung „La Barbe Bleue“. Kaum eine andere Geschichte ist so stark von der Kunst aufgenommen worden. Allein 20 Ausgaben verschiedenster Autoren kennt man in der Literatur, 6 Opern wurden zu diesem Thema geschrieben, 9 Filme (darunter der wohl bekannteste unter ihnen, „Blaubarts achte Frau“ von Ernst Lubitsch) und weitere Theaterstücke und Ballett-Choreographien. So nahm auch Komponist Jacques Offenbach sich des Themas an und im Jahre 1866 kam diese als „Opera-Bouffe“ bezeichnete Operette in Paris zur Uraufführung. Warum ausgerechnet eine Erzählung so berühmt wird, in der ein Mann seine Frauen reihenweise umbringt, nur um immer wieder eine neue heiraten zu können? Man kann es nur vermuten…Oder bei Sigmund Freud nachlesen, der hierzu ebenfalls etwas verfasst hat.

11 Photos: Applaus, 2. v. l. Braut Prinzessin Hermia (Vera-Lotte Böcker), Prinz Saphir (Johannes Dunz), Boulotte (Sarah Ferede), Regisseur Stefan Herheim, Der Tod (Wolfgang Häntsch), Cupido (Rüdiger Frank), Blaubart (Ablinger-Sperrhacke), Popolani (Tom Erik Lie) © Holger Jacobs

Handlung

Das Grundthema der Geschichte ist der Ritter Blaubart, der nach kurzer Zeit der Ehe seine Frauen durch den Alchimisten Popolani mit Gift umbringen lässt. Für Ausstehende erscheinen die Todesfälle auf natürliches Herzversagen zurückzugehen. Parallel dazu wünscht der König, man möge seine als Baby ausgesetzte Tochter wiederfinden, da sein eigentlicher Thronerbe unfähig ist, das Land zu regieren. Seine ausgesandten Mitarbeiter finden sie als Fleurette bei den Schäfern und bringen sie an den Hof. Dort angekommen und mittlerweile auf den Namen Prinzessin Hermia umgetauft, soll sie an einen Prinzen verheiratet werden. Sie weigert sich, da sie sich bereits in den Schäfer Saphir verliebt hat. Währenddessen ist Ritter Blaubart mal wieder auf Brautschau und findet seine neue Angebetete in der temperamentvollen Boulotte. Mit seiner neuen Ehefrau begibt sich Blaubart zum König, um sie dem Hof vorzustellen. Als er jedoch die junge Prinzessin Hermia erblickt, verliebt er sich in sie. Also muss Boulotte sterben. Wieder verrichtet der Alchimist sein brutales Werk. Doch die fünf vorherigen Frauen sind gar nicht gestorben, denn das Gift hatte sie nur für kurze Zeit gelähmt. Boulotte kann ihre Leidensgenossinnen davon überzeugen, dem Blaubart sein schmutziges Handwerk zu legen. Gemeinsam machen sie sich auf zum Königspalast, um den gemeinen Mörder endlich zu entlarven.

Kritik

Dass Regisseur Stefan Herheim sein Handwerk beherrscht steht außer Frage (er wird übrigens ab Herbst den neuen Ring der Nibelungen an der Deutschen Oper Berlin inszenieren). Jede Geste sitzt, jede Mimik stimmt, jeder Ausdruck der Sänger/ Darsteller ist genauestens herausgearbeitet. Und auch das Zusammenspiel mit dem Orchester klappt fabelhaft. Das Aufsetzten eines Hutes wird mit einem Tusch des Schlagzeugs begleitet, das Wippen eines Beins mit dem Takt der Musik. Gesanglich gibt es aber doch einige Schwächen. Wolfgang Ablinger-Sperrhacke als Blaubart kann seine Stimme nicht wirklich in den Saal hineintragen; Peter Renz als König ist gut aber nicht überragend (dafür aber umso stärker in seiner Mimik). Besser ist da schon Tom Erik Lie als Alchimist, der großen Applaus bekam. Absolut außergewöhnlich ist der nur 1,34 Meter große Rüdiger Frank als Cupido. Seine Darstellung ist die Krönung des Abends. Überzeugt haben die Frauen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten konnte Sarah Ferede als Boulotte auch dank ihrer ganzen Erscheinung mit leuchtend roten Haaren glänzen und die Stimme von Vera-Lotte Böcker als Prinzessin Hermia/ Fleurette gefiel mir. Als besonderer Gag stellte sich der Nachbau (in klein) des Berliner Schlosses heraus, in dem hier König Bobèche residiert. Mit mehreren spitzen Anspielungen auf den dort früher stehenden Palast der Republik, auch „Erichs Lampenladen“ genannt. Was mir weniger gefallen hat sind so manche Sprachentgleisungen. Ob ich nun auf einer Bühne wirklich „das ist mir scheißegal und auch fäkal“ oder „auf das ich Dich erlöse…Möse“ hören muss, bezweifle ich. Sprache auf die heutige Zeit übertragen, okay. Aber dieses muss nicht mit dem Holzhammer geschehen.

„Blaubart“ von Jacques Offenbach
Komische Oper Berlin
Musikalische Leitung: Stefan Soltesz, Regie: Stefan Herheim, Bühne: Christof Hetzer, Kostüme: Esther Bialas, Chöre: Jean-Christophe Charron
Mit: Wolfgang Ablinger-Sperrhacke (Blaubart), Peter Renz (König Bobèche), Tom Erik Lie (Popolani), Rüdiger Frank (Cupido), Wolfgang Häntsch (Gevatter Tod), Johannes Kunz (Prinz Saphir), Sarah Ferede (Boulotte), Vera-Lotte Böcker (Prinzessin Hermia/ Fleurette), Christiane Oertel (Königin Clémentine)

Nächste Vorstellungen: 31. März, 22. und 27. April 2018

4 Photos: Prinz Saphir (Johannes Dunz) und Blaubart (Ablinger-Sperrhacke), „Blaubart“, Komische Oper Berlin © Ikone Freese

 

english text

(Knight) Bluebeard in the Komische Oper Berlin
By Holger Jacobs
03/26/2018
Premiere of the new production of „Barbe-Bleue“ by Jacques Offenbach at the Komische Oper. With a persiflage on the Berlin Castle.
Background
Many opera librettos come from stories from earlier stories and fairy tales. So here too. In 1697, the French Charles Perrault published the story „La Barbe Bleue“. Hardly any other story has been so heavily absorbed by art. Alone 20 editions of various authors are known in the literature, 6 operas were written on the subject, 9 films (including the most famous among them, „Bluebeard’s Eighth Lady“ by Ernst Lubitsch) and other plays and ballet choreographies. Thus, composer Jacques Offenbach also took up the theme, and in 1866 this operetta, known as „Opera-Bouffe“, was premiered in Paris. Why a narrative becomes so famous, in which a man kills his women in rows, just to always be able to marry a new one? One can only guess … Or read it with Sigmund Freud, who also wrote something about it.
Story
The basic theme of the story is the knight Bluebeard, who after a short time of marriage has killed his 5 wives by the alchemist Popolani with poison. It looks for everyone that the deaths are due to natural heart failure. At the same time, the King Bobèche wishes to refind his daughter, abandoned as a baby, since his actual heir to the throne is incapable of governing the country. His dispatched employees find her as Fleurette by the shepherds and bring her to the farm. Once there and now renamed Princess Hermia, she is to be married to a prince. She refuses because she has already fallen in love with the shepherd Sapphire. In the meantime, Ritter Bluebeard is once again bride-to-be and finds his new beloved in the spirited Boulotte. With his new wife Bluebeard goes to the King to introduce her to the court. However, when he sees the young Princess Hermia, he falls in love with her. So Boulotte has to die. Again the Alchemist does his brutal work. But the five previous women did not die at all, because the poison had paralyzed them only for a short time. Boulotte can convince them to put Bluebeard out of his dirty business. Together they set off for the Royal Palace to finally expose the common murderer.
Critics
That director Stefan Herheim has mastered his art is beyond question (by the way, he will stage the new Ring der Nibelungen at the Deutsche Oper Berlin from autumn). Every gesture sits, every facial expression is correct, every expression of the singer / performer is worked out in detail. And also the interaction with the orchestra works fabulously. The putting on of a hat is accompanied by a drumbeat of the drums, the rocking of a leg goes with the beat of the music. But vocally there are some weaknesses. Wolfgang Ablinger-Sperrhacke as Bluebeard can not really carry his voice into the hall; Peter Renz as the King is good but not outstanding (but even more so in his facial expressions). Much better is Tom Erik Lie as the Alchemist who got big applause. Absolutely extraordinary is the only 1.34 meter tall Rüdiger Frank as Cupido. His play is the culmination of the evening. Convincing the women. After some initial difficulties, Sarah Ferede, as Boulotte, was able to shine with bright red hair, thanks to her whole appearance, and finally I liked very much the voice of Vera-Lotte Böcker as Princess Hermia / Fleurette. As a special gag turned out the replica (in small) of the Berlin Castle, in which King Bobèche resides here. With several pointed allusions to the formerly standing Palast der Republik, also called „Erichs Lampenladen“. What I liked less are so many language derailments. Do I really want to hear on a stage „this is fucking shit“ or „I can release you … in your cunt“? I doubt it. Transfer language to today, okay. But this does not have to happen with the mallet.
„Bluebeard“ by Jacques Offenbach
Comic Opera Berlin
Musical direction: Stefan Soltesz, Director: Stefan Herheim, Stage: Christof Hetzer, Costumes: Esther Bialas, Choirs: Jean-Christophe Charron
With: Wolfgang Ablinger-Sperrhacke (Bluebeard), Peter Renz (King Bobèche), Tom Erik Lie (Popolani), Rüdiger Frank (Cupid), Wolfgang Häntsch (Death), Sarah Ferede (Boulotte), Vera-Lotte Böcker (Princess Hermia / Fleurette), Christiane Oertel (Queen Clémentine)
Next performances: March 31, April 22 and 27, 2018

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

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