Robert Lebeck. 1968 – Kunstmuseum Wolfsburg

Jackie Kennedy and Lee Radziwill 1968 © Robert Lebeck

Robert Lebeck. 1968 – Kunstmuseum Wolfsburg

 

Von Holger Jacobs

12.3.2018

english text below

Die Ausstellung des Stern-Fotografen Robert Lebeck über das Jahr 1968, ein Jahr des Aufbruchs, der Attentate und der persönlichen Schicksale.

Als ich am 1. März 2018 vom Kunstmuseum nach Wolfsburg eingeladen wurde, habe ich mich sehr über diese kleine Reise gefreut. Ich war noch nie in Wolfsburg, hatte aber natürlich immer schon viel über diese Stadt gehört, die 1938 künstlich erbaut wurde, um die Arbeiter des damals entstandenen Volkswagenwerkes zu beherbergen. Adolf Hitler hatte angeordnet, nach dem Volksempfänger (Radio) für alle sollte es nun auch auch ein Automobil für (fast) alle geben. Als Standort wurde ein Stück Land in der Nähe von Braunschweig ausgesucht. Zunächst hieß die Stadt bis 1945 „Stadt des KDF-Wagens“, weil auch das dort produzierte Fahrzeug so hieß: „KDF-Wagen“ (Kraft durch Freude). Erst später wurde es in „Wolfsburg“ umgetauft. Der dort gebaute „VW-Käfer“ ist später zum meist produzierten Auto der Welt geworden: Bis 2003, dem Jahr seines Produktionsendes, wurden 21 Millionen Stück in fast unveränderter Bauweise hergestellt. Ein Rekord, der wohl niemals mehr eingeholt werden kann.

Bis zum Mauerfall und dem Ende der DDR lag Wolfsburg im Zonenrandgebiet und war entsprechend kein sehr attraktiver Ort. Als 1989 dann plötzlich die Mauer fiel und Wolfsburg sich auf einmal fast in der Mitte von Deutschland befand, begann die Stadt aufzurüsten und sich „rauszuputzen“. Heute hat die Stadt 125.000 Einwohner und war im Jahre 2010 sogar die Stadt mit dem höchsten Bruttoinlandsprodukt pro Kopf der Bevölkerung aller deutschen Städte – dem VW-Konzern sei Dank! Im Jahre 2005 entstand das „Phaeno“, ein interaktives Wissenschaftszentrum nach Plänen der Star-Architektin Zaha Hadid. Das mittlerweile sehr renommierte Kunstmuseum Wolfsburg entstand 1994 und zeigt immer wieder hervorragende Ausstellungen, wie z.B. die Fotografien von und mit Lee Miller im Jahre 2006. Ich war also gespannt!

Ein strahlend blauer Winterhimmel bei minus 10 Grad Celsius erwartete mich auf dem zugigen Bahnhof in Wolfsburg. Da wegen Verspätung der Bahn aus Berlin unser Bus vom Bahnhof zum Museum bereits abgefahren war, gingen wir (eine Gruppe von 11 Journalisten aus Berlin) zu Fuß. Auf dem ca. 20 minütigem Marsch kamen wir an dem besagten Gebäude von Zaha Hadid vorbei (nicht ihr bester Entwurf), dann am Kulturhaus von Architekt Alvar Aalto (eines seiner Glanzstück), bis zum Kunstmuseum (Architekt Peter Schweger). Kein aufregender Bau, aber klar strukturiert und übersichtlich.

13 Photos: Wolfsburg mit Autofabrik und Phaeno Center © Holger Jacobs

Nach einer Einführung ging es zu den Ausstellungsräumen.

Um es gleich vorne weg zu sagen:
Robert Lebeck war kein Paparazzi Fotograf, der Sophia Loren nackt am Strand fotografiert hätte, auch kein Künstler wie Henri Cartier-Bresson und kein Kriegsreporter wie Robert Capa. Aber er war ein guter Dokumentarist, der bei der damals wichtigsten deutschen Zeitschrift tätig war, dem STERN. Die Ausstellung beschränkt sich auf das Jahr 1968 seiner Schaffens, weil dieses Jahr viele besondere Ereignisse hervorgebracht hat, sowohl auf politischer wie auf gesellschaftlicher Ebene. Und es war das 30-jährige Bestehen der Stadt Wolfsburg, welches Lebeck selbstverständlich auch dokumentierte.

So ist die Ausstellung in acht Kapitel unterteilt:
Der Prager Frühling mit dem deutschen Studentenführer Rudi Dutschke auf Besuch in Prag, ein Bericht über geschiedene Frauen in Deutschland (zum ersten Mal hatten viele Frauen den Mut sich aus zerrütteten Ehen zu befreien), die Trauer um den ermordeten Präsidentschaftskandidaten Robert Kennedy, Joseph Beuys bei der Dokumenta IV, der Pabst in Bogota, die Reportage über eine Frau, die aus sexueller Abhängigkeit die Gattin ihres Liebhabers tötete, die politischen Unruhen in Nordirland und dann das 30-jährige Jubiläum von Wolfsburg.

Fast alle Fotogafien sind in Schwarz/Weiß, in der heutigen Medienlandschaft sicher undenkbar. Wie überhaupt die Entwicklung der Fotografie in den letzten Jahren eine weitere Ausstellung wert wäre. Von der (fast) objektiven Dokumentation zur subjektiven Selbstdarstellung auf Instagram & Co. Das Ablichten dieser Welt wurde vor 50 Jahren nur von wenigen professionellen Fotografen und einigen Amateuren praktiziert. Heute gibt es täglich Millionen von Bildern, aufgenommen von jedem, der ein Handy besitzt. Und anschließend wird das Bild auf Sozialen Medien geteilt, wiederum für Millionen sichtbar. Die Fotografie ist im 21. Jahrhundert zum wichtigsten Informationsmedium der Welt aufgestiegen. Robert Lebeck hätt’s gefreut!

„Robert Lebeck. 1968“
4.3. – 22.7.2018
Kunstmuseum Wolfsburg
Hollerplatz 1
38440 Wolfsburg
Di – So 11 – 18 Uhr

8 Photos: Richard Nixon beim Wahlkampf 1968 © Robert Lebeck

english text

Robert Lebeck. 1968 – Kunstmuseum Wolfsburg
By Holger Jacobs
03/12/2018
The exhibition of star photographer Robert Lebeck about the year 19698, a year of political change, assassinations and personal destinies.
When I was invited to the Museum of Art in Wolfsburg on 1 March 2018, I was very happy about this trip. I’ve never been to Wolfsburg, but of course I’ve always heard a lot about this city, which was artificially built in 1938 to house the workers of the then-built Volkswagen factory. Adolf Hitler had ordered, after the people’s receiver „Volksempfänger“ (radio) for all there should now also be an automobile for (almost) everybody. They found a piece of land near Braunschweig. Initially, the city was called the „city of the KDF car“ until 1945, because the vehicle produced was also called the „KDF-Auto“ (power through joy-car). Only later it was renamed „Volkswagen“. The resulting „VW Beetle“ later became the most produced car in the world: by 2003, the year of its demise, 21 million units were built in almost unchanged construction. A record that can never be topped.
Until the fall of the Wall and the end of the GDR, Wolfsburg was near to the Russian Sector and was therefore not a very attractive city. In 1989, when suddenly the wall fell and Wolfsburg suddenly found itself almost in the middle of Germany, the city began to upgrade. Today, the city has 125,000 inhabitants and in 2010 was even one of the cities with the highest income in Germany – thank to the VW Group! In 2005 came the „Phaeno“, an interactive science center designed by star architect Zaha Hadid. The now very renowned Kunstmuseum Wolfsburg was founded in 1994 with excellent exhibitions, such as the photos of and with Lee Miller in 2006. So I was curious!
A bright blue winter sky at minus 10 degrees Celsius awaited me in the drafty station. Since our bus had already left because of the delay of the train from Berlin, we (a group of 11 journalists from Berlin) went to the museum by feet. On the approximately 20 minute walk we passed the building of Zaha Hadid (not her best design), then along the cultural center of architect Alwar Aalto (one of his gems), until we came to the art museum (architect Peter Schweger). No exciting construction, but clearly structured and clear.

After an introduction by the curator, we went to the exhibition rooms.
To put it right away:
Robert Lebeck is not a paparazzi photographer who photographed Sophia Loren naked on the beach, not even an artist like Henri Cartier-Bresson or a war correspondent like Robert Capa. But a good documentarist who worked for the then most important German magazine, the STERN. The exhibition is limited to the year 1968 of his career, because this year has produced many special events, both political and social. And it was the 30th anniversary of the city of Wolfsburg, which of course Lebeck documented.
So the exhibition is divided into eight chapters:
The Prague Spring (when Russian tanks fought down the democratic movement) with the German student leader Rudi Dutschke visiting Prague, a report on divorced women in Germany (for the first time women had the courage to say goodbye to broken marriages), the mourning for the murdered presidential candidate Robert Kennedy, Joseph Beuys at the Documenta IV, the Pabst in Bogota, the reportage on a woman who killed her lover’s wife out of sexual dependency, the political unrest in Northern Ireland and then the 30th anniversary of Wolfsburg.
Almost all photo-shoots are in black and white, in today’s media landscape certainly unthinkable. The development of photography in the last years would be worth a further exhibition. From the (almost) objective documentation to the subjective self-portrayal on Instagram & Co. The photography of this world was practiced 50 years ago only by a few professional photographers and some amateurs. Today there are millions of pictures taken daily by anyone who owns a cell phone. And then the picture is shared on social media, again visible to millions. Photography has become the most important information medium in the world in the 21st century. Robert Lebeck would have been happy!
„Robert Lebeck. 1968 “
4.3. – 22.7.2018
Art Museum Wolfsburg
Hollerplatz 1
38440 Wolfsburg
Tue – Sun 11 am – 6 pm

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

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