„Rom“ im Deutschen Theater Berlin

"Rom" von Karin Henkel im Deutschen Theater Berlin © Holger Jacobs

„Rom“ im Deutschen Theater Berlin

 

Von Holger Jacobs

19.03.2018

english text below

Der lange und schmerzhafte Weg zur Demokratie. Regisseurin Karin Henkel führt drei Stücke von Shakespeare zusammen und zeigt uns das Ringen um Freiheit und Mitbestimmung.

Hintergrund

Ca. 10.000 Jahre vor Christus begannen Menschen, nachdem sie den Anbau von Getreide gelernt hatten, in Siedlungen dauerhaft zusammenzuleben. Die Gemeinschaft machte es notwendig, dass sich Strukturen bildeten, die das Miteinander regelten. Genaue Kenntnisse darüber gibt es aus dieser Zeit aber nicht.
Die ersten Überlieferungen kamen durch Schriftzeichen, beginnend bei den Sumerern 5000 vor Christus, bei den Ägyptern ca. 4000 v. Ch. und bei der Maya Kultur in Mittelamerika ca. 3000 v. Chr. Durch diese Aufzeichnungen wissen wir, dass die vorherrschende Form des Miteinander darauf beruhte, die Macht auf eine Person zu konzentrieren. Um so größer die Gemeinschaft, umso mächtiger ihre Herrscher.
Ob es die Ajaws bei den Mayas waren, die Könige bei den Sumerern oder die Pharaonen bei den Ägyptern – immer handelte es sich dabei um autokratische Strukturen. Häufig verbanden sich dabei Religion mit Politik, indem die Herrscher als gottgleich oder doch zumindest von Gott auserwählt erklärt wurden. Über den ganzen Erdball war diese Staatsform vorherrschend, ob in Asien, in Europa oder in Amerika.
Bis im 7. Jahrhundert v. Chr. erstmals in Griechenland die  Monarchie abgeschafft und durch die sogenannte Attische Demokratie (Athen) ersetzt wurde. Im römischen Reich gab es ab dem 5. Jahrhundert eine Form der Demokratie, die sogenannte Römische Republik, die aber mit der Diktatur des Kaiserreiches kurz vor Christi Geburt im Jahre 27 v. Chr. wieder endete.
Von dieser Zeit erzählt das ca. 3 ½ stündige Theaterstück „Rom“, welches am vergangenen Wochenende im Deutschen Theater Berlin seine Uraufführung hatte.

Handlung

Der erste Teil, „Coriolan“, erzählt von einer Figur aus dem antiken Rom ca. 500 v. Chr., welche nach heutiger Kenntnis von dem Geschichtsschreiber Plutarch frei erfunden wurde, um einen Held der damaligen Zeit zu beschreiben. Dieser Feldherr hatte große Erfolge in verschiedenen Schlachten und wollte sich anschließend durch Volkstribune zum Konsul wählen lassen (lenkte damals zusammen mit einem zweiten Konsul die Geschicke des Landes). Leider war Coriolan in seinem Denken noch zu sehr mit den alten königlichen Strukturen verbunden und lehnte jede Form von Volksvertretung ab. Weshalb er dann auch nicht zum Konsul gewählt wurde. Aus Rom verbannt, verbündete er sich mit den Feinden des Reiches und marschierte gegen seine eigene Hauptstadt. Erst seine Mutter und seine Ehefrau konnten ihn in einem Gespräch besänftigen, woraufhin er seine Truppen von Rom abzog. Doch seine Verbündeten sahen dies als Verrat an und brachten ihn um.

Der zweite Teil handelt von der wohl bekanntesten Person des alten Roms, Julius Caesar (*100 – †44 v. Chr.). Über keine Person dieser Zeit ist soviel geschrieben worden. Und ihm verdanken wir auch das Ende der Römischen Republik. Er hatte durch zahlreiche Siege als Feldherr (u.a. gegen die Gallier, dem heutigen Frankreich) hohes Ansehen bei der Bevölkerung errungen, weshalb die Bürger von Rom ihm eine besondere Ehre zuteil werden lassen wollten: Caesar zum Kaiser zu wählen. Zuvor hatte es einen langandauernden Bürgerkrieg gegeben und man wünschte sich einen starken Mann an der Spitze des Staates. In der Nacht vor seiner Krönung wurde er aber von 23 Senatoren erstochen, angeführt von Brutus. Sie glaubten, dass Caesar eine Diktatur anstrebe und fürchteten um die Freiheit Roms. Doch die Bevölkerung war nicht auf ihrer Seite und alle Verräter wurden später umgebracht.

Im dritten Teil, der geschichtlich auf die Zeit Caesars folgt, wird das Ende des antiken Roms erzählt, welches einhergeht mit der Inthronisierung Augustus zum ersten Kaiser Roms. Als Gaius Octavius geboren, war Augustus der Großneffe Julius Caesars. Dieser adoptierte Octavius 44 v. Chr. kurz vor seinem Tod, und machte ihn auf diese Weise zu seinem Nachfolger. Er stand im Streit mit Marcus Antonius, dem langjährigen Weggefährten Caesars, der ebenfalls die Nachfolge anstrebte. Doch Antonius hatte sich in Ägypten mit der dortigen Herrscherin Kleopatra eingelassen, der letzten Geliebten Julius Caesars, mit der diese sogar einen Sohn hatte. Es kommt zum unvermeidlichen Kampf zwischen den beiden, bei dem Augustus gewinnt und Kleopatra und Antonius schließlich zum Selbstmord getrieben werden.

Kritik

Die wohl zurzeit wichtigste deutsche Regisseurin Karin Henkel (u.a. eingeladen zum diesjährigen Theatertreffen in Berlin Berlin mit dem Stück „Beute Frauen Krieg“ vom Züricher Schauspielhaus) hat in ihrer typischen Arbeitsweise gleich mehrere Stücke Shakespeares zusammengefügt: „Coriolan“, Juluis Caesar“ und Antonius und Cleopatra“. Ihre Idee: den gemeinsamen Nenner, den (häufíg vergeblichen-) Kampf um Demokratie und Freiheit dieser drei Stücke aufzuzeigen.

Im ersten Teil zeigt sie, wie im alten Rom Macht gewonnen wird: Durch Siege als Feldherr. Äußere Zeichen: Viele Wunden aus den vielen Schlachten. Um so mehr umso besser. Dabei wird der Satz „Zeige mir Deine Wunden“ zum Schlag-wort (-Satz). Die Wunde als Aushängschild und Werbemittel. Dass der Kandidat Coriolan (Michael Goldberg) dann später aber ständig das Falsche sagt, um die Wähler für sich zu gewinnen, ist zwar tragisch für den Protagonisten, zeigt aber, dass Militärs, egal wieviel Siege sie errungen haben, niemals gute Lenker eines Staates sein können. Denn die autokratischen Strukturen eines Heeres sind nicht geeignet auf eine zivile Gesellschaft angewendet zu werden.

Im zweiten Teil zeigt Karin Henkel das Dilemma, in welchem jemand steckt, der Gutes will, dafür aber Böses tut. Brutus (Felix Goeser) verrät seinen Freund Caesar (Michael Goldberg), weil er um die Demokratie fürchtet. Felix Goeser als Brutus ist hervorragend, die beste schauspielerische Leistung an diesem Abend.

Der dritte Teil ist bei Karin Henkel geprägt von der hilflosen Situation Marcus Antonius (Manuel Harder), der weiß, dass er gegen seinen Rivalen Octavius (Doppelrolle für Benjamin Lillie, Camill Jammal), den späteren Kaiser Augustus, verloren und sich zu Kleopatra (Anita Vulesica) nach Ägypten geflüchtet hat. Diese versucht derweil verzweifelt nicht selber bei dieser Auseinandersetzung unterzugehen. Doch aus der Geschichte wissen wir, dass sie die letzte ihrer Dynastie war und mit ihrem Tod das Ende der 4000 jährigen ägyptischen Kultur eingeläutet wurde.

Tolles Bühnenbild (Thilo Reuther), schnell changierend mit Hilfe der Drehbühne, interessante Kostüme (Tabea Braun, Sophie Leypold) und ein engagiert spielendes Ensemble. Humorvolle Momente gibt Schauspielerin Kate Strong, die in verschiedenen Rollen auftritt und dabei auf Englisch äußerst prägnant ihre Sätze den Zuschauern entgegenschleudert.

Zurzeit, wie ich finde, die beste Inszenierung am Deutschen Theater – sehenswert

„ROM“ nach Shakespeare in einer Fassung von Karin Henkel und John von Düffel
Deutsches Theater Berlin
Regie: Karin Henkel, Bühne: Thilo Reuther, Kostüme: Tabea Braun, Sophie Leypold, Musik: Lars Wittershagen.
Mit: Michael Goldberg (Coriolan, Caesar), Manuel Harder (Antonius), Felix Goeser (Brutus), Benjamin Lillie und Camill Jammal (Casca, Octavius, Volkstribunen), Bernd Moss (Cominius, Cassius, Soldat), Wiebke Mollenhauer (Virgilia, Portia, Oktavia), Anita Vulesica (Mutter von Coriolan, Wahrsagerin, Kleopatra) und Kate Strong.

Uraufführung am 16. März 2018
Nächste Vorstellungen am 22. März, 3., 11., 22. April und 1. Mai 2018

30 Photos: Wunden sind das Merkmal eines Helden, Bernd Moss, Michael Goldberg und Anita Vulesica in „Rom“, Deutsches Theater Berlin © Holger Jacobs

english text 

Rome in the Deutsches Theater Berlin
By Holger Jacobs
03/19/2018
The long and painful road to democracy. Director Karin Henkel brings together three pieces of Shakespeare and shows us the struggle for freedom and popular representation.
Story
The first part, „Coriolan“, tells of a figure from ancient Rome about 500 BC. According to current knowledge, the historian Plutarch had invented Coriolan to describe a hero of the time. This general had great success in various battles and then wanted to be elected by popular tribune to be a consul. Unfortunately, Coriolanus’s thinking was still too much attached to the old royal structures and rejected any form of popular representation. Which is why he was not elected consul. Banished from Rome, he allied himself with the enemies of the Empire and marched against his own capital. Only his mother and his wife could appease him in a conversation, after which he withdrew his troops from Rome. But his allies saw this as a betrayal and killed him.
The second part is about the most famous person of ancient Rome, Julius Caesar (* 100 – † 44 BC). So much has been written about this person of that time. And we also owe him the end of the Roman Republic. He had achieved by numerous victories as a general (among others against the Gauls, today’s France) high reputation among the population, why the citizens of Rome wanted to give him a special honor: to elect him emperor. Previously, there had been a long-lasting civil war and they wanted a strong man at the head of the state. The night before his coronation, however, he was stabbed by 23 senators, led by Brutus. They believed that Caesar sought a dictatorship and feared for the freedom of Rome. But the population was not on their side and all traitors were killed later.
The third part, which chronicles the time just after the death of Caesar, tells the story of the end of ancient Rome, which goes hand in hand with the enthronement of Augustus as the first emperor of Rome. Born Gaius Octavius, Augustus was the great-nephew of Julius Caesar. He adopted Octavius ​​44 BC. Shortly before his death, thus making him his successor. He was in dispute with Marcus Antonius, the longtime companion of Caesar, who also sought succession. But Antonius went to Egypt to Cleopatra, the last lover of Julius Caesar, with whom this even had a son. It comes to the inevitable struggle between Antonius and Octavius/Augustus, in which Augustus wins and Cleopatra and Antonius are finally driven to suicide.
Critics
The probably most important German director Karin Henkel (invited to this year’s Theatertreffen in Berlin with the play „Booty Women’s War“ at the Zurich Schauspielhaus) has in her typical way of working put together several pieces of Shakespeare: „Coriolan“, Julius Caesar „and Antonius and Cleopatra „. Her idea: to show the common denominator, the (often futile) fight for democracy and freedom of these three pieces.
In the first part she shows how power is gained in ancient Rome: through victories as a military general. External signs: Many wounds from the many battles. The more the better. The phrase „show me your wounds“ becomes the Schlagwort (sentence). The wound as a hanger and advertising material. The fact that the candidate Coriolan (Michael Goldberg) then later constantly says the wrong things to win the voters, is tragic for the protagonist, but shows that military, no matter how many victories they have won, are never be good leaders of a state. Because the autocratic structures of an army are not suitable to be applied to a civil society.
In the second part, Karin Henkel shows the dilemma of someone who wants good but does evil. Brutus (Felix Goeser) reveals his friend Caesar (Michael Goldberg) because he fears for democracy. Felix Goeser as Brutus is outstanding, the best acting performance this evening.
The third part is in Karin Henkel coined by the helpless situation of Marcus Antonius (Manuel Harder), who knows that he lost to his rival Octavius ​​(dual role for Benjamin Lillie, Camill Jammal), later Emperor Augustus. Meanwhile, Cleopatra tries not to be drown itself in this confrontation. But from history we know that she was the last of her dynasty and her death heralded the end of the 4000 year old Egyptian culture.
Great set design (Thilo Reuther) with the help of the revolving stage, interesting costumes (Tabea Braun, Sophie Leypold) and a committed playing ensemble. Actress Kate Strong gives humorous moments in various roles, expressing her sentences to the audience in a very concise manner in English.
Currently, I think, the best piece at the Deutsches Theater ar the moment – worth seeing
„ROM“ after Shakespeare in a version by Karin Henkel and John von Düffel
German Theater Berlin
Director: Karin Henkel, Stage: Thilo Reuther, Costumes: Tabea Braun, Sophie Leypold, Music: Lars Wittershagen.
With: Michael Goldberg (Coriolan, Caesar), Manuel Harder (Anthony), Felix Goeser (Brutus), Benjamin Lillie and Camill Jammal (Casca, Octavius, tribunes), Bernd Moss (Cominius, Cassius, soldier), Wiebke Mollenhauer (Virgilia, Portia, Octavia), Anita Vulesica (mother of Coriolan, fortune teller, Cleopatra) and Kate Strong.
World premiere on 16 March 2018
Next performances on the 22nd of March, 3rd, 11th, 22nd of April and 1st of May 2018

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist