Romeo und Julia vom Staatsballett Berlin

Romeo und Julia - Staatsballett Berlin © Fernando Marcos

Romeo und Julia vom Staatsballett Berlin

 

Von Holger Jacobs

english text below

30.04.2018

Leben, Lieben und Sterben in Schönheit, inszeniert vom scheidenden Ballettchef Nacho Duato

Hintergrund 1

Nach nur 4 Jahren wird sich Nacho Duato als Intendant des Staatsballett Berlin wieder verabschieden. In seiner Zeit inszenierte er 2015 das Ballett Dornröschen (kultur24 berichtete),  dann ebenfalls 2015 „Vielfältigkeit. Formen von Stille und Leere“ (kultur24 berichtete), Anfang 2016 dann das umstrittene Werk „Herrumbre“ zum Thema Folter (kultur24 berichtete) und „Der Nussknacker“. 2017 dann „Static Time und Erde“. Der Schlusspunkt wird am 25. Mai 2018 gesetzt mit der Choreographie „Por vos Muero“ zu spanischer Musik des 15. Und 16. Jahrhunderts während eines Gemeinschaftsabends mit den befreundeten Choreographen Gentian Doda und Marco Goecke in der Komischen Oper Berlin.

Hintergrund 2

Die Musik zum Ballett „Romeo und Julia“ von Serge Prokovieff ist sicher eines der stärksten Arbeiten des Komponisten. 1935 im Auftrag des Bolschoi Theaters in Moskau geschrieben wurde es dann doch erst 1938 in Brünn (damalige Tschecheslowakei) uraufgeführt. Das Ballett folgt ziemlich genau der Handlung des gleichnamigen Theaterstücks von William Shakespeare. Deshalb ist es mit 120 Minuten Dauer auch recht lang für ein Ballettwerk. Die Musik stellt für Orchester und Tänzer eine große Herausforderung dar.

Handlung

Verona im 17. Jahrhundert. Die beiden großen italienischen Familien der Montagues und der Capulets stehen sich feindlich gesinnt gegenüber. Auf einem Ball der Capulets verlieben sich Julia Capulet und Romeo Montague. Heimlich, ohne das Einverständnis der Eltern, lassen sie sich von Pater Lorenzo trauen. Doch bei einem Aufeinandertreffen von Mercutio aus dem Clan der Montague und Tybalt von den Capulets wird Mercutio von Tybalt getötet. Romeo kommt herbei und rächt seinen Freund, indem er Tybalt ebenfalls tötet. Daraufhin wird Romeo ins Exil verbannt. Julia soll nun einen Freund der Familie heiraten, Paris. Doch sie weigert sich und lässt sich von Pater Lorenzo ein Gift verabreichen, dass einen wie tot aussehen lässt. Als Romeo von dem vermeintlichen Selbstmord hört, eilt er aus seinem Exil an Julias Grab. Aus Verzweiflung über ihren Tod nimmt er nun selbst Gift, aber tödliches. Kaum ist er zusammengesunken, erwacht Julia aus ihrem Wach-Schlaf. Als sie Romeo tot neben sich sieht, ergreift sie einen Dolch und tötet sich.

6 Photos: Applaus, in der Mitte Polina Semionova und Ivan Zeytsev, „Romeo und Julia“ © Holger Jacobs

Kritik

Seit dem Beginn der Intendanz von Ballettchef Nacho Duato 2014 habe ich drei seiner Inszenierungen gesehen (siehe oben). Wobei mir „Vielfältigkeit…“ am besten gefallen hat. Schade nur, dass fast alle diese Produktionen Arbeiten sind, die Nacho Duato bereits zu früheren Zeiten seines Künstler-Lebens einstudiert hat (besonders viele davon in seiner Zeit als Ballettchef beim Staatsballett in Madrid in den 90er Jahren). Man könnte dadurch den Eindruck gewinnen, dass ihm im vorgerügten Alter nichts mehr einfällt und er seine beste Zeit hinter sich hat. Überhaupt ist sein ganzer Stil der Tanzepoche der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts zugewandt. Merce Cunningham, Jiri Kylian, Maurice Béjart waren die Heroen des klassischen Balletts zu jener Zeit. Und genau dahinein passt auch Nacho Duato. Dabei sind seine „moderneren“ Arbeiten wie z.B. „Vielfältigkeit…“durchaus interessant. Aber eine Choreographie wie „Dornröschen“ wirkt so alt, als würde das Deutsche Theater eine Inszenierung von Gustav Gründgens aus der Zeit vor dem 2. Weltkrieg auf die Bühne bringen. Nacho Duato ist kein Mann des Fortschritts oder der Avantgarde. Eher ein Vertreter des klassischen Tanzstils.

So auch bei „Romeo und Julia“. Bereits bei der Auswahl der Kostüme (Angelina Atlagic) weiß der Zuschauer genau wohin die Reise geht. Die Männer in reichhaltig verzierten Oberteilen und engen Strumpfhosen, in denen man Knack-Po-Po und Gemächt bis aufs Detail erkennen kann. Die Damen in engen Oberteilen und weiten, langen Röcken, die jede Bewegung schwungvoll mitmachen. Also ganz das klassische Ballett. Einzig der Verzicht der Damen auf Spitzenschuhe scheint eine Reminiszenz an den heutigen Modern Dance zu sein; Nacho Duato sagte selbst darüber, dass er die Füße der Tänzerinnen mehr „erdbetont“ haben wollte. Auch die Bewegungsabläufe bei den Drehungen und Wendungen sind ganz auf Klassik und Schönheit gehalten. Überhaupt die Schönheit: Es fällt auf, dass es bei Duato keinerlei Brüche gibt, nichts Überraschendes oder auch Ungewöhnliches. Alles ist  – schön!

Deshalb fehlt dem Abend die gewisse Spannung. Erst nach der Pause, wenn durch die Handlung mehr Dramatik aufkommt, wird auch die Choreographie besser. Besonders die Kampfszenen zwischen Romeo und Tybalt haben mir gefallen. Aber bei der Sterbeszene ist dann alles wieder wie gehabt.

Die Bühne (Jaffar Chalabi) ist sehr mager und zurückhaltend, was nicht schlecht sein muss. Aber besonders spannend wirkt sie auch nicht. Leider spielen viele Szenen am hinteren Rand des Bühnenbildes, einer Art Mauer, so dass das Geschehen häufig zu weit weg erscheint. Wichtige Szenen sollten im Vordergrund spielen, um dem Zuschauer den Ausdruck und die Mimik der Tänzer unmittelbar zu präsentieren.

Die tänzerischen Leistungen des Staatsballets sind ausgezeichnet, kaum dass mir mal ein Fehler aufgefallen wäre. Und besonders die beiden Haupttänzer, Ivan Zeytsev als Romeo und Polina Semionova als Julia sind wunderbar. Diese weichen und fließenden Bewegungsabläufe bei Polina Semionova, die dennoch immer ganz präzise und genau ausgeführt werden, lassen sie im wahrsten Sinne wie schwebend erscheinen – besser geht’s nicht. Beide haben diese Rollen aber auch schon in derselben Choreographie von Nacho Duato in St. Petersburg getanzt.

Bleibt also die Musik. Und die ist mehr als prachtvoll. Wenn die Titelmelodie von Prokofjews „Romeo und Julia“ mit dem dramatischen „di, di, di……da, da, da“ (leider kann ich es Euch nicht vorsingen) erklingt, kann der Zuhörer schon mal Gänsehaut bekommen. Zumindest ging es mir so.

Ein Abend für Liebhaber des klassischen Balletts und der aufregenden Musik von Prokofjew.

„Romeo und Julia“ von Sergei Prokofjew
Staatsoper Unter den Linden

Musik. Leitung: Paul Connelly, Choreographie: Nacho Duato, Bühne: Jaffar Chalabi, Kostüme: Angelina Atlagic
Mit: Polina Semionova (Julia) und Ivan Zaytsev als Romeo und den Solisten und Corps de Ballet des Staatsballetts Berlin.

Nächste Vorstellungen: 5., 13., 26. Mai und 12., 20. und 23. Juni 2018

8 Photos: Romeo und Julia von Sergei Prokofiev mit dem Staatsballett Berlin © Fernando Marcos

english text

Romeo and Juliet – Staatsballett Berlin
By Holger Jacobs
04/30/2018
One of the last premieres of outgoing ballet director Nacho Duato
Background 1
After only 4 years Nacho Duato will retire as director of the Staatsballett Berlin. In 2015 he staged the ballet Dornröschen, kultur24 reported, and then in 2015 „Vielfältigkeit. Forms of silence and emptiness „(kultur24 reported), in early 2016 then the controversial work“ Herrumbre „on torture (kultur24 reported) and“ The Nutcracker „. 2017 then „Static Time and Earth“. The finale will be on May 25, 2018 with the choreography „Por vos Muero“ with Spanish music of the 15th and 16th centuries during a joint evening with the choreographers Gentian Doda and Marco Goecke in the Komische Oper Berlin.
Background 2
The music for the ballet „Romeo and Juliet“ by Serge Prokovieff is certainly one of the composer’s most powerful works. Written in 1935 as an assignment for the Bolshoi Theater in Moscow, it was only premiered in Brno in 1938 (then Czechoslovakia). The ballet pretty much follows the plot of the eponymous play by William Shakespeare. Therefore, it is also quite long for a ballet work with 120 minutes duration. The music is a great challenge for orchestra and dancers.
Story
Verona in the 17th century. The two big Italian families of the Montagues and the Capulets are hostile towards each other. Julia Capulet and Romeo Montague fell in love on a ball at the Capulets. Secretly, without the consent of the parents, they let themselves be married by Father Lorenzo. But at a meeting of Mercutio from the clan of Montague and Tybalt of the Capulets, Mercutio is killed by Tybalt. Romeo comes and avenges his friend by killing Tybalt as well. Then Romeo is exiled. Julia is now to marry a friend of the family, Paris. But she refuses and gets a dose of poison from Father Lorenzo that makes her look like dead. When Romeo hears of the alleged suicide, he rushes from his exile to Juliet’s grave. Out of despair over her death, he now takes poison himself but deadly. As soon as he slumps down, Julia awakens from her wakeful sleep. When she sees Romeo dead next to her, she grabs a knife and kills herself.

Critics
Since the beginning of the directorial position of ballet director Nacho Duato in 2014, I have seen three of his productions (see above). Where I like „Diversity …“ the best. It is a pity that almost all of these productions are works rehearsed by Nacho Duato earlier in his artistic life (most of them in his time as a ballet director at the Madrid State Ballet in the 90s). One could get the impression that he does not have new ideas when he is older and that he has his best time behind him. In general, his whole style is dedicated to the dance era of the second half of the 20th century. Merce Cunningham, Jiri Kylian and Maurice Béjart were the heroes of classical ballet at the time. And that’s exactly what Nacho Duato fits in with. His „more modern“ works, such as „Diversity …“ are quite interesting. But a choreography like „Dornröschen“ („Sleeping Beauty“) looks as old as if the German Theater put on stage a production of Gustav Gründgens from the time before the Second World War. Nacho Duato is not a man of progress or avant-garde. Rather a representative of the classical dance style.
So also with „Romeo and Juliet“.
Already with the choice of the costumes (Angelina Atlagic) the spectator knows exactly where the journey goes. The men in richly decorated tops and tights, where you can see the botty and male genitalia down to the last detail. The ladies in tight tops and wide, long skirts that make every movement lively. Only the renunciation of the ladies on pointe shoes seems to be a reminiscence of today’s modern dance; Nacho Duato himself said that he wanted the feet of the dancers more earthy. The movements in the twists and turns are kept entirely on classic and beauty. The beauty at all: It is striking that there are no „breaks“ for Duato, nothing surprising or unusual. Everything is nice!
Therefore the evening lacks a certain tension. Only in the second part, when the plot is more drama, the choreography is better. I particularly liked the fight scenes between Romeo and Tybalt. But everything is back to normal in the mortality scene.
The stage (Jaffar Chalabi) is very minimal, which does not have to be bad. But it does not seem particularly exciting. Unfortunately, many scenes play at the back of the set, a kind of wall, so that the event often seems too far away. Important scenes should play in the foreground in order to present the dancers‘ body expressions and facial expressions directly to the viewer.
The dancing performances of the state ballet are excellent, hardly that I once noticed a mistake. And especially the two main dancers, Ivan Zeytsev as Romeo and Polina Semionova as Julia are wonderful. These smooth and flowing movements with Polina Semionova, which are nevertheless always carried out precisely, make them literally seem to float – it could not be better. Both have danced these roles in the same choreography by Nacho Duato in St. Petersburg.
What’s about the music? That is more than magnificent. If the theme tune of Prokofiev’s „Romeo and Juliet“ sounds with the dramatic „di, di, di …… da da da da“ (unfortunately I can not sing it to you), the audience can get goosebumps. At least that’s how it was for me.
An evening for lovers of classical ballet and the exciting music of Prokofiev.
„Romeo and Juliet“ by Sergei Prokofiev
State Opera Unter den Linden
Music. Conductor: Paul Connelly, Choreography: Nacho Duato, Stage: Jaffar Chalabi, Costumes: Angelina Atlagic
With: Polina Semionova (Julia) and Ivan Zaytsev as Romeo and the soloists and Corps de Ballet of the Staatsballett Berlin.
Next performances: 5, 13, 26 May and 12, 20 and 23 June 2018

 

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

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