Salome in der Deutschen Oper Berlin

Salome - Franz von Stuck - Lenbachhaus München

Salome in der Deutschen Oper Berlin

Ein Schleiertanz ohne Schleier

 

Von Holger Jacobs

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28.1.2016

 

 

Die Entstehung:

Es ist die Zeit von Jesus Christus, 28 Jahre nach seiner Geburt. Herodes Antipas ist von 4 v. Chr. bis 39 n. Chr. Tetrach (Herrscher über einer römischen Provinz) von Galiäa (gehört heute zu Israel, ca. 100 km von Jerusalem entfernt). Obwohl bereits verheiratet verliebt sich Herodes in seine Schwägerin Herodias und, nachdem sich beide von ihren jeweiligen Ehepartnern haben scheiden lassen, heiraten sie. Salome ist die Tochter aus erster Ehe seiner Frau Herodias – also seine Stieftochter.

Zur selben Zeit verkündet der jüdische Wanderprediger Johannes der Täufer (auf Hebräisch: Jochanaan) die Heilsbotschaft Jesu und verurteilt öffentlich den doppelten Ehebruch von Herodes und Herodias. Er wird daraufhin verhaftet und eingekerkert.

Der Legende nach soll Herodias den Kopf des Johannes gefordert haben. Als ihr Mann dies verweigert, lässt sie ihre Tochter Salome einen Schleiertanz aufführen, der Herodes so entzückt, dass er ihr alles verspricht, was sie will. Sie verlangt, wie von ihrer Mutter geheißen, den Kopf des Johannes. Aber wie gesagt, dass ist nur eine Legende. Der glaubhafte römische Schreiber Flavius erzählt, dass Herodes den Johannes vielmehr aus politischen Gründen hat hinrichten lassen.

Jetzt machen wir einen Sprung zu Oscar Wilde. Dieser unglaublich faszinierende Mann lebte im ausgehenden 19. Jahrhundert und war für seine Intelligenz, seinen Witz und sein außergewöhnliches Erscheinungsbild bekannt. Er schrieb den Roman „Das Bildnis des Dorian Grey“ und mehere Dramen, so auch 1891 „Salome“. Dieses Stück war so erotisch freizügig angelegt, dass es sofort unter die Zensur fiel und nicht gedruckt werden durfte. Erst 1894 gelang in Paris die Uraufführung mit der damals wohl populärsten und attraktivsten Schauspielerin ihrer Generation, Sarah Bernard.

Und nun kommen wir zum Wesentlichen: Bei dem Stück Salome geht es um Sinnlichkeit und Erotik oder schlicht ausgedrückt, um Sexualität.

Oscar Wilde, der Bonvivant, lebte das Leben eines Ästheten. Er sprach gewand, er kleidete sich betont auffällig und sein erotisches Interesse galt Frauen und Männern zu gleichen Teilen. Er war großer Anhänger der „Renaissance of Art“ in England und später der „Décadence“ in Paris. Diese beiden gesellschaftlichen Bewegungen entsprachen nicht nur einer Stilrichtung sondern einer Lebenseinstellung. Dazu gehörte z.B. auch die so genannte „Femme Fatale“, die in dieser Zeit zum ersten Mal in Erscheinung trat. Sie gehörte zu einem neuen Selbstbewusstsein der Frau in der Zeit der „Belle Epoque“ in Frankreich. Die Geschichte um „Salome“, einer Frau, die ihre Reize kennt und sie auch geschickt einzusetzen vermag, lag also genau im Trend der Zeit. Wilde überspitzte die Geschichte noch, indem er Salome das größte sexuelle Glücksgefühl in dem Augenblick zukommen lässt, wenn sie dem toten Johannes auf den Mund küsst. Für manche Gemüter etwas pervers…

Ein Freund von Richard Strauss erzählte ihm von Oscar Wildes Stück und nach intensiver Lektüre machte er sich der Meister an das Libretto und die Komposition. Romantische Klänge eines Richard Wagners weit hinter sich lassend, baute er Dissonanzen und aufwühlende Stimmungsschwankungen ein, die Anfang des 20. Jahrhunderts noch völlig neu waren. Die Uraufführung war am 20. April 1905 in Dresden.

Kritik:

Nun die große Frage: Was macht der Regisseur Claus Guth aus diesem außergewöhnlichen Musikstück? Tja, das Premierenpublikum konnte er nicht überzeugen, es wurde laut gebuht, aber es gab auch Beifall für die Sänger und das Orchester.

Claus Guth versetzt das Stück in das Deutschland der 50er Jahre. Zunächst sieht man in den ersten drei Szenen (vier insgesamt) nur marionettenhafte Figuren im Halbdunkel. Einzig Salome ist einigermaßen beleuchtet. Die wie Zombies agierenden und sich bewegenden Figuren sollen (so wurde mir später erzählt) Puppen der spielenden Salome darstellen. Denn neben der Hauptdarstellerin agieren auch 6 weitere „Salomes“ als Kinder in verschiedenen Lebensphasen auf der Bühne. Alle gleich gekleidet und gleich frisiert. Der eigentlich aus einer Zisterne, bzw. Verließ sprechende Jochanaan wühlt sich bei Guth halbnackt aus einem Kleiderhaufen, während Salome ihn anschmachtet, welch schöne Haut und Gestalt er doch hätte. Da der Sänger des Jochanaan, Michael Volle, zwar eine tolle Stimme aber nicht unbedingt den Körper eines Adonis hat, wirkt das ein bisschen lächerlich. In der vierten Szene dann öffnen sich die Scheinwerfer-Schleusen und die ganze Szenerie ist zu sehen. Es handelt sich um ein gehobenes Herrenbekleidungsgeschäft…

Die neben der eigentlichen Salome (gut: Catherine Naglestad) auftretenden  6 weiteren jungen Salomes in verschiedenen Altern und Größen sollen den langjährigen Missbrauch des Stiefvaters Herodes (Burkhard Ulrich) an seiner Stieftochter darstellen (wurde mir später gesagt).

Was mir gefehlt hat ist die Sinnlichkeit und prickelnde Erotik, die sowohl Oscar Wilde als auch Richard Strauss vorgesehen hatten. Und der berühmte Tanz der sieben Schleier ist bei Guth nichts anderes als ein Hin-und-Her-Gelaufe der sechs Mädels und der eigentlichen Salome. Dabei nimmt dieser Teil fast 10 Minuten der Partitur in Anspruch. Hier hätte ich also mehr erwartet. So, wie z.B. der berühmte Münchner Maler Franz von Stuck sich die Szene in seinem Bild „Salome“ von 1906 vorgestellt hat (siehe Titelbild). Schade, denn das sich Claus Guth auch auf Erotik versteht haben wir bei seiner Inszenierung der Benjamin Britten Oper „The Turn of the Screw 2014 in der Staatsoper erlebt.

Im Gegensatz dazu wirklich tolle Sängerinnen und Sänger und ein wunderbares Orchester unter der Leitung von Dirigent Alain Altinoglu. Seht dazu auch unser Video auf KULTUR24 TV

Nächste Vorstellungen: 29. Januar , 3. Februar, 6. Februar, 2. April, 6. April 2016

17 Photos: Salome – Deutsche Oper Berlin 2016 © Holger Jacobs

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

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