Salzburger Festspiele – La Clemenza di Tito

La Clemenza di Tito - Salzburger Festspiele © Ruth Walz

Salzburger Festspiele – La Clemenza di Tito

 

Von Dr. Andrea Claussen

4.7.2017

Wolfgang Amadeus Mozarts „La clemeza di Tito“ ganz im Zeichen der „Macht der Vergebung“ – meisterhaft inszeniert von Peter Sellars, atemberaubend zart, dynamisch und emotional dirigiert von Teodor Currentzis und ein traumhafter Start für den neuen Intendanten Markus Hinterhäuser.

Schlussapplaus der Premiere von La Clemenza di Tito, v.l.n.r. Teodor Currentzis, Peter Sellars, Marianne Crebassa, Willard White, Foto: Franz Neumayr

Kennen Sie das Gefühl, Sie erleben eine Inszenierung und haben das Gefühl, dass Sie gerade etwas ganz „Großes“ erleben? „La Clemenza di Tito“ berührt tief und könnte Operngeschichte schreiben.

Handlung

Die Geschichte handelt vom römischen Kaiser Titus, der von Regisseur Peter Sellars in die aktuelle Zeit “gebeamt“ wird und als afrikanischer Regierungschef mit Entourage überzeugend „Nelson-Mandela-esk“ verkörpert wird vom amerikanischen Tenor Russel Thomas.
Titus entsagt seiner Liebe zu Königin Berenice, da diese Liebe nicht kompatibel ist mit der Bereitschaft seines Volkes, eine Ausländerin, eine „Fremde“, als Kaiserin zu akzeptieren. Er entscheidet sich aus Vernunft für die vormals von ihm verschmähte und dadurch gekränkte Vitellia – nachdem seine eigentliche erste Wahl, Sevilia, ihm offenbart, dass sie einen anderen Mann, Titus politischen Vertrauten Annio, liebt. Titus zeigt erstmals seine Güte, indem er Annio und Sevilia nicht straft, sondern ihre Liebe akzeptiert und Vitellia als zukünftige Ehefrau erwählt.

Wir erleben die Ambivalenz der Gefühle der Beteiligten, die ein Attentat auf Titus planen: Vitellia, gesungen von Golda Schultz, ist gekränkt, da Titus vor einiger Zeit die Liebesbeziehung mit ihr beendet hat. Sie will Rache und instrumentalisiert den jungen Sesto, einen Terroranschlag gegen Titus zu vollbringen. Nur kurzfristig veranlasst Vitellia einen zeitlichen Aufschub des Attentats, da Titus sie, Vitellia, zu seiner Kaiserin machen möchte. Vitellia singt: „Keine Seele ist zerrissener als meine“. Sie will Titus´ Tod, und der Fels im Hintergrund der Szene verfärbt sich rot, blutrot. Und immer wieder untermalt das Lichtdesign von James F. Ingalls die Emotionen in der Musik.

„La Clemenza di Tito“, Golda Schulz (Vitella) und Marianne Crebassa (Sesto), Salzburger Festspiele, Foto: Ruth Walz

Kritik

Regisseur Peter Sellars wirft das Publikum bereits in der ersten Minute in das brandaktuelle „Flüchtlingsthema“ hinein und macht uns Zuschauern auf unseren Sitzen in feiner Abendgarderobe in der besonderen magischen Atmosphäre der Felsenreitschule, sonnenklar: die Flüchtlinge, geflohen aus zerschossenen Wohngebieten, perfekt stilisiert dargestellt von Bühnenbildner George Tsypin, sind nun mitten unter uns – zwar erst hinter einer provisorischen Absperrung. Und dann lässt Titus die Flüchtlinge frei und es folgt der erste (von mehreren) Gänsehautmomenten im Laufe der nächsten 2 ½ Stunden dieser Aufführung: der Chor der Flüchtlinge singt vom Zuschauerraum aus, lobpreisend zu Gott – mitten unter uns – sehr nah – und nicht jedem Zuschauer im Raum scheint diese Nähe wirklich angenehm zu sein.

Diese Salzburger Mozartoper ist geprägt von weiteren Momenten der Nähe, von besonderen, fast intimen Momenten, dem absoluten musikalischen Highlight des Abends, einem Duett zwischen Sesto, gesungen von der herausragenden Marianne Crebassa, und dem (namenlosen) Orchester-Klarinettisten, der nun nicht mehr im Orchester spielt, sondern oben auf der Bühne mit-spielt. Ein Duett der puren Zartheit und Sensibilität und Rattenfänger-artigen Verführung mit psychologisch ausgeklügelten Körperpositionen und –Konstellationen des Musikers und der Sängerin: Liegen, Stehen, Knien, nah und fern sein – fast ein musikalisches „Embodiment“ einer psychologischen unabwendbaren Verwandlung: Sesto wird während dieses besonderen Dialogs den endgültigen Entschluss zum Terrorakt beschließen.

Ein meisterlicher Regieeinfall von Peter Sellars, der mit anschließendem tosenden Szenenapplaus belohnt wird. Sesto, wird zum Bombenbastler – und mit seinen Gefährten, zum Sprengstoff-Attentäter. Das Publikum wird Zeuge des Herstellung der Bomben, des Sprengstoffgürtels von Sesto und der Positionierung der Rucksäcke im Kapitol. Titus wird bei dem Anschlag lebensgefährlich verletzt. Es gibt keinen lauten Knall zu hören. Das Publikum wird nicht minder davon berührt. Der Chor und die Sänger winden sich in einem kollektiven Schmerz.

Zweiter Akt: Die Flüchtlinge auf der Bühne errichten während der Pause eine Gedenkstätte für die Opfer des Attentats, ein Meer aus Kerzen, Blumen und Gedenk-Fotos der Opfer. Es könnte in Nizza sein, oder in Berlin, Madrid oder London. Eine lange Stille erfolgt. Der schwerverletzte Titus kämpft auf dem Krankenbett um sein Leben. Der Chor bewegt sich in einem eurythmie-artigen Tanz um Titus und um den verhafteten und zum Tode verurteilten Sesto.

Nun gilt es für Titus nur noch das Todesurteil zu unterschreiben. Er wird es nicht tun. Er vergibt. Er vergibt auch Vitellia, die ihre Anstiftung zur Tat zugibt. Am Ende wird Sesto von den Fesseln befreit, während Titus sich die Infusionsschläuche selbst entfernt, wie als würde auch er sich von Fesseln befreien, um dann zu sterben.

La Clemenza (=die Milde/Güte) des Tito ist der Stoff dieser 1791 in Prag zu den Krönungsfeierlichkeiten des österreichischen Kaisers Leopold II. uraufgeführten Opern Mozarts. Die Analogie der Titusgeschichte soll das Ideal eines gerechten und gütigen Kaisers aufzeigen, dessen Verantwortung es ist, Gutes für sein Volk zu tun. Titus singt, dass er lieber auf sein Reich verzichten möchte, als dass sich sein Herz „verhärte“. Titus sieht sich als Verfechter der Milde und der Vergebung – so wie einst Nelson Mandela den Aufbau der „Rainbow-nation“ durch das Verzeihen und damit das Unterlassen von Gewalt an der weißen Bevölkerung vollbracht hat.

Absolut sehenswert!

Weitere Aufführungen während der Salzburger Festspiele 2017 in der Felsenreitschule:
Freitag, 4. August, Sonntag, 13. August, Donnerstag, 17. August, Samstag, 19. August, Montag, 21. August

Opera seria in zwei Akten KV 621 (1791)
Libretto von Caterino Tommaso Mazzolà nach dem gleichnamigen Libretto (1734) von Pietro Metastasio
Neuinszenierung in italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln
Koproduktion mit der Dutch National Opera, Amsterdam, und der Deutschen Oper Berlin

Teodor Currentzis, Musikalische Leitung
Peter Sellars, Regie
George Tsypin, Bühne
Robby Duiveman, Kostüme
James F. Ingalls, Licht
Antonio Cuenca Ruiz, Dramaturgie

Mit:

Russell Thomas, Tito Vespasiano
Golda Schultz, Vitellia
Christina Gansch, Servilia
Marianne Crebassa, Sesto
Jeanine De Bique, Annio
Willard White, Publio

12 Bilder: Marianne Crebassa (Sesto), „La Clemenza di Tito“, Salzburger Festspiele, Foto: Ruth Walz

 

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist