Sasha Waltz in der Elbphilharmonie

Sasha Waltz & Guests in der Elbphilharmonie © Holger Jacobs

Sasha Waltz in der Elbphilharmonie

 

Von Noemi Matsutani

4.1.2017

🙂 🙂 🙂 (drei von fünf)

Liebe Kulturfreunde,

unsere neue Autorin Noemi Matsutani berichtet heute für uns von der außergewöhnlichen Premiere der Vorführung der Tanzkompanie von Sascha Waltz & Guests in der Elbphilharmonie in Hamburg am 1. Januar 2017 (Holger Jacobs, Herausgeber).

Figure Humaine« – Erkundung der Elbphilharmonie-Foyers

„Ein neues Jahr, ein neuer Raum, ein neuer Anfang, eine neue Freiheit“ – so beschreibt die mehrfach preisgekrönte Choreographin Sasha Waltz ihr fulminantes Programm „Figure Humane“, mit dem sie vom 1. bis 4. Januar 2017 in der Hamburger Elbphilharmonie zu einer choreographischen und musikalischen Raumerkundung der Foyers einlädt. Noch vor den offiziellen Eröffnungskonzerten der Elbphilharmonie am 11. und 12. Januar 2017. Eine Inauguration vor der Eröffnung des neuen Wahrzeichens Hamburgs, das lange als größtes Baudebakel, als Chaosprojekt und Millionengrab galt.

Und so strömt am ersten Tag des Neuen Jahres das Publikum in die Foyers der Elbphilharmonie, um dabei zu sein bei der choreographischen und musikalischen Raumerkundung der Berliner Starchoreographin Sasha Waltz, die ihr Programm „Figure Humaine“ („Menschliches Antlitz“) nennt, nach einem von Francis Poulenc vertonten Gedicht von Paul Éluard.

Sasha Waltz ist für ihre Choreographien international gefeiert. Sie gehört zu den führenden Vertretern des zeitgenössischen Tanzes und gilt als „aufregendste Erneuerin des Tanztheaters seit Pina Bausch“. Mit „Figure Humaine“ folgt sie ganz der Tradition ihrer berühmten „Dialoge“-Reihe, die laut Waltz „eine Schnittstelle von Tanz, Musik und Architektur“ darstellen, „intensive Begegnungen zwischen Musikern, Architekten, Tänzern, Choreographen in jeweils sehr spezifischen Räumen, im Mittelpunkt steht immer der freie Geist und die Lust am Experiment.“ Damit hat sie unter anderem schon das Neue Museum in Berlin und das MAXXI Museum in Rom eröffnet. Und nun die Elbphilharmonie in Hamburg.

36 Tänzer ihres Ensembles Sasha Waltz & Guests hat sie in die Hansestadt mitgebracht, dazu den Vocalconsort Berlin, die Mezzosopranistin Luciana Mancini und neun Musiker, darunter die Geigerin Carolin Widmann, die unter anderem auch ein Stück ihres Bruders Jörg spielte. Jörg Widmann wiederum wird am 17.1.2017 die extra für die Elbphilharmonie geschriebene Oper „Arche“ dort präsentieren.

Der Weg in die Foyers der Elbphilharmonie führt durch die Plaza, einem öffentlich zugänglichen Zwischendeck, mit Ausblick auf den Hafen. Ganz schön kalt und zugig ist es da. Ist wirklich alles so toll hier in diesem neuen Wahrzeichen Hamburg? An den Toilettengriffen klebt noch die Verpackung, so neu ist das Gebäude. Die Zweifel verfliegen, sobald man die Foyers betritt, die Architektur zieht einen sofort in den Bann.

Rund 600 Zuschauer füllen erwartungsvoll die hell erleuchteten Foyers und dann geht es los. Ein zunächst nicht sichtbarer Chor ertönt irgendwo auf der linken Seite, plötzlich ein weiter Chor auf der rechten Seite. Grau und schwarz gekleidete Tänzer, sowie die Sänger schreiten durch die Menge die Foyers entlang und verteilen sich im Raum. Sehr schnell wird klar, dass das nicht ein Abend wird, den man brav an seinem Platz verbringt. Ganz im Gegenteil, man folgt den Musikern, Tänzern und Sängern durch die Räumlichkeiten, über mehrere Stockwerke, um sie dabei zu beobachten, wie sie die Gänge erkunden, sich gegenseitig erkunden und Leben hinein bringen in diese neuen Räume. Und dann wird man selbst zum Erkunder und zum Teil des Ganzen, eigenständig in der Entscheidung, was man gerade sehen oder hören will. Überall gibt es etwas zu entdecken.

Dann plötzlich, zur Freude des Publikums, öffnen sich die Türe zum Großen Saal. Es ist ein architektonisches Meisterwerk und macht Lust auf künftige musikalische Ereignisse hier.

Die Musiker kommen auf die Bühne und performen das Stück „4’33““ von John Cage: 4,33 Minuten Schweigen. Applaus, dem Publikum gefällt es. Die folgende Tanzchoreographie findet auch ohne Musik statt, damit die ersten Töne bei der offiziellen Premiere am 11.1. ertönen können.

Um so wilder wird es dann musikalisch und tänzerisch auf dem Rückweg. Über die Foyergänge und Etagen geht es jetzt wieder nach unten und Musiker und Tänzer spielen und bewegen sich wie in Trance. Ein paar Tänzerinnen sind plötzlich oben ohne und stellen einen Geschlechtsverkehr nach. Warum habe ich nicht genau verstanden. Dafür ist der Ausblick aus den deckenhohen Fenstern der Elbphilharmonie auf die Lichter des nächtlichen Hamburger Hafens grandios. Selbst der Ausblick wird irgendwie teil der Performance.

Schwere Glocken läuten das Ende ein und die Prozession aus Sängern, Tänzern, Musikern und Zuschauern bewegt sich Richtung Ausgang. Ein Chor beendet das Programm, während die Tänzer sich gegenseitig mit Kreide irgendwas auf den Rücken schreiben. Was man mir damit sagen wollte habe ich wieder nicht verstanden. Ist aber auch egal, denn wenn der Abend eine Message hatte, dann das man selber entscheiden und erkunden soll, neugierig und frei und immer offen für einen neuen Blickwinkel.

Ein schönes Motto für ein Neues Jahr.

14 Bilder: Tänzerinnen und Tänzer der Sasha Waltz & Guests Tanzkompanie in der Elbphilharmonie, Foto: Holger Jacobs

Noémi Matsutani

Author: Noémi Matsutani

Schauspielerin

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