Schwanensee an der Deutschen Oper Berlin

Schwanensee - Staatsballett Berlin - Foto: Carlos Quezada

Schwanensee an der Deutschen Oper Berlin

 

Von Holger Jacobs

16.09.2018

english text below

Wiederaufnahme der Produktion von „Schwanensee“ von Peter Tschaikowsky an der Deutschen Oper Berlin

Hintergrund

Mit der neuen Intendanz von Johannes Öhmann und Sasha Waltz (Waltz ab 2019) am Staatsballett Berlin zur Saison 2018/2019 sind insgesamt 22 neue Tänzer*innen gekommen. Das Staatsballett Berlin ist mit 94 Mitgliedern das größte Ballettensemble Europas.

Handlung

Es wird der 21. Geburtstag des Prinzen Siegfried gefeiert. Die verwitwete Königinmutter gibt sich die größte Mühe ihren Sohn zufrieden zu stellen, doch dieser bleibt in einem melancholischen Zustand. Da begegnet ihm draußen am See die Schwanenkönigin Odette. Ihr Anblick und ihre Anmut verzaubern Siegfried und lassen seine Schwermut verfliegen. Odette erzählt ihm, dass sie von dem bösen Zauberer Rotbart in einen Schwan verwandelt wurde und nur erlöst werden kann, wenn jemand ihr ewige Liebe schwört. Siegfried schwört ihr daraufhin ewige Liebe und Treue.
Sein Jugendfreund Benno hat die Szene heimlich verfolgt und erzählt der Königinmutter von Siegfried und dem Schwanenmädchen. Diese ist außer sich vor Eifersucht und organisiert ein Treffen mit heiratswilligen Kandidatinnen für ihren Sohn. Zu dieser Veranstaltung kommt auch Rotbart mit seinem Geschöpf Odile, die der Schwanenkönigin Odette bis aufs Haar gleicht. Siegfried verliebt sich in Odettes Ebenbild und schwört auch ihr ewige Liebe und Treue. Doch dadurch hat er die Schwanenkönigin verraten. Als er dies erkennt läuft er verzweifelt an den See um Odette um Verzeihung zu bitten. Doch es ist bereits zu spät. Als plötzlich Rotbart auftaucht wirft sich Siegfried auf ihn und tötet ihn. Doch damit ist auch Siegfrieds Schicksal besiegelt.

Kritik

Die wohl berühmtesten Handlungsballette, die wir kennen, stammen aus der Feder des russischen Komponisten Peter Tschaikowsky: „Dornröschen“, „Der Nussknacker“ und eben „Schwanensee“, welches am letzten Samstag in der Deutschen Oper Berlin seine Wiederaufnahme feierte.
Die Uraufführung fand am 4. März 1877 im Bolschoi Theater in Moskau statt. Aber weder waren damals die Tänzer auf diese anspruchsvollen Rollen vorbereitet, noch hatten das Theater und die Musiker ausreichend Zeit zu proben. Dementsprechend war die Aufführung ein totaler Flopp. Erst 20 Jahre später, 1895, nahmen sich der Choreograph Marius Petipa und sein Assistent Lew Iwanow am Mariinski-Theater in St. Petersburg der Partitur an. Sie hatten die konzertante Version von „Schwanensee“ gehört und waren von der Musik begeistert. Die gesamte Handlung wurde neu durchdacht und zusammen mit der Choreographie exakt auf die Musik abgestimmt. Doch auch diese Version konnte noch keinen großen Erfolg feiern. Erst als in den späten 30er Jahren des 20. Jahrhunderts Opernhäuser in Westeuropa „Schwanensee“ für sich entdeckten, begann das Interesse. Aber erst nach dem 2. Weltkrieg wurde mit Inszenierungen von George Balanchine in New York (1951), John Cranko in Stuttgart (1963), Rudolf Nurejew in Wien (1964) und John Neumeier in Hamburg (1976) der Weltruhm für dieses wunderbare Ballett von Tschaikowsky begründet.

Auch die jetzige „Schwanensee“ Inszenierung des Staatsballetts Berlin ist bereits über 20 Jahre alt und wurde 1997 von dem Choreographen Maurice Bart nach den Aufzeichnungen von Marius Petipa einstudiert. Er hatte Siegfrieds Beziehungen zur Mutter und zu seinem Jugendfreund Benno deutlicher herausgearbeitet. Seitdem wurden die beiden Hauptpartituren, Siegfried und Odette/ Odile, schon von vielen großartigen Tänzerinnen und Tänzern interpretiert. Das berühmteste Paar in dieser Berliner Inszenierung ist sicher Polina Semionova zusammen mit Vladimir Malakhov im Jahre 2009. Malakhov war damals auch Intendant des Staatsballetts. Zuletzt wurden die Schwanenkönigin von Elena Pris, Krasina Pavlova, Jana Salenko und Ludmilla Komovalova getanzt.

Während es jetzt bei der männlichen Besetzung des Siegfried mit Marian Walter keine Änderung gab, so haben wir mit Yolanda Correa nun eine neue Odette/ Odile.
Die kubanische Tänzerin Yolanda Correa  kommt vom Norwegischen Staatsballett, wo sie über viele Jahre hinweg alle wesentlichen Rollen des klassischen Balletts getanzt hat. So auch seit 2013 die Schwanenkönigin. Das besondere an dieser Figur ist, dass hier eine Tänzerin sowohl das Gute wie auch das Böse darstellen muss. So etwas gelingt nicht jedem, denn es erfordert neben dem Tanz auch hohe darstellerische Fähigkeiten. Yolanda Correa konnte dies mit großer Überzeugung.  Hier als Empfehlung: Unbedingt den Film „Black Swan“ mit Natalie Portman als Odette/ Odile sehen – Portman bekam dafür den Oscar!
Auch Marian Walter ist nach so vielen Jahren immer noch ein technisch guter Siegfried. Denis Vieira als Benno, früher von Murilo de Oliveira getanzt, enttäuschte aber. Großartig dagegen die neue Königin, Aurora Dickie, die Würde und Eleganz einer Herrscherin paarte mit der zerstörerischen Liebe einer Mutter zu ihrem Sohn.

Hier unser Video auf kultur24 TV von der Probe zu „Schwanensee“:

Das schönste Bild des Abends aber ist der Auftakt zur 3. Szene im zweiten Akt, wenn sich 30 Ballerina als weiße Schwäne aus dem Dunst des Nebels erheben. Das hat einen „Wow“ Effekt!
Überhaupt fand ich die Momente mit den Schwänen, angefangen vom berühmten Tanz der vier „Kleinen Schwäne“ (in meinem Video von der Probe seht ihr die vier Tänzerinnen Iana Balova, Luciana Voltovini, Marina Kanno und Yuka Matsomoto es gleich zweimal versuchen…) über das Pas de Deux Odette mit Siegried, bis zu den Massenszenen aller Schwäne gemeinsam, am attraktivsten und auch am besten umgesetzt. Die Feierlichkeiten am Anfang zum 21. Geburtstag dagegen, so wie die Party zur Brautschau für Siegried, waren für meinen Geschmack etwas zu kitschig. Auch das Solo von Siegfried im ersten Akt fehlte es an Raffinesse. Zu viel (Tanz-)Technik und zu wenig Ausdruck. Nur hübsche Sprünge und viele Drehungen reichen heute nicht mehr.

Fazit: So viel Freude dieses wunderbare Ballett von Peter Tschaikowsky auch bietet, es bleibt festzustellen, dass diese Inszenierung von 1997 in die Jahre gekommen ist und es einer Neuinterpretation bedarf. Einer Interpretation des 21. Jahrhunderts!

„Schwanensee“
Deutsche Oper Berlin
Choreographie und Inszenierung: Patrice Bart nach Iwanow und Petipa, Musik: Peter I. Tschaikowsky, Bühne / Kostüme: Luisa Spinatelli, Musikalische Leitung : Alevtina Ioffe, Orchester: Orchester der Deutschen Oper Berlin, Tänzer*innen: Odette/Odile: Yolanda Correa, Prinz Siegfried: Marian Walter, Benno: Olaf Kollmannsperger, Königin: Aurora Dickie, Rotbart: Vahe Martirosyan, die vier „Kleinen Schwäne“: Iana Balova, Luciana Voltovini, Marina Kanno und Yuka Matsomoto und dem Corps de Ballet vom Staatsballett Berlin.

Hier unsere kleine Bilderserie vom großen Applaus am Ende der Vorstellung:

8 Photos: Marian Walter (Siegfried) und Yolanda Correa (Odette/Odile) „Schwanensee“ by Peter Tschaikowsky, Applaus, Foto: Holger Jacobs

english text

Swan Lake at the Deutsche Oper Berlin
By Holger Jacobs
09/16/2018
Resumption of the production of „Swan Lake“ by the Staatsballett Berlin
Background:
With the new directorship of Johannes Öhmann and Sasha Waltz at the Staatsballett Berlin for the 2018/2019 season, a total of 22 new dancers have come. The Staatsballett Berlin is the largest ballet ensemble in Europe with 94 members.
Story of Swan Lake:
It celebrates the 21st birthday of Prince Siegfried. The Widowed Queen Mother is trying hard to please her son, but he remains in a melancholy state. Outside at the lake he meets the swan king Odette. Her sight and grace enchant Siegfried and let his melancholy fly away. Odette tells him that she was turned into a swan by the evil wizard, Redbart, and can only be redeemed if someone swears her eternal love. Siegfried then swears her eternal love and loyalty. His childhood friend Benno secretly followed the scene and told the Queen Mother of Siegfried and the Swan Girl. She is furious with jealousy and organizes a meeting with willing marriages for her son. At this event, Redbart arrives with his creature Odile, which is the Swan Queen Odette similar to the hair. Siegfried falls in love with Odette’s image and also swears her eternal love and loyalty. But he has betrayed the swan queen. When he realizes that, he runs desperately to the lake to ask Odette for forgiveness. But it is already too late. When suddenly Rotbart shows up, Siegfried throws himself on him and kills him. But that is also Siegfried’s fate sealed.

Criticis
Probably the most famous action ballet we know comes from the pen of the Russian composer Peter Tchaikovsky: „Sleeping Beauty“, „The Nutcracker“ and „Swan Lake“, which celebrated its resumption last Saturday at the Deutsche Oper Berlin. The premiere took place on 4 March 1877 in the Bolshoi Theater in Moscow. But neither were the dancers prepared for these demanding roles at that time, nor did the theater and the musicians have enough time to rehearse. Accordingly, the premiere of that time was a total flop. Only 20 years later, in 1895, the choreographer Marius Petipa and his assistant Lew Ivanov took on the score at the Mariinsky Theater in St. Petersburg. They had heard the concert version of „Swan Lake“ and loved the music. The entire plot was rethought and matched with the choreography exactly to the music. But even this version could celebrate no great success. Only when opera houses in Western Europe discovered „Swan Lake“ in the late 1930s, interest began. But it was only after World War II that George Balanchine’s performances in New York (1951), John Cranko in Stuttgart (1963), Rudolf Nurejew in Vienna (1964), and John Neumeier in Hamburg (1976) earned world fame for this wonderful ballet by Tchaikovsky.
The present „Swan Lake“ production of the Staatsballett Berlin is already over 20 years old and was rehearsed in 1997 by the choreographer Maurice Bart according to the notes of Marius Petipa. He had made clearer Siegfried’s relations with his mother and his boyhood friend Benno. Since then, the two main scores, Siegfried and Odette / Odile, have been interpreted by many great dancers. The most famous couple in this Berlin production is certainly Polina Semionova together with Vladimir Malakhov in 2009. At the time, Malakhov was also the director of the Staatsballett. Most recently, the Swan Queen was danced by Elena Pris, Krasina Pavlova, Jana Salenko and Ludmilla Komovalova.

While there was no change in the male cast of the Siegfried with Marian Walter, we now have a new Odette / Odile with Yolanda Correa.
The Cuban dancer Yolanda Correa comes from the Norwegian State Ballet, where she danced for many years all the essential roles of classical ballet. So too since 2013, the swan queen. The special feature of this figure is that here a dancer must represent both good and evil. This is something that not everyone can do, because in addition to dance, it also requires high acting skills. Yolanda Correa could do so with great conviction. Here’s a recommendation: Definitely see the movie „Black Swan“ with Natalie Portman as Odette / Odile – Portman got the Oscar for it! Even Marian Walter is still a technically good Siegfried after so many years. Denis Vieira as Benno, formerly danced by Murilo de Oliveira, but disappointed. In contrast, the new queen, Aurora Dickie, the dignity and elegance of a ruler, coupled with the destructive love of a mother to her son.
The most beautiful picture of the evening, however, is the prelude to the third scene in the second act, when 30 ballerina rise as white swans from the mist of the mist. This has a „wow“ effect! In general, I found the moments with the swans, starting with the famous dance of the four „Little Swans“ (in my video of the rehearsal you see the four dancers Iana Balova, Luciana Voltovini, Marina Kanno and Yuka Matsomoto try it twice …) on the Pas de Deux Odette with Siegried, up to the mass scenes of all swans together, most attractive and also best implemented. The celebrations at the beginning of the 21st Birthday, however, as the party for bridal show for Siegried were a bit too cheesy for my taste. Also, the solo by Siegfried in the first act lacked refinement. Too much (dance) technique and too little expression. Only nice jumps and many turns are not enough today.
Conclusion: As much joy as this wonderful ballet by Peter Tschaikowsky also offers, it remains to be noted that this staging has come from 1997 in the years and it absolutely requires a reinterpretation. An interpretation of the 21st century.
Choreography and staging: Patrice Bart after Ivanov and Petipa, music: Peter I. Tschaikowsky, stage / costumes: Luisa Spinatelli, musical direction: Alevtina Ioffe, orchestra: Orchestra of the Deutsche Oper Berlin. Dancers: Odette / Odile: Yolanda Correa, Prince Siegfried: Marian Walter, Benno: Olaf Kollmannsperger, Queen: Aurora Dickie, Redbeard: Vahe Martirosyan, the four „Little Swans“: Iana Balova, Luciana Voltovini, Marina Kanno, Yuka Matsomoto and the Corps de Ballet of the Staatsballett Berlin

 

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

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