Sexismus Debatte – die ersten Bilder werden abgehängt

John William Waterhouse - Halas and the Nymphe - 1896 © Manchester Art Gallery

Sexismus Debatte – die ersten Bilder werden abgehängt

 

Von Holger Jacobs

3.2.2018

english text below

Die Manchester Art Gallery verbannte letzte Woche ein Bild mit nackten Nymphen aus ihren Ausstellungsräumen

Als in der vergangenen Woche bekannt wurde, dass die Manchester Art Gallery ein Bild abgehängt hat, weil deren freizügige Darstellung von Frauen nicht mehr in unsere Zeit passen würde, war die Aufregung groß.

Wo wird uns die Sexismus Debatte noch hinführen? Wird es bald eine Zensur geben, die festlegt, was moralisch noch vertretbar ist und was nicht? Die Anschuldigungen an Männer nehmen zu, bekannte Persönlichkeiten fallen wie die Fliegen. Zuletzt traf es den langjährigen Trainer der englischen Fußball Nationalmannschaft der Frauen, Mark Simpson, danach den langjährigen Teamarzt der olympischen Turnmannschaft der USA, Larry Nasser (soll in 10 Jahren über 100 minderjährige Turnerinnen sexuell missbraucht haben) und zuletzt den deutschen Regisseur Dieter Wedel. Es ist damit zu rechnen, dass weitere Fälle bekannt werden. Nach den Enthüllungen der Missbrauchsvorwürfe gegen den Filmproduzenten Larry Weinstein im letzten Sommer war der Schauspieler Kevin Spacey wohl der prominenteste Fall. Er wurde sogar nachträglich aus dem schon fertigen Film „Alles Geld dieser Welt“ (Regie: Ridley Scott) herausgeschnitten und alle seine Spielszenen durch einen anderen Schauspieler, Christopher Plummer, ersetzt.

Die Aufdeckung von sexuellem Missbrauch und die Zensur von künstlerischen Werken sind auf jeden Fall zweierlei Dinge.

Schon am 6. November 2017 fragte hier auf kultur24 die RBB Redakteurin Maria Ossowski, ob man denn die Filme von Woody Allen und Roman Polanski noch schauen dürfe nach deren Missbrauch von jungen Mädchen? Aber man müsste wohl die Hälfte der Literatur, Filme und Kunstwerke aus Theatern, Bibliotheken und Museen verbannen, wenn man die künstlerischen Arbeiten nach der Lebensweise ihrer Autoren beurteilen wollte.

Kurz vor Weihnachten wurde in New York durch eine Petition mit 10.000 Unterschriften dazu aufgerufen, das berühmte Bild „Thérèse, revant“ des französischen Malers Balthus aus den Ausstellungsräumen zu entfernen. Auf dem Bild sieht man das Mädchen Thérèse Blanchard, die Balthus im Alter von 14 in seinem Haus malte. Zum Glück wurde die Petition zurückgewiesen, das Bild ist immer noch zu sehen.

Neben der wirklich wichtigen Aufarbeitung männlichen Fehlverhaltens gegenüber Frauen, Unterdrückung und Ausspielen von Machtpositionen egal in welcher Branche, ist aber auch ein anderes Phänomen zu beobachten: Die Neubeurteilung des Sexuellen in der Kunst.

Ich erinnere mich noch daran, wie Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre eine Welle der sexuellen Befreiung begann. Raus aus der gesellschaftlicher Enge, raus aus Bigotterie und Unterdrückung von Lust und Begierde. Frauen wollten als sexuelle Wesen wahr genommen werden, selber entscheiden, mit wem sie das Bett teilen, auch ohne Trauschein. Mary Quant erfand den Minirock, auf Rockfestivals zogen die Mädchen ihre Oberteile aus und im englischen Garten sonnten sich die Studenten nackt im englischen Garten. Diese Entwicklung war auch in den Medien zu beobachten. Helmut Newton zeigte in der Modezeitschrift VOGUE nackte Models, die Zeitschrift TWEN feierte den englischen Fotografen David Hamilton mit seinen Aktaufnahmen von minderjährigen Mädchen und das Magazin STERN übertrumpfte sich mit immer erotischeren Titelfotos (was einmal sogar zu einer Anzeige der Frauenrechtlerin Alice Schwarzer führte). Überall wurde die Erotik und die Sinnlichkeit gefeiert.

Zeitschrift TWEN von 1969 mit Uschi Oberbayer auf dem Titelbild

Anfang der 80er Jahre gab es plötzlich einen politischen Rechtsruck. In London herrschte jetzt die konservative Maggie Thatscher, in Bonn wurde Helmut Kohl zum deutschen Kanzler gewählt und in den USA kam Ronald Reagan an die Macht. Das swinging London gab es plötzlich nicht mehr, zukünftig ging es in der London City nur noch um Geld und Finanzen. Auch die Flower-Power Bewegung der Blumenkinder von San Francisco war endgültig vorbei.

Dann, Ende der 90er Jahre, Anfang der 2000er, kamen plötzlich Enthüllungen über Missbrauch von Minderjährigen an Schulen und in kirchlichen Einrichtungen. Hier in Deutschland insbesondere an der Odenwaldschule. Und weltweit in Einrichtungen der Katholischen Kirche. Hinzu kommen bis heute fast wöchentliche Meldungen über Pädophilenringe im Internet. Diese furchtbaren Vorfälle hat die Gesellschaft für das Thema Sex mit Minderjährigen sensibilisiert.

Die Enthüllungen über die sexuellen Machenschaften in der amerikanischen Filmindustrie (und nicht nur dort) hat, zusammen mit der Sensibilisierung für das Thema Pädophilie dazu gesorgt, dass sich jetzt viele fragen, was die Künstler der vergangenen Epochen, die häufig mit Minderjährigen gearbeitet haben, eigentlich mit ihren Modellen so getrieben haben? Angefangen von Leonardo da Vinci, der es mit jungen Knaben getrieben haben soll, über Egon Schiele, der deswegen sogar ein paar Tage im Knast saß, bis Ernst Ludwig Kirchner, der mit seinen Brücke-Freunden Heckel und Schmidt-Rottluff regelmäßig zu den Moritzburger Teichen aufbrach, begleitet von Fränzi und Marcella, zwei Mädchen zwischen 8 und 12 Jahren. Übrigens soll es Bilder von Kirchner geben, die der Öffentlichkeit als speziellen Gründen bis heute nicht zur Verfügung gestellt werden. Nur ein Gerücht?

Und eben John William Waterhouse, dessen Bild „Halas und die Nymphen“ gerade in Manchester abgehängt wurde. Laut der Kuratorin des Museums, Clare Gannaway, nur deswegen, weil sie damit eine Debatte über Sexismus in der Kunst anstoßen wolle. Ach ja? Das Bild hing in einem Raum mit der Bezeichnung „In the Pursuit of Beauty“. Die Postkarten von dem Bild im Museumshop wurden auch bereits entfernt…

Meine Meinung: Sexueller Missbrauch ist auf keinen Fall zu akzeptieren, doch den Künstlern sollte man die Freiheit geben, die sie zum Arbeiten brauchen. Solange kein anderer dabei zu Schaden kommt.

13 Photos: BALTHUS, „Therese au Chat“, 1938 © The Metropolitan Museum ofArt

 

The Sexism Debate
By Holger Jacobs
03/02/2018
The Manchester Art Gallery banned a picture of naked nymphs from their showrooms last week.
When it became known that last week the Manchester Art Gallery had removed a picture because its revealing portrayal of naked women would no longer suit our time, the excitement was high.
Where will the sexism debate take us? Will there soon be a censorship that determines what is morally acceptable and what is not? The accusations against men are increasing, well-known personalities fall like flies. Most recently, long-time coach of the women’s English national football team, Mark Simpson, and senior US Olympic team gymnastics doctor Larry Nasser (allegedly sexually molested more than 100 minor gymnasts in 10 years) and, most recently, German movie director Dieter Wedel. It is expected that further cases will become known. After the revelations of the abuse allegations against the film producer Larry Weinstein last summer, the actor Kevin Spacey was arguably the most prominent case. He was even cut out of the already-finished movie „All Money of the World“ (directed by Ridley Scott) and all of his playing scenes were replaced by another actor, Christopher Plummer.
The detection of sexual abuse and the censorship of artistic works, however, are twofold.
As early as November 6, 2017, RBB editor Maria Ossowski wrote on kultur24 that it would probably be necessary to banish half of the literature, films, and works of art from theaters, libraries, and museums if the artist’s work was to be judged according to their authors‘ way of life.
Just before Christmas, a 10,000-petition petition in New York called for removing the famous painting „Thérèse, revant“ by the French painter Balthus off the showrooms. In the picture you can see the girl Thérèse Blanchard, who painted Balthus at the age of 14 in his house. Fortunately, the petition was rejected, the picture is still visible.

In addition to the really important reconsideration of male misconduct towards women, the suppression and exploitation of positions of power no matter in which industry, another phenomenon can also be observed: the reassessment of the sexual in art.
I still remember how a wave of sexual liberation began in the late 1960s and early 1970s. Out of the social tightness, out of bigotry and suppression of lust and desire. Women wanted to be perceived as sexual beings, decide for themselves with whom they share the bed, even without a marriage certificate. Mary Quant invented the mini skirt, at rock festivals the girls took off their tops and in the English garden in Munich the students basked naked at the Eisbach. This development has also been observed in the media. Helmut Newton showed in the fashion magazine VOGUE naked models, the magazine TWEN celebrated the English photographer David Hamilton with his nude photographs of underage girls and the magazine STERN outdone with more and more erotic title photos (which even led to an accusation by the women’s rights activist Alice Schwarzer). Everywhere the erotic and sensuality was celebrated.
In the early 1980s, there was suddenly a shift to the right. In London, the conservative Maggie Thatscher prevailed since 1979, in Bonn in 1982 Helmut Kohl was elected German Chancellor and in the US Ronald Reagan came to power. The swinging London suddenly did not exist anymore, London City was now all about money and finances. The Flower Power movement of the flower children of San Francisco was over.
In the late 1990s, early 2000s, there were sudden reports of abuse of minors in schools and church facilities. Here in Germany, especially at the Odenwaldschule. And worldwide in institutions of the Catholic Church. In addition, there are now almost weekly reports about pedophile organasitions on the Internet. These terrible acts have sensitized the society to the topic of sex with minors.
The revelations about the sexual machinations in the American film industry (and not just there), along with the awareness of pedophilia, have led many to wonder what the artists of the past eras, who have often worked with minors, actually did to their models. Starting with Leonardo da Vinci, who is said to have relationships with young boys, via Egon Schiele, who even spent a few days in jail for obscenity, up to Ernst Ludwig Kirchner, who with his BRÜCKE friends Heckel and Schmidt-Rottluff regularly went to the Moritzburg with Fränzi and Marcella, two girls between 8 and 12 years. Incidentally, there should be pictures of Kirchner, which are not made available to the public until today. Just a rumor?
And now John William Waterhouse, whose picture was just removed in Manchester. According to the curator of the museum, Clare Gannaway, only because she wanted to initiate a debate on sexism in art. Really? The picture hung in a room called „In the Pursuit of Beauty“. And all postcards of the picture in the museum shop disappeared…

My Opinion: Sexual abuse is never acceptable, but artists should be given the freedom they need to work. As long as no one else gets hurt.

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

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