Silvesterkonzert in der Staatsoper Berlin

Silvesterkonzert in Der Staatsoper mit Till Brönner © Holger Jacobs/ kultur24.berlin

Silvesterkonzert in der Staatsoper Berlin

 

Von Holger Jacobs

01.01.2019

english text

Der Aufbruch in das neue Jahr 2019 wurde für die Staatsoper Berlin ein Aufbruch in neue musikalische Klänge unter der Leitung des Jazz Trompeters Till Brönner.

Dass die altehrwürdige Staatsoper Unter den Linden diesen Augenblick einmal erleben würde? Pharrell Williams „Happy“ aus dem Jahre 2013 schallte gestern Abend laut durch den Zuschauerraum. Kommt demnächst Justin Bieber in die heiligen Hallen des Belcanto?

Durch die aufreibenden Tage des Weihnachtsfestes mit ihren vielen Vorbereitungen, Grußkartenschreiben, Familienbesuchen und Geschenkeeinpacken kam ich im Vorfeld des Silvesterkonzertes nicht dazu mich näher um das Programm des Abends zu kümmern. Das einzige, woran ich mich erinnerte, als ich mich gestern Abend in die strammen neuen Sitze der frisch renovierten Oper niederließ war, dass Till Brönner auftreten und u.a. „Rhapsody in Blue“ von George Gershwin gespielt werden würde. Doch es kam viel mehr und einiges Überraschende.

Los ging’s mit Gershwins „Rhapsody in Blue“, 1924 am Broadway in New York uraufgeführt. Allein der Name lässt vielen bereits einen genussvollen Schauder über den Rücken fließen, verbindet der Liebhaber damit doch den ganzen Rausch amerikanischer Music Hall, der Roaring Twenties, dem Swing und den Aufbruch in ein neues musikalisches Zeitalter. Die wilden 20er Jahre in den Vereinigten Staaten waren geprägt von neuen Stilrichtungen in Mode, Gesellschaft und in der Musik.

Der Jazz ist eine von afro-amerikanischen Musikern Anfang des 20. Jahrhunderts eingeführte Musikrichtung, die sich aus den Stilrichtungen von Soul, Blues und Gospel ableitet. Herausragendes Merkmal ist die Improvisation, die ein vorhandenes Thema noch während des Konzertes immer wieder verändert und dabei im Zusammenspiel mit den anderen Musikern neue Kompositionen hervorbringt. So gleicht ein Konzert nie dem anderen. Deshalb wird häufig die Albumaufnahme eines Jazzmusikers nicht nach dem Namen des Musikstückes bezeichnet, sondern nach dem Ort, wo es entstanden ist. Wie z.B. beim Jazz Pianisten Keith Jarret („Das Köln Konzert“, „Das Tokoio Konzert“, et.c.).

In solche Höhen des Jazz ging es beim Silvesterkonzert in der Staatsoper aber nicht. Gestern Abend handelte es sich mehr um den weichgespülten Jazz der Music Halls. Selbst George Gershwin war kein Afro-Amerikaner aus einem schwarzen Ghetto in New Orleans, sondern der Sohn jüdisch-russischer Einwanderer aus Brooklyn. Er hatte zunächst als Vorspieler bei einem Musikverlag in New York gearbeitet, bevor er eigene Kompositionen realisierte. Doch er spürte den Einfluss der neuen Musikrichtung, der jetzt Anfang der 20er Jahre überall in den Clubs von New York zu hören war. Sein umtriebiger Freund Paul Whiteman hatte dann die geniale Idee, aus den Stilelementen des Jazz eine Sinfonie für ein Orchester zu kreieren und beauftragte Gershwin mit der Durchführung. So entstand die „Rhapsody in Blue“, die bis heute als Meilenstein seiner Art gilt.

Direkt als Sinfonie ist die „Rhapsody in Blue“ mit ihrer Länge von knapp 14 Minuten eigentlich nicht zu bezeichnen, aber das Zusammenwirken von Soloklavier mit Orchester gibt dennoch diesen Eindruck. Gestern Abend spielte der junge israelische Pianist Lahav Shani (*1989) den Klavierpart und übte sich dabei auch gleich als der Dirigent des Orchesters. So, wie wir es von Daniel Barenboim kennen, der auf diese Weise alle 5 Klavierkonzerte von Beethoven eingespielt hat.

Nur leider ist Lahav Shani kein Barenboim. Sowohl als Pianist konnte er nicht überzeugen, sein Spiel war zu schnell und uninspiriert; und sein Dirigat mit erhobener Siegerfaust, um Crescendo darzustellen, lächerlich. Damit ging diese „Rhapsody in Blue“ leider etwas daneben.

Danach trat Jazz Trompeter Till Brönner (*1971) auf, den ich von den Jazz Tagen in Keitum/ Sylt kenne. Er befindet sich zurzeit auf seinem karrieremäßigen Höhepunkt, seit er 2016 im Weißen Haus bei Barack Obama spielen durfte. Er brachte neue Arrangements der Musik von Kurt Weil („Lady in the Dark“, „One Touch of Venus“), Dave Grusin („Die drei Tage des Condors“, Filmmusik) und eben Pharrell Williams „Happy“.

Sobald die Trompete von Till Brönner erklang ging gestern Abend ein musikalisches Leuchten durch den Raum. Nicht ohne Grund zählt er zu den besten Trompetern der Welt. Die Musik Arrangements aber waren mir teilweise zu seicht und erinnerten ein wenig an Auftritte des Fernsehballetts im ZDF. Hier sollte das Niveau nach oben geschraubt werden.

Nach der Pause kam Peter Tschaikowsky mit seiner „Nussknacker Suite“ (ohne Ballett, als reine Orchester-Suite), in Abwechslung mit der von Duke Ellington 1960 initiierten und zusammen mit Billy Strayhorn geschriebenen Variation der Nussknacker Komposition von Tschaikowsky. Auf diese Weise waren acht Tänze des Nussknackers, vom „Tanz der Rohrflöten“ über den „Tanz der Zuckerfee“ bis zum „Blumenwalzer“ mal vom Staatsballett Berlin und mal von einer Big Band Auswahl unter der Leitung von Till Brönner zu hören.

Mein Urteil: 5 : 3 für die Staatskapelle mit dem Original von Tschaikowsky.

Ein ausverkauftes Haus mit vielen zu Silvester angereisten ausländischen Gästen amüsierte sich auf das Beste.
Somit endete der Abend als (fast) gelungener Einstieg der Staatsoper in die Welt des Jazz.

Till Brönner mit der Staatskapelle Berlin, der Big Band (in Weiß) und Dirigent Lahav Shani © Holger Jacobs/ kultur24.berlin

english text

New Year’s Eve concert at the Staatsoper Berlin
By Holger Jacobs
01/01/2019
The dawn of the new year 2019 was a departure for the Staatsoper Berlin into new musical sound under the direction of Jazz trumpeter Till Brönner.
That the honored Staatsoper Unter den Linden would experience this moment? Pharrell Williams song „Happy“ from 2013 sounded loudly through the auditorium last night. Will now Justin Bieber be coming to the holy halls of Belcanto in the near future?
Due to the exhausting days of Christmas with its many preparations, greeting card writing, family visits and presents packing I came in the run-up to the New Year’s Eve concert without any details of the the program of the evening. The only thing I remembered when I settled in the stately new seats of the newly renovated opera last night was that Till Brönner would performe and „Rhapsody in Blue“ by George Gershwin would be played. But there was much more and a lot of surprises.
Let’s start with Gershwin’s „Rhapsody in Blue“, premiered in 1924 on Broadway in New York. Already the title give a pleasurable shiver on the back for the lovers of American Music Halls, the Raoring Twenties, the Swing and the Music of Jazz. The wild 1920s in the United States were marked by new styles in fashion, in society and in music.
Jazz is a style of music introduced by Afro-American musicians at the beginning of the 20th century, derived from the styles of Soul, Blues and Gospel. Outstanding feature is the improvisation, which changes an existing theme again and again during the concert, producing new compositions in interaction with the other musicians. So one concert never looks like another. That is why the album recording of a Jazz musician is often called not by the name of the piece, but by the place where it was written. Such as Jazz pianist Keith Jarret („The Cologne Concerto“, „The Tokoio Concerto“, et.c.).

However, such highlights of Jazz did not happen at the New Year’s Eve concert in the Staatsoper Berlin. Last night it was more about the soft-washed Jazz of the Music Halls. Even George Gershwin was not an Afro-American from a black ghetto in New Orleans, but the son of Jewish-Russian immigrants from Brooklyn. He had initially worked as a lead player for a music publisher in New York, before he realized his own compositions. But he felt the influence of the new style of music, which was now played in the early 20s throughout the clubs of New York. His clever friend Paul Whiteman then had the ingenious idea of ​​creating a symphony for an orchestra from the stylistic elements of jazz and commissioned Gershwin to carry it out. This is how the „Rhapsody in Blue“ came into being, which is considered as a milestone of its kind.
To call „Rhapsody in Blue“ a symphony with its length of just under 14 minutes is may be not true, but the interaction of solo piano with orchestra still gives this impression. Last night, the young Israeli pianist Lahav Shani played the piano part and practiced in the same time as the conductor of the orchestra. As we know it from Daniel Barenboim, who in this way recorded all five of Beethoven’s piano concertos.
Unfortunately, Lahav Shani is not Barenboim. Both as a pianist he could not convince, his playing was too fast and uninspired; and his conducting with a raised winner’s fist, to represent crescendo, was ridiculous. Unfortunately, this „Rhapsody in Blue“ went a bit wrong.
Then jazz trumpeter Till Brönner (* 1971) appeared, whom I know from the Jazz days in Keitum / Sylt. He is currently at his career-high peak since he was allowed to play in the White House at Barack Obama in 2016. He brought yesterday to the evening new arrangements of the music by Kurt Weill („Lady in the Dark“, „One Touch of Venus“), Dave Grusin („The Three Days of the Condor“, film music) and Pharrell Williams „Happy“ (see above).
As soon as the trumpet was sounded by Till Brönner, a musical glow went through the audience last night. He is one of the best trumpeters in the world. But the music arrangements he played were partly too shallow for me and reminded me a bit of appearances of the television ballet on ZDF TV. Here, the level should be screwed up for the next time.
After the break Peter Tchaikovsky’s Nutcracker Suite was performed (without ballet, as a pure orchestra suite), played in alternation with the variations of the Nutcracker composition of Tchaikovsky, written 1960s by Duke Ellington and Billy Strayhorn. In this way eight dances of the Nutcracker, from the „Dance of Reed Flutes“ to the „Dance of the Sugar Fairy“ to the „Flower Waltz“ were heard by the Staatsballett Berlin and in alternation by a Big Band selection under the direction of Till Brönner.
My verdict: 5: 3 for the State Ballet with the original by Tchaikovsky.
A sold out house with many New Year’s Eve foreign guests enjoyed the evening.
Thus ended the evening as (almost) successful entry of the Staatsoper in the world of Jazz.

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

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