Skandal um Daniel Barenboim?

Staatsoper Berlin, Daniel Barenboim © Jacobs/ Davila/ kultur24.berlin

Skandal um Daniel Barenboim?

 

Von Holger Jacobs

4.03.2019

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Die entwürdigende Demontage einer Ikone der Klassischen Musik

Begonnen hatte alles in einem Beitrag des online Magazins VAN am 6. Februar 2019 mit einem langen Artikel über Daniel Barenboim. Darin werden zahlreiche angebliche frühere Mitarbeiter bzw. Mitglieder der Staatskapelle Berlin zitiert, die Barenboim schlecht behandelt hätte. Hier ein Auszug:
„In Musikerkreisen sind Barenboims Launen legendär. Er hat Wutanfälle bekommen, weil ein Bratscher die Augen verdrehte, weil ein Sänger sich zum falschen Zeitpunkt verbeugte, weil ein von ihm bevorzugter Stimmführer im Urlaub war. Er hat einen Musiker angeschnauzt, der sich wegen eines Trauerfalls in der Familie nicht so gut konzentrieren konnte wie sonst. Er hat einen Arzt beleidigt, der einen Musiker wegen einer Magen-Darm-Grippe für zu krank befand, um aufzutreten. Zwei Mitarbeiter berichten, dass Barenboim sie wütend gepackt und geschüttelt habe.“

Daniel Barenboim, Musikfest Berlin 2015, Foto: Holger Kettner

Keine einzige Quelle wird mit Namen genannt, es gibt keinen stichhaltigen Nachweis über auch nur einer einzigen Behauptung. Somit könnten alle Aussagen auch reine Erfindung sein. Zumal die Anschuldigungen, wie das obige Zitat, so absurd erscheinen, dass doch große Zweifel über die Aussage des Artikels angebracht sind.

Daniel Barenboim, Staatskapelle Berlin, Foto: Holger Kettner

Die Zeilen dieses Magazins wären sicher unverhallt im Nirvana des World Wide Web verschwunden, wenn nicht ausgerechnet der BR (Bayerische Rundfunk) sich an einen früheren Musiker der Staatskappelle Berlin, Willi Hilgers, herangemacht und ihn befragt hätte. Dieser, heute im Dienste der Bayerischen Staatsoper in München, gab dann auch gleich bereitwillig Auskunft: Daniel Barenboim würde launisches und aggressives Verhalten an den Tag legen. Und der Posaunist, Martin Reinhardt, ebenfalls früher in den Diensten der Staatskappelle, erinnert an einen Wutausbruch Barenboims bei einer „Walküre“ Aufführung in London.

Daniel Barenboim, Waldbühne Berlin, Foto: Kai Heimberg

Die RBB (Rundfunk Berlin-Brandenburg) Autorin Maria Ossowski befragte daraufhin Daniel Barenboim in einem Interview zu den aktuellen Beschuldigungen. Darin sagte Barenboim, dass er sich noch gut an den Pauke spielenden Willi Hilgers erinnern könne, der leider den Rhythmus nicht halten konnte – ein echtes Problem bei einem Rhythmus-gebendem Musikinstrument. Und an den Vorfall in London könne er sich ebenfalls noch erinnern. Sein Wutausbruch täte ihm im Nachhinein leid.

Daniel Barenboim mit Martha Argerich in Buenos Aires © Facebook/ Daniel Barenboim

Der Name und die Person Daniel Barenboim (*1942) begleiten mich nun bereits seit 30 Jahren. Das erste Mal, dass ich von ihm hörte, war 1989 zur Eröffnung der neuen Opera Bastille in Paris, die auf Grund der 200 Jahrfeier der französischen Revolution an diesem prestigeträchtigen Platz für viel Geld neu errichtet worden war. Chefdirigent sollte ein gewisser Daniel Barenboim werden, seit 1975 Leiter des Orchestre de Paris. Barenboim war Wunschkandidat des französischen Premierministers Francois Mitterrand und seines damaligen Kulturministers Jack Lang. Doch politische Ränkespiele verhinderten das. In vorderster Front opponierte der konservative Bürgermeister von Paris, Jacques Chirac, und der nicht weniger konservative Pierre Bergé, Chef des Modehauses YvesSaint-Laurent, ein Schwergewicht in der Pariser Kulturlandschaft. Die Angelegenheit wurde zum Politikum.

„Er ist ein guter Pianist (Dirigent), ob er wohl Frank Zappa spielen kann?“, Graffiti 2012, Foto: Holger Jacobs

Doch ein Ereignis im selben Jahr sollte dem Leben von Daniel Barenboim eine neue Wendung und eine neue Chance geben.
Am 9. November 1989 fiel in Berlin die Mauer und nur ein Jahr später wurde Ost und West wiedervereint. Und damit auch die Opernhäuser Berlins, allen voran die Staatsoper Unter den Linden. Als ein geeigneter Kandidat für den Posten des Künstlerischen Leiters und des Generalmusikdirektors der Lindenoper gesucht wurde fiel die Wahl auf Daniel Barenboim.
Der Rest ist Geschichte.

Ricardo Villazon und Daniel Barenboim 2016 © Facebook/ Daniel Barenboim

Es würde den Rahmen dieser Berichterstattung sprengen würde ich hier auf die vielen Engagements und Auszeichnungen Daniel Barenboims als Pianist, Dirigent, politischer Aktivist und Vermittler zwischen Palästinensern und Israelis eingehen. Seine Verdienste sind zur Genüge belegt.

„Macbeth“, Staatsoper Berlin 2017, Musik. Leitung: Daniel Barenboim © Staatsoper Unter den Linden

Meine zweite Begegnung mit Daniel Barenboim hatte ich im Juni 2006, in meinem zweiten Jahr in Berlin.
Ein guter Freund unserer Familie, Thomas Quasthoff, ein weltweit gefeierter Bariton Sänger, ist Professor an der Hanns-Eisler Musikhochschule. Als ich von einem Workshop in der Berliner Philharmonie hörte, bei dem Schüler der Hanns-Eisler zusammen mit Daniel Barenboim die Leonoren Ouvertüre Nr. 3 von Beethoven einstudieren wollten, ging ich hin.
Die Probe wurde zu einem erleuchtenden Erlebnis. So einfühlsam und gleichzeitig präzise habe ich noch nie einen Lehrer seine Schüler behandeln sehen. Barenboim konnte jeden Studenten genauestens musikalisch und technisch analysieren. Sogar Bogen- und Fingerstellung einer Geigerin wusste  er dabei zu korrigieren.

Workshop mit Daniel Barenboim 2006, Foto: Holger Jacobs

Seit diesem Nachmittag in der Philharmonie Berlin bin ich ein großer Bewunderer von Daniel Barenboim.
Unzählige Konzerte mit Daniel Barenboim habe ich seitdem gehört. Und seit meiner Tätigkeit als Kulturjournalist für kultur24.berlin habe ich nun auch viele weitere Proben Barenboims mit seinem Orchester erlebt. Nie habe ich dabei böse oder beleidigende Worte von ihm vernommen.

Plakat zum Workshop mit Daniel Barenboim und Studenten der Hanns Eisler Musikhochschule

Sind wir vielleicht Gefangener unserer eigenen #MeToo Debatte geworden? Ich werde den Eindruck nicht los, dass die Enthüllungen über sexuellen Missbrauch in der Filmindustrie mittlerweile viele dazu anregt gerade Führungspersönlichkeiten aus allen möglichen Bereichen des Lebens anzugreifen. Diese Entwicklung könnte in eine ungute Richtung gehen.

Fazit: Die Lichtgestalt des genialen Musikers Daniel Barenboim hat Berlin zur Weltstadt der Oper und der klassischen Musik gemacht. Und dabei soll es bleiben!

5 Photos: Daniel Barenboim am Klavier, Foto: Silvia Lelli

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Scandal over Daniel Barenboim?
By Holger Jacobs
04/03/2019
The degrading dismantling of an icon of classical music
It all started in a post by the online magazine VAN on February 6, 2019 with a long article about Daniel Barenboim. It cites numerous former employees or members of the Staatskapelle Berlin, which Barenboim had treated badly. Here is an excerpt:
„Barenboim’s moods are legendary in music circles, he got into tantrums because a violist rolled his eyes because a singer bowed at the wrong time because his preferred voice leader was on holiday.“ He yelled at a musician who was complaining about a bereavement He was offended by a doctor who considered a musician to be ill because of gastrointestinal flu, and two employees report that Barenboim had furiously grabbed and shaken them. “
No single source is mentioned by name, there is no valid evidence of even a single claim. Thus, all statements could be pure invention. Especially since the allegations, such as the above quote, seem so absurd that there are great doubts about the statement of the article.
The lines of this magazine would certainly have disappeared in the nirvana of the World Wide Web, if not just the BR (Bayerische Rundfunk) had approached and interviewed a former musician of the Staatskappelle Berlin, Willi Hilgers. This man, now serving the Bavarian State Opera in Munich, was happy to be asked and he shouted: Daniel Barenboim would behave moodily and aggressively. And the trombonist, Martin Reinhardt, also formerly in the service of the Staatskappelle, reminds of a burst of rage Barenboims at a „Valkyrie“ performance in London.

The RBB (Rundfunk Berlin-Brandenburg) author Maria Ossowski then questioned Daniel Barenboim in an interview on the current charges. In it Barenboim said that he still remembers well the timpanist Willi Hilgers, who unfortunately could not keep the rhythm – a real problem with a rhythm-giving musical instrument. And he could also remember the incident in London. His temper tantrum would make him sorry in retrospect.
The name and the person Daniel Barenboim (* 1942) have been with me for 30 years now. The first time I heard of him was in 1989, when the new Opera Bastille opened in Paris, which had been rebuilt at this prestigious place for a great deal to celebrate the 200th anniversary of the French Revolution. Chief conductor was to become a certain Daniel Barenboim, since 1975 director of the Orchester de Paris. Barenboim was a prime candidate of French Prime Minister Francois Mitterrand and his Minister of Culture Jack Lang. But political intrigues prevented this. In the front line, the conservative mayor of Paris, Jacques Chirac, and the no less conservative Pierre Bergé, head of the fashion house YvesSaint – Laurent, a heavyweight in the Paris cultural landscape. They opposed. The matter became a political issue.
But an event in the same year was supposed to give the life of Daniel Barenboim a new twist and a new chance. On November 9, 1989, the Berlin Wall fell and only one year later East and West were reunited. And thus also the opera houses of Berlin, above all the Staatsoper Unter den Linden. When a suitable candidate for the job of Artistic Director and General Music Director for the Linden Opera was sought, Daniel Barenboim was chosen. The rest is history.

It is far beyond of this reporting to address all Daniel Barenboim’s engagements and honors as a pianist, conductor, political activist and mediator between Palestinians and Israelis. His merits are well documented.
My second meeting with Daniel Barenboim was in June 2006, in my second year in Berlin. A good friend of our family, Thomas Quasthoff, a worldwide celebrated baritone singer, is a professor at the Hanns-Eisler Musikhochschule. When I heard about a workshop in the Berlin Philharmonic where students of Hanns-Eisler and Daniel Barenboim wanted to study the Leonore Overture No 3 by Beethoven, I went to this event. The rehearsal became an enlightening experience. I have never seen a teacher treat his students so empathetic and at the same time so precise . Barenboim was able to analyze every student musically and technically. He even corrected the bow and finger position of a violinist.
Since this afternoon in the Philharmonie Berlin I am a great admirer of Daniel Barenboim.
I have heard since then countless concerts with Daniel Barenboim. And since my work as a cultural journalist for kultur24.berlin, I have now also experienced many more rehearsals of Barenboim with his orchestra. I have never heard angry or insulting words from him.
Have we possibly become prisoners of our own #MeToo debate? I can not deny the impression that the revelations about sexual abuse in the film industry are now stimulating many to attack leaders from all walks of life. This development could go in a bad direction.
Conclusion: The luminous figure of the brilliant musician Daniel Barenboim has made Berlin a cosmopolitan city of opera and classical music. And it should stay that way!

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

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