Szenen aus Goethes Faust in der Hamburger Staatsoper

Szenen aus Goethes Faust, Staatsoper Hamburg, Foto: Monika Ritterhaus

Szenen aus Goethes Faust in der Hamburger Staatsoper

 

von Dagmar Loewe

01.11.2018

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Mit Spannung wurde in Hamburg die zweite Premiere dieser Saison erwartet – die äußerst selten aufgeführten Szenen aus Goethes Faust von Robert Schumann.

Das übliche Opernpremieren-Publikum ist natürlich da, hamburgisch zurückhaltend elegant gekleidet, wenngleich die Zeiten der langen Kleider auch in Hamburg schon lange passée sind. Auch Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens wie der ehemalige Hamburger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi, der Komponist und ehemalige Opernintendant Hamburgs und Salzburgs Peter Ruzicka und Kultursenator Carsten Brosda interessieren sich für die Aufführung.

Dieses Stück ist eigentlich keine Oper; Schumann hat mit harter Hand in Goethes Werk eingegriffen, es vom Ende her inszeniert. Es sind ausgewählte Fragmente, herausgegriffen aus Faust I und II, die aber etwas Theatralisches mitbringen und sich insofern für eine szenische Darstellung eignen und erst in den Köpfen der Zuschauer zu einer Gesamtgeschichte werden.

Aus Faust I kommen nur drei Szenen vor, alle mit Gretchen, aber ohne Wette, Osterspaziergang und Auerbachs Keller. Aus Faust II sieht man die Eingangsszene, die grauen Weiber und die Grablegung, gefolgt von der großen Schluss-Szene „Bergschluchten“.

Das berühmte Meisterwerk von Caspar David Friedrich, der „Wanderer über dem Nebelmeer“, wird hier zur Vorlage des Faust. Das um 1818 entstandene Werk gilt heute als Inbegriff der Romantik. Und so zeigt Achim Freyer, der Regisseur des heutigen Abends, den inneren Zusammenhang von Schumanns Sichtweise auf Goethes Faust.

Eine künstlerisch leicht veränderte Kopie des Bildes steht in der Mitte der Bühne, der obere Teil mit dem Kopf des Wanderers fehlt. Christian Gerhaher, der den Faust verkörpert und leider aufgrund einer gerade erst überstandenen Erkältung stimmlich noch etwas angegriffen ist, begibt sich während der ersten Szene hinter das Bild, schaut in Richtung Orchester und Horizont und vervollständigt so die Phantasie des Faust als romantischer Figur, denn der Horizont, als Riss zwischen Himmel und Welt, hat in der Romantik große Bedeutung. Während der Aufführung steigt das Denkmal, auf dem er steht, immer höher: “Das ewig Weibliche zieht uns hinan“.

Auf der Bühne bewegen sich mehrere vollkommen geschwärzte Personen, sogenannte “Requisiteure“, die Fragmente aus der Geschichte Fausts ablegen und wieder einsammeln und so weiterhin die Phantasie der Betrachter anregen.

Hinter einer schwarzen Gaze sitzt das Orchester, die beiden Chöre und auch die Mehrheit der Sänger, die von dort die angestrebte Polyphonie der Stimmen verkörpern. Nur vereinzelt tritt ein Sänger vor den Vorhang, um dann die jeweilige Rolle auch szenisch darzustellen.

Robert Schumann gibt uns mit „Szenen aus Goethes Faust“ seine fragmentarische, poetisierende, subjektivierende Sicht auf die Welt. Und hinterläßt große Lücken in Goethes Werk. Regisseur Achim Freyer bringt diese Lücken auf die Bühne. Und der Zuschauer muss sie füllen.

Es ist gut, dass der Regisseur diese Lücke nicht für uns füllt, sondern die Kraft hat, uns nicht zu belehren, sondern uns die Möglichkeit lässt, sich einzulassen auf dieses Spiel und einfach mit sich geschehen zu lassen, was auf der Bühne und mit einem selbst passiert; es ist dann eine wunderbare Sache. Schwierig, objektiv zu sagen, ob diese Inszenierung ein Erfolg ist oder nicht, weil das eigentliche Theater bei einem selbst im Kopf stattfindet. Mir hat es gefallen.

Diese so selten gespielte Musik ist ganz wunderbar. Schumann modern, polyphon mit Klängen, die an Wagner erinnern. Die Sänger durchweg ordentlich bis gut. Herauszunehmen wären trotz leichter Indisposition Christian Gerhaher in seinem Hamburger Staatsoperndebüt mit dem für ihn typischen Sprechgesang, Franz-Josef Selig, ein kräftig – würziger Mephisto, Christina Gansch als Gretchen, Katja Pieweck als Engel und Narea Son als Marthe. Dem eher höflichen als frenetischen Schlussapplaus war zu entnehmen, dass das Publikum des ausverkauften Hauses noch nachdenklich bis unsicher war, wie es die Inszenierung zu verstehen habe. Großer Beifall hingegen für Kent Nagano, das Orchester und die beiden Chöre. Nur ein einsamer Buher.

„Szenen aus Goethes Faust“
Staatsoper Hamburg
Musikalische Leitung: Kent Nagano, Inszenierung, Bühne, Kostüm- und Lichtkonzept: Achim Freyer, Kostüme: Amanda Freyer, Licht: Sebastian Alphons, Video: Jakob Klaffs/Hugo Reis, Dramaturgie: Klaus-Peter Kehr, Chor: Eberhard Friedrich, Hamburger Alsterspatzen: Jürgen Luhn,
Mit: Christian Gerhaher (Faust, Pater Seraphicus, Dr. Marianus), Christina Gansch (Gretchen, Not, Seliger Knabe, Una Poenitentium, Sopran-Solo), Franz-Josef Selig (Mephisto, Pater Profundes, Böser Geist, Bass-Soli), Narea Son (Marthe, Sorge, Jüngerer Engel, Seliger Knabe, Magna Pecatrix, Sopran-Soli), Norbert Ernst (Ariel, Pater Ecstaticus, Vollendeter Engel, Jüngerer Engel, Tenor-Solo), Renate Spingler (Schuld, Seliger Knabe, Maria Aegyptiaca, Mater Gloriosa), Katja Pieweck (Mangel, Jüngerer Engel, Seliger Knabe, Mulier Samaritana, Mezzosopran-Solo), Alexander Roslavets (Vollendeterer Engel, Jüngerer Engel), Spieler: Frank Bastubbe, Heiko Jungmichel, Isaac Lokolong, Martin Lüders, Torsten Mendach, Kio Nawab, Chor der Hamburgischen Staatsoper, Philharmonisches Staatsorchester Hamburg.
Nächste Vorstellungen: 3., 6., 9., 14. und 17. November jeweils um 19.30 Uhr

Unsere Bilderserie mit 10 Photos aus der Produktion von „Szenen ausGoethes Faust“:

10 Photos: „Szenen aus Goethes Faust“, Staatsoper Hamburg, Foto: Monika Ritterhaus

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„Szenen aus Goethes Faust“ at Staatsoper Hamburg
by Dagmar Loewe
01/10/2018
The second premiere of this season was eagerly awaited in Hamburg – the extremely rarely played scenes from Goethe’s Faust by Robert Schumann. The usual opera premiere audience is, of course, there, dressed modestly elegant in terms of the Hamburg society, even though the times of long dresses in Hamburg are long gone. Also public figures such as the former Hamburg Mayor Klaus von Dohnanyi, the composer and former opera director of Hamburg and Salzburg Peter Ruzicka and cultural senator Carsten Brosda are interested in the performance.
This piece is not actually an opera; Schumann has intervened with a hard hand in Goethe’s work and staged it from the end – there are selected fragments, selected from Faust I and II, but bring something theatrical and thus suitable for a scenic presentation and only in the minds of the audience to one whole story.

There are only three scenes from Faust I, all with Gretchen, but no bet, Easter Walk, Auerbachs Keller. From Faust II you can see the entrance scene, the gray women and the entombment, followed by the great closing scene „Gorge“.

The famous masterpiece by Caspar David Friedrich, the „Wanderer above the Sea of ​​Fog“, located in the Hamburger Kunsthalle, becomes the model for Faust. This picture is today considered the epitome of Romanticism. And so Achim Freyer, the director of this evening, shows the inner connection between Schumann’s view of Goethe’s Faust.

An artistically slightly altered copy of the image is in the middle of the stage, the upper part with the Wanderer’s head is missing. Christian Gerhaher, who embodies Faust and is unfortunately still vocally attacked due to a recent cold, goes behind the picture during the first scene, looks in the direction of the orchestra and horizon and completes the fantasy of Faust as a romantic figure, because of the Horizon, as a rift between heaven and the world, has great significance in Romanticism. During the performance, the monument on which he stands climbs higher and higher: „The eternal feminine attracts us“.

On the stage, several completely blackened persons, called „props“, move fragments of Faust’s history and collect them again, thus further stimulating the viewer’s imagination.

Behind a black gauze sits the orchestra, the two choirs and also the majority of the singers, who from there embody the desired polyphony of voices. Only occasionally, a singer steps in front of the curtain, to then represent the respective role also scenic.

This fragmentary, poetic, subjectivizing view of the world is Schumann. Schumann is the gap. This Freyer brings on the stage. The viewer has to fill it.

It’s good that the director does not fill that gap for us, but has the power not to lecture us, but gives us the opportunity to get involved in this game and just let it happen with us, on stage and with one itself happens; It is a wonderful thing then. Difficult to say objectively whether this staging is a success or not, because the actual theater takes place in your own mind. I liked it.

This very rarely played music is quite wonderful. Schumann modern, polyphonic with sounds reminiscent of Wagner. The singers consistently decent to good, interesting to hear despite light Indisposition Christian Gerhaher would be in his Hamburg Staatsoper debut with his typical sprechgesang, Franz-Josef Selig, a vigorous – spicy Mephisto, very good also Christina Gansch, Katja Pieweck and Narea Son. The more polite than frenetic final applause was too from the fact that the audience of the sold-out house was still thoughtful to uncertain, as it has to understand the staging. Great applause, however, for Kent Nagano, the orchestra and the two choirs.

Only a lonely Buher.

 

Dagmar Loewe

Author: Dagmar Loewe

Beraterin für Einrichtungen, Garten- und Modedesign. Passionierte Opern- und Konzertbesucherin. Lebt und arbeitet in Hamburg.

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