„Terror“ von Ferdinand von Schirach

v.l. General Lauterbach (Helmut Mooshammer), Staatsanwältin Nelson (Franziska Machens), Angeklagter Kars Koch (Timo Weisschnur), "Terror", © Holger Jacobs

„Terror“ von Ferdinand von Schirach

Wertung: 🙂 🙂 🙂 🙂   (vier von fünf möglichen)

Von Holger Jacobs

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5.10.2015.

Liebe Kulturfreunde,

 

Intro:

Wenn man über das erste Theaterstück des Rechtsanwaltes und Buchautoren Ferdinand von Schirach spricht, ist die Person des Autoren sicher ebenso interessant, wie das Stück selbst. Der Großvater von ihm, Baldur von Schirach, war Reichsjugendführer unter Adolf Hitler und ein weiterer Verwandter, Heinrich Hoffmann, Hitlers Leibfotograf. Sich von solcher Vergangenheit zu befreien ist nicht einfach. Das dies dennoch gelingen kann, wissen wir von Albert Speer, dessen Vater Hitlers Architekt und späterer Rüstungsminister war. Speer Senior baute u.a. das Nürnberger Reichsparteitagsgelände und die Neue Reichskanzlei in Berlin. Der Sohn wurde auch Architekt und erwarb sich letztlich große Anerkennung als Stadtplaner mit eigenem Büro in Frankfurt am Main. Seine wichtigsten Gebäude sind der Victoria-Turm in Mannheim und das Oval am Baseler Platz in Frankfurt/Main. Ferdinand von Schirach, eine Generation jünger, begann als Anwalt und Strafverteiger in München und später in Berlin.

 

Handlung:

Das erste Theaterstück von Ferdinand von Schirach handelt, wie sollte es anders sein, ebenfalls von (fiktiven) einem Fall der Justiz. Ein Pilot der Luftwaffe ist angeklagt, willentlich und gegen den ausdrücklichen Befehl seines Vorgesetzten ein Verkehrsflugzeug abgeschossen zu haben, in dem 164 Passiere saßen. Allerdings war das Flugzeug zu diesem Zeitpunkt von Terroristen entführt worden, die beabsichtigten, das Flugzeug über der Allianz-Arena in München mit 70.000 Besuchern abstürzen zu lassen. Es drohte ein Massaker ungeahnten Ausmaßes. Ähnlich wie bei dem Angriff am 11. September 2001 mit Flugzeugen auf mehrere Ziele in den USA, u.a. auf das World Trade Center. Das Theaterstück bezieht sich dabei auf einen realen juristischen Hintergrund: Der deutsche Bundestag hatte am 11. Januar 2005 das Luftverkehrssicherheitsgesetz verabschiedet, welches zukünftig erlaubte, auch eine zivile Verkehrsmaschine abzuschießen, wenn sie als Angriffswaffe von Terroristen benutzt würde. Ein Jahr später, am 15. Februar 2006, entschied das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, dass dieses Gesetzt gegen das Grundrecht auf Leben und gegen die Menschenwürde verstoßen würde und somit nichtig wäre. Leben ist nicht mit Leben aufzuwiegen.

 

Genau darum geht es nun in diesem fiktiven Gerichtsfall „Terror“ von Ferdinand von Schirach. Lars Koch (Timo Weisschnur) wird von der Staatsanwältin Nelson (Franziska Machens) vorgeworfen, am 26.5.2013 als Pilot eines Kampfjets der Bundeswehr die Lufthansamaschine LH 2047 mit 164 Menschen an Bord abgeschossen zu haben. Die Verteidigerin Biegler (Aylin Esener) plädiert auf übergesetzlichen Notstand. Lars Koch hätte so gehandelt, um 70.000 Menschen im Münchner Fußballstadion zu retten. Die vorsitzende Richterin wird gespielt von Almut Zilcher. Während der Verhandlung versuchen beide Seiten die Schöffen auf ihre Seite zu ziehen, wobei immer wieder auf das reale Urteil des Bundesverfassungsgericht verwiesen wird und sogar der deutsche Philosoph Immanuel Kant zu Worte kommt.

 

Das Besondere: die Schöffen sind die Zuschauer im Theatersaal selbst und werden am Schluss aufgefordert, ihre Meinung bekannt zu geben. Ist der Angeklagte schuldig des Mordes im Sinne der Anklage oder nicht? Die Uraufführung fand gleichzeitig in den Theatern in Frankfurt/ Main und am Deutschen Theater in Berlin statt. In beiden sprachen sich die Theaterbesucher für unschuldig aus, in Berlin 207 contra, 255 pro dem Angeklagten, in Frankfurt etwas knapper mit 230 gegen 240.

 

Inszenierung:

Im Gegensatz zu Frankfurt inszenierte Regisseur Hasko Weber in Berlin das Theaterstück sehr nüchtern und fast emotionslos. Kein Gerichtssaal war auf der Bühne zu sehen, nur eine graue, fensterlose Betonwand, an dem auf der linken Seite ein einsames Waschbecken befestigt war. Die Darsteller reagieren ebenfalls sehr kühl, manchmal nur dadurch unterbrochen, dass sich die blonde (vielleicht etwas zu junge und etwas zu hübsche) Staatsanwältin seltsam nahe an den Angeklagten heranmachte. Ich denke, dass Hasko Weber hier ein typisches Phänomen von Gerichtsverhandlungen zeigen wollte: selbst wenn über noch so grausame Verbrechen verhandelt wird, der Ton vor Gericht bleibt immer sachlich. Muss wohl auch, denn was würde passieren, wenn eine Richterin plötzlich in Tränen ausbricht?

Seht dazu als Teaser auch unser kleines Video vom Theaterstück auf kultur24.berlinTV.

„Terror“ von Ferdinand von Schirach
Deutsches Theater Berlin
Regie: Hasko Weber, Bühne: Thilo Reuther, Kostüme: Camilla Hengst
Mit: Timo Weisschnur, Aylin Esener, Franziska Machens

Nächste Vorstellungen: 6., 16. und 22. Oktober 2015

"Terror", © Holger Jacobs

25 Bilder: „Terror“, © Holger Jacobs

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

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