Theatertreffen 2016

John Gabriel Borkman - Burgtheater Wien © Reinhard Maximilian Werner

Theatertreffen 2016

 

Von Holger Jacobs

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23.5.2016

Liebe Kulturfreunde,

Ein kleines Résumé des am Wochenende zu Ende gegangenen Theatertreffens. Mit über 17.000 Besuchern ist das Theatertreffen 2016 sehr erfolgreich zu Ende gegangen, fast alle Veranstaltungen waren ausverkauft.

Theatertreffen 2016, Haus der Berliner Festspiele © Holger Jacobs

Theatertreffen 2016, Haus der Berliner Festspiele © Holger Jacobs

Auch mehrere Preise wurden vergeben:
Shermin Langhoff und Jens Hillije (Maxim Gorki Theater Berlin) bekamen den Theaterpreis Berlin 2016.

Motiv: Shermin Langhoff und Jens Hillje, Maxim Gorki Theater Berlin

Motiv: Shermin Langhoff und Jens Hillje, Maxim Gorki Theater Berlin © Esra Rotthoff

Herbert Fritsch (Volksbühne Berlin) bekam den 3sat Preis 2016 für sein Stück „der die mann“.

Herbert Fritsch, 3sat Preis 2016 für "der die mann"

Herbert Fritsch, 3sat Preis 2016 für „der die mann“ © Thomas Aurin

Marcel Kohler (Deutsches Theater Berlin) bekam den Alfred Kerr Darstellerpreis Preis 2016, überreicht von der Jurorin Maren Eggert.

Theatertreffen 2016 | Berliner Festspiele Alfred-Kerr-Darstellerpreis Marcel Kohler, Deutsches Theater Berlin

Theatertreffen 2016 | Berliner Festspiele Alfred-Kerr-Darstellerpreis Marcel Kohler, Deutsches Theater Berlin © Elke Walkenhorst

Für Theaterliebhaber ist dieses Festival jedes Jahr ein absolutes Muss. Zehn der besten Inszenierungen des letzten Jahres waren aus den drei deutschsprachigen Ländern Schweiz, Österreich und Deutschland eingeladen, ausgewählt durch eine 7-köpfige Jury.

Motiv: Maren Eggert

Motiv: Maren Eggert © Christine Fenzl

Leider konnte ich nicht zu allen Vorstellungen gehen. Ich hatte mir aber zwei Stücke herausgesucht: „Schiff der Träume“ vom Hamburger Schauspielhaus und „John Gabriel Borkman“ vom Burgtheater in Wien.

Motiv: Karin Beier, Hamburger Schauspielhaus, Intendantin und Regisseurin

Motiv: Karin Beier, Hamburger Schauspielhaus, Intendantin und Regisseurin @ Klaus Lefebvre

Das Karin Beier in Hamburg nicht nur eine gute Intendantin sondern auch eine ausgezeichnete Regisseurin ist war überzeugend bei Ihrer Inszenierung von „Schiff der Träume“ nach einem Film von Fellini zu sehen: Ein kleines Kreuzfahrtschiff befindet sich auf der Fahrt von England ins Mittelmeer. An Bord ein Kammerorchester, welches die Urne ihres vor kurzem verstorbenen Dirigenten mit sich führt. Es war sein letzter Wunsch, dass seine Asche in der Ägäis vor Griechenland ins Meer verstreut wird. Die Musiker vertreiben sich die Zeit mit Erinnerungen, kleinen Sticheleien und ironischen Bemerkungen über das Verhältnis des Dirigenten zu seinem Orchester und den Musikern untereinander. Kaum haben Sie Gibraltar an der Südspitze Spaniens passiert, meldet sich der Kapitän über Lautsprecher. Es seien Schiffbrüchige auf einem winzigen Schlauchboot gesichtet worden und er werde versuchen ihnen zu helfen und sie an Bord zu bringen. Wie sich herausstellt, sind es Flüchtlinge aus Nordafrika. Doch entgegen der Meinung der Musiker, diese sollten doch gefälligst im Unterdeck bleiben und ihre Trauergemeinde nicht stören, kommen diese hoch ans Oberdeck. Und wider Erwarten verhalten sie sich keineswegs demütig und unterwürfig, sondern mischen die gelangweilte und selbst verliebte Musikertruppe richtig auf. Was soll die ewige Trauerarbeit an einem schon längst Verstorbenen, wenn hier direkt vor ihnen täglich Hunderte den Tod durch Ertrinken erleiden. Auf dem Weg nach Europa, um der politischen Verfolgung durch faschistische Regime, der Ermordung durch feindliche Stämme und schlicht dem Hungertod zu entkommen. Doch seltsam – während die Musiker müde und deprimiert wirken sind die Flüchtlinge lebensfroh und lebendig. Und schaffen es schließlich mit ihrer überschwänglichen Energie die Schiffsreisenden aus Europa aus ihrer Lethargie zu befreien.

Schiff der Träume, Deutsches Schauspielhaus Hamburg © Matthias Winterhorn

Schiff der Träume, Deutsches Schauspielhaus Hamburg © Matthias Winterhorn

Ob dieses Modell auf ganz Europa übertragbar ist kann ich natürlich nicht sagen. Aber eine schöne Möglichkeit wäre es, durch andere Kulturen frischen Wind in alte, verkrustete Gesellschafts- Formen und Normen zu bringen.

Schiff der Träume, Deutsches Schauspielhaus Hamburg © Matthias Winterhorn

Schiff der Träume, Deutsches Schauspielhaus Hamburg © Matthias Winterhorn

 

Ein ganz anderer Fall ist die Inszenierung „John Gabriel Borkman“ aus Wien. Nun hatte ich dasselbe Stück schon beim letzt jährigen Theatertreffen gesehen, damals vom Schauspielhaus Hamburg. Und die Inszenierung von Karin Henkel 2015 war genial. Und jetzt? Wie würde dieser Borkman werden? Um es gleich vorwegzunehmen: Er wurde noch besser!
Der neue Star am internationalen Theaterhimmel heißt zweifelsfrei Regisseur Simon Stone. Vor 31 Jahren in Basel geboren, wuchs er in England und Australien auf. Dabei ist er sowohl Autor als auch Regisseur. Seine Besonderheit: Er schreibt zu bestehenden Stücken einen völlig neuen Text.

Jetzt werdet Ihr, liebe Theaterfans, aufschreien mit der Bemerkung: Oh Gott, wie viele der schönsten Klassiker mussten wir in letzter Zeit schon ertragen, die sprachlich völlig verunstaltet wurden und mit den Worten „ficken“, „kotzen“, „posten“ und „Titten“ auf modern getrimmt wurden. Und ich gebe Euch Recht – meistens geht das daneben und wenn ich schon das Wort „nach“ statt „von“ dem und dem Autoren im Programmheft lese kriege ich zumeist die Krise.

Doch ganz anders bei Simon Stone. Er setzt nicht hier und da zeitgenössische Wörter ein sondern schreibt den Text komplett neu. Das könnte natürlich genauso daneben gehen – tut es aber nicht. Ganz im Gegenteil, es passt. Also bleibt eigentlich nur die Geschichte, die sich Hendrik Ibsen vor über 100 Jahren ausgedacht hat. Doch trotz der neuen Sprache bleibt der Inhalt nahe am Original. Es ist immer noch der Borkman, der als Bankdirektor wegen Betrugs mehrere Jahre hinter Gittern musste. Und es ist immer noch die Geschichte von seinem Sohn Erhart, der sowohl von ihm als auch von seiner Frau und deren Schwester beansprucht wird, jeweils aus unterschiedlichen Gründen. Und dieser Umklammerung, aus der der Sohn Erhart zu fliehen versucht. Zwei Stunden lässt es Simon Stone auf den Bühnenboden schneien, die Figuren erheben sich aus den Schneehaufen und verschwinden dort wieder. Tische, Stühle oder anderes Inventar gibt es nicht, niente – nur Schnee.

Großes Theater! Ein Ereignis!

John Gabriel Borkman, Burgtheater Wien © Reinhard Maximilian Werner

John Gabriel Borkman, Burgtheater Wien © Reinhard Maximilian Werner

Epilog: Mittlerweile hat Simon Stone auch seinen ersten Kinofilm gedreht: „The Daughter“ nach dem Bühnenstück „Die Wildente“ von Hendrik Ibsen. Der Film spielt in einem kleinen Ort in Australien mit dem neuen australischen Jungstar Odessa Young als Hedvig. Der Film wurde letztes Jahr auf den Filmfestivals in Venedig und Toronto gezeigt und kam im März in die australischen Kinos.

Simon Stone © Sima Dehgani

Simon Stone © Sima Dehgani

 

Odessa Young, "The Daughter", Director: Simon Young

Odessa Young, „The Daughter“, Director: Simon Young

 

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist