Trilliarden. Die Angst vor dem Verlorengehen

Trilliarden - Deutsches Schauspielhaus Hamburg © Klaus Levebvre

Trilliarden. Die Angst vor dem Verlorengehen

 

Von Julia Engelbrecht-Schnür

8.2.2017

Die Stimmung ist eine besondere an diesem Abend im Deutschen Schauspielhaus. Auch Bürgermeister Olaf Scholz ist gekommen und begrüßt Intendantin Karin Beier, deren Vertrag gerade um weitere drei Jahre verlängert wurde. In wenigen Minuten beginnt die Uraufführung von „Trilliarden. Die Angst vor dem Verlorengehen“.

So nennt die Dramatikerin und Regisseurin Ingrid Lausund ihr neues Theaterprojekt, das mit Spannung erwartet wird. Schließlich ist Lausund eine bekannte Größe nicht nur in der Hamburger Theaterszene, sondern auch beim deutschen Fernsehpublikum. Unter dem Pseudonym Mizzi Meyer verfasste sie 30 Drehbücher zur Fernsehserie „Der Tatortreiniger“.

In „Trilliarden“ geht es sowohl um das Sterben, als auch um das Leben danach; um Religion, Spiritualität, die Seele an sich – und vor allem um die Angst, verloren zu gehen…

Wie ein sphärisches Negligé fällt zu Beginn abrupt der dünne Vorhang und wird magisch ins göttliche Off des Bühnenhintergrunds gesogen. Ein optischer Coup, der mit spontanem Beifall bedacht wird. Unter einem gewaltigen Schirm von Strahlern treten sogleich menschliche Wesen auf, die in stützstrumpfartigen Körperwickeln tastend über die Bühne gehen. Der Gang und die Wortlaute sind noch in der Findungsphase, auch die Körperteile müssen sich erst noch ausbilden. Schnell ist klar, hier wird Schöpfungsgeschichte geschrieben, noch ist alles im Werden, im Diffusen. Doch die Szene überzeugt. (Bühne, Kostüme, Licht: Beatix von Pilgrim.)

Nachdem die einzelnen Figuren ihre unterschiedlichen Ängste um ihre bevorstehenden oder bereits abgelebten Schicksale formuliert haben, könnte es eigentlich losgehen mit dem Stück. Aber der Lauf der Dinge bleibt ein Kreiseln um die individuellen Lebensthemen. Wie auf einem Drehteller zirkulieren die etwas klischeehaften Charaktere umeinander, tauchen auf und verschwinden wieder. In ihren zuweilen sehr innigen Texten traut sich Ingrid Lausund nicht, in der Ernsthaftigkeit zu bleiben, die sie ihrem Stück eigentlich zugrunde legt. Immer wieder driften die Bekenntnisse ihrer Figuren ins Komische, Banale und Groteske, um zu unterhalten.

Schade. Jeder Poetry Slam kann das besser.

Noch hofft man, dass zumindest der Typ mit der roten Schirmmütze (Bastian Reiber), die verzagte Mutter mit den Partyschuhen (Angelika Richter) oder der Nerd mit Hut (Bjarne Mädel) das Zepter des Bühnengeschehens in die Hand nimmt. Doch damit ist nicht zu rechnen. Es ist und bleibt die Parallelität von Erkenntnissträngen. Ein Konzept, bei dem Lausund vor allem überzeugt, wenn sie nicht versucht, witzig zu sein, sondern, wenn sie den brennenden Fragen des Daseins aufrichtig und stringent nachgeht – so wie in dem Epilog (Juliane Koren), der dem Ganzen eine geistreiche Verbalkrone aufsetzt.

Meine 24jährige Tochter sagt beim Verlassen des Theaters: „Ein anregendes Stück. Aber zu derartigen Erkenntnissen kommen wir in unserer WG-Küche auch, wenn wir samstags ein paar Flaschen Wein intus haben.“

Buch und Regie: Ingrid Lausund
Es spielen: Karoline Bär, Juliane Koren, Bjarne Mädel, Bastian Reiber, Angelika Richter, Michael Weber, Michael Wittenborn,
Der Chor: Georg Bochow, Laura Louisa Göllner, Magdalena Huhn, Gunnar Frietsch, Immanuel Johannes Klein, Jana Koch, Timotheus Maas

Deutsches Schauspielhaus
Kirchenallee 29
20099 Hamburg

Nächste Vorstellungen: 10., 15. Und 19. Februar 2017

9 Bilder: Trilliarden – Deutsches Schauspielhaus Hamburg © Klaus Levebvre

 

Julia Engelbrecht-Schnür

Author: Julia Engelbrecht-Schnür

Journalistin

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