Tristan und Isolde in der Staatsoper Berlin

Tristan und Isolde - Staatsoper Berlin, Foto: Holger Jacobs

Tristan und Isolde in der Staatsoper Berlin

 

Von Friederike Danne

12.2.2018

Hintergrund

Die Geschichte von Tristan und Isolde geht auf mittelalterliche Erzählungen zurück, die von Dichtern immer wieder neu geschrieben wurden. Mittelpunkt ist der englische Hof um König Artus (hier als König Marke) und die Auseinandersetzungen um die Macht zwischen englischen Königshäusern und Irland. Wagners Libretto bezieht sich auf die „Tristan“ Erzählung von Gottfried von Straßburg aus dem 13. Jahrhundert. Und schließlich soll auch ein persönliches Liebesleid Wagners im Jahre 1857 mit zur Idee der Oper beigetragen haben.

Handlung

Vorgeschichte: Der irische Fürst Morold fährt nach Cornwall, um dort mit Gewalt seine Zinsen einzutreiben. Doch Tristan aus Cornwall kann ihn im Kampf töten und schickt Morolds Kopf als Zeichen seines Sieges an dessen Braut Isolde. Tristan wurde aber in diesem Kampf selbst schwer verwundet. Dabei gibt es nur eine die ihn heilen kann: ausgerechnet Isolde, Morolds Braut, die über heilende Wunderkräfte verfügen soll. Also fährt Tristan unter falschen Namen zu Isolde nach Irland. Diese durchschaut die Tarnung und will Tristan töten. Als sich beide jedoch zum ersten Mal sehen, verlieben sie sich schlagartig ineinander und aus Hass wird Liebe. Zurück in Cornwall sucht König Marke eine Braut, um die Fehde mit Irland zu beenden. Die Wahl fällt ausgerechnet auf Isolde. Und der treue Untergebene Tristan soll nun Isolde aus Irland holen, um sie als Braut zu König Marke zu führen.

Wagners Oper „Tristan und Isolde“ beginnt mit der gemeinsamen Schiffsfahrt der beiden von Irland nach Cornwall. Isolde fühlt sich verraten, entehrt, empört und will sich nicht mit ihrem Schicksal abfinden, als verkaufte Braut an der Seite eines Anderen zu leben. Sie nötigt Tristan zu einer Unterredung und will sich und auch ihn mit einem Todestrank töten. Ihre Dienerin Brangäne hat allerdings aus Mitleid das tödliche Gift durch einen Liebestrank vertauscht. So endet der erste Akt nicht mit einem qualvollen Tod, sondern mit erneuter Liebe der beiden füreinander.

Im zweiten Akt auf dem Schloss von Cornwall versuchen sich Tristan und Isolde nachts heimlich zu treffen. Arie: „Oh sink hernieder, Nacht der Liebe“. Es folgen Liebesschwüre, aber auch schwierige Diskussionen über Schuld und Vergebung. Ein Gefolgsmann von König Marke, Melot, verrät die beiden und plötzlich steht König Marke zusammen mit seinem gesamten Hofstaat vor ihnen. Bei der anschließenden Auseinandersetzung verletzt Melot Tristan schwer.

Dritter Akt: Tristan kann sich trotz seiner Verletzung in seine Burg Kareol retten. Ihn quälen Erinnerungen an seine Kindheit und an seine Liebe zu Isolde. Schließlich möchte er seinem unglücklichen Leben ein Ende setzen und schickt nach Isolde, damit sie ihm den Todestrank verabreiche. Als sie endlich kommt erlischt sein Lebenslicht und Isolde, im Angesicht von Tristans Tod, bricht leblos über ihm zusammen.

Kritik

Die Neuproduktion der Staatsoper Unter den Linden bietet auch Besuchern, die nicht mit Wagner groß geworden sind, einen fesselnden Abend. Den Akteuren gelingt es nicht nur durch ihre stimmliche, sondern vor allem auch durch ihre schauspielerische Leistung, die Zuhörer in ihren Bann zu ziehen. Anders als bei vielen Tristanproduktionen, in denen man doch hin und wieder über die Länge der Oper von fast 5 Stunden nachdenkt, folgt man hier gespannt bis zur letzten Szene. Dabei überstrahlen die beiden Stars Anja Kampe als Isolde und Andreas Schrager als Tristan alle weiteren Sänger*innen. Sie verkörpern die beiden unglücklich Liebenden mit begeisternder Hingabe. Und Dirigent Daniel Barenboim bleibt wie immer seiner musikalischen Linie treu: überaus langsam beginnt er die Ouvertüre, als wolle er das zentrale Thema von Liebe und Tod dem Zuhörer möglichst behutsam nahebringen.

Der erste Akt führt uns in die Kabine einer im eleganten Art-Deco Stil eingerichteten Luxus-Yacht (Regie und Bühne: Dmitri Tscherniakov). Die rothaarige Irin Isolde debattiert dort mit ihrer Freundin Brangäne über Tristans Versagen, wobei das moderne Outfit der Akteure in absurden Kontrast zum klassischen Text steht.

Isolde, die Heilerin, fühlt sich als Ware männlicher Geschäfte und Sängerin Anja Kampe gelingt es hervorragend die Wut und Empörung mit ihrer großartigen Stimme und Temperament zu transportieren.

Aus ihrer Designerhandtasche holt Isolde ihren Todestrank und wartet auf Tristan. Der kommt zur Unterredung in hellblauem Jacket recht unbekümmert daher, offensichtlich negierend wo denn hier das Problem sei. Isolde liebt Helden, das merkt man, und fühlt sich dennoch der Ungerechtigkeit ausgeliefert. Die beiden erinnern sich daran, wie sie ihn heilte, visualisiert auf der Bühne durch eine Video Projektion mit einem kranken und verwahrlosten Tristan im Hipster Look. Durch die Einnahme des Getränks, der ursprünglich ein Todestrank sein sollte und nun durch Brangäne zum Liebestrank wird, kommen beide wieder zusammen und erinnern sich ihrer Gefühle.

(Die schwarzen Streifen in den Fotos kommen durch einen Gazé Vorhang vor der gesamten Bühne, Am.d.Red.)

Auf dem Schiff von Irland nach Cornwall, „TRISTAN UND ISOLDE“, Staatsoper Berlin, @ Holger Jacobs

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Der zweite Akt zeigt bei Regisseur Tscherniakov eine mondänen Party, auf der sich die Hofgesellschaft zwecks erweitertem Kurzweil zum Jagen trifft. Isolde und Tristan stürzen wie auf Drogen trotz Warnungen aufeinander zu, Isolde in grünem Abendkleid als Eyecatcher zu ihrem roten Haar, Tristan im Smoking. Ihr Liebesrendezvous wird dabei aber weniger als ein inniges Zusammenkommen gezeigt, sondern vielmehr als schwieriges und quälendes aneinander Abarbeiten, in dem beide versuchen, ihre schwierige Beziehungsgeschichte zu erklären und zu rechtfertigen. Dies scheitert natürlich und führt zu der gemeinsamen Erkenntnis, dass nur durch die Flucht aus dem Tag und das Versinken in die Nacht eine Chance für sie besteht. Die beiden Sänger sind sich dabei stimmlich absolut ebenbürtig und meistern die Partien mit atemberaubender Souveränität.

12 Photos: Auf dem Schloss in Cornwall, Isolde (Anja Kampe) und Brangäne (Ekaterina Gubanova), „TRISTAN UND ISOLDE“, Staatsoper Berlin, @ Holger Jacobs

Der dritte Akt bringt ein Landhaus mit hellgrünen Blümchentapeten, in welches sich Tristan gerettet hat. An diesem Ort seiner Kindheit erinnert er sich des frühen Verlustes seiner Eltern und durchlebt seinen zentralen Konflikt aus Verlustangst einerseits und Bindungsangst andererseits. Die Bilder seiner Eltern personifizieren sich auf der Bühne als stumme Schauspieler. Tristan erlebt Liebe als qualvolle Abhängigkeit und ebenso wie er sie verflucht, sehnt er sich Isolde herbei. Hier brilliert Andreas Schager mit einer atemberaubenden stimmlichen und schauspielerischen Leistung. Der Zuschauer versteht jetzt warum Liebe für Tristan unmöglich ist und er deshalb sterben möchte.  Als Isolde schließlich kommt, um ihn zu heilen, kann sie nichts mehr für ihn tun. Damit entsagt auch sie dieser Welt. Ihr Leiden spürt der Zuschauer wie Nadelstiche unter der eigenen Haut…

Am Ende gab es (nur von wenigen Buh-Rufen unterbrochen) Standing Ovations, natürlich für Maestro Barenboim, der wie immer die gesamte Partitur auswendig dirigierte, und für die beiden Stars Anja Kampe und Andreas Schager, die vorm Vorhang beinahe eine innigere Freundschaft zeigten, als auf der Bühne. Alle anderen Sänger, insbesondere Ekaterina Gubanova als Brangäne und Boaz Daniel als Kurwenal, verdienten ebenso den tosenden Applaus.

„Tristan und Isolde“ von Richard Wagner
Staatsoper Unter den Linden
Musikalische Leitung: Daniel Barenboim, Regie und Bühnenbild: Dmitri Tscherniakov, Kostüme: Elena Zaytseva, Video: Tieni Burkhalter, Chor: Raymond Hughes
Mit: Andreas Schager (Tristan), Isolde (Anja Kampe), Stephen Milling (König Marke), Boaz Daniel (Kurwenal), Stephan Rügamer (Melot), Ekaterina Gubanova (Brangäne)

Nächste Vorstellungen: 15., 18., 25. Februar 2018, 3., 11. und 18. März 2018

 

Friederike Danne

Author: Friederike Danne

Dr. Friederike Danne works as a pediatrician in the hospital Charite in Berlin. She adopted her two Afro-American daughters in the USA, 9 and 11 years old.

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