Unsere Bücher Tipps für den Sommer 2019

Ales was ich weiß über die Liebe © Kiepenheuer & Witsch/ kultur24.berlin

Unsere Bücher Tipps für den Sommer 2019

Von Janet Kinnert

08.07.2019

Drei Bücher, die in diesem Sommer in keiner Reisetasche fehlen sollten

„Alles, was ich weiß über die Liebe“ von Dolly Alderton

Dolly Alderton ist kein Paradebeispiel einer guten Autorin.
Was sie aber ist, und was sie zu einer internationalen Bestsellerautorin gemacht hat: Sie ist authentisch und die Stimme einer jungen Generation, die sich außen hin als selbstironisch, locker und humorvoll gibt und dabei hauptsächlich Spaß, Liebschaften und Erfolg haben will, aber ehrlicherweise vor lauter Verunsicherung ihr Leben gar nicht überblickt.
„Meine gesamten frühen Zwanziger verbrachte ich so wie Macaulay Culkin in Kevin – Allein in New York, als er sich heimlich ins The Plaza einbucht und beim Zimmerservice Tonnen von Eiscreme bestellt und Gangsterfilme guckt.“

In jedem Alter, in dem man glaubt, man hätte das Leben mit all seinen Lektionen bereits verstanden, warten nur noch mehr einschneidende, hocheuphorische bis tiefverletzende Erfahrungen vor der Tür.
„Keine Trennung wird so schlimm sein wie die allererste“, stellt Alderton mit 21 Jahren fest und weiß noch gar nicht, was alles auf sie wartet.
Um einem Mann zu gefallen, muss man insbesondere wild und versaut sein, ist sie sich sicher und „Wenn du die Freunde deiner besten Freundinnen lange genug ignoriert hast, dann verschwinden sie irgendwann wieder.“

In „Alles, was ich weiß über die Liebe“ erzählt Alderton ihre noch junge Lebensgeschichte aus witzigen Anekdoten über das Verlieben als Teenager, über das viel zu viel Trinken als junge Erwachsende, schrecklichen Beziehungen, durchzechte Nächte, spannende Liebschaften und Freundschaften, die scheitern, wachsen und bestehen.
Von geliebtem Chaos, verhasstem Liebeskummer, unausgesprochener Unsicherheit und gespieltem Selbstbewusstsein, dramatischen Gesten und verrückten Entscheidungen.
Je mehr man erlebt, desto mehr ist man doch, oder nicht?
Alderton lässt die Leserinnen und Leser an den Lektionen und Erkenntnissen teilhaben, die sie früher für wahr hielt und sich aber als falsch herausstellten und an denen, wo sie aktuell denkt, sie seien wahr.
„Alles, was ich weiß über die Liebe“ ist kein tiefgehendes Buch, aber eines, das sich schnell liest und dabei durchaus Spaß macht und Einblicke gewährt in die wirre Welt einer jungen Frau, die ihren Platz sucht, in der Millennial Kultur und ihrem eigenen Leben.

„Alles, was ich weiß über die Liebe“
Dolly Alderton
Kiepenheuer & Witsch

„Alles was ich weiß über die Liebe“, Dolly Alderton © Kiepenheuer & Witsch

„Hoffnung Mensch. Eine bessere Welt ist möglich“ von Michael Schmidt-Salomon“

Was ist schon Humanismus?
In einer Welt, in der es scheint, als wäre jede Empörung geäußert, jedes Tabu gebrochen, jedes Leid erlitten und jeder Skandal bereits vollzogen, scheint es fast wie die letzte mögliche Provokation, als Michael Schmidt-Salomon die These verkündet:
„Wir Menschen sind in der Lage, die größten Probleme unserer Welt in den Griff zu bekommen.“
„Hoffnung Mensch“ erzählt die Menschheitsgeschichte genau aus diesem Gesichtspunkt, den die heutige Mehrheit längst resigniert verdrängt hat.

Michael Schmidt-Salomon präsentiert sowohl die aktuellen politischen Probleme, als auch die existenzielle Frage des Menschseins. Auch wenn seine Überlegungen einen zumeist nicht optimistisch zurücklassen, so versteht es Schmidt-Salomon doch, diese greifbar zu machen und in die Perspektive einer humanen Weltgeschichte zu setzen.
Der Mensch ist das mitfühlendste, klügste, phanatsiebegabteste und auch humorvollste Tier, von dem wir wissen, so Schmidt-Salomon.
Beginnend mit Cicero vollzieht er die Ideengeschichte der Menschlichkeit, auch am Beispiel von Kriegen, von Menschenrechten, Bildung und technologischem Fortschritt.

Er zeigt sowohl die naturwissenschaftliche wie ethische Herangehensweisen zum Phänomen der Empathie auf, als auch die Faszination an musischen Künsten.
Der Mensch hat Kunstwerke atemberaubender Schönheit errichtet und Methoden entwickelt, um Geheimnisse der Materie zu beleuchten. Es gibt kein andere Spezie als den Menschen, die sich auf diese Weise um Kranke und Schwache zu kümmern versucht und Systeme errichtet, die Freiheit und Gerechtigkeit verwirklichen sollen.

Der Mensch ist nicht nur schlecht, die Welt ist nicht nur schlecht.
Und obwohl sich zahlreiche Gegenbeispiele dafür finden, die Absurdität der Endlichkeit und Sinnlosigkeit des Lebens, um die elendigen Ungerechtigkeiten in dieser Welt zu benennen, so betont Schmidt-Salomon die Leistungen der Menschheit und die Potenziale der Menschlichkeit.
Der starke Religionskritiker und evolutionäre Humanist, deren Bücher stets von politisch und moralisch drastischen Problemen handeln, endet dennoch – und da dürfen wir ihn alle beneiden – mit Optimismus.

Dabei erhebt Schmidt-Salomon selbst nie einen Wahrheitsanspruch.
Der Leser muss keinem seiner Thesen zustimmen, kann sie für naiv, zu kurz gedacht oder anderweitig kritikwürdig halten, obgleich er sie gut und wissenschaftlich begründet.
Bei seinen Lesungen bittet er die Zuhörer, ihm Fragen stellen und ihn „sehr gern eines Besseren zu belehren“. So wird jedes Werk Schmidt-Salomons immer auch eine Streitschrift, die Spaß am Denken, Überdenken, am Widersprechen macht und gleichzeitig versöhnt und aufkommendem Zynismus zu begegnen versucht.

„Hoffnung Mensch. Eine bessere Welt ist möglich“
Michael Schmidt-Salomon
Piper Verlag

„Hoffnung Mensch. Eine bessere Welt ist möglich“ , Michael Schmidt-Salomon © Piper Verlag

„Die einzige Geschichte“ von Julian Barnes

Diese Erzählung ist so offen, als wäre man schon seit Jahren mit dem Protagonisten Paul befreundet.
Als säße man mit ihm an einem Sommerabend auf der Terrasse, gieße sich gegenseitig Eistee ein und lausche Paul, der ehrlich von dem erzählt, was passierte, als er 19 Jahre alt war.
19 ist jung. Verrückt jung. Ein Alter, in dem man auf all das keinen Wert legt, was einem in den Konventionen der Mittelschicht vorgeschrieben wird.
In den Tennisclub, zu dem ihm seine Mutter in der Hoffnung überredet, er würde dort vielleicht eine nette Christine oder Virginia kennen lernen, tritt Paul aus rein satirischen Zwecken ein. Er langweilt sich beim Spiel und täuscht Interesse vor, bis er tatsächlich jemanden kennen lernt, der sein Interesse weckt: Susan Macleod.
30 Jahre älter, eine verheiratete Frau aus der Gemeinde, zwei erwachsene Kinder. Und trotz allem sind sie sicher, ineinander die große Liebe gefunden zu haben.

„Würden Sie lieber mehr lieben und dafür mehr leiden, oder weniger lieben und weniger leiden? Das ist, glaube ich, die einzige wahre Frage.“

„Wir sind alle auf der Suche nach einem sicheren Ort. Und wenn man den nicht findet, muss man lernen, sich die Zeit zu vertreiben“, erklärt Susan Paul irgendwann im Auto sitzend.

„Jeder Mensch hat seine Liebesgeschichte. Jeder.
Vielleicht war sie eine Katastrophe, vielleicht ist sie im Sande verlaufen, vielleicht ist sie gar nicht richtig in Gang gekommen, vielleicht gab es sie nur in Gedanken, das macht sie nicht weniger real.
Manchmal macht es sie noch realer. Manchmal sieht man ein Paar, das sich miteinander zu Tode zu langweilen scheint, und man kann sich nicht vorstellen, dass sie irgendwas gemeinsam haben oder warum sie immer noch zusammenleben. Aber das ist nicht nur Gewohnheit oder Bequemlichkeit oder Konvention oder dergleichen. Es liegt daran, dass sie einmal ihre Liebesgeschichte hatten.
„Jeder Mensch hat eine. Es ist die einzige Geschichte.“

Nach „Lärm der Zeit“ und „Vom Ende einer Geschichte“ stellt der Man Booker-Prize-Träger Julian Barnes in seinem neuen Roman die Frage um die Qualität, die Schwierigkeiten und auch um die lebenslangen Konsequenzen großer Liebesgeschichten ganz unvermittelt.

„Und wenn ich Liebespaare sehe, vertikal ineinander verschlungen an der Straßenecke oder horizontal verschlungen auf einer Decke im Park, dann löst das in mir vor allem eine Art Beschützerinstinkt aus. Nein, nicht Mitleid: Beschützerinstinkt.
Nicht, dass sie meinen Schutz wollten. Und dennoch – und das ist seltsam -, je furchtloser sie sich geben, desto stärker wird mein Impuls. Ich will sie beschützen vor dem, was die Welt ihnen wahrscheinlich antun wird, und vor dem, was sie sich wahrscheinlich gegenseitig antun werden. Aber das geht natürlich nicht. Meine Fürsorge ist nicht gefragt, und ihre Zuversichtlichkeit ist verrückt.“

„Die einzige Geschichte“
Julian Barnes
Kiepenheuer & Witsch

„Die einzige Geschichte“, Julian Barnes © Kiepenheuer & Witsch

 

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

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