Uraufführung von Heart Chamber in der Deutschen Oper

Heart Chamber - Deutsche Oper, Foto: Michael Trippel

Uraufführung von Heart Chamber in der Deutschen Oper

 

Von Holger Jacobs

21.11.2019

Wertung: 🙂 (eins von fünf)

english text below

Eine Uraufführung mit Musik, die man nicht als solche bezeichnen konnte

Dass es moderne und zeitgenössische klassische Musik nicht leicht beim Publikum hat, wissen wir.
Dennoch taucht sie regelmäßig in fast jedem Programm eines philharmonischen Konzertsaales auf. Es ist der verständliche Wunsch von Musikern der so genannten „NEUEN MUSIK“ (so bezeichnet 1919 von dem Musikjournalist Paul Brekker) eine Chance zu geben.

Jede Kunstgattung und jeder Künstler strebt an etwas Neues zu kreieren, weiter zu gehen, die Kunst voranzutreiben. Auf keinen Fall stehen zu bleiben oder etwas zu wiederholen, was andere vielleicht schon besser gemacht haben.

Zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert kam es zu einer allgemeinen Aufbruchstimmung in fast allen Kunstrichtungen. So auch in der Musik.
Es musste etwas Neues her!
Jede Form von klassisch-romantischer Musik wurde von nun an abgelehnt. Besonders im Rhythmus, der Harmonik, der Dynamik und der Klangfarbe wurden neue, revolutionäre Wege bestritten, die bei ihren jeweiligen Aufführungen seitens des Publikums zu regelrechten Tumulten führten.
So geschehen bei der Uraufführung der Oper „Salomé“ von Richard Strauss 1905 und bei der Premiere von „Le Sacre du printemps“ von Igor Strawinsky 1913, bei dem der Saal des Theatre des Champs-Elysées in Paris geräumt werden musste, weil Anhänger und Widersacher der Aufführung sich prügelten.

Am vergangenen Freitag bei der Uraufführung von „HEART CHAMBER“ in der Deutschen Oper in Berlin gab es keine Prügelei, sondern höflichen Applaus. Denn in heutiger Zeit weiß jeder, der zu einem Opernabend mit zeitgenössischer Komposition geht, was ihn wohl erwarten wird. Insofern gibt es eine allgemeine Akzeptanz, selbst wenn man sich manchmal am liebsten die Ohren zuhalten würde…

Kritik

Die Uraufführung von „HEAT CHAMBER“ der israelischen Komponistin Chaya Czernowin in der Deutschen Oper Berlin hatte mir nicht gefallen. Aus verschiedenen Gründen.

Ersten die Musik:
Der Bayerische Rundfunk Klassik schrieb in seiner Rezension: „Es summt und brummt, zirpt, knirscht und rauscht“. Dem kann ich mich nur anschließen.
Mit Musik hatte das nichts mehr zu tun. Eher mit einem Geräuschpegel.
Zwar gab es ein Orchester, doch dieses war überwiegend zum Nichtstun verdammt, außer, wenn es auf ihren Instrumenten schlagen, trommeln oder zupfen durfte.  Begleitet wurde es durch ein Vokalensemble, welches sich im 1. Rang links und rechts in den Außenlogen befand und einem Experimentalstudio, welches die Geräusche von Bienensummen und Ameisengewimmel produziert. Rechts unten im Zuschauerraum saß ein Kontrabass, welches den Abend eröffnete, dabei aber nur zwei Noten spielte…

Die Berliner Zeitung schreibt dazu: „Wir scheinen im Innersten von Musik verlassen“.
Ich würde hinzufügen, dass an diesem Abend gar keine Musik gespielt wurde. Meine tiefe Bewunderung galt deshalb dem Dirigenten Johannes Kalitzke, der das alles irgendwie zusammenbringen musste: Summen, Brummen, Knirschen, Rauschen.
Die FAZ spricht in ihrer Rezension von „vorbeischnurren“ und in der Tat erinnerte mich die Geräuschkulisse an die Klänge von Katzen auf einem (heißen) Blechdach. Allerdings war der FAZ-Rezensent davon überaus begeistert…

Dabei bin ich in keineswegs ein Feind neuer klassischer Musik. Steve Reich (*1936) und John Cage (*1912) sind meine großen Favoriten. Die Stücke „Six Pianos“ (1973) oder noch besser „Six Marimbas“ (1986) von Steve Reich sind einfach grandios. Und die „Piano Works“ von John Cage kann ich nur jedem ans Herz legen.
Doch die „Musik“ von Chaya Czernowin (*1957) ist für mich ein Reinfall.

Zweitens die Handlung:
Liebesgeschichten auf der Bühne gibt es so lange wie Bühnen existieren. Natürlich auch in der Oper. Doch fast alle enden tragisch. Sei es, dass die Liebenden aus verfeindeten Lagern kommen, sei es, dass Standesdünkel bestehen, oder einfach, weil ein Partner stirbt, wie bei „La Bohème“, der Mutter aller romantischen Liebesopern. Warum ist das so? Ganz einfach: Um ein dramatisches Element zu erzeugen!

Doch bei Chaya Czernowin’s „Heart Chamber“ (Libretto ebenfalls von Chaya Czernowin) gibt es kein dramatisches Element.

Da sitzen zwei Menschen (Patrizia Ciofi und Dietrich Henschel) links und rechts im Bühnenraum und per Video erfahren wir, dass sie sich im Treppenhaus durch ein zufällig heruntergefallenes Glas Honig kennengelernt haben. Später sehen wir dann beide per Video in der Berliner Wilmersdorfer Straße spazieren gehen.
Am Schluss sagt sie zu ihm: „I love you“. Es ist die banale Geschichte eines banalen Paares, dass sich zufällig kennenlernt und verliebt.
Genauso langweilig, wie sich das anhört, ist es auch. Es gäbe absolut gar keinen Grund diese Geschichte zu erzählen, erst recht nicht, darüber eine Oper zu schreiben. Die Inszenierung des berühmten Opernregisseurs Claus Guth, dessen Benjamin Britten Inszenierung „The Turn of the Screw“ an der Staatsoper Berlin ich besonders liebe, konnte da auch nichts mehr ausrichten.

Daneben sieht der Zuschauer noch per Video einen Haufen Ameisen und einen Schwarm Bienen. AHA! Das Kribbeln im Bauch eines Verliebten? Mehr Wink mit dem Zaunpfahl geht nicht.

Fazit: Nicht zu empfehlen!

„Heart Chamber“ von Chaya Czernowin
Uraufführung am 15. November 2019
Deutsche Oper Berlin
Musikalische Leitung: Johannes Kalitzke, Inszenierung: Claus Guth, Kostüme: Christian Schmidt, Licht: Urs Schönebaum, Video: Rocafilm
Mit: Patrizia Ciofi, Noa Frenkel, Dietrich Henschel, Terry Wey, Frauke Aulbert und dem Orchester der Deutschen Oper Berlin

Nächste Aufführungen: 26. und 30. November, 6. Dezember 2019

Unsere Bilderserie mit 4 Fotos der Produktion:

4 photos: „Heart Chamber“ von Chaya Czernowin, Foto: Michael Trippel

english text

World premiere of Heart Chamber in the Deutsche Oper
By Holger Jacobs
11/21/2019
Rating: 🙂 (one of five)
A world premiere with music that could not be described as such
We know that modern and contemporary classical music is not easy for the public. Nevertheless, she appears regularly in almost every program of a Philharmonic concert hall. It is the understandable desire of musicians of the so-called „NEW MUSIC“ (so called in 1919 by the music journalist Paul Brekker) to give a chance.
Every art genre and every artist strives to create something new, to go further, to advance the art. In no case to repeat something that others may have done better.
At the turn of the 19th to the 20th century, there was a general spirit of optimism in almost all artistic directions. So also in music. It had to be something new! Any form of classical-romantic music was rejected from now on. Especially in the rhythm, the harmony, the dynamics and the timbre. New, revolutionary ways were often denied, which led sometimes the audience to real turmoil. This happened at the premiere of the opera „Salomé“ by Richard Strauss in 1905 and at the premiere of „Le Sacre du Printemps“ by Igor Stravinsky in 1913, when the hall of the Theater des Champs-Elysées in Paris had to be vacated, because followers and adversaries of the performance beat themselves.
Last Friday, at the premiere of „HEART CHAMBER“ at the Deutsche Oper in Berlin, there was no brawl, but polite applause. For in modern times, anyone who goes to an opera evening with contemporary composition knows what he will probably expect. In this respect, there is a general acceptance, even if sometimes you would like to cover your ears …

Critics
I did not like the world premiere of „HEAT CHAMBER“ by the Israeli composer Chaya Czernowin at the Deutsche Oper Berlin.
For various reasons.
First the music: The Bayerischer Rundfunk Klassik wrote in his review: „It buzzes, chirps, crunches and rushes“. I can only associate myself with it. It had nothing to do with music. Rather with a noise level. Although there was an orchestra, which was mostly condemned to idleness, except when it was allowed to beat, drum or pluck on their instruments. It was accompanied by a vocal ensemble, which was located in the first rank left and right in the outer box and an experimental studio, which produces the sounds of bees and anthills. Right down in the auditorium sat a double bass, which opened the evening, but played only two notes …
The Berliner Zeitung writes: „We seem to be left by the music“.
I would even add that no music was played that evening. My deep admiration goes therefore to the conductor Johannes Kalitzke, who had to bring everything together somehow. In its review, the FAZ speaks of „whizzing by“ and in fact the soundscape reminded me of the sounds of cats on a (hot) tin roof. However, the FAZ reviewer was very excited about it …
But I’m by no means an enemy of new classical music. Steve Reich (* 1936) and John Cage (* 1912) are my big favorites. The pieces „Six Pianos“ (1973) or even better „Six Marimbas“ (1986) by Steve Reich are simply terrific. And I can only recommend the „Piano Works“ by John Cage to everyone. But the „music“ of Chaya Czernowin (* 1957) is a failure for me.
Second, the plot: Love stories on stage are there as long as stages exist. Of course, also in the opera. But almost all end tragically. Sometimes the lovers come from hostile camps, sometimes because of social snobbery, or simply because a partner dies, as in „La Bohème,“ the mother of all romantic love operas. Why? Quite simple: to create a dramatic element!

But there is no dramatic element in Chaya Czernowin’s „Heart Chamber“ (Chaya Czernowin’s libretto).
There sit two people (Patrizia Ciofi and Dietrich Henschel) left and right on the stage and by video we learn that they got to know each other in the stairwell by a coincidentally dropped glass of honey.
Later we see on a video screen both of them going for a walk in Berlin’s Wilmersdorfer Straße. At the end she says to him: „I love you“.
It is the banal story of a banal couple who get to know each other and fall in love. As boring as it sounds, so it is.
There would be absolutely no reason to tell this story, or even to write an opera about it.
The directing of the famous opera director Claus Guth, whose Benjamin Britten’s „The Turn of the Screw“ at the Staatsoper Berlin I particularly love, could do nothing more.
Beside the audience could see by video a bunch of ants and a swarm of bees. AHA! The tingling in the belly of lovers? This is too obvious.
Conclusion: no recommendation!
„Heart Chamber“ by Chaya Czernowin
World Premiere on 15 November 2019
Deutsche Oper Berlin
Musical Direction: Johannes Kalitzke, Director: Claus Guth, Costumes: Christian Schmidt, Light: Urs Schönebaum, Video: Rocafilm
With: Patrizia Ciofi, Noa Frenkel, Dietrich Henschel , Terry Wey, Frauke Aulbert and the Orchestra of the Deutsche Oper Berlin
Next performances: 26th and 30th November, 6th December 2019

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

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