Violetter Schnee in der Staatsoper Berlin

Violetter Schnee - Staatsoper Berlin, Foto: Monika Ritterhaus

Violetter Schnee in der Staatsoper Berlin

 

Von Holger Jacobs

15.01.2019

Wertung: 🙂 🙂 🙂 (drei von fünf)

english text

Endzeitstimmung mit viel Schnee in der Staatsoper Unter den Linden

Hintergrund

Pünktlich zum Schneechaos in den Alpen bringt die Staatsoper in Berlin eine Uraufführung des Schweizer Komponisten Beat Furrer, welches die Apokalypse mit unendlichem Schneefall verbindet.

Starker Tobak oder überzeugendes Szenario?

Zeitgenössische, klassische Musik hat es bekanntlich schwer. Ab Anfang des 20. Jahrhundert spaltete sich die Musik in neue Richtungen. Von der Barockzeit eines Johann Sebastian Bach, über die Klassik eines Ludwig van Beethoven bis zur Romantik eines Richard Wagner oder Hector Berlioz wurde ab 1910 Abstand genommen, um neue Formen des musikalischen Ausdrucks zu finden. Es entstanden der Jazz, die Broadway Musicals, Swing, Bebop, Soul und Funk bis zum Rock und Pop der 50er und 60er Jahre.

Aber die sogenannte klassische Musik war nicht tot. Mit Richard Strauss, Bela Bartok und Arnold Schönberg kamen Komponisten, die auch der Klassik neue Impulse geben konnten. Nur das an die frühere Musik gewöhnte Publikum ging häufig diesen Schritt nicht mit. Böse Zungen behaupten, es klänge wie Katzenmusik. Nun, Sinneseindrücke sind subjektiv, jeder empfindet sie anders. Aber ich muss zugeben, dass die Musik eines zeitgenössischen Komponisten, wie Beat Furrer (*1954), sicher nicht für Jedermanns Ohren geeignet ist.

Dennoch werden immer wieder Aufträge an Komponisten der heutigen Generation vergeben, sicher auch, um der klassischen Musik neue Impulse zu ermöglichen – und um nicht einen Stillstand zu riskieren, der auf alle Ewigkeit nur die Musik eines Mozart oder Schubert erlauben würde. Wie in der Kunst ist es wichtig neue Wege zu gehen, neue Ausdrucksformen zu finden und dem Interessierten neue Möglichkeiten der Sinneseindrücke zu geben. Voilà – das ist es!

Doch müssen wir deshalb alles Neue akzeptieren?

Und ist Beat Furrer ein gutes Werk gelungen?

Handlung

Die Idee von Beat Furrer war, eine Oper über ein Endzeitszenario zu komponieren. Angeregt durch den Film „Solaris“ von Andrei Tarkowski aus dem Jahre 1972, ließ Beat Furrer von dem Autoren Händl Klaus ein Libretto schreiben, welches 5 Personen zeigt, die in einem Schneesturm gefangen sind und keine Chance sehen, dort wieder herauszukommen. Als am Ende der Schneefall aufhört, erscheint am Horizont eine violette Sonne, die die Protagonisten sowohl verzaubert wie erschreckt. Eine neue Welt scheint sich aufgetan zu haben.

Tanja (Martina Gedeck) im Kunsthistorischen Museum in Wien, Foto: Monika Ritterhaus

Kritik

Der Regisseur Claus Guth (zuletzt inszenierte er Benjamin Brittens „The Turn of the Screw“ an der Staatsoper Berlin, kultur24 berichtete) erinnerte sich bei der Bearbeitung des Stoffes an das Bild von Pieter Bruegel d.Ä. „Jäger im Schnee“ aus dem Jahre 1565, welches eine wunderbare Winterlandschaft zeigt. Sie kann sowohl als schön, aber auch als bedrohlich gesehen werden, da bei genauerem Hinsehen Mensch und Tier unter der klirrenden Kälte extrem leiden, so dass jede Bewegung äußerst beschwerlich erscheint.

Claus Guth läßt die Oper „Violetter Schnee“ im Wiener Kunsthistorischen Museum spielen, in dem das Original von Pieter Brueghel hängt (eine „Pieter Brueghel“ Retrospektive ist dort für dieses Jahr vorgesehen). Dort treffen sich die 5 Protagonisten. Von der in Pink gekleideten hübschen Silvia (wohl angelehnt an die Figur von Reese Witherspoon in „Natürlich blond“), gespielt und gesungen von Anna Prohaska, über die etwas arrogante Natascha (Elsa Dreisig) bis zum netten Jan (Gyula Orendt), dem unscheinbaren Peter (Georg Nigl) und dem abseits stehenden Jacques (Otto Katzameier).

Gleich zu Beginn gibt es eine Art Ouvertüre, die neben der von der Staatskapelle unter Dirigent Matthias Pintscher gespielten Musik eine Sprechrolle einbezieht, hier von der bekannten Film- und Fernsehschauspielerin Martina Gedeck („Das Leben der Anderen“) interpretiert. Leider ist dieser Part mit 20 Minuten zu lang, da der ständig unterbrochene und nur aus Satzfetzen bestehende Text unverständlich bleibt und nach einer Weile nervt. Die Musik ist, wie schon oben beschrieben, zeitgenössisch. Da muss jeder für sich selbstentscheiden, ob er es mag. Mir persönlich hat es nur bedingt gefallen.

Nach diesem Entrée sieht der Zuschauer die fünf Hauptfiguren im Museum. Sie reden, bzw. singen, ständig von dem Schneefall, der nicht aufzuhören scheint. Auf einmal wechselt die Szene in eine Art Wohnzimmer, wo die fünf immer weniger mit ihrer bedrohlichen Situation umgehen können. Dann fährt das gesamte Bühnenbild nach unten und wir folgen den Personen auf das Dach des Gebäudes. Hier sehen wir auch Andere, die wohl im Schneechaos hängen geblieben sind. Mitten unter ihnen wandern im Schneckentempo Menschen, die geradewegs dem Bild „Jäger im Schnee“ entstiegen zu sein scheinen. Ein Lob an die Kostümbildnerin (Ursula Kudrna)!

Am Ende erscheint aus dem Schneesturm eine grelle Sonne, die sich immer mehr rosa (oder violett) färbt. Alle richten ihren Blick zu dem glühenden Ball am Horizont, während die Bühne im dichter werdenden Nebel verschwindet.

Fazit: Schwierige Musik mit einer etwas überzogenen Handlung. Nur etwas für Spezialisten.

„Violetter Schnee“ von Beat Furrer
Premiere am 13. Januar 2019
Staatsoper Unter den Linden
Musik. Leitung: Matthias Pintscher, Regie: Claus Guth, Bühne: Etienne Pluss, Kostüme: Ursula Kudrna, Video: Arian Andiel, Licht: Olaf Freese
Mit: Anna Prohaska (Silvia), Elsa Dreisig (Natascha), Gyula Orendt (Jan), Georg Nigl (Peter), Otto Katzameier (Jacques) und Martina Gdeck (Tanja)

Nächste Vorstellungen am 16., 24., 26. und 31 Januar 2019

Hier unsere Bilderserie mit 8 Fotos der Produktion:

8 Photos: Jan (Gyula Orendt) und Silvia (Anna Prohaska), „Violetter Schnee“, Foto: Monika Ritterhaus

 

english text

„Violetter Schnee“ in the Staatsoper Berlin
By Holger Jacobs
01/15/2019
End time mood with lots of snow in the Staatsoper Unter den Linden

Background
Just in time for the snow chaos in the German Alps, the Staatsoper in Berlin premieres Swiss composer Beat Furrer, who combines the apocalypse with endless snowfall.
Pulp fiction or convincing scenario?
Contemporary, classical music has a hard time. From the beginning of the 20th century, music split in new directions. From the baroque period of a Johann Sebastian Bach, over the classics by Ludwig Beethoven to the romance of Richard Wagner or Hector Berlioz, from 1910 onwards the music was distanced to find new forms of expression. From jazz, Broadway musicals, swing, bebop, soul and funk to the rock and pop of the 50s and 60s.
But the so-called Classical Music was not dead. With Richard Strauss, Bela Bartok or Arnold Schönberg came composers who could also give new impulses to Classical Music. Only the audience accustomed to the old music often did not take this step with them. Bad tongues say it sounds like cat music. Well, sensory impressions are subjective, everyone feels differently. But I must admit that the music of a contemporary composer like Beat Furrer (* 1954) is certainly not suitable for everyone’s ears.
Nevertheless, orders are constantly awarded to composers of the present generation, certainly also in order to give new impulses to Classical Music – and not to risk a standstill that would allow for the eternity only the music of a Mozart or Schubert. As in art, it is important to find new ways of expression and to give new possibilities of sensory impressions. Voilà – that’s it!
But do we have to accept everything new?
And has Beat Furrer succeeded in producing a good work?

Story
The idea of ​​Beat Furrer was to compose an opera about an end-time scenario. Inspired by the film „Solaris“ by Andrei Tarkowski from the year 1972, Beat Furrer ask the author Händl Klaus to write a libretto that shows 5 people who are caught in a blizzard and see no chance to get out. As the snowfall ceases, a violet sun appears on the horizon, enchanting and terrifying the protagonists. A new world seems to have opened.
Critics
The director Claus Guth (last he staged Benjamin Britten’s „The Turn of the Screw“ at the Staatsoper Berlin, kultur24 reported) remembered the image of Pieter Bruegel the Elder „Hunter in the snow“ from 1565, which shows a wonderful winter landscape. It can be seen as both beautiful and threatening, because humans and animals suffer extremely from the freezing cold.
Claus Guth had the Idea to play „Violetter Schnee“ in the Vienna Kunsthistorisches Museum, in which the original by Pieter Brueghel hangs. There meet the 5 protagonists. From pretty pink dressed Silvia (probably based on the character of Reese Witherspoon in „Legally blonde“), played and sung by Anna Prohaska, and the arrogant Natasha (Elsa Dreisig) to the nice Jan (Gyula Orendt), the inconspicuous Peter (Georg Nigl) and the offside Jacques (Otto Katzameier).
Right at the beginning there is a kind of overture, which in addition to the music, played by the Staatskapelle under conductor Matthias Pintscher, includes a voice, interpreted by the well-known film and television actress Martina Gedeck („The Life of the Others“). Unfortunately, this part is with 20 minutes too long. Because the the text, which is constantly interrupted and consists only of sentence fragments, remains incomprehensible and is annoying after a while. The music is, as described above, contemporary. Everyone has to decide for themselves if they like it. Personally, I liked it only partially.
After this entrance, the spectator sees the five main characters in the museum. They talk, or sing, constantly of the snowfall that does not seem to stop. Suddenly the scene changes into a kind of living room, where the five are less able to deal with their threatening situation. Then the whole set goes down and we follow the people on the roof of the building. Here we also see others, who are probably stuck in the snow chaos. In the midst of them, at a snail’s pace, are people to be seen, who seem to have climbed straight out of the picture of „Hunters in the snow“.
At the end  a bright sun appears , which turns more and more pink (or purple). Everyone turns their gaze to the glowing ball on the horizon, as the stage disappears in the fog.
Conclusion: Difficult music with a somewhat exaggerated plot. Only for specialists.
„Violetter Schnee“ by Beat Furrer. Premiere was on January 13, 2019. Staatsoper Unter den Linden. Conductor: Matthias Pintscher, Director: Claus Guth, Stage: Etienne Pluss, Costumes: Ursula Kudrna, Video: Arian Andiel, Light: Olaf Freese
With: Anna Prohaska (Silvia), Elsa Dreisig (Natasha), Gyula Orendt (Jan), Georg Nigl (Peter), Otto Katzameier (Jacques) and Martina Gdeck (Tanja)
Next performances on the 16th, 24th, 26th and 31st of January 2019

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

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