Winterreise – Uraufführung im Maxim Gorki Theater

Winterreise - Maxim Gorki Theater © Holger Jacobs

Winterreise – Uraufführung im Maxim Gorki Theater

 

Von Anna Müller

10.4.2017

Es war ein besonders berührender Abend.

Die Uraufführung von „Winterreise“ am Maxim Gorki Theater vergangenen Samstag. Das Stück hat die international bekannte Theaterautorin Yael Ronen in Zusammenarbeit mit dem Exil Ensemble entwickelt, ein erst im November am Gorki Theater gegründetes Kollektiv von geflüchteten Schauspielern aus Syrien, Afghanistan und den Palästinensergebieten.

 Das Stück „Winterreise“ hat seinen Ursprung in einer Busreise die das Exil Ensemble gemeinsam mit ihrem deutschen Kollegen Niels Bohrmann, der die Rolle des einzigen Deutschen auf der Bühne übernimmt, quer durch Deutschland und die Schweiz unternommen hat. Die Intention war Deutschland besser kennenzulernen, mehr zu erfahren über dieses immer noch neue Land und vor allem mehr zu verstehen über die Deutschen und Ihre Kultur.

 Was die Schauspieler hier über ihre Reise erzählen, ist oft unfreiwillig komisch und lässt das Publikum mehr als einmal in schallendes Gelächter ausbrechen, vergisst dabei aber nicht zum Nachdenken anzuregen und lässt den Zuschauer letztendlich mit vielen Fragen zurück.

Yael Ronen hat eben ihre ganz eigene, humorvolle Art mit politischen Diskussionen umzugehen. Es ist der schwarze Humor der sich auch in Ihren Stücken wie „Common Ground“ und „The Situation“ wiederfinden lässt und ein großer Teil ihres Erfolgsrezeptes zu sein scheint.

 Im Hintergrund auf einer teilbaren Projektionsfläche werden nicht nur Aufnahmen aus den verschiedenen Städten gezeigt, sondern auch Zeichnungen, die das Gefühlsleben der Schauspieler widerspiegeln und auf spielerische Art durch das Stück führen.

Hier ein kleiner Teaser:

Die Zeichnungen stammen von der Schauspielerin Kenda Hmeidan.

Ein eindeutiger Höhepunkt des Stückes wird die Auseinandersetzung mit der PeGiDa Demo die just in dem Moment in Dresden stattfindet als das Ensemble im Hotel ankommt. So sitzen zwei der Schauspieler gemeinsam in Ihrem Zimmer und versuchen sich gegenseitig Sprüche wie „Fatima Merkel“ oder auch „Kartoffeln statt Döner“ zu erklären.

Der Kulturschock, den die Mitglieder des Exil Ensembles in Deutschland erleben, wird auch in Hinsicht auf Liebesdinge klar. Wie z.B. die Erzählung von Maryam über eine offene Beziehung mit mehreren Partnern, welche hier wohl üblich wären. Oder eine App, die einem helfen soll mit deutschen Frauen zu flirten. Diese Erlebnisberichte verhelfen dem Stück an manchen Stellen zu einer einzigartigen Komik.

In den Monologen der verschiedenen Protagonisten kommt schließlich eine ganz andere Seite zum Vorschein. Die sehr persönlichen Geschichten und Schicksale berühren tief und lassen den Zuschauer grübelnd zurück. Ohne Melancholie hervorzurufen, erzählen die Akteure hier erschreckend ehrlich von ihren Fluchtgeschichten, was Heimat für sie bedeutet, und wie es sich anfühlt Familie und Freunde zurückzulassen.

Der Vortrag des Gedichtes „Über die Bezeichnung Emigranten“ von Bertolt Brecht aus dem Jahre 1937 wird gedanklich zum Herzstück der Aufführung. „Wir wanderten doch nicht aus, nach freiem Entschluss“ heißt es dort, „Und kein Heim, ein Exil soll das Land sein, das uns da aufnahm“ . Das Gedicht verknüpft Geschichte miteinander und ist dabei in seiner Aktualität erschreckend.

Was Yael Ronen und ihr Ensemble, geleitet von Ayham Majid Agha als künstlerischen Leiter des Ensembles und seinen Kollegen Maryam Abu Khaled, Hussein Al Shatheli, Karim Daoud. Mäzen Aljubbeh und Kenia Hmeidan geschaffen hat, ist ein grandioses Schauspiel und geprägt von einer besonderen Verbundenheit und Dynamik.

Als die Akteure am Ende ihrer Reise sind, als Freunde näher zusammengerückt und um einige Erfahrungen und Begegnungen reicher, bricht das Publikum in tosenden Applaus aus. „Bravo“ Rufe, ein paar Tränen und viele nachdenkliche Gesichter füllen am Ende den Saal.

Mit: Niels Bormann, Maryam Abu Khaled, Mazen Aljubbeh, Hussein Al Shateli, Karim Daoud. Kenda Hmeidan, Ayham Majid Agha

Maxim Gorki Theater
Am Festungsgraben 2
10117 Berlin

Nächste Vorstellungen: 13. und 26. April 2017

Unsere Bilderserie mit 24 Bildern:

24 Bilder: Das Ensemble bei der Busfahrt, Hintergrundzeichnung: Kenda Hmeidan, „Winterreise“. Maxim Gorki Theater © Holger Jacobs

Anna Müller

Author: Anna Müller

Literaturstudentin auf der Europa Universität Viadrina in Frankfurt/ Oder