Gesangsverbot für die Berliner Opernhäuser?

Berlin Opera Houses © Holger Jacobs/ kultur24.berlin

Gesangsverbot für die Berliner Opernhäuser?

 

Von Holger Jacobs

28.06.2020

English text

Am Freitag vergangener Woche platzte die Bombe: Jeder gemeinschaftliche Gesang in geschlossenen Räumen ist in Berlin bis zum 24. Oktober 2020 verboten!

Entgegen vieler anderer Häuser in der Welt wollten alle drei Berliner Opernbühnen schon ab Ende August 2020 wieder ihre Tore zu öffnen und hatten erst vor wenigen Tagen ihre neuen Programme für die Saison 2020/ 2021 veröffentlicht.

Bis zum 24. Oktober 2020 ist aber laut der neusten Berliner SARS-Cov-2-Infektionsverordnung das gemeinschaftliche Singen in geschlossenen Räumen verboten!
Zur Überraschung aller!
Denn die Berliner Opernhäuser hatten wochenlang mit äußerster Anstrengung an einer Corona-angepassten neuen Saison gearbeitet – einschließlich aller Abstands- und Hygieneregeln – und letzte Woche ihre Programme vorgestellt.

Was nun? Es herrscht Wut und Ratlosigkeit!
Denn parallel zur Infektionsverordnung besagt ein sogenannter „Musterhygieneplan Corona für die Berliner Schulen“, dass Chorproben erlaubt sind, sofern die Probenräume groß genug sind und zwischen den Sängerinnen und Sängern ein Abstand von 2 Metern eingehalten wird.
Also warum geht es in Schulen, aber nicht auf den Bühnen?
Die Proben für die neue Saison der Opernhäuser müssten noch im Juli beginnen.

Dieses Durcheinander veranlasste den Generalmusikdirektor der Staatsoper von Berlin, Daniel Barenboim, bei einer Nachfrage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, zu sagen:
„Wenn Sie herausfinden, auf welcher Basis Entscheidungen zu kulturellen Veranstaltungen und Corona getroffen werden, rufen Sie mich an!“

Mir selbst scheint es durchaus möglich mit den richtigen Abstands- und Hygieneregeln ein Konzert mit einem Gesangsvortrag durchzuführen. Zumal, wenn man eine der modernsten Klimaanlagen dieser Zeit eingebaut hat, wie z.B. die vor kurzem grundsanierte Staatsoper Untere den Linden.
Wie von deren Presse übrigens zu erfahren war, sollen dort von den maximal 1368 nur 370 überhaupt besetzt werden – gerade einmal 27 %!

Der Deutsche Chorverband warf daraufhin dem Berliner Kultursenator Klaus Lederer vor, für das Auslöschen von Kulturgut verantwortlich zu sein.
Vielleicht ein bisschen hoch gegriffen, aber angesichts dieser Entwicklung doch eine durchaus verständliche Reaktion.
Von unserem Kultursenator Klaus Lederer war danach nichts mehr zu hören, er war schlichtweg abgetaucht.

Dabei fällt die Bilanz unseres Kultursenators Klaus Lederer nach vier Jahren Amtszeit mehr als schlecht aus:
– Vorzeitige Beendigung der Intendanz von Chris Dercon nach nur einem Jahr als Direktor der Volkbühne Berlin.
– Vorzeitige Beendigung der Intendanz von Sasha Waltz und Johannes Öhmann nach nur einem Jahr als Leiter des Staatsballetts Berlin.
– Weggang der Sammlung Flick aus dem Hamburger Bahnhof
– Weggang der Sammlung Thomas Olbricht aus dem me-collectors-room
– Weggang der Sammlung Julia Stoschek aus Berlin
– Weggang der FASHION WEEK aus Berlin

Keine Bilanz als Kulturpolitiker in der Berliner Geschichte seit der Wende vor 30 Jahren fällt schlechter aus.

Auch die Berliner Opernintendanten Matthias Schulz, Dietmar Schwarz und Barrie Kosky waren völlig überrascht von der neuen Infektionsverordnung, hatten sie Ende letzter Woche doch voller Stolz ihre neuen Programme für 2020/21 vorgestellt.
Die erste Premiere der Deutschen Oper zum Beispiel, „DIE WALKÜRE“, sollte eigentlich bereits am 27. September 2020 über die Bühne laufen. Jetzt aber unmöglich, wenn die neue Corona-Verordnung nicht doch noch geändert wird.
Allein das Aushandeln aller Verträge mit den Sänger*innen für die neuen Produktionen ist eine Mammutaufgabe – und kann jetzt in den Müll geworfen werden.

Trotzdem stelle ich Euch hier das vorläufige sehr ambitionierte Programm der Deutschen Oper für die neue Saison vor:

DEUTSCHE OPER BERLIN 2020/ 21:

Insgesamt gibt es fünf Neuproduktionen: „Die Walküre“ und „Siegfried“ aus dem Ring des Nibelungen von Richard Wagner, „Simon Boccanegra“ von Verdi, die „Matthäus-Passion“ von Bach und „Fidelio“ von Beethoven:

„DAS RHEINGOLD AUF DEM PARKDECK“nach Wagner. Wiederaufnahme. Am 21., 22. + 23. August 2020. Siehe auch unsere Kritik hier.
„BABY DOLL“von Marie-Ève Signeyrole. Premiere am 4. Sept. 2020.
Musikalische Leitung: Donald Runnicles. Musik: 7. Sinfonie von Ludwig van Beethoven. Eine Performance mit Tanz, Theater, Video und Musik.
„AIDA“von Verdi. Konzertant. Am 19. + 10.9.20. Mit Tobias Kehrer (König), Judit Kutasi (Amneris), Elena Stikhina (Aida), Jorge de Leon (Radames).
„LA GIOCONDA“von Amilcare Ponchielli. Konzertant.Musik. Leitung: Ivan Repusic.
„CARMEN“von Georges Bizet. Wiederaufnahme. Siehe unsere Kritik hier.

„COSI FAN TUTTE“von Mozart. Wiederaufnahme.Siehe unsere Kritik hier.
„DAS MÄRCHEN VON DER ZAUBERFLÖTE“,in einer gekürzten Version für Kinder nach Mozart. Premiere am 1. Nov. 2020. Mit Valeriia Savinskaia (Pamina), Andrei Danilov (Tamino).
SIMON BOCCANEGRA“von Verdi. Premiere am 22. Nov. 2020. Regie: Vasoly Barkhatov. Musik. Leitung: Jader Bignamini. Mit George Petean, Dong-Whan Lee, Etienne Dupuis (im Wechsel Simon Boccanegra).
„DIE WALKÜRE“von Richard Wagner. Premiere am 27. Sept. 2020. Musik. Leitung: Donald Runnicles, Inszenierung: Stefan Herheim. Mit Brandon Jovanovich (Siegmund), Tobias Kehrer (Hunting), John Lundgren (Wotan), Lise Davidsen (Sieglinde), Annika Schlicht (Fricka), Nina Stemme (Brünnhilde).
„SIEGRIED“von Richard Wagner. Premiere am 24. Jan. 2021. Musik. Leitung: Donald Runnicles, Inszenierung: Stefan Herheim. Mit Simon O’Neill (Siegfried), Ya-Chung Huang (Mime), Iain Paterson (Der Wanderer), Markus Brück (Alberich), Lindsay Ammann (Erda), Nina Stemme (Brünnhilde)
„DIE MATTHÄUS-PASSION“von Johann Sebastian Bach. Premiere am 25. April 2021. Musik. Leitung: Alessandro De Marchi. Inszenierung: Benedikt von Peter.
„FIDELIO“ von Ludwig van Beethoven. Premiere am 12. Juni 2021. Musik. Leitung: Donald Runnicles, Inszenierung: David Hermann. Mit Markus Brück (Don Pizarro), Tobias Kehrer (Rocco), Philipp Jekal (Don Fernando).

Ob und wie dieses Programm mit der neusten Corona-Verordnung des Berliner Senats verwirklicht werden kann, bleibt abzuwarten.
Morgen stelle ich Euch die (vorläufigen) Programme der Staatsoper Unter den Linden und der Komischen Oper vor.

„Cosi Fan Tutte“, Deutsche Oper Berlin © Holger Jacobs/ kultur24.berlin

English text

Singing ban for Berlin opera houses?
By Holger Jacobs
10/28/2020
The news came on Friday last week:
any communal singing in closed rooms is prohibited in Berlin until October 24, 2020.

Contrary to many other houses in the world, all three Berlin opera stages wanted to open their doors again after Corona from the end of August 2020 and had only published their new programs for the 2020/2021 season a few days ago.

Until October 24, 2020, however, according to the latest Berlin SARS Cov-2 infection regulation, singing together in closed rooms is prohibited!

So what? All sides are currently trying to find a compromise.
Because parallel to the Infection Ordinance, a so-called „Corona Model Hygiene Plan for Berlin Schools“ states that choir rehearsals are permitted if the rehearsal rooms are large enough and a distance of 2 meters is maintained between the singers.
So why is it possible in schools, but not on stages?
Normally the rehearsals for the new season of the opera houses would have to start in July.

This confusion prompted the General Music Director of the State Opera in Berlin, Daniel Barenboim, when asked by the Frankfurter Allgemeine Zeitung, to say: „If you find out on what basis decisions about cultural events and corona are made, call me!“

It seems to me that with the right distance and hygiene rules, it is quite possible to hold a concert with a vocal performance, especially if you have installed one of the most modern air conditioning systems of the time, such as the recently renovated State Opera Untere den Linden.
By the way, as their press office announced, only 370 out of a maximum of 1368 should be filled there – just 27%!

The German Choir Association then accused the Berlin cultural senator Klaus Lederer of being responsible for the extinction of cultural property. Perhaps a little exaggerated, but in view of this development it is a perfectly understandable reaction.
Afterwards, our senator for culture, Klaus Lederer, was no longer to be heard; he was simply submerged.

The result of our cultural senator Klaus Lederer is a disaster after four years in office:
– Chris Dercon’s term of office ended prematurely after only one year as director of the Volkbühne Berlin.
– Sasha Waltz and Johannes Öhmann came to an early end after only one year as directors of the Staatsballett Berlin.
– Departure of the Flick Collection from the Hamburger Bahnhof
– Departure of the Thomas Olbricht Collection from the me-collectors-room
– Departure of the Julia Stoschek Collection from Berlin.

No result as a cultural politician in the history of Berlin since the Fall of the Wall 30 years ago is worse.

Berlin opera directors Matthias Schulz, Dietmar Schwarz and Barrie Kosky were also completely surprised by the new infection regulation, as they proudly presented their new program for 2020/21 at the end of last week.
For example, the first premiere of Deutsche Oper, „DIE WALKÜRE“, was supposed to be premiered on September 27, 2020, a month before the singing ban expires.
But now even rehearsals will probably not be possible.
The negotiation of all the contracts with the singers for the new productions is already a mammoth task – and can now be thrown in the trash.
Nevertheless, I present the preliminary, very ambitious program of the GDeutsche Oper for the new season:

DEUTSCHE OPER BERLIN 2020/ 2021:

There are a total of four new productions: „Die Walküre“ and „Siegfried“ from the Ring of the Nibelung by Richard Wagner, „Simon Boccanegra“ by Verdi, the „Matthäus-Passion“ by Bach and „Fidelio“ by Beethoven:

„DAS RHEINGOLD AUF DEM PARKDECK“ by Wagner. Resumption. At 21., 22. + 23. August 2020. See our citics here.
„BABY DOLL“ by Marie-Ève Signeyrole. Premiere Sept. 4th, 2020.
Musical direction: Donald Runnicles. Music: 7. Sinfonie by Ludwig van Beethoven. A performance with dance, theater, video and music.
„AIDA“  by Verdi. Konzertant. 19. + 10.9.20. With: Tobias Kehrer (König), Judit Kutasi (Amneris), Elena Stikhina (Aida), Jorge de Leon (Radames).
„LA GIOCONDA“ by Amilcare Ponchielli. Konzertant. Musical director: Ivan Repusic.
„CARMEN“ by Georges Bizet. Resumption. Read our critics here.

„COSI FAN TUTTE“ by Mozart. Resumption. Read our critics here.
„DAS MÄRCHEN VON DER ZAUBERFLÖTE“, short version for kids by Mozart. Premiere Nov. 1st, 2020. With: Valeriia Savinskaia (Pamina), Andrei Danilov (Tamino).
SIMON BOCCANEGRA“by Verdi. Premiere Nov. 22nd, 2020. Director: Vasoly Barkhatov. Musical direction: Jader Bignamini. With: George Petean, Dong-Whan Lee, Etienne Dupuis (in change to Simon Boccanegra).
„DIE WALKÜRE“ by Richard Wagner. Premiere Sept. 27th, 2020. Musical diection: Donald Runnicles; director: Stefan Herheim.
With: Brandon Jovanovich (Siegmund), Tobias Kehrer (Hunting), John Lundgren (Wotan), Lise Davidsen (Sieglinde), Annika Schlicht (Fricka), Nina Stemme (Brünnhilde).
„SIEGRIED“by Richard Wagner. Premiere am Jan. 24th, 2021. Musical direction: Donald Runnicles, director: Stefan Herheim.
With Simon O’Neill (Siegfried), Ya-Chung Huang (Mime), Iain Paterson (Der Wanderer), Markus Brück (Alberich), Lindsay Ammann (Erda), Nina Stemme (Brünnhilde)
„DIE MATTHÄUS-PASSION“by Johann Sebastian Bach. Premiere April 25th, 2021. Musical direction: Alessandro De Marchi. Director: Benedikt von Peter.
„FIDELIO“ von Ludwig van Beethoven. Premiere am Juni 21st, 2021. Musical direction: Donald Runnicles. Director: David Hermann.
With: Markus Brück (Don Pizarro), Tobias Kehrer (Rocco), Philipp Jekal (Don Fernando).

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Founder & Editorial Director of kultur24.berlin ug.
Founder & Editorial Director of kultur24 TV on Youtube.
Former correspondent for fashion in Paris.
Photographer, writer and filmmaker.

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