NUREJEW von Kiril Serebrennikov mit dem Staatsballett Berlin
Von Holger Jacobs
11.02.2026
Wertung: 🙂 🙂 🙂 🙂 (vier von fünf)
Hommage an einen der größten Balletttänzer des 20. Jahrhunderts
Im Jahre 2017 erarbeitete der russische Regisseur KIRIL SEREBERNNIKOV für das Bolschoi-Theater in Moskau eine Hommage an den Ausnahme-Tänzer RUDOLF NUREJEW mit dem Titel „Nurejew“.
Als es im August 2017 zur Uraufführung kommen sollte, wurde SEREBRENNIKOV am 22. August 2017 wegen angeblicher Veruntreuung verhaftet.
In Wirklichkeit war den staatlichen Behörden seine offen ausgetragene Homosexualität wohl ein Dorn im Auge.
Im Dezember 2017, in Abwesenheit des Regisseurs, der nun zu Hausarrest verurteilt worden war, kam es schließlich doch noch zur Aufführung und blieb bis 2022 im Repertoire.
Ab 2023 bekam „Nurejew“ Aufführungsverbot wegen Verstoßes gegen „nicht traditionelle Werte“.
Im heutigen Russland unter WLADIMIR PUTIN wird jede Form von LGBTQ missbilligt.
Berlins Ballettdirektor CHRISTIAN SPUCK konnte mit großem Geschick diese Inszenierung nach Berlin holen und von den Tänzern seines Staatsballetts interpretieren lassen.
Die Rolle des Nurejew übernahm in Berlin der brasilianische Tänzer DAVID SOARES (*1997), der selber Tänzer im Ballettensemble des Bolschoi-Theaters war, bis er 2022 nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine nach Berlin flüchtete, wo er vom Staatsballett aufgenommen wurde und seither als Erster Solotänzer in vielen Produktionen mitwirkt.
Es ist durchaus möglich, dass Regisseur KIRIL SEREBRENNIKOV ihn noch aus seiner Moskauer Zeit kannte und ihn vielleicht deshalb für diese Rolle ausgewählt hat.
Bei der Berliner Premiere am 21. März 2026 in der Deutschen Oper wurde „Nurejew“ mit großer Begeisterung aufgenommen und alle Vorstellungen sind bereits ausverkauft.
Am 11. April 2026 um 22.35 Uhr überträgt der Fernsehsender ARTE die Inszenierung im linearen Fernsehen.
Rudolf Nurejew
Schon NUREJEWS Geburt war außergewöhnlich:
Auf der Zugfahrt nach Wladiwostok gebar die Mutter Nurejews ihren Sohn Rudolf in der Transsibirischen Eisenbahn. Sie war auf der Fahrt zu ihrem Mann, der dort in der Roten Armee diente.
NUREJEW kam zum Tanz durch seine Schwester, als er ihr Partner in deren Ballettunterricht wurde. Erst mit 17 Jahren, sehr spät für einen Tänzer, entschied er sich für eine Ballettkarriere und begann seine Ausbildung an der Ballett-Akademie in Leningrad als ältester seiner Klasse.
Schon früh eckte er mit den Autoritäten an, wurde aber dennoch mit 20 Jahren Solist im Leningrader Kirov-Ballett.
Aus disziplinarischen Gründen blieb ihm lange die Möglichkeit von Auslandsreisen mit dem Ensemble verwehrt.
Erst 1961 ging es mit dem Kirov-Ballett nach Paris, wo er im „Schwanensee“ tanzte.
Als die Kompanie ihn plötzlich während der Tournee wieder nach Hause schicken wollte, verließ er auf dem Flughafen Le Bourget heimlich die russische Gruppe und beantragte in Frankreich politisches Asyl.
Von da an tanzte er sowohl in Europa, als auch in Amerika an verschieden Opernhäusern, ohne je festes Mitglied von deren Ballett-Ensembles zu werden.
1982 bekam er durch die Unterstützung des Direktors der Wiener Oper die Österreichische Staatsbürgerschaft.
1983 wurde er Ballettdirektor der Pariser Oper, was er bis zu seinem frühen Tod 1992 blieb.
NUREJEW tanzte mit den größten Ballerinen jener Zeit, wie z.B. SILVIE GUILLEM und MARCIA HAYDÉ, doch seine größten Erfolge feierte er mit der englischen Ballerina MARGOT FONTEYN vom Royal Opera House, die 19 Jahre älter war als er.
Die Harmonie zwischen den beiden war perfekt.
Jugendlicher Sturm und Drang paarte sich mit tänzerischer Reife.
Seine große Liebe wurde der dänische Tänzer ERIK BRUHN.
Die beiden blieben bis zum Tod BRUHNS im Jahre 1986 ein Paar.
Was NUREJEW als Tänzer auszeichnete war nicht speziell seine Technik, sondern seine Bühnenpräsenz.
Sein Auftreten und seine Ausstrahlung, die alle Blicke auf sich zog.
Seine choreographischen Arbeiten lagen hauptsächlich in den Neuinterpretationen von klassischen Ballett-Repertoires, wie „Giselle“, „Le Corsaire“, „Dornröschen“ bis zu „La Bayadère“, wobei er dem männlichen Part eine größere Rolle zukommen ließ.
„Nurejew“ vom Staatsballett Berlin
Wenn jemand ein Biopic drehen, bzw. inszenieren will, ist immer die Frage, welcher Schauspieler (in diesem Fall Tänzer) für die Hauptrolle eingesetzt wird.
Das kann gut gelingen, wie beim Film „Bohemian Rhapsody“ über den Queen-Sänger FREDDIE MERCURY, der im Film von dem damals völlig unbekannten, aber hervorragenden RAMI MALEK (Oscar für die beste Hauptrolle), interpretiert wurde.
Oder nicht so gut, wie TARON EGERTON als ELTON JOHN in dem Film „Rocketman“.
Wie ist es mit dem Tänzer DAVID SOARES als RUDOLF NUREJEW?
Nun, ähnlich sieht er ihm gar nicht.
Während NUREJEW groß, stark, muskulös und dunkel-blond war, ist DAVID SOARES eher schmächtig und dunkelhaarig mit weichen Zügen.
Dafür ist SOARES aber ein großartiger Tänzer.
Anders als im Film, bei dem der Zuschauer die Darsteller ja ständig in Großaufnahme sieht, ist der Abstand vom Publikum zum Schauspieler/ Tänzer im Theater doch so groß, dass sich körperliche Unterschiede zum Original nicht so stark auswirken.
Aber die Darstellung der Wutausbrüche und das herrische Verhalten von NUREJEW erreicht DAVID SOARES nicht.
Er versucht es mit tänzerischer Qualität wieder wett zu machen.
Die gesamte Story ist unterhaltsam und mitunter auch spannend.
Eine Aufteilung in elf Akte zeigt jeweils einen Teil des Lebens von RUDOLF NUREJEW.
Die Rahmenhandlung bildet eine Auktion mit persönlichen Gegenständen des Tänzers, die nach seinem Tod verkauft wurden.
Zu jedem Stück erzählt der Auktionator eine kleine Geschichte und parallel dazu tanzt das Ensemble die visuelle Darstellung des Erzählten.
Dabei werden bestimmte Momente besonders herausgenommen:
NUREJEWS Zeit während der Ausbildung in der Waganowa-Akademie in Leningrad, seine Flucht in den Westen bei einem Aufenthalt in Paris, der Genuss der neuen (sexuellen) Freiheit mit Drag Queens im Bois de Bologne, eine Foto-Session mit dem berühmten Fotografen RICHARD AVEDON, bei der NUREJEW am Ende nackt im Fotostudio steht, sowie großartige Gruppenszenen mit verschieden Tanz-Ensembles.
Sein schillerndes Leben im Scheinwerferlicht, seine wichtigsten Choreographien und seine wichtigsten Tanzpartnerinnen (u.a. unsere Primaballerina POLINA SEMIONOVA in der Rolle einer Tanz-Diva und IANA SALENKO als MARGOT FONTEYN) und natürlich seine Liebe zu dem dänischen Tänzer ERIK BRUHN (getanzt von MARTIN TEN KORTENAAR).
Das Pas de Deux mit IANA SALENKO ist mir besonders in Erinnerung geblieben.
Am Schluss nimmt NUREJEW/ DAVID SOARES selbst den Dirigentenstab in die Hand und dirigiert das Orchester der Deutschen Oper nach einer Melodie aus „La Bayadère, seiner letzten Choreographie, bevor er damals in Paris mit 54 Jahren an AIDS erkrankte und starb.
Fazit: Tolle Idee, eine unterhaltsame Handlung, gelungene Choreographien (YURI POSSOKHOV), teilweise bemerkenswerte Kostüme (ELENA ZAYTSEVA) und ein überzeugendes Bühnenbild (KIRILL SEREBRENNIKOV).
Eine besondere Idee hatte Regisseur KIRILL SEREBRENNIKOV mit der Einbindung eines eigenen Musikstücks für diese Inszenierung.
Der russische Musiker ILYA DEMUTSKY kreierte ein Orchesterstück mit Chor, welches besonders am Ende mit drei Solostimmen und einer Harfe die letzten Momente im Leben von NUREJEW begleitet.
„Nurejew“ von Kirill Serebrennikov
Premiere war am 21.03.2026
Deutsche Oper Berlin
Choreographie: Yuri Possokhov, Inszenierung: Kirill Serebrennikov, Musik: Ilya Demutsky, Bühne: Kirill Serebrennikov, Kostüme: Elena Zaytseva
Mit: Davis Soares (Nurejew), Anthony Tette (Der Schüler), Polina Semionova (Die Diva), Iana Solenko (Margot Fonteyn), Martin ten Kortenaar (Erik Bruhn)
Bilderserie mit 5 Fotos aus „Nurejew“:
English Text
Nureyev by Kirill Serebrennikov with the Berlin State Ballet
By Holger Jacobs
A Tribute to One of the Greatest Ballet Dancers of the 20th Century
In 2017, Russian director Kirill Serebrennikov created a tribute to the exceptional dancer Rudolf Nureyev for the Bolshoi Theatre in Moscow, titled „Nureyev.“
When the premiere was scheduled for August 2017, Serebrennikov was arrested on August 22, 2017, on charges of alleged embezzlement. In reality, his openly expressed homosexuality was likely a thorn in the side of the state authorities.
In December 2017, in the absence of the director, who had by then been placed under house arrest, the performance finally took place and remained in the repertoire until 2022.
From 2023 onwards, „Nureyev“ was banned from performance due to its violation of „non-traditional values.“ In today’s Russia under Vladimir Putin, all forms of LGBTQ+ culture are frowned upon.
Berlin’s ballet director, Christian Spuck, skillfully brought this production to Berlin and had it performed by the dancers of his State Ballet.
The role of Nureyev in Berlin was taken on by the Brazilian dancer David Soares (born 1997), who himself was a dancer in the Bolshoi Ballet until he fled to Berlin in 2022 after Russia’s invasion of Ukraine.
There, he was taken on by the State Ballet and has since performed as a principal dancer in numerous productions.
It is quite possible that director Kiril Serebrennikov knew him from his time in Moscow and perhaps chose him for this role for that reason.
On April 11, 2026, at 10:35 p.m., the television channel ARTE will broadcast the production on linear television.
Rudolf Nurejew
Even Nureyev’s birth was extraordinary:
On the train journey to Vladivostok, Nureyev’s mother gave birth to their son Rudolf on the Trans-Siberian Railway.
She was traveling to join her husband, who was serving there in the Red Army.
Nureyev was introduced to dance by his sister when he became her partner in her ballet class.
It wasn’t until he was 17, very late for a dancer, that he decided on a ballet career and began his training at the Ballet Academy in Leningrad as the oldest in his class.
He clashed with the authorities early on, but nevertheless became a soloist with the Kirov Ballet in Leningrad at the age of 20.
For disciplinary reasons, he was not allowed to tour abroad with the company for a long time.
It wasn’t until 1961 that he went to Paris with the Kirov Ballet, where he danced in „Swan Lake.“
When the company suddenly wanted to send him home during the tour, he secretly left the Russian troupe at Le Bourget Airport and applied for political asylum in France.
From then on, he danced at various opera houses in both Europe and America, without ever becoming a permanent member of their ballet companies.
In 1982, with the support of the director of the Vienna State Opera, he received Austrian citizenship.
In 1983, he became ballet director of the Paris Opera, a position he held on until his untimely death in 1992.
Nureyev danced with the greatest ballerinas of his time, such as Silvie Guillem and Marcia Haydé, but his greatest successes came with the English ballerina Margot Fonteyn of the Royal Opera House, who was 19 years his senior.
The harmony between the two was perfect.
Youthful exuberance was combined with mature dance skills.
His great love was the Danish dancer Erik Bruhn.
The two remained a couple until Bruhn’s death in 1986.
What distinguished Nureyev as a dancer was not specifically his technique, but his stage presence.
His demeanor and charisma commanded everyone’s attention.
His choreographic work consisted mainly of reinterpretations of classical ballet repertoires, such as „Giselle,“ „Le Corsaire,“ „Sleeping Beauty,“ and „La Bayadère,“ in which he gave the male lead a more prominent role.
„Nurejew“ with the Staatsballett Berlin
When someone wants to make or direct a biopic, the question is always which actor (in this case, a dancer) will be used for the main role.
This can work well, as in the movie „Bohemian Rhapsody“ about Queen singer Freddie Mercury, who was portrayed by the then completely unknown but outstanding Rami Malek (who won an Oscar for Best Actor).
Or not so well, as with Taron Egerton as Elton John in the film „Rocketman.“
What about the dancer David Soares as Rudolf Nureyev?
Well, he doesn’t look anything like him.
While Nureyev was tall, strong, muscular, and dark-blond, David Soares is rather slight and dark-haired with soft features.
However, Soares is a magnificent dancer.
Unlike in a movie, where the audience constantly sees the performers in close-up, the distance between the audience and the actor/dancer in the theater is so far away, that physical differences from the original are not as noticeable.
But what David Soares doesn’t quite manage to capture is Nureyev’s outbursts of anger and domineering behavior.
He tries to compensate this with his dancing skills.
The entire story is entertaining and at times even thrilling.
Divided into eleven acts, each depicting a part of Rudolf Nureyev’s life, the story is framed by an auction of the dancer’s personal belongings, which are being sold after his death.
For each piece, the auctioneer tells a short story, and simultaneously, the ensemble performs a dance that visually represents the narration.
Certain moments are highlighted: Nureyev’s time training at the Vaganova Academy in Leningrad, his escape to the West during a stay in Paris, his enjoyment of his newfound (sexual) freedom with drag queens in the Bois de Boulogne, a photo shoot with the renowned photographer Richard Avedon, in which Nureyev ends up naked in the studio, and magnificent group scenes with various dance ensembles.
His dazzling life in the spotlight, his most important choreographies, and his most important dance partners (including our prima ballerina Polina Semionova in the role of a dance diva and Iana Salenko as Margot Fonteyn), and of course, his love for the Danish dancer Erik Bruhn (danced by Martin ten Kortenaar).
The pas de deux with Iana Salenko is particularly memorable.
At the end, NUREYEV/DAVID SOARES himself takes up the conductor’s baton and conducts the orchestra of the Deutsche Oper Berlin to a melody from „La Bayadère,“ his last choreography before he contracted AIDS and died in Paris at the age of only 54.
Conclusion: A great idea, an entertaining plot, successful choreography (YURI POSSOKHOV), some remarkable costumes (ELENA ZAYTSEVA), and a compelling set design (KIRILL SEREBRENNIKOV).
Director Kirill Serebrennikov had a particularly clever idea in incorporating his own musical piece into this production. Russian musician ILYA DEMUTSKY created an orchestral piece with a choir, which, especially at the end, features three solo voices and a harp to accompany the final moments of NUREYEV’s life.
„Nureyev“ by Kirill Serebrennikov
Premiere was on March 21, 2026
Deutsche Oper Berlin
Choreography: Yuri Possokhov, Director: Kirill Serebrennikov, Music: Ilya Demutsky, Set Design: Kirill Serebrennikov, Costume Design: Elena Zaytseva
With: Davis Soares (Nureyev), Anthony Tette (The Student), Polina Semionova (The Diva), Iana Solenko (Margot Fonteyn), Martin ten Kortenaar (Erik Bruhn)
Photo series with 5 photos from „Nureyev“:
Author: Holger Jacobs
Founder & Editorial Director of kultur24.berlin ug.
Founder & Editorial Director of kultur24 TV on Youtube.
Former correspondent for fashion in Paris.
Photographer, writer and videographer.






















