Un Ballo in Maschera mit Anna Netrebko in der Staatsoper Berlin

Un ballo di maschera - Anna Netrebko - ph: Stephan Rabold

Un Ballo in Maschera mit Anna Netrebko in der Staatsoper Berlin

 

Von Holger Jacobs

30.03.2026

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Wertung: 🙂 🙂 🙂 🙂 (vier von fünf)

Großartige Stimmen und eine schlechte Inszenierung geben einen gemischten Eindruck der Premiere in der Staatsoper Unter den Linden

Der ehemalige Generalmusikdirektor DANIEL BARENBOIM begründete genau vor 30 Jahren die Festtage zu Ostern (ähnlich den Salzburger Osterfestspielen).

Daniel Barenboim, ph: Ricardo Davilla

Dazu gibt es jedes Jahr eine Premiere mit internationalen Starsängern.
Dieses Mal ist es ANNA NETREBKO (*1971), die den Reigen anführt.

Anna Netrebko © Staatsoper Berlin

Die beiden anderen sind der aus der Mongolei stammende AMARTUVSHIN ENKHBAT (*1986), der schon viele internationale Preise gewinnen hat (und zufälligerweise am selben Tag Geburtstag hat, wie ich).
Er ist ein ausgewiesener VERDI-Spezialist.

Amartuvshin Enkhbat © Staatsoper Berlin

Und der in New York geborene CHARLES CASTRONOVO (*1975), der mit seinem italienischen Aussehen (Dank seines sizilianischen Vaters) gut in eine italienische Oper passt, wie zuletzt als Alfredo in Verdis Oper „La Traviata“ an der Wiener Staatsoper.

Charles Castronovo © Staatsoper Berlin

Als am Premierenabend der Vorhang fiel und die Sänger großen Applaus und der in Sevilla geborene Regisseur RAFAEL VILLALOBOS (*1987) laute Buh-Rufe bekamen, unterhielt ich mich mit meinem Sitznachbar, ebenfalls Journalist, über die Inszenierung.
Auch er war begeistert von den Stimmen der großen Drei, aber auch von der albanischen Sängerin ENKELEJDA KAMANI (*1991) als Oscar

Enkeleda Kamani © Staatsoper Berlin

und der ungarischen Mezzosopranistin ANNA KISSJUDIT (*1996) als Wahrsagerin Ulrica.
Von der Regie meinte er, sie hätte überhaupt kein erkennbares Konzept gehabt und alle möglichen „woken“ Themen, wie Gender, Aids und Dystopie durcheinander geworfen.

Der schwedische König Gustav III. und Guiseppe Verdi

Als im Jahre 1843 GUISEPPE VERDI vom Opernhaus in Neapel den Auftrag für ein neues Werk bekam, fiel ihm die 1833 von FRANCOIS AUBER geschriebene Oper „Gustave III. ou le bal masqué“ ins Auge.
Die Geschichte zu dieser Oper beruhte auf historischen Tatsachen und ging auf den schwedischen König GUSTAV III. zurück.

King Gustav III. of Schweden, 1777, -CC-Wikimedia Commons

Dieser König GUSTAV III. (1746 – 1792) war wohl der bedeutendste Monarch in der Geschichte des Landes.
Er gründete u.a. die Schwedische Akademie der Wissenschaft, ließ öffentliche Krankenhäuser bauen, schaffte die Folter und die Todesstrafe ab, führte die Pressefreiheit ein und ließ das erste schwedische Opernhaus (1775) bauen.

King Gustav Opera House, photo of 1880 -CC-Wikimedia Commons

Doch was die Literaten und Dramatiker besonders interessierte war sein gewaltsamer Tod:
Da GUSTAV III. die Privilegien des Adelsstandes stark eingeschränkt hatte, kam es zu einer Verschwörung, die dazu führte, dass der König während eines Maskenballs in der Königlichen Oper am 16. März 1792 einem Attentat zum Opfer fiel.
Da er aber nur von Schrotkugeln an der Hüfte getroffen wurde überlebte er zunächst, bis er nur zwei Wochen später, am 29. März 1792, an einer Blutvergiftung verstarb.

„Un ballo in maschera“

Für das Libretto, welches auf der Geschichte um den tragischen Tod des historischen schwedischen Königs aufgebaut sein sollte, beauftragte GUISEPPE VERDI den Dichter ANTONIO SOMMA mit dem Libretto.

Dieser fügte zu den politischen Spannungen innerhalb des schwedischen Königreiches noch eine Liebesgeschichte mit ein.

Da Verdi aber bei Abgabe seines Oevres ein „Nein“ seines Auftraggebers kassierte und auch sonst niemand zu dieser Zeit des politischen Absolutismus in Europa einen Königsmord als Thema einer Oper akzeptierte, verlegte Verdi kurzerhand die Geschichte in die USA, und zwar nach Boston.

Handlung

In Boston lebt ein Gesandter Italiens, Graf Riccardo (CHARLES CASTRONOVO), der in heimlicher Liebe zu Amelia (ANNA NETREBKO) verzehrt ist.

Charles Castronovo, Anna Netrebko, „Un ballo in maschera“, ph: Stephan Rabold

Leider ist diese bereits mit seinem Sekretär Renato (AMARTUVSHIN ENKHBAT) verheiratet.
Bei der Wahrsagerin Ulrica (ANNA KISSJUDIT) erfährt Riccardo, dass er bald sterben wird, glaubt es aber nicht.

Anna Kissjudit, „Un ballo in maschera“, ph: Stephan Rabold

Als sich die Liebenden nachts heimlich außerhalb der Stadt treffen werden sie von Renato überrascht, der eigentlich Riccardo nur vor Verschwörern warnen wollte, die ihn umbringen wollen.
Als Riccardo daraufhin flüchtet erkennt Renato, mit wem sich Riccardo dort heimlich getroffen hat: mit seiner Frau Amelia.

Anna Netrebko, Amartuvshin Enkhbat, „Un ballo in maschera“, ph: Stephan Rabold

Vor lauter Zorn schließt er sich den Verschwörern an.
Beim anschließenden Maskenball kommt es zum Showdown und Riccardo wird erschossen.

Kritik

Vor der Premiere hielt der Dramaturg OLAF SCHMITT im Apollo-Saal ein Vorwort zur Inszenierung von Regisseur RAFAEL VILLALOBOS.
Danach soll das Stück Ende der 1980er Jahre zum Höhepunkt der AIDS-Pandemie spielen und der Maskenball zu einer AIDS-Gala werden.
Riccardos Page Oscar (ENKELEDA KAMANI) wiederum hat ein Problem mit seinem Geschlecht und schwankt zwischen weiblich und männlich.
Die von VERDI eigentlich als farbige Sängerin angelegte Rolle der Wahrsagerin Ulrica wurde nun angeblich aus Gründen der Diskriminierung von einer weißen Sängerin, nämlich ANNA KISSJUDIT, gesungen.
Daneben sieht man als eine Bildprojektion an der Wand eine schwarze Wahrsagerin ihre Tarot-Karten legen.
Und die Bühne stellt eine Art Bunker dar, in die sich die Herrschenden bei Gefahr flüchten.
Nun, wie schon mein Sitznachbar verkündet hatte, erscheint diese Mischung von zweifelhaften Einfällen etwas weit hergeholt und erschließt sich nicht aus dem Libretto von ANTONIO SOMMA.

„Un ballo in maschera“, ph: Stephan Rabold

Die Bühne (EMANUELE SINISI) sieht in der Inszenierung von RAFAEL VILLALOBOS gar grausig aus und weniger wie ein Bunker, als eine Industriebrache aus einem Vorort in Detroit.
Die Rolle der Wahrsagerin Ulrica aufzusplitten in eine stumme, schwarze Schauspielerin und eine weiße Sängerin empfinde ich als peinlich und als eher noch diskriminierender, als wenn wirklich eine Farbige diesen Part gesungen hätte.

Anna Kissjudit, „Un ballo in maschera“, ph: Stephan Rabold

Den Pagen Oscar ständig zwischen verschiedenen Männer-Kleidern hin und her wechseln zu lassen, um sein Gender-Problem darzustellen, ist echter Blödsinn.

Und selbst der Maskenball, der ja als Aids-Galla optisch wirklich hätte außergewöhnlich werden können, war von den Kostümen (LORENZO CAPRILE) langweilig und von der Choreographie mittelmäßig.
Ein Tänzer als Transvestit, der einmal kurz über die Bühne schwebt, reicht da nicht aus, um Glanz und Glamour darzustellen.

„Un ballo in maschera“, ph: Stephan Rabold

Zum Glück hatten wir ja diese Ausnahme-Sängerinnen und Sänger.
Wobei die Damen (NETREBKO, KISSJUDIT und KAMANI) die Sängerschlacht zu ihren Gunsten entschieden haben. Da konnten weder CHARLES CASTRONOVO als Riccardo und noch weniger AMARTUVSHIN ENKHBAT als Renato mithalten.

Anna Netrebko, „Un ballo in maschera“, ph: Stephan Rabold

Sehr gut hat mir das Orchester unter Dirigent ENRIQUE MAZZOLA gefallen.
Es konnte die wunderbare Musik Verdis gut umsetzen und machte den Abend zu einem Hörgenuss.

Fazit: Eine Inszenierung, die leider völlig daneben ging, konnte nur zum Teil durch die herausragenden Stimmen außergewöhnlicher Sängerinnen und Sänger wieder wett gemacht werden.

„Un ballo in maschera“ (Ein Maskenball) von Guiseppe Verdi
Staatsoper Unter den Linden
Premiere war am 29.03.2026
Musikalische Leitung: Enrique Mazolla, Inszenierung: Rafael R. Villalobos
Bühne: Emanuele Sinisi, Kostüme: Lorenzo Caprile
Mit: Anna Netrebko (Amelia), Charles Castronovo (Riccardo), Amartuvshin Enkhbat (Renato), Anna Kissjudit (Ulrica), Enkeleda Kamani (Oscar).

Bilderserie mit 7 Fotos aus „Un ballo in Maschera“:

Charles Castronovo, Anna Netrebko, „Un ballo in maschera“, Staatsoper Berlin, ph: Stephan Rabold

 

English Text

 

 

Un Ballo in Maschera with Anna Netrebko at the Berlin State Opera

 

By Holger Jacobs

Rating: 🙂 🙂 🙂 🙂 (four of five)

March 30, 2026

Great voices and a poor production leave a mixed impression of the premiere at the Berlin State Opera Unter den Linden.

Former General Music Director Daniel Barenboim founded the Easter Festival (similar to the Salzburg Easter Festival) exactly 30 years ago.

Daniel Barenboim, ph: Ricardo Davilla

Each year, it features a premiere with international star singers.
This time, Anna Netrebko (born 1971) leads the lineup.

Anna Netrebko © Staatsoper Berlin

The other two are Amartuvshin Enkhbat (born 1986), originally from Mongolia, who has won numerous international awards (and coincidentally shares my birthday).
He is a renowned Verdi specialist.

Amartuvshin Enkhbat © Staatsoper Berlin

And there’s Charles Castronovo (born 1975), born in New York, whose Italian looks (thanks to his Sicilian father) make him a perfect fit for an Italian opera, as he recently demonstrated as Alfredo in Verdi’s „La Traviata“ at the Vienna State Opera.

Charles Castronovo © Staatsoper Berlin

When the curtain fell on opening night, and the singers received thunderous applause while the Seville-born director, Rafael Villalobos (born 1987), was met with loud boos, I chatted with my seatmate, also a journalist, about the production. He, too, was thrilled by the voices of the three main performers, as well as by the Albanian singer Enkelejda Kamani (born 1991) as Oscar

Enkeleda Kamani © Staatsoper Berlin

and the Hungarian mezzo-soprano Anna Kissjudith (born 1996) as the fortune teller Ulrica.
Regarding the direction, he said it lacked any discernible concept and simply threw together all sorts of „woke“ themes, such as gender, AIDS, and dystopia.

„Un ballo in maschera“, ph: Stephan Rabold

King Gustav III of Sweden and Giuseppe Verdi

When Giuseppe Verdi received a commission for a new work from the Naples Opera House in 1843, he was immediately drawn to the opera „Gustave III. ou le bal masqué,“ written in 1833 by François Auber.
The story behind this opera was based on historical facts and traced back to the Swedish King Gustav III.

King Gustav III. of Schweden, 1777, -CC-Wikimedia Commons

This King Gustav III (1746–1792) was arguably the most important monarch in the country’s history.
Among other things, he founded the Swedish Academy of Sciences, had public hospitals built, abolished torture and the death penalty, introduced freedom of the press, and commissioned the construction of the first Swedish opera house (1775).

King Gustav Opera House, photo of 1880 -CC-Wikimedia Commons

However, what particularly interested writers and playwrights was his violent death:
Since Gustav III having severely restricted the privileges of the nobility, a conspiracy ensued, leading to the king’s assassination during a masked ball at the Royal Opera on March 16, 1792.
However, since he was only hit in the hip by shotgun pellets, he initially survived, only to die of blood poisoning two weeks later, on March 29, 1792.

„Un ballo in maschera“

For the libretto, which was to be based on the story of the tragic death of the historical Swedish king, Giuseppe Verdi commissioned the poet Antonio Somma.
Somma added a love story to the political tensions within the Swedish kingdom.

Charles Castronovo, Anna Netrebko, „Un ballo in maschera“, ph: Stephan Rabold

However, since Verdi received a „no“ from his patron upon submitting his work, and since no one else in Europe at that time of political absolutism would accept murder of a king as the subject of an opera, Verdi simply relocated the story to the USA, specifically Boston.

Story

In Boston lives an Italian envoy, Count Riccardo (CHARLES CASTRONOVO), who is secretly in love with Amelia (ANNA NETREBKO).
Unfortunately, she is already married to his secretary, Renato (AMARTUVSHIN ENKHBAT).
At the fortune teller Ulrica’s (ANNA KISSJUDIT) reading, Riccardo learns that he will soon die, but he doesn’t believe it.

Anna Kissjudit, „Un ballo in maschera“, ph: Stephan Rabold

When the lovers secretly meet outside the city at night, they are surprised by Renato, who only wanted to warn Riccardo about conspirators who want to kill him.
When Riccardo flees, Renato realizes with whom Riccardo has been secretly meeting: his wife, Amelia.
In a fit of rage, he joins the conspirators.
At the subsequent masked ball, a showdown occurs, and Riccardo is shot to death.

Critics

Before the premiere, dramaturg Olaf Schmitt gave a preface to director Rafael Villalobos’s production in the Apollo Hall of the Opera.

According to him, the play is set in the late 1980s at the height of the AIDS pandemic, and the masked ball is transformed into an AIDS gala.
Riccardo’s page, Oscar (Enkeleda Kamani), struggles with his gender identity, wavering between female and male.
The role of the fortune teller Ulrica, originally conceived by Verdi as a Black singer, was reportedly sung by a white singer, Anna Kissjudit, due to discrimination, meanwhile a  projected image on the wall shows a Black fortune teller laying out her tarot cards.
And the stage itself represents a kind of bunker into which the ruling class flees in times of danger.
Well, as my seatmate had already announced, this mixture of dubious ideas seems somewhat far-fetched and is not explained by the libretto of ANTONIO SOMMA.

„Un ballo in maschera“, ph: Stephan Rabold

The stage (EMANUELE SINISI) in RAFAEL VILLALOBOS’s production looks downright grim, less like a bunker and more like an industrial wasteland from a Detroit suburb.
Splitting the role of the fortune teller Ulrica into a silent, Black actress and a white singer strikes me as embarrassing and even more discriminatory than if a Black woman had actually sung the part.
Having the page Oscar constantly switch between different men’s clothes to represent his gender issue is utter nonsense.

Anna Kissjudit, „Un ballo in maschera“, ph: Stephan Rabold

And even the masked ball, which, as an AIDS gala, could have been visually spectacular, was boring in its costumes (LORENZO CAPRILE) and mediocre in its choreography.
A dancer as a transvestite, briefly floating across the stage, isn’t enough to convey glitz and glamour.

„Un ballo in maschera“, ph: Stephan Rabold

Luckily, we had those exceptional singers.
And the ladies (Netrebko, Kissjudith, and Kamani) won the vocal battle.

Anna Netrebko, „Un ballo in maschera“, ph: Stephan Rabold

Neither Charles Castronovo as Riccardo nor, even less so, Amartuvshin Enkhbat as Renato could compete.
I was very impressed with the orchestra under conductor Enrique Mazzola.
They performed Verdi’s wonderful music beautifully and made the evening a true auditory delight.

In conclusion: A production that unfortunately fell completely flat was only partially redeemed by the outstanding voices of exceptional singers.

„Un ballo in maschera“ by Giuseppe Verdi
Berlin State Opera
Premiere: March 29, 2026
Conductor: Enrique Mazolla, Stage Director: Rafael R. Villalobos
Set Design: Emanuele Sinisi, Costume Design: Lorenzo Caprile
Cast: Anna Netrebko (Amelia), Charles Castronovo (Riccardo), Amartuvshin Enkhbat (Renato), Anna Kissjudit (Ulrica), Enkeleda Kamani (Oscar).

Photo series with 7 pictures from „Un ballo in maschera“:

Charles Castronovo, Anna Netrebko, „Un ballo in maschera“, Staatsoper Berlin, ph: Stephan Rabold

Author: Holger Jacobs

Founder & Editorial Director of kultur24.berlin ug.
Founder & Editorial Director of kultur24 TV on Youtube.
Former correspondent for fashion in Paris.
Photographer, writer and videographer.

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