VIOLANTA von Erich Korngold an der Deutschen Oper Berlin
Von Holger Jacobs
26.01.2026
Wertung: 🙂 🙂 🙂 🙂 (vier von fünf)
Hass und Liebe sind Brüder im Herzen
Dieses Zitat aus dem Libretto der Oper „Violanta” von ERICH WOLFGANG KORNGOLD erklärt bereits den Inhalt dieser dramatischen Handlung.
Story
Violanta, eine unglücklich verheiratete Frau im Venedig des 16. Jahrhunderts, trauert über den Selbstmord ihrer Schwester, die von einem Lebemann verführt und dann im Stich gelassen wurde.
Seitdem schweigt sie und leidet still vor sich.
Als in Venedig der Karneval gefeiert wird wagt sie sich zum ersten Mal wieder unter Menschen und entdeckt dabei ausgerechnet Don Alfonso, den Verführer ihrer Schwester.
Sie macht ihm unerkannt Avancen und verabredet mit ihm ein Rendezvous bei sich zu Hause.
Zurück in ihrem Heim erzählt sie ihrem Ehemann Simone von ihrer Begegnung und bittet ihn, diesen Frevler zu ermorden, wenn er zum vermeintlichen Rendezvous vorbeikommt.
Doch kaum ist Don Alfonso angekommen und lässt seinen Charme spielen, verliebt sich Violanta in ihn und wirft sich zwischen die beiden Männer, als ihr Mann zum tödlichen Schlag ausholt.
Dabei geht es hier nicht in erster Linie um den Wankelmut einer Frau beim Anblick eines verführerischen Mannes, sondern vielmehr um die Freisetzung erotischer Empfindungen bei einer leidenschaftlichen Frau, die zu lange eine emotionslose Beziehung mit ihrem Ehemann geführt hat.
Kritik
Dass der junge Erich Korngold schon mit 17 Jahren eine solch musikalisch herausragende Komposition hervorbringen konnte lässt zwar nicht gleich an das Genie eines jungen Mozart erinnern, ist aber durchaus bewundernswert, so dass er im Wien Anfang des 20. Jahrhunderts bereits als Wunderkind gehandelt wurde.
Schon als Neunjähriger komponierte er die Musik zu dem Ballett „Der Schneemann“, aufgeführt an der Hofoper in Wien.
Mit 10 Jahren kamen Klaviersonaten und Klaviertrios dazu.
Und mit 17 komponierte er seine beiden ersten Opern: „Der Ring des Polykrates“ und eben „Violanta.
Beides sind Einakter und werden deshalb gerne zusammen an einem Abend aufgeführt.
Die Deutsche Oper aber entschied sich nur für eine der beiden: „Violanta“.
Mein kurzes Video mit dem Duett Reine Lieb’ findet Ihr am Ende des Artikels.
Auf Grund der kurzen Aufführungsdauer (1.15 Std) fügte Regisseur DAVID HERMANN einen Prolog mit zwei Orchesterwerken hinzu:
1. Eine Lautensonate von John Dowland aus dem 16. Jahrhundert
2. Ein Präludium von ALBAN BERG von Anfang des 20. Jahrhunderts
Das bringt die Gesamtdauer des Abends auf ca. 1.30 Minuten.
Wer nicht darauf vorbereitet ist wundert sich ein bisschen, warum es so lange dauert, bis endlich eine Singstimme den Raum erfüllt.
Ich empfand es aber als sehr angenehm, um von dem lauten Alltag herunterzukommen und sich in die Atmosphäre eines musikalischen Abends einzufinden.
Zunächst ist die Bühne fast leer, nur farbenfrohe Gestalten mit spitzen Hüten (Kostüme: SYBILLE WALLUM– sehr stark!, Ausbildung im St-Martins College in London) bevölkern die Szene.
Sie sind Ausdruck des Karnevals in Venedig, der den vom Librettisten HANS MÜLLER ausgedachten Hintergrund der Geschichte bildet.
Eine Gestalt steht etwas abseits und schaut stumm dem Treiben zu: Violanta (LAURA WILDE).
Die US-amerikanische Sängerin LAURA WILDE hat einen schönen Sopran, kann aber in ihrem Spiel nicht wirklich überzeugen.
Dasselbe gilt für ihren Gegenspieler, Don Alfonso, dargestellt von dem lettischen Tenor MIHAILS CULPAJEVS.
Auch seine Stimme ist durchaus akzeptabel, aber ihm fehlt die Ausstrahlung eines Mannes, der diabolisch die Lust der Frauen erweckt.
Einzig der Ehemann von Violanta, Simone Trovai, gesungen vom isländischen Sänger OLAFUR SIGURDARSON, kann mit einem schönen Bariton überzeugen. Und auch seine Darstellung als konservativer und lust-verachtender Zeitgenosse spielt er gut.
Doch das wirklich Beeindruckende an diesem Abend ist das Bühnenbild (JO SCHRAMM, fing einst bei Christoph Schlingensief an).
Denn aus der ursprünglich flachen Ebene steigt während des Stücks eine sich langsam drehende Wendeltreppe empor, durch deren Räume sich die Protagonisten lieben und sterben müssen.
So werden die einzelnen Räume zu verschiedenen Bewusstseinsebenen, durch die die beteiligten Personen an diesem Abend schreiten.
Vom Hass zur glühenden Verehrung (Violanta), vom harmlosen Flirt bis zur wahren Liebe (Alfonso), von den grausamen Geschehnissen in der Vergangenheit (Selbstmord der Schwester) bis zur Heilsbringung durch Mutter Maria.
Spannend und visuell attraktiv!
Deshalb ist auch dem Regisseur DAVID HERMANN ein absolutes Lob auszusprechen.
Ein weiteres großes Lob gebührt dem Komponisten, der mit „Violanta“ ein aufwühlendes Werk voller musikalischer Raffinesse geschaffen hat.
Leider musste KORNGOLD schon früh in den 30er Jahren Österreich wegen seiner jüdischen Herkunft verlassen. Er ging nach Los Angeles und wurde ein sehr erfolgreicher Filmkomponist und gewann zwei Oscars!
Er begründete damit die Tradition deutscher Filmkomponisten in Hollywood die bis heute mit so berühmten Musikern wie HANS ZIMMER („Gladiator“, „Hannibal“, „Pearl Harbor“, „Dune“, „Fluch der Karibik“ u.v.a.) andauert.
Trotzdem sollten wir nicht ERICH KORNGOLDS wunderbare Opernwerke vergessen, wie z.B. „Die tote Stadt“, u.a. aufgeführt an der Komischen Oper Berlin 2018 (kultur24 berichtete), auch wenn sie nur selten gespielt werden.
Für Dirigent SIR DONALD RUNNICLES war es übrigens die letzte Premiere als Generalmusiker an der Deutschen Oper Berlin. Er verlässt das Haus im Sommer.
Fazit: Großer Applaus am Premierenabend – zu Recht.
Wunderbare Musik und eine überzeugende Regie.
„Violanta“ von Erich Wolfgang Korngold
Deutsche Oper Berlin
Premiere war am 25. Januar 2026
Musikalische Leitung: Sir Donald Runnicles, Inszenierung: David Hermann
Bühne: Jo Schramm, Kostüme: Sybille Wallum
Mit: Laura Wilde (Violanta), Olafur Sigurdarson (Simone), Milhails Culpajevs (Don Alfonso)
Mein Video-Trailer mit der Arie “Reine Lieb”:
English text
VIOLANTA by Erich Korngold at the Deutsche Oper Berlin
By Holger Jacobs
Rating: 🙂 🙂 🙂 🙂 (four of five)
“Hate and love are brothers in the heart.”
This quote from the libretto of Erich Wolfgang Korngold’s opera “Violanta” already explains the content of this dramatic plot.
Story
Violanta, an unhappily married woman in 16th-century Venice, mourns the suicide of her sister, who was seduced and then abandoned by a libertine. Since then, she has remained silent and suffered in silence.
When Carnival is celebrated in Venice, she ventures out among people for the first time and discovers none other than Don Alfonso, her sister’s seducer. She makes advances toward him, unrecognized, and arranges a rendezvous with him at her home.
Back at home, she tells her husband, Simone, about her encounter and begs him to murder this scoundrel when he arrives for the supposed rendezvous.
But no sooner Don Alfonso has arrived and begun to charm her than Violanta falls in love with him and throws herself between the two men as her husband prepares to deliver the fatal shot.
This is not primarily about a woman’s wavering at the sight of a seductive man, but rather about the unleashing of erotic feelings in a passionate woman who has endured an emotionless relationship with her husband for a long time.
Critics
That the young Erich Korngold was able to produce such a musically outstanding composition at the age of 17 might not immediately bring to mind the genius of a young Mozart, but it is certainly admirable, so much so that he was already considered a child prodigy in Vienna at the beginning of the 20th century.
As early as age nine, he composed the music for the ballet “The Snowman,” performed at the Vienna Court Opera.
At 10, he added piano sonatas and piano trios to his repertoire.
And at 17, he composed his first two operas: “The Ring of Polycrates” and “Violanta.”
Both are one-act operas and are therefore often performed together in one evening.
However, the Deutsche Oper Berlin opted for only one of the two: “Violanta”.
My short video of the duet “Reine Lieb” can be found at the end of the article.
Due to the short performance duration (1 hour 15 minutes), director David Hermann added a prologue with two orchestral works:
1. A lute sonata by John Dowland from the 16th century
2. A prelude by Alban Berg from the early 20th century
This brings the total duration of the evening to approximately 1 minute 30 seconds.
Those unprepared for this might wonder why it takes so long for a voice to finally fill the room.
However, I found it very pleasant, a way to unwind from the noise of everyday life and immerse myself in the atmosphere of a musical evening.
At first, the stage is almost empty, populated only by colorful figures in pointed hats (costumes: Sybille Wallum – very impressive!, trained at St. Martin’s College in London).
They are an expression of the Carnival of Venice, which forms the backdrop to the story, conceived by librettist Hans Müller.
One figure stands somewhat apart, silently observing the proceedings:
Violanta (Laura Wilde).
The American singer has a beautiful soprano, but her acting is not entirely convincing.
The same for her antagonist, Don Alfonso, portrayed by the Latvian tenor Mihails Culpajevs.
His voice is also quite acceptable, but he lacks the charisma of a man who diabolically awakens women’s desires.
Only Violanta’s husband, Simone Trovai, sung by the Icelandic singer Olafur Sigurdarson, manages to impress with his beautiful baritone.
His portrayal of a conservative and pleasure-averse man is also convincing.
But the truly impressive aspect of the evening is the set design by Jo Schramm.
From the initially flat platform, a slowly rotating spiral staircase rises during the performance, through whose rooms the protagonists must fight (and love).
Thus, the individual rooms become different levels of consciousness, through which the characters journey this evening.
From hatred to ardent adoration (Violanta), from harmless flirtation to true love (Alfonso), from the horrific events of the past (the sister’s suicide) to salvation through Mother Mary.
Tense and visually stunning!
Therefore, director David Hermann also deserves absolute praise.
Further high praise is due to the composer, who created a stirring work full of musical sophistication with “Violanta.”
Unfortunately, Korngold had to leave Austria early in the 1930s because of his Jewish heritage.
He went to Los Angeles and became a very successful film composer, winning two Oscars!
He thus established the tradition of German film composers in Hollywood, which continues to this day with such famous musicians as Hans Zimmer (“Gladiator,” “Hannibal,” “Pearl Harbor,” “Dune,” “Pirates of the Caribbean,” and many others).
Nevertheless, we should not forget Erich Korngold’s wonderful operatic works, such as “Die tote Stadt” (The Dead City), performed at the Komische Oper Berlin in 2018 (kultur24 reported), even if they are rarely performed.
Incidentally, this was the last premiere for conductor Sir Donald Runnicles as General Musician at the Deutsche Oper Berlin.
He is leaving the house this summer.
Conclusion: Great applause on opening night – absolutely earned.
Wonderful music and compelling direction.
“Violanta” by Erich Wolfgang Korngold
Deutsche Oper Berlin
Premiere was on January 25, 2026
Conductor: Sir Donald Runnicles, Stage Director: David Hermann
Set Design: Jo Schramm, Costume Design: Sybille Wallum
With: Laura Wilde (Violanta), Olafur Sigurdarson (Simone), Milhails Culpajevs (Don Alfonso)
My video trailer with the aria “Reine Lieb”:
Author: Holger Jacobs
Founder & Editorial Director of kultur24.berlin ug.
Founder & Editorial Director of kultur24 TV on Youtube.
Former correspondent for fashion in Paris.
Photographer, writer and videographer.























