Salome nach Oscar Wilde an der Schaubühne Berlin
Von Holger Jacobs
07.02.2026
Wertung: 🙂 🙂 🙂 (drei von fünf)
Genauso kalt, wie das Bühnenbild, bleibt die Inszenierung
Bei frostigen Temperaturen geht es in die frostige Inszenierung von „Salome“ in die Schaubühne Berlin.
Trotzdem schön zu sehen, wie viele Menschen am Premierenabend sich noch immer für das Theater interessieren und selbst bei diesem ungemütlichen Wetter zahlreich erscheinen, während im Fernsehen die Eröffnung der Olympischen Winterspiele in Italien läuft.
Bisher kannte ich nur die Opernversion dieses Salome-Stoffes durch den Komponisten Richard Strauss.
Diese ist jedes Mal ein Höhepunkt für ein Opernhaus, denn diese Handlung zusammen mit der aufwühlenden Musik ist ein wahrer Augen- und Ohrengenuss (zurzeit zu sehen in der Komischen Oper, kultur24 berichtete).
Die Legende um Salome, der Tochter der Herodias, die für ihren Stiefvater Herodes tanzt und dafür den Kopf von Johannes dem Täufers verlangt, kennt fast jeder.
Im Matthäus Evangelium (Mt 14,6-12) wird dies erwähnt, wie auch im Markus-Evangelium (Mk 6,22-28).
Nur der Name dieser Tochter, „Salome“, taucht hier nicht auf, vielmehr wird in der Bibel eine Salome als Jüngerin Jesus Christus erwähnt, die auch bei seiner Kreuzigung anwesend gewesen sein soll.
Erst der jüdisch-römische Geschichtsschreiber FLAVIUS JOSEPHUS brachte den Namen „Salome“ für diese Enthauptungsgeschichte ins Spiel.
Und da JOSEPHUS einer der wenigen Geschichtsschreiber war, der als Zeitzeuge die Geschehnisse um Jesus Christus und die Zeit danach bis zur Eroberung Jerusalems im Jahre 70 n.Chr. selbst erlebt hatte, galt er im Mittelalter als meistgelesener Autor, wenn es um Palästina, Jerusalem und die Römer ging.
In den nachfolgenden Jahrhunderten brach unter den Autoren, Künstlern und Musikern immer wieder große Begeisterung für die Geschichte der Salome aus.
Von GUSTAVE FLAUBERT und OSCAR WILDE über TIZIAN, LUKAS CRANACH, CARAVAGGIO bis LOVIS CORINTH, FRANZ STUCK und EDVARD MUNCH.
Und natürlich die Oper von JULES MASSENET (1881) und später RICHARD STRAUSS (1905).
Dabei schwankte die Faszination für diese Frauenfigur von einer Femme Fatale mit fesselnder Erotik bis zu einer Art Female Empowerment, die sich nicht dem Willen der Männer unterwirft, sondern im Gegenteil ihnen ihren Willen aufzwingt – wow!
Für welchen Frauentyp hat sich Regisseur MICHAEL THALHEIMER entschieden?
Nun, auf jeden Fall nicht für die erotische Seite.
THALHEIMERS Salome lebt in einem grauen Palast aus Metallwänden, der keine Sentimentalität aufkommen lässt.
Salome (ALINA STIEGLER) ist hier ein asexuelles Wesen, dass seine Kommunikation überwiegend mit Grimassen bewerkstelligt und mehr nebenbei einen Text spricht, der aber nicht von OSCAR WILDE stammt, sondern von einem Regisseur namens EINAR SCHLEEF nach dem Originaltext 1997 verfasst wurde.
Auch wenn ich sonst kein großer Freund dieser Text-Neufassungen bin, finde ich diesen recht annehmbar.
Er setzt durchaus interessante Akzente und betont eher die Macht der Frauen über die Männer, als die Reduktion der Weiblichkeit auf das rein Sexuelle.
Besonders kommt das bei der Figur des Herodes zum Tragen, der ganz wunderbar von TILMANN STRAUSS gespielt wird.
Diese Figur ist ein wahrer Jammerlappen, der eigentlich nur triebgesteuert ist und den Fokus seiner Begierde auf eben jene Salome gelegt hat, die als seine Stieftochter in seinem Palast lebt.
Da seine Frau Herodias (JULE BÖWE) aber mit Argusaugen über ihre Tochter wacht, kann sich Herodes leider der begehrten Salome nicht nähern.
Deshalb die Aufforderung zum Tanzen – und das möglichst freizügig (was die meisten Künstler im ansonsten prüden 19. Jahrhundert wohl besonders gereizt hat).
Doch nicht so bei MICHAERL THALHEIMER:
Bei ihm wird sogar ein metallener Käfig über Salome gestülpt und sie selbst bewegt sich während ihres Tanzes keinen Zentimeter.
Nur eine Geigerin spielt live auf der Bühne asiatisch klingende Töne…
Ist das gut? Ist das interessant? Ist das überzeugend?
Das muss letztlich jeder Zuschauer für sich selbst entscheiden.
Ich fand es interessant, aber auch nicht mehr.
Richtig begeistert hat es mich nicht.
Aber zumindest wurde der Salome-Geschichte eine weitere Interpretation hinzugefügt.
Fazit: Geschmacksache.
Mein Tip: Nehmt Oropax mit. Gleich am Anfang wird das Musikstück “Break on through to the other side” von den Doors so laut eingespielt, dass man sich in den Club Berghain versetzt fühlt – aber ohne das Berghain!
„Salome“ von Einar Schleef nach Oscar Wilde
Schaubühne Berlin
Premiere war am 06.02.2026
Regie: Michael Thalheimer, Bühne: Nehle Balkhausen,
Kostüme: Michaela Barth, Geigerin: Yuebo Sun
Mit: Tilman Strauss (Herodes), Jule Böwe (Herodias), Alina Stiegler (Salome), Christoph Gawenda (Johannes)
Applaus, ph: Holger Jacobs
Author: Holger Jacobs
Founder & Editorial Director of kultur24.berlin ug.
Founder & Editorial Director of kultur24 TV on Youtube.
Former correspondent for fashion in Paris.
Photographer, writer and videographer.




















