La Vestale von Spontini in der Staatsoper Unter den Linden

La Vestale - Staatsoper Berlin - Foto: Stephan Rabold

La Vestale von Spontini in der Staatsoper Unter den Linden

 

Von Holger Jacobs

28.09.2026

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Wertung: 🙂 🙂 (zwei von fünf)

Eine Inszenierung, bei der die Sängerin Sonya Yoncheva ausgepeitscht wird

Bei der Beurteilung einer Oper, die man bisher weder gehört noch  gesehen hat, kommen vier Aspekte zum Tragen:
1. Wie ist die Musik?
2. Wie ist die Handlung
3. Wie ist die Inszenierung?
4. Welche Qualität haben die Sängerinnen und Sänger?

Meine erste Einschätzung nach der Premiere:
Die ersten drei Punkte sind eher schwach, der vierte dank zweier herausragender Sängerinnen eher gut.

Kurz zur Geschichte der Oper:
Der Opernkomponist GASPARE SPONTINI (*1774 – †1851) war zu seiner Zeit ein gefragter Mann, besonders, als er Anfang des 19. Jahrhunderts von Italien nach Frankreich wechselte und dort von Kaiserin Joséphine, der Ehefrau Napoleons, gefördert wurde.
Sie soll auch die Initiatorin der Oper „La Vestale“ gewesen sein, welche 1807 in der Opera Garnier in Paris zur Uraufführung kam.
Bereits 1811 wurde die Oper auch in Berlin gezeigt, was dazu führte, dass Friedrich Wilhelms III. den Komponisten nach Berlin einlud, wo SPONTINI von 1820 bis 1841 Hofkapellmeister an dem Königlichen Opernhaus in Berlin wurde, der heutigen Staatsoper Unter den Linden.
Insgesamt komponierte SPONTINI 24 Opern, die aber alle in Vergessenheit gerieten.
Nur „La Vestale“ wird von Zeit zu Zeit immer noch aufgeführt.

Als berühmteste Inszenierung von „La Vestale“ gilt die von 1954, als MARIA CALLAS die Julia sang und kein Geringerer als der berühmte Filmregisseur LUCHINO VISCONTI („Der Leopard“) die Regie übernahm.
Natürlich an der Mailänder Scala.

Maria Callas, 1958 -CC- Wikimedia

Kurz zur Geschichte der Vestalinnen:
Schon im antiken Griechenland, sowie bei zahlreichen heidnischen Völkern, gab es Götter-Beschwörungen durch allerhand Rituale.
Häufig mit Tier- oder Menschenopfern.
Jungfräuliche Priesterinnen, die in abgeschirmten Tempeln den Göttern dienten gab es im griechischen Korinth und Athen, wie auch im Rom seit dessen Gründung im 7. Jahrhundert v. Chr.
Erst die Hinwendung zum Christentum im 4. Jahrhundert n.Chr. durch Kaiser Konstantin beendete die Priesterschaft der Vestalinnen.

Inhalt der Oper „La Vestale“

Der römische Feldherr Licinius (DAVID BUTT PHILIP) kommt als siegreicher Kämpfer nach Rom zurück und denkt nur an seine große Liebe Julia (SONYA YONCHEVA), deren Vater die Verbindung einst verboten hatte, weil Licinius nicht standesgemäß war.
Doch jetzt, als siegreicher Feldherr, erhofft er sich dessen Gunst.
Was Licinius nicht weiß: Julia musste auf Wunsch des Vaters in den Orden der Vestalinnen eintreten, die für göttlichen Beistand beten und das Licht des Lebens durch ein großes Feuer erhalten, welches nie ausgehen darf.
Diese Vestalinnen dürfen nie heiraten und müssen für immer jungfräulich bleiben.

David Butt Philip, Sonya Yoncheva, „La Vestale“, ph: Stephan Rabold

Als sich Licinius und Julia bei seiner eigenen Siegesfeier (siehe Titelfoto) wiedersehen, entflammt die alte Liebe erneut.
Sie verabreden sich für ein heimliches Treffen im Tempel und lieben sich.
Dabei bemerken sie nicht wie die Flamme des Lebens hinter ihnen erlischt.
Als das ausgehende Feuer entdeckt wird, werden auch die Liebenden überrascht .
Als Strafe werden beide zum Tode verurteilt.
Kurz vor der Hinrichtung wird aber die Flamme durch einen Blitz erneut entzündet, weshalb die Bewohner an eine göttliche Fügung glauben und die beiden begnadigen.

Kritik

Da in heutiger Zeit kein Stück auf die Bühne kommt, was nicht in irgendeiner Weise Kritik an Missständen übt, die gerade in der ganzen Welt aufflammen, dachte wohl auch Regisseurin LYDIA STEIER, dass sie dem Stück eine politische Note geben müsste.
Und dass sollte mit Gewaltdarstellungen passieren.
So wird gleich in der Anfangsszene, während Licinius gerade wieder nach Rom heimkehrt, ein Mann gefoltert und anschließend an einem Seil aufgehängt.

„La Vestale“, Staatsoper Berlin, ph: Stephan Rabold

Da man in einer Oper aber nicht wirklich einen Mann aufhängen darf, wird zwischendurch immer mal wieder der schwarze Vorhang gesenkt, um in der Schlussszene dieses unwürdigen Spektakels gleich mehrere Männer (zum Glück nur Puppen) von der Decke hängen zu lassen.

Danach geht die Gewalt gleich weiter, als die Hohepriesterin Vesta (MARINA PRUDENSKAYA) Julia mit ihrem Gürtel auspeitscht, bis rotes Blut den Rücken runterläuft.

„La Vestale“, Staatsoper Berlin. ph: Stephan Rabold

Und während dieser schaurigen Szenerie wird das Leben spendende Feuer geschürt – aber nicht mit normalen Holzscheiden, sondern mit Büchern (aha, Bücherverbrennung der Nazis gleich nebenan auf dem Bebelplatz im Jahre 1933), denn das Wissen nährt ja bekanntlich den freien Geist.
Und den soll es unter Diktatoren nicht geben.

Sonya Yoncheva, „La Vestale“, ph: Stephan Rabold

Auch das Bühnenbild (ETIENNE PLUSS) soll auf das Wissen hinweisen, ist doch der Raum laut Programmheft dem Auditorium der Sorbonne-Universität in Paris nachgebildet. Leider konnte ich davon nichts wiedererkennen.

Marina Prudenskaya (Vesta), „La Vestale“, ph: Stephan Rabold

Was das alles mit der romantischen Liebe von Licinius und Julia zu tun hat, weiß ich nicht, aber hier wurde mit aller Gewalt! versucht etwas in ein Stück zu projizieren, was das Stück aber nicht hergibt.
Außer natürlich der Tatsache, dass Frauen in der damaligen Zeit willenlose Werkzeuge von gesellschaftlichen Zwängen und Ritualen wurden, denen sie nicht entkommen konnten.
Aber Gewaltdarstellungen als Ausdruck der Zerstörungen, die gerade unsere Welt beherrschen, ist unnötig. Und hier auch fehl am Platze.

Adrian Sampetrean (Pontifex), „La Vestale“, ph: Stephan Rabold

Ich finde, dass das Thema der Unterdrückung der Frau (und damit auch der Unterdrückung ihrer Gefühle) durchaus gereicht hätte, denn wirklich frei sind Frauen auch im 21. Jahrhundert nicht.
Wenn man z.B. sieht, wie in islamisch geprägten Ländern Frauen immer noch komplett von ihrer Familie, den Vätern und später von ihren Ehemännern abhängig sind, dann erkennt man, dass sich in den letzten 2000 Jahren für das weibliche Geschlecht in vielen Teilen dieser Erde nicht viel geändert hat.
Auch in anderen Kulturen, wie z.B. Indien, ist es nicht viel besser.

Sonya Yoncheva, „La Vestale“, ph: Stephan Rabold

Kommen wir zur Komposition der Oper.
Die Musik ist geprägt von der auslaufenden Klassik und dem Beginn der Romantik, erreicht aber nicht die Qualität anderer Komponisten dieser Epoche.
Mozart, Beethoven, Rossini, Donizetti, Gounod, Bizet, Berlioz und natürlich Wagner.
Dies ist wohl auch der Grund, warum Spontini weitestgehend in Vergessenheit geraten ist.

Einzig allein die herausragenden Stimmen der beiden weiblichen Hauptfiguren, wie der Julia, interpretiert von der wunderbaren SONYA YONCHEVA und der Hohepriesterin Vesta, gesungen von MARINA PRUDENSKAYA, ist es zu verdanken, dass der Abend nicht gänzlich verloren war.

Fazit: Für Liebhaber romantischer Opern und für Zuschauer, die kein Problem mit Gewaltszenen auf der Bühne haben. Für Kinder nicht zu empfehlen.

„La Vestale“ von Gaspare Spontini
Premiere war am 26.09.2026
Staatsoper Unter den Linden, Berlin
Musikalische Leitung: Carlo Rizzi
Inszenierung: Lydia Steier
Bühne: Etienne Pluss, Kostüme: Katharina Schlipf
Mit: Sony Yoncheva (Julia), Marina Prudenskaya (Vesta), David Butt Philip (Licinius), Siyabonga Maquungo (Cinna), Adrian Sempetream (Pontifex)

David Butt Philip, „La Vestale“, ph: Stephan Rabold

 

English

 

Spontini’s *La Vestale* at the Staatsoper Unter den Linden

By Holger Jacobs

September 28, 2026

Rating: 🙂 🙂 (two of five)

A production featuring a scene where Sonya Yoncheva is whipped

When encountering an opera one has neither heard nor seen before, four aspects come into play:

1. What is the music like?
2. What is the plot like?
3. What is the production like?
4. What is the quality of the singers?

My initial assessment following the premiere:
The first three points are rather weak, while the fourth is quite good, thanks to two outstanding female singers.

A brief look at the opera’s history:
The opera composer Gaspare Spontini (1774–1851) was a famous figure in his days, particularly after moving from Italy to France in the early 19th century, where he enjoyed the patronage of Empress Joséphine, Napoleon’s wife.
She is also said to have initiated the creation of the opera *La Vestale*, which premiered at the Opéra Garnier in Paris in 1807.
The opera was staged in Berlin as early as 1811, prompting Frederick William III to invite the composer to the city;
Spontini subsequently served as *Hofkapellmeister* (court music director) at the Royal Opera House in Berlin—now the Staatsoper Unter den Linden—from 1820 to 1841.
In total, Spontini composed 24 operas, nearly all of them are forgotten today.
Only *La Vestale* is still performed from time to time.

The most famous production of *La Vestale* is considered to be the one from 1954, in which MARIA CALLAS sang the role of Julia and the renowned film director Luchino Visconti (*The Leopard*) took charge of the staging.
At La Scala in Milan, of course.

Maria Callas, 1958 -CC- Wikimedia

A brief look at the history of the Vestal Virgins:
As early as ancient Greece—and among numerous pagan peoples—praise to the gods were execute through a variety of rituals.
These often involved animal or human sacrifices.
Virgin priestesses who served the gods in secluded temples existed in the Greek cities of Corinth and Athens, as well as in Rome from its founding in the 7th century BC.
It was not until the shift to Christianity in the 4th century AD under Emperor Constantine that the priesthood of the Vestal Virgins came to an end.

Story of the opera „La Vestale“

The Roman general Licinius (DAVID BUTT PHILIP) returns to Rome as a war-hero, but his thoughts occupied solely by his great love, Julia (SONYA YONCHEVA). Her father had once forbidden their union because Licinius was not of suitable social standing, but now—as a victorious commander—Licinius hopes to win the father’s favor.
What Licinius does not know is that, at her father’s death, Julia has been forced to join the Order of the Vestal Virgins; they pray for divine aid and sustain the „light of life“ by tending a great fire that must never be allowed to go out.
These Vestal Virgins are forbidden to marry and must remain virgins forever.

David Butt Philip, Sonya Yoncheva, „La Vestale“, ph: Stephan Rabold

When Licinius and Julia meet again at his victory celebration (title photo), their old love reignites.
They arrange a secret rendezvous in the temple and make love.
In the process, they fail to notice the „flame of life“ behind them dying out.
When the extinguished fire is discovered, the lovers are caught in the act.
Both are sentenced to death as punishment.
However, shortly before the execution, a bolt of lightning kindle the flame again;
interpreting this as a sign of divine will, the people grant the couple a pardon.

Critics

Since no stage production nowadays appears without criticizing contemporary social and political problems in some way, director Lydia Steier evidently felt compelled to give the piece a political edge.
And she chose to do this through depictions of violence.

„La Vestale“, Staatsoper Berlin, ph: Stephan Rabold

In the opening scene, for instance—just as Licinius is returning to Rome—a man is tortured and subsequently hanged from a rope.
Since one cannot actually hang a man in an opera, the black curtain is lowered intermittently, only to reveal finally several men (fortunately, merely dummies) hanging from the ceiling.
The violence continues immediately thereafter when the High Priestess Vesta (Marina Prudenskaya) lashes Julia with her belt until red blood runs down her back.

„La Vestale“, Staatsoper Berlin. ph: Stephan Rabold

Amidst this gruesome scene, the life-sustaining fire is stoked—not with ordinary wood, but with books (an allusion to the Nazi book burning that took place right next door at Bebelplatz in 1933), in the idea, that knowledge is known to nourish the free spirit.
And free spirits are not supposed to exist under dictators.

Sonya Yoncheva, „La Vestale“, ph: Stephan Rabold

The stage design (ETIENNE PLUSS) is also intended to point to knowledge, as the room is modeled on the auditorium of the Sorbonne University in Paris, according to the program booklet. Unfortunately I couldn’t recognize any of it.

Marina Prudenskaya (Vesta), „La Vestale“, ph: Stephan Rabold

I don’t know what all this has to do with the romantic love of Licinius and Julia, but here everything was done with violence! tries to project something into a piece, but the piece doesn’t need it.
Except, of course, for the fact that women at that time became mindless instruments of social pressures and rituals from which they could not escape.
But depictions of violence as an expression of the destruction that is currently dominating our world is unnecessary. And out of place here.

Adrian Sampetrean (Pontifex), „La Vestale“, ph: Stephan Rabold

I think that the topic of the oppression of women (and thus the suppression of their feelings) would have been sufficient for the staging, because women are not really free even in the 21st century.
For example, if you see how women in Islamic countries are still completely dependent on their families, their fathers and later on their husbands, then you realize that not much has changed for the female gender in many parts of the world in the last 2000 years.
Things aren’t much better in other cultures, such as India.

Let’s move on to the composition of the opera.
The music is influenced by the end of the Classical period and the beginning of the Romantic period, but does not reach the quality of other composers of this era.
Mozart, Beethoven, Rossini, Donizetti, Gounod, Bizet, Berlioz and of course Wagner.
This is probably also the reason why Spontini has been forgotten.

It is only thanks to the outstanding voices of the two main female characters, especially Julia, interpreted by the wonderful SONYA YONCHEVA and the high priestess Vesta, sung by MARINA PRUDENSKAYA, that the evening was not completely lost.
Conclusion: For lovers of romantic operas and for viewers who have no problem with violent scenes on stage.
Not recommended for children.

“La Vestale” by Gaspare Spontini
The premiere was on September 26th, 2026
State Opera Unter den Linden, Berlin
Musical direction: Carlo Rizzi
Production: Lydia Steier
Stage: Etienne Pluss, costumes: Katharina Schlipf
Starring: Sony Yoncheva (Julia), Marina Prudenskaya (Vesta), David Butt Philip (Licinius), Siyabonga Maquungo (Cinna), Adrian Sempetream (Pontifex)

David Butt Philip, „La Vestale“, ph: Stephan Rabold

 

Author: Holger Jacobs

Founder & Editorial Director of kultur24.berlin ug.
Founder & Editorial Director of kultur24 TV on Youtube.
Former correspondent for fashion in Paris.
Photographer, writer and videographer.

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