Premiere HOUSE OF HOPES an der Volksbühne Berlin
Von Holger Jacobs
Wertung: 🙂 🙂 🙂 🙂 🙂 (fünf von fünf)
05.10.2026
Erfolgreicher Einstand des neuen Intendanten Matthias Lilienthal
Große Erwartungen weckte der neue Intendant mit vielen außergewöhnlichen Produktionen, die er angekündigt hatte.
Zunächst einmal mit dem Swimmingpool, der für zwei Monate vor der Volksbühne aufgebaut wurde.
Und der am 1. Oktober mit der spektakulären Aktion „House Wash“ durch die Choreographin FLORENTINA HOLZINGER und sechs nackten Frauen an der Fassade der Volksbühne beendet wurde.
Ich entschied mir gleich die erste Produktion dieser neuen Saison anzuschauen, „House of Hopes“ und war begeistert!
Es handelt sich um ein sehr politisches Stück, welches bestimmte Geschehnisse des Jahres 1989 aufnimmt und durch Zeitzeugen erzählen lässt.
Denn neben dem Fall der Mauer in Deutschland in diesem Schicksalsjahr gab es auch in vielen anderen Teilen dieser Welt große politische Umwälzungen, die für viele die Hoffnung auf mehr Freiheit und Demokratie wachsen ließ.
Hoffnung gab es zu allererst in den Staaten Osteuropas, die zum Ende der Sowjetunion die jahrzehntelange Besatzung abschütteln konnten.
Aber auch in CHILE konnte die Militärjunta unter General PINOCHET beendet werden. Am 14. Dezember 1989 kam es zu den ersten demokratischen Wahlen.
Und auch in anderen Staaten der Welt keimte Ende der 1980er ein Fünkchen Hoffnung auf, selbst wenn der Umschwung bis heute noch nicht erreicht ist.
Im IRAN starb 1989 AYATOLLAH KHOMENI und alle hofften im Land auf mehr individuelle Freiheiten.
In AFGHANISTAN ziehen 1989 die letzten sowjetischen Truppen ab und alle hoffen auf Frieden.
In UNGARN wird am 11. September 1989 die Grenze zu Österreich geöffnet und Tausende DDR-Bürger können in den Westen ausreisen.
Und am 25. Dezember 1989 wird der langjährige rumänische Kommunistenführer CEAUSESCU hingerichtet.
„House of Hopes“
Der Abend beginnt mit der Aufteilung der vielen Besucher (ausverkauft) in sieben verschiedene Gruppen, deren Zugehörigkeit per Zufall beim Kauf der Eintrittskarten an jeden Besucher oder Besuchergruppe vergeben wurde.
Dabei misst jede Gruppe ca. 30 Personen.
In der Eingangshalle vergeben fleißige Helfer*innen je nach Zuordnung verschieden farbige Armbänder an die Theatergänger mit der Anweisung, wo sie sich bitte jeweils im Haus einfinden sollten.
Ich lande in Gruppe Braun, die sich ganz oben im zweiten Rang einfinden soll. Nach Öffnung der Türen kann sich jeder an einen Sitzplatz aussuchen und dort einen Kopfhörer aufsetzen.
Dieser ist wichtig, weil sich auch die anderen Gruppen im Zuschauerraum auf anderen Ebenen und an anderen Orten befinden und dort jeweils ein anderes Programm zu hören bekommen.
Das Programmheft weist zehn verschiedene Protagonisten aus, die alle aus einem der zehn (eigentlich elf, da eines nicht im Programmheft steht) kommen, in denen Ende der 80er Jahre ein besonderes Ereignis die Menschen wieder hoffen ließ.
Mein erster Protagonist ist ISRAEL KAUNATIJKE au Namibia, der aus dem Stamm der Herero kommt und dessen Eltern mischrassig sind, weil seine Mutter von einem deutschen Farmer (Namibia hieß früher „Deutsch Südwest“ und war eine deutsche Kolonie) vergewaltigt wurde und auch sein Vater aus solch einer Verbindung stammte. Als junger Mann ging er nach Ost-Deutschland, um der schwierigen Situation seines Landes zu entkommen. Denn nach dem Ende der deutschen Kolonialzeit in Namibia 1920 wurde das Land Südafrika zugesprochen. Im Nachbarland Angola aber etablierte sich eine von der Sowjetunion unterstütze kommunistische Volksfront, die auch Namibia unter seine Kontrolle bringen wollte.
Erst am 7. November 1989, zwei Tage vor dem Mauerfall in Berlin, gab es die ersten freien und demokratischen Wahlen in Namibia, womit endlich ihre staatliche Unabhängigkeit begründet wurde.
Dies alles erzählte uns ISRAEL KNAUTAKIJKE, eingebunden in persönliche Erlebnisse aus seiner Zeit. Interessant waren auch seine Fragestellungen an uns, den Zuschauern.
Ob wir z.B. wüssten, wie Namibia früher hieß? Ich war zusammen mit einer anderen Person der einzige. Und auf die Frage, ob jemand von uns in seinem Leben schon einmal Todesangst verspürt hätte, meldete sich eine Frau.
Danach wurden die Gruppen zu einer festgelegten Zeit in weitere Bereiche geführt, in denen schon andere Gruppen zuvor den Auftritt eines der zehn Protagonisten gehört hatten.
Was dazu führte, dass sich diese Gruppen durch das ganze Haus schoben, immer an anderen Gruppen vorbei.
Damit es zu keinem Chaos kam, wurden wir durch bestimmte Zeichen an den Wänden zu unseren nächsten Zielen geleitet.
Das machte einen riesigen Spaß.
Und man lernte nebenbei auch seine Mitläufer kennen und konnte sich immer kurz über das gerade gesehene unterhalten.
Alle einzelnen Stationen hier zu beschreiben würde zu lange dauern, aber für alle galt, dass es immer auch einen kleinen Teil zum Mitmachen für die Zuschauer gab, sei es nur die Arme heben, klatschen oder Protest rufen.
Zwei dieser Stationen möchte ich noch herausheben.
Erstens: Polen, mit einer großen „Gesprächsrunde“ auf der Bühne.
Die Moderatorin, die Polin JOANNA KUSIAK, erklärte uns, dass nach langem Streik der Werftarbeiter in Danzig Anfang der 80er Jahre deren Anführer LECH WALESA die unabhängige Gewerkschaft „Solidarnosc“ gegründet hatte, welche aber schon ein Jahr später durch die sowjetisch beeinflusste kommunistische Führung unter General Jaruzelski wieder verboten wurde.
Jahrelang kam es zu Verhaftungen und Streiks im ganzen Land, bis Anfang 1989 ein runder Tisch einberufen wurde, bei dem sich die kommunistische Elite des Landes zusammen mit den Mitgliedern der Solidarnosc gegenübersaßen.
Durch die Entspannungspolitik GORBATSCHOVS in der Sowjetunion gab die Führung Polens schließlich nach und verkündete freie Wahlen, die von der Opposition im Juni 1989 mit einem Erdrutschsieg gewonnen wurde.
Zweitens: China, moderiert durch die Chinesin ZHU YUAN, die noch unter MAO zurzeit der Kulturrevolution geboren wurde und auf dem Land aufwuchs, weil ihre Eltern als Akademiker aus der Stadt verband worden waren.
Als MAO starb wurde die Situation für die Familie zunächst besser, wie sie erzählte, doch dann kam durch den neuen Führer DENG XIAOPING der Turbokapitalismus, der eine einzigartige Korruption nach sich zog.
Und die alleinige Macht blieb weiterhin bei der Kommunistischen Partei.
Als im Jahre 1989 Studenten gegen die Regierung protestierten, kam es am 4. Mai 1989 auf dem Tian’anmen Platz im Herzen Pekings zu einem Massaker an jungen Menschen.
Die Zahl der Toten ging in die Tausenden.
Da ZHU YUAN der Studentenbewegung nahestand, musste sie schließlich aus China fliehen und lebt heute im Ausland immer noch voller Angst vor der chinesischen Geheimpolizei.
Diese Angst geht soweit, dass sie jede Kamera scheut und sie später beim Applaus vor dem Publikum sogar eine Gesichtsmaske trug.
Zum Schluss erzählte ZHU noch eine Anekdote:
Ihr Neffe, YANG YUANQING, der damals ebenfalls der Studentenbewegung angehörte, ist heute Vorstandsvorsitzender des Elektronikkonzerns LENOVO in Hongkong.
Erstaunliche Entwicklungen.
Fazit: Ein faszinierender Abend, mit dem ich so nicht gerechnet hätte.
Und ein Theaterstück, welches ich ebenfalls noch nie erlebt habe.
Deshalb kann ich nur jedem raten unbedingt hinzugehen.
Und beeilt Euch, die Karten sind immer schnell ausverkauft.
„House of Hopes an der Volksbühne Berlin
Regie: Stefan Kaegi, Daniel Wetzel
Bühne + Kostüme: Lili Anschütz
Produktion: Rimini Protokoll
Foto: IRAN mit Anoush Azizi
Author: Holger Jacobs
Founder & Editorial Director of kultur24.berlin ug.
Founder & Editorial Director of kultur24 TV on Youtube.
Former correspondent for fashion in Paris.
Photographer, writer and videographer.























