Der Fliegende Holländer in der Deutschen Oper Berlin

Der Fliegende Holländer - Deutsche Oper Berlin - Foto: Matthias Horn

Der Fliegende Holländer in der Deutschen Oper Berlin

 

Von Holger Jacobs

25.10.2026

Wertung: 🙂 🙂 🙂 🙂 (vier von fünf)

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Richard Wagners Oper als israelisch-palästinensisches Drama

„Schuld ist etwas Narzisstisches.
Bei der Schuld geht es nur um Euch (den Deutschen).
Ihr müsst die Schuld in Verantwortung verwandeln.
Sonst wird sie nie vergehen.“

Dieser Satz, der ganz am Schluss auf der Videoleinwand zu sehen ist, ausgesprochen von einem palästinensischen Künstler im Gaza-Streifen, steht symptomatisch für die ganze Inszenierung.

Der Regisseur MILO RAU hinterlegt die Sage um den Seefahrer Holländer, der verflucht ist, auf den Meeren dieser Welt zu segeln, ohne jemals anzukommen, mit der Schuld der Deutschen für den Holocaust.

Yad Vashem, Holocaust Memorial, Jerusalem -CC-Wikimedia

Denn die millionenfache Ermordung der Juden im Dritten Reich hat dazu geführt, dass nach dem 2. Weltkrieg Tausende nach Palästina auswanderten, um dort einen Ort zu finden, wo sie zukünftig in Sicherheit leben können.
Aber mit dem Problem, dass die dortige Bevölkerung nun von ihrer Heimat vertrieben wurde und nach Jordanien oder in den Libanon fliehen mussten.
So wurde die Diaspora der Israeliten aus ihrem gelobten Land vor 2000 Jahren zur Diaspora der Palästinenser ab dem Jahre 1945.

Israel/ Palestine -CC-Wikimedia

Der daraus resultierende Hass der Araber auf die Juden und demgegenüber der Hass der Juden auf die Araber führte danach zu andauernder Aggression, Attacken, Krieg und Massakern am jeweils anderen, so dass es hier keine Hoffnung auf Erlösung zu geben scheint.

RICHARD WAGNERS „Fliegender Holländer“ aber hat eine Möglichkeit auf Erlösung:
Alle sieben Jahre darf er an Land und versuchen, eine Frau zu finden, die ihm ihre Liebe und Treue schwört. Was ihm letztlich auch gelingt.

Die Inszenierung hat also zwei Ebenen:
Im Vordergrund auf der Bühne spielt sich das Drama um den Holländer ab und im Hintergrund auf einer riesigen Leinwand das Drama um Israel und Palästina – und die ewige Schuld der Deutschen.

„Der Fliegende Holländer“, Deutsche Oper, Foto: Matthias Horn

Für die Umsetzung reiste MILO RAU nach Israel und drehte einen Dokumentarfilm (Moritz von Dungern), der den Musiker SHLOMI WAGNER zeigt, wie dieser versucht die Musik Richard Wagners in Israel zu spielen (ganz wie einst DANIEL BARENBOIM mit seinem West-East-Divan-Orchester).

Dazu fährt SHLOMI mit einer großen Musikbox durch das Land und spielt die Musik des „Holländers“ an allen möglichen und unmöglichen stellen:
In Jerusalem an der Klagemauer, in den Einkaufspassagen von Jaffa und im Westjordanland, wo Palästinenser wieder einmal von ihrem Land vertrieben werden.

Zusätzlich gibt es Filmausschnitte aus Ausschwitz, vom Attentat auf die israelische Olympia-Mannschaft 1972 und der Einweihung des Denkmals für die ermordeten Juden in Berlin 2005.

Holocaust-Memorial, Berlin, Foto: Holger Jacobs

Und MILO RAU fügt dem Spiel neben SHLOMI WAGNER noch eine zweite Person hinzu:
Die Deutsch-Israelin SARAH von SCHWARZE, deren christlich-deutsche Eltern in den 70er Jahren nach Israel auswanderten. Wohl aus der Hoffnung heraus, etwas für das dortige Land zu tun und vielleicht auch, um Erlösung für die Schuld der Deutschen an den Juden zu erlangen.
Doch SARAH fühlt sich heute heimatlos, weder in Israel, noch in Deutschland verwurzelt.
Sie erzählt ihre persönliche Geschichte auf der Bühne kurz vor Beginn der Ouvertüre, genauso wie SHLOMI WAGNER (in Hebräisch), der mit seinem Nachnamen in Israel immer schon Probleme hatte.

Foto: Im Hintergrund SARAH VON SCHWARZE auf der Leinwand, auf der Bühne ATTILIO GLASER als Erik und AUSRINE STUNDYTE als Senta:

„Der Fliegende Holländer“, Deutsche Oper, Foto: Matthias Horn

Kritik

Doch sprechen wir über die Musik und die Interpretation der Sängerinnen und Sänger.

Besonders gefallen hat mir das Orchester unter der Leitung der jungen, litauischen Dirigentin GIEDRE SLEKYTE (*1989) und der Chor, welcher dass berühmte „Steuermann, lass die Wacht“ in den Zuschauerraum der Deutschen Oper schmettern durfte.

Bei der wichtigsten Position, dem Holländer, gab es ein Malheur:
TOMASZ KORNIECZNY war in der letzten Woche krank geworden, wollte aber unbedingt den Versuch eines Auftritts wagen.
Doch im 2. Akt versagte ihm die Stimme und der schon im Hintergrund wartende Ersatz DEREK WELTON erschien rechts auf der Bühne und sang den Part zu Ende, während TOMASZ KORNIECZNY nur noch schauspielerte.
Meiner Meinung nach hätte es vorher ein Machtwort seitens des neuen Intendanten AVIEL CAHN geben müssen, dem Sänger klar zu machen, dass nur eine 100 % Gesundheit eine Bühnenpräsenz erlaubt.
Allein schon wegen der Gefahr der Ansteckung gegenüber den anderen Sängern.
Und erst recht bei einer Premiere.

Holländer (Tomasz Konieczny), „Der Fliegende Holländer“, Deutsche Oper, Foto: Matthias Horn

Auch die zweitwichtigste Position konnte nicht ganz überzeugen.
Die litauische Sopranistin AUSRINE STUNDYTE (*1976) war als Senta in leisen und mittleren Tönen wunderbar anzuhören, im Fortissimo aber schien sie zu stark zu drücken, was die Qualität schmälerte.
Aber vielleicht war es auch die Aufregung.

Erik+Senta, „Der Fliegende Holländer“, Deutsche Oper, Foto: Matthias Horn

Am besten hat mir TAREQ NAZMI als Sentas Vater Daland gefallen.
Dieser 1983 in Kuweit geborene und in München aufgewachsene Bass-Bariton hat eine so warme und doch kräftige Stimme, dass ich ihn gerne öfters hören würde. Vielleicht mal wieder in „Messa da Requiem“ unter Teodor Currentzis, oder in „Missa Solemnis“ unter Kirill Petrenko oder der Neunten von Beethoven mit den Wiener Philharmonikern unter Thomas Guggeis?
Das müssen Highlights gewesen sein.

Daland (Tareq Nazmi) „Der Fliegende Holländer“, Deutsche Oper, Foto: Matthias Horn

Starke Buh-Rufe gab es für das Team der Bühnengestaltung (Anton Lukas) und der Kostüme (Silvie Naunheim).
Denn neben der großen Videoleinwand gab es nur noch ein Ausstattungsdetail:
Ein paar horizontale Stehle (Aha, das Denkmal für den Holocaust?), die mal hoch und mal runter gefahren wurden.
Bei den Kostümen gab es ein Kuddel-Muddel von zeitgenössischen Outfits, welche so aussahen, als ob  jeder der Darsteller sich selber etwas von zu Hause hat mitbringen können.
Ganz schlimm sah die Senta im Schlussakt in einem doppelreihigen schwarzen Herrenanzug mit Kurzhaarschnitt aus (siehe Applaus-Foto).
Während sie von einer innig liebenden Frau singt, die für die Treue zu einem Mann in den Tod springt, sieht sie aus wie eine Finanzmanagerin von der Wallstreet, die nach ihrem Job in einer Lesben-Bar verschwindet.
So viel Diskrepanz zwischen Gesagtem und Äußerem habe noch selten erlebt.

Applaus, Aušrinė Stundytė (Mitte), Foto: Holger Jacobs

Fazit: Eine insgesamt spannende Inszenierung, die es schafft, dass schwierige Thema Israel-Palästina so ausgewogen wie möglich auf die Bühne zu bringen.
Mit Abstrichen bei Bühnenbild, Kostümen und einigen Sänger*innen.

„Der Fliegende Holländer“ von Richard Wagner
Premiere am 24. Oktober 2026
Deutsche Oper Berlin
Musikalische Leitung: Giedrė Šlekytė
Inszenierung: Milo Rau, Bühne: Anton Lukas, Kostüme: Silvie Naunheim
Video: Moritz von Dungern
Mit: Tomasz Konieczny (Holländer), Aušrinė Stundytė (Senta), Attilio Glaser (Erik), Kai Rüütel-Pajula (Mary), Tareq Nazmi (Daland)

Mehrere Mannschaftswagen der Polizei standen vor der Deutschen Opert, um mögliche Demonstrationen gegen das Stück zu verhindern. Beim Einlass musste jeder seine Taschen vorzeigen und wurde auf Waffen durchsucht.

Polizei in front of Deutsche Oper Berlin, photo: Holger Jacobs

 

 

English version

 

The Flying Dutchman at the Deutsche Oper Berlin

 

By Holger Jacobs


October 25, 2026

Richard Wagner’s opera as an Israeli-Palestinian drama

“Guilt is something narcissistic.
Guilt is only about you (the Germans).
You must transform guilt into responsibility.
Otherwise, it will never go away.”

This sentence, which appears on the video screen at the very end—spoken by a Palestinian artist in the Gaza Strip—is symptomatic of the entire production.
Director MILO RAU overlays the legend of the Dutch seafarer—cursed to sail the world’s oceans, never able to reach his destination—with the burden of German guilt for the Holocaust.

Yad Vashem, Holocaust Memorial, Jerusalem -CC-Wikimedia

The mass murder of millions of Jews during the Third Reich led thousands to emigrate to Palestine after World War II, seeking a place where they could live in safety.
Yet, this created a new problem: the local population was displaced from their homeland, forced to flee to places like Jordan or Lebanon.

Israel/ Palestine -CC-Wikimedia

In this way, the diaspora of the Israelites from their Promised Land 2,000 years ago evolved into the diaspora of the Palestinians, beginning in 1945.
The resulting hatred—Arabs toward Jews, and Jews toward Arabs—has fueled persistent aggression, attacks, wars and massacres on both sides, leaving seemingly no hope for redemption.
In Richard Wagner’s *The Flying Dutchman*, however, there is a possibility of redemption:
Every seven years, the Dutchman is permitted to come ashore to seek a woman who will pledge her love and fidelity to him—a feat he ultimately succeeds in achieving.

The production operates on two levels:
In the foreground unfolds the drama surrounding the Dutchman, while in the background—projected onto a massive screen—plays out the drama of Israel and Palestine, alongside the eternal guilt of the Germans.

„Der Fliegende Holländer“, Deutsche Oper, Foto: Matthias Horn

For this project, MILO RAU traveled to Israel to film a documentary (shot by Moritz von Dungern) that follows the musician SHLOMI WAGNER as he attempts to perform the music of Richard Wagner in Israel—much like Daniel Barenboim once did with his West-Eastern Divan Orchestra.
To this end, Shlomi travels across the country with a large sound system, playing music from *The Flying Dutchman* in all sorts of places—some fitting, others highly incongruous:
at the Western Wall in Jerusalem, in the shopping arcades of Jaffa, and in the West Bank, where Palestinians are once again being driven from their land.
Additionally, the production incorporates film footage from Auschwitz, the 1972 attack on the Israeli Olympic team, and the 2005 inauguration of the Memorial to the Murdered Jews of Europe in Berlin.

Holocaust-Memorial, Berlin, Foto: Holger Jacobs

In addition to Shlomi Wagner, Milo Rau introduces a second person into the production:
SARAH VON SCHWARZE, a German-Israeli whose Christian German parents emigrated to Israel in the 1970s—likely in the hope of contributing to that country, and perhaps also to seek redemption for the guilt incurred by Germans toward the Jewish people.
Today, however, Sarah feels a sense of rootlessness; she is anchored neither in Israel nor in Germany.
She recounts her personal story on stage just before the overture begins—as does Shlomi Wagner (speaking in Hebrew), who notes that his surname has always been a source of difficulty for him in Israel.
Photo: In the background, Sarah von Schwarze.
On stage, Attilio Glaser as Erik and Ausrine Stundyte as Senta.

„Der Fliegende Holländer“, Deutsche Oper, Foto: Matthias Horn

Critics

But let us talk about the music and the singers‘ interpretations.
I was particularly impressed by the orchestra, under the direction of the young Lithuanian conductor Giedrė Šlekytė (born 1989), as well as the chorus, who delivered a resounding rendition of the famous „Steuermann, lass die Wacht“ that echoed throughout the auditorium of the Deutsche Oper.
As for the most crucial role—the Dutchman—there was an unfortunate mishap:
Tomasz Konieczny had fallen ill the previous week, yet he was determined to attempt the performance.
However, his voice failed him during the second act.
Derek Welton, who was already waiting in the wings, appeared on the right side of the stage and sang the remainder of the role, while Tomasz Konieczny continued to perform the acting duties.
In my view, the new general director, Aviel Cahn, should have intervened decisively beforehand to make it clear to the singer that a stage appearance is only appropriate when one is in 100% good health—
if only to avoid the risk of infecting the other performers.
Especially on the night of a premiere.

Holländer (Tomasz Konieczny), „Der Fliegende Holländer“, Deutsche Oper, Foto: Matthias Horn

The second most important role also failed to be entirely convincing.
Lithuanian soprano Aušrinė Stundytė (born 1976) was wonderful to listen to as Senta in the softer and mid-range passages; however, in *fortissimo* sections, she seemed to push her voice too hard, which detracted from the quality.
Perhaps she was simply nerves.

Erik+Senta, „Der Fliegende Holländer“, Deutsche Oper, Foto: Matthias Horn

I was most impressed by Tareq Nazmi as Senta’s father, Daland.
Born in Kuwait in 1983 and raised in Munich, this bass-baritone possesses a voice that is both warm and powerful—I would love to hear him more often.
Perhaps in a *Messa da Requiem* conducted by Teodor Currentzis, a *Missa Solemnis* under Kirill Petrenko, or Beethoven’s Ninth Symphony with the Vienna Philharmonic under Thomas Guggeis?
Those must have been highlights.

Daland (Tareq Nazmi) „Der Fliegende Holländer“, Deutsche Oper, Foto: Matthias Horn

There were loud boos for the set design team (Anton Lukas) and the costume design team(Silvie Naunheim).
Aside from a large video screen, the only other scenic element consisted of a few horizontal pillars—perhaps a reference to the Holocaust memorial?—which were raised and lowered throughout the performance.
The costumes were a hodgepodge of contemporary clothes, looking as each performer had simply brought their own clothes from home.
Senta’s appearance in the final act was particularly terrible: she wore a double-breasted black men’s suit and sported a short haircut (see photo of applause).
While singing about a woman whose profound love and loyalty to a man drives her to her death, she looked more like a Wall Street financial executive heading off to a lesbian bar after work.

Applaus, Aušrinė Stundytė (Mitte), Foto: Holger Jacobs

Rarely have I witnessed such a strong discrepancy between what is being expressed and what is being presented visually.

Conclusion: An exciting production overall, which manages to bring the complex Israel-Palestine issue to the stage with as much balance as possible.
However, it falls short in terms of set design, costumes, and the performances of certain singers.

“The Flying Dutchman” by Richard Wagner
Premiere: October 24, 2026
Deutsche Oper Berlin
Musical Direction: Giedrė Šlekytė
Director: Milo Rau; Set Design: Anton Lukas; Costumes: Silvie Naunheim
Video: Moritz von Dungern
Cast: Tomasz Kornieczny (The Dutchman), Aušrinė Stundytė (Senta), Attilio Glaser (Erik), Kai Rüütel-Pajula (Mary), Tareq Nazmi (Daland)

Several police vans were stationed outside the Deutsche Oper to preempt any potential protests against the production. At the entrance, everyone had to show their bags and was searched for weapons.

Polizei in front of Deutsche Oper Berlin, photo: Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Founder & Editorial Director of kultur24.berlin ug.
Founder & Editorial Director of kultur24 TV on Youtube.
Former correspondent for fashion in Paris.
Photographer, writer and videographer.

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