Ausstellung CHRISTOPH SCHLINGENSIEF im Martin-Gropius-Bau Berlin

Christoph Schlingensief - Martin Gropius Bau Berlin - The African Twin Towers © Christoph Schlingensief

Ausstellung CHRISTOPH SCHLINGENSIEF im Martin-Gropius-Bau Berlin

 

Von Holger Jacobs

09.10.2026

Eine große Show zu Ehren eines großen Künstlers

Mit CHRISTOPH SCHLINGENSIEF kam ich zum ersten Mal in Berührung, als ich aus Frankreich kommend nach 20 Jahren wieder zurück in die BRD zog und 2004 in Berlin meine Zelte aufschlug.
Gleich meine ersten Schritte führten mich in die Theaterszene, die ich in Frankreich (nicht aus Mangel an Französischkenntnissen, sondern mehr aus Zeitmangel) lange vermisst hatte.

Die Volkbühne im Ostteil der Stadt erlebte gerade ihre Hochzeit unter dem Intendanten FRANK CASTORF mit seinen provokativen Stücken und seinen provokativen Regisseuren.
Einer davon war CHRISTOPH SCHLINGENSIEF.

Christoph Schlingensief, Gropius-Bau 2026, Foto: Holger Jacobs

Ich verstand nicht viel von dem, was dieses Universal-Genie da machte.
Er vermischte Skulptur, Film, Bildende Kunst und Theater, wie andere ihre Farben auf der Leinwand.
Was mir aber gefiel war das Visuelle seiner Arbeit.

Volksbühne Berlin 2005, Christoph Schlingensief, Foto: Holger Jacobs

Einmal erlebte ich SCHLINGENSIEF bei einer Diskussionsrunde zu seiner Installation „Fickcollection, A. Hipler“ im Foyer der Volksbühne im Jahre 2005 in Anwesenheit des Dramaturgen CARL HEGEMANN.
Es war spannend, aber auch ziemlich verrückt.

Volksbühne Berlin 2005, Carl Hegemann, Foto: Holger Jacobs

Das animierte mich dazu SCHLINGENSIEFS Inszenierung von „Parsifal“ bei den Bayreuther Festspielen im gleichen Jahr zu sehen.
Leider hat es nicht geklappt. Was ich heute noch bedauere.

KW Kunstwerke 2013, Christoph Schlingensief, Foto: Holger Jacobs

Nachdem CHRISTOPH SCHLINGENSIEF im Jahre 2010 viel zu früh verstarb, gab es in den KW Kunstwerken, Institut for Contemporary Art in der Auguststrasse in Berlin, eine große Ausstellung über seine Arbeit, kuratiert u.a. von KLAUS BIESENBACH, heute Direktor der Nationalgalerie in Berlin.

KW Kunstwerke 2013, Klaus Biesenbach, Foto: Holger Jacobs

Gezeigt wurde u.a. ein „Animatograph“ mit dem Titel „Parsipark“; einer Drehbühne mit allerlei Gegenständen, die viel mit seiner Arbeit am „Parsifal“ in Bayreuth zu tun hatte.

KW Kunstwerke 2013, „Animator“, Christoph Schlingensief, Foto: Holger Jacobs

„Christoph Schlingensief“ – Martin-Gropius-Bau 2026

Nun, 13 Jahre nach der bemerkenswerten Show in den KW Kunstwerken, wieder eine große Ausstellung über SCHLINGENSIEF in Berlin, dieses Mal im Museum Martin-Gropius-Bau, mit dem Titel:
„Es ist nicht mehr mein Problem, macht Eure Scheiße allein“

Ein Titel, welcher sich wohl auf eine seiner vorausschauenden Aussagen zu seinem frühen Krebs-Tod bezieht.
Die Lungenkrebs Diagnose hatte er 2008 bekommen.
Trotz Operation und vielen Behandlungen verstarb er zwei Jahre später.

Die Ausstellung im Gropius-Bau zeigt acht Installationen, in denen CHRISTOPH SCHLINGENSIEF jeweils auf ein bestimmtes Thema eingeht.

Seit Beginn seiner künstlerischen Tätigkeit in den 1980er Jahren war SCHLINGENSIEF ein genauer Beobachter seiner Umgebung und der Gesellschaft, in der er aufwuchs.
Wie viele in dieser Nachkriegsgeneration beschäftigte sich SCHLINGENSIEF mit der deutschen Vergangenheit.

„The African Twin Towers“ (2005)
Eines seiner Themen war der deutsche Kolonialismus in Namibia, welchen er durch sein Projekt „The African Twin Towers“ (2005) darstellen wollte.
In kleinen Videos mit Schauspielern und Laiendarstellern aus der namibischen Stadt Lüderitz zeigt er Spielszenen mit Motiven aus deutschen Heldensagen, westlichen Filmklassikern oder Szenen aus der Kolonialzeit.
Gleichzeit der Hinweis auf den Anschlag auf die Twin Towers in New York am 9. September 2001, welcher eine viel größere mediale Aufmerksamkeit bekam, als die Gräueltaten, die in der Kolonialzeit begannen wurden.

„The African Twin Towers“, Christoph Schlingensief, Gropius-Bau 2026, Foto: Holger Jacobs

„The Church of Fear“ (2003)
In “Church of Fear” geht SCHLINGENSIEF auf die populistischen Angstmacher ein, die jedem Menschen weis machen wollen, dass sie alle in Unsicherheit leben und sie sich deshalb einer Glaubensgemeinschaft anschließen müssen, die sie retten wird. Durch Angst kannst jeder Mensch zu Dingen bewegt werden, die er sonst nie tun würde.

„Church of Fear“, Christoph Schlingensief, Gropius-Bau 2026, Foto: Holger Jacobs

„Freakstars 3000“ (2002)
In Freakstars beschäftigte sich SCHLINGENSIEF mit den Reality-Shows im Fernsehen der 2000er Jahre, welche z.B. mit „Big Brother“ überall auf der Welt ein Millionenpublikum erreichten. SCHLINGENSIEF produzierte auf dem Musiksender VIVA eine Parodie auf diese Reality Shows mit Menschen mit Behinderungen.
Es sollte auf keinen Fall eine Karikatur werden, aber daraufhin weisen, wie Menschen andere Menschen beurteilen und unter Umständen gnadenlos verdammen.

„Freakstars 3000“, Christoph Schlingensief, Gropius-Bau 2026, Foto: Holger Jacobs

„Chance 2000“ (1998)
Unter dem Titel „Chance 2000“ gründete SCHLINGENSIEF 1998 eine Partei, um an den Bundestagswahlen im gleichen Jahr teilnehmen zu können. Schlingensief war ein bekennender Gegner des damaligen Bundeskanzlers HELMUT KOHL und versuchte z.B. mit einer Aktion am Wolfgangsee in Österreich die Provokation auf die Spitze zu treiben.
Er lud eine Million Arbeitslose zum Baden an den Wolfgangsee ein, damit sie alle gleichzeitig ins Wasser gehen und so den See zum Überlaufen bringen könnten, um damit die Ferienvilla von Kohl im Wasser verschwinden zu lassen.
Gekommen sind letztlich aber nur ein paar Hundert Schaulustige.
Doch die mediale Aufmerksamkeit war erreicht.

„Chance 2000“, Christoph Schlingensief, Gropius-Bau 2026, Foto: Holger Jacobs

Weitere Themen sind „Ursuppe. Birth of a Nation“ für das Burgtheater in Wien mit einem Animatographen (siehe Ausstellung im KW).
Außerdem werden Videos mit Portraits von einigen bekannten Persönlichkeiten auf winzigen Monitoren in Kinderwagen gezeigt.

„Birth of a Nation“, Christoph Schlingensief, Gropius-Bau, Foto: Holger Jacobs

Die Filme „Holländer 2C. Ausweitung Dunkelphase“ über SCHLINGENSIEFS Opernproduktion im brasilianischen Regenwald bei Manaus“.

„Hasenverwesung“, „Dunkelphase“, Christoph Schlingensief, Gropius-Bau, Foto: Holger Jacobs

„Hamlet“ über eine Theaterinszenierung in Zürich zum Thema Rechtsextremismus und „Ohne Titel (Hasenverwesung“) als Hinweis auf die beiden Wagner-Opern „Parsifal“ und „Der fliegende Holländer“.

Und „Kaprow City“ (2006), eine drehbare Bühne mit Motiven zu den letzten Stunden von Prinzessin Diana, kurz vor ihrem tragischen Tod 1997.
Große Installation im Lichthof des Gropius-Baus.

Fazit: Selbst auf die Gefahr hin, dass Ihr rein gar nichts versteht und alles für einen ziemlichen Blödsinn haltet, würde ich Euch die Ausstellung empfehlen. Auch die Installationen aus tierischem Fett von JOSERF BEUYS in den 1980er Jahren hat man am Anfang nicht verstanden („Ist das Kunst oder kann das weg?“), heute gilt BEUYS als der größte deutsche Konzeptkünstler nach dem 2. Weltkrieg.

„Christoph Schlingensief – Es ist nicht mehr mein Problem – macht Eure Scheiße allein“
Gropius-Bau
Niederkirchnerstraße 7,
10963 Berlin
9. 10.2026 – 17.01.2027
Mi – Mo 12 – 19 Uhr

„Kaprow City“, Christoph Schlingensief, Gropius-Bau, Foto: Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Founder & Editorial Director of kultur24.berlin ug.
Founder & Editorial Director of kultur24 TV on Youtube.
Former correspondent for fashion in Paris.
Photographer, writer and videographer.

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