LEAR von Aribert Reimann in der Komischen Oper Berlin
Von Holger Jacobs
11.02.2026
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Wertung: 🙂 🙂 🙂 (drei von fünf)
Eine ungewöhnliche Oper an einem ungewöhnlichen Ort
Zu Beginn eine Anmerkung: Wem schon RICHARD STRAUSS oder BENJAMIN BRITTEN als Opernkomponisten zu modern sind, der braucht hier gar nicht erst weiterzulesen.
Für alle anderen, die auch für moderne, klassische Musik offen sind, will ich von meinem Premierenabend mit „Lear“ von ARIBERT REIMANN in einem Hangar des ehemaligen Flughafens Tempelhof erzählen.
Wie Ihr sicher wisst, wird das Stammhaus der Komischen Oper Unter den Linden komplett restauriert und zusätzlich mit einem neuen Gebäudeteil versehen. Diese Maßnahmen werden noch viele Jahre in Anspruch nehmen.
Währenddessen spielt die Komische Oper im Schillertheater an der Bismarckstraße und jeweils zum Anfang der Saison für eine Produktion im ehemaligen Flughafen Tempelhof.
Was beim Publikum in der Regel eine große Resonanz hervorbringt.
Die letztjährige Inszenierung von „Jesus Christ Superstar“ musste sogar wegen großer Nachfrage verlängert werden.
Dieses Jahr fängt die neue Saison in der Komischen Oper mit „Lear“ (Uraufführung 1978) des deutschen Komponisten ARIBERT REIMANN (*1936 – †2024) an.
Und natürlich wieder in Tempelhof.
Die Inszenierung übernahm BARRY KOSKY.
Wie man sich unschwer denken an, lehnt sich das Libretto (CLAUS HENNEBERG) an Shakespeares „King Lear“ aus dem Jahre 1606 an.
Es spielt im frühen Mittelalter in England, als die Angelsachsen, die Wikinger und die Normannen um die Vorherrschaft auf der Insel kämpften.
Hier wäre zu erwähnen, dass im British Museum in London zurzeit der berühmte Wandteppich von Bayeux aus dem 11. Jahrhundert ausgestellt ist (Eröffnung durch Emmanuel Macron und King Charles III.), der auf 70 Meter Länge die Schlacht von Hastings im Jahre 1066 darstellt, bei der der Normanne Wilhelm der Eroberer seinen Gegner König Harold besiegt und wenig später zum König von England gekrönt wird.
Handlung
Wie bei Shakespeares „King Lear“ gibt es auch bei Reimanns „Lear“ zwei Handlungsstränge:
Einmal der König selbst, der im hohen Alter sein Reich an seine drei Töchter vererben will.
Und die Familie des Grafen von Gloucester, dem Berater des Königs, dessen zwei Söhne sich um das Erbe streiten.
Am Ende sterben alle, nur der eheliche Sohn von Gloucester, Edgar, überlebt.
Auf der Seite des Königs kommt es zum Streit, als Lear zur Bedingung für die Vererbung an seine drei Töchter Liebesbezeugungen verlangt, die ihm zwei von ihnen, Goneril und Regan, überschwänglich geben, die dritte aber, Cordelia, verweigert, weil sie der Überzeugung ist, dass ihre Liebe zum Vater so stark ist, dass es keinerlei Worte bedarf.
Sie wird daraufhin vom Vater verbannt.
Als aber die beiden übrigen Schwestern nun allein das Erbe antreten dürfen, intrigieren sie gegen ihren Vater, damit er als König abtritt und ihnen sofort das Reich überlässt.
Beim Grafen Gloucester versucht der uneheliche Sohn Edmund durch Tricks und Betrug den ehelichen Sohn Edgar aus dem Rennen um die Erbschaft zu verdrängen, was ihm zunächst auch vortrefflich gelingt.
Im späteren Verlauf verbündet sich Edmund mit Goneril, die wiederum ihre Schwester Regan mit Gift tötet, um allein herrschen zu können.
Tochter Cordelia war nach Frankreich geflüchtet und kommt mit einem Heer nach England zurück, wo sie ihren Vater wiedertrifft, der, enttäuscht von den Intrigen seiner älteren Töchter, ihr vergibt.
Doch das französische Heer wird besiegt und Cordelia und König Lear gefangen genommen.
Als Cordelia ermordet wird, stirbt auch König Lear aus Gram und Schmerz, während er seine tote Tochter in den Armen hält.
Kritik
Um eine gute Kritik zur Inszenierung zu schreiben, müssen verschiedene Aspekte getrennt betrachtet werden.
Da wäre erstens der Ort der Inszenierung, der mit dem ehemaligen Flughafen nach wie vor grandios ist.
Schon allein das Warten auf den Beginn der Oper, welches der Besucher in einem offenen Hangar mit Blick über das gesamte Tempelhofer Feld verbringt, ist zauberhaft.
Wer also jemals die Idee hatte Tempelhof als Ausweichquartier für die Komische Oper zu wählen ist zu gratulieren.
Zweitens der Raum selber (Hangar 4+5), indem die Oper spielt.
In der Mitte befindet sich ein großes, mit Holzplatten abgedecktes Feld, ca. 20 x 20 Meter groß, ca. 80 cm hoch.
Links und rechts davon die Sitzreihen, die wie in einem Amphitheater aufsteigen.
Ich saß ziemlich weit oben und hatte einen tollen Blick.
Der Nachteil: Die Sänger sind soweit weg, dass sie nur als dünne Striche in der Landschaft zu erkennen sind, einen Ausdruck im Gesicht kann man nur erahnen.
Vielleicht werde ich mir, wie einst meine Oma, für das nächste Mal ein Fernglas besorgen.
Vorne und hinten an dieser großen Holzfläche befindet sich das Orchester, wobei vorne nur die Schlaginstrumente auf zwei dreistöckigen Türmen aufgebaut sind,
hinten das übrige Orchester mit den Streichern, Bläsern und Hörnern und dem Dirigenten (NICHOLAS CARTER).
Das Szenario ist auf jeden Fall spannend.
Das Bühnenbild (REBECCA RINGST) besteht eigentlich nur aus diesem 20 x 20 Meter großen Holzboden, der aber kleine Überraschungen parat hat.
Einmal können die Bodenplatten einzeln herausgehoben werden, sodass je nach Handlung einzelne Spieler darunter verschwinden können.
Und eine fahrbare Bühne, die sich über die gesamte Länge des Holzbodens hinzieht und je nach Handlung mal in die eine, oder mal in die andere Richtung geschoben werden kann.
Drittens: die Musik.
Kommen wir zu der Oper selbst, besser gesagt zu deren muskalischer Qualität.
Ganz der Moderne verschrieben, hat sich ARIBERT REIMANN an seinen Vorgängern, wie ARNOLD SCHÖNBERG, orientiert.
Atonalität mit starker Dissonanz ist der vorherrschende Klang, so dass besonders die Partituren der Frauenstimmen in schneller Folge von ganz tief bis ganz hoch (Koloratur) variieren.
Das kann auf die Dauer schon mal auf die Nerven gehen.
Auf dem Nachhauseweg verriet mir eine Frau, dass sie es keine 10 Minuten länger mehr ausgehalten hätte.
Da ich dieses Mal kein Video machen konnte, kann ich Euch leider auch kein Beispiel geben.
Viertens: die Sängerinnen und Sänger
Für die Sängerinnen und Sänger bedeutet diese Form der Musik eine große Herausforderung an ihr Können.
Bei den Frauenstimmen gefiel mir die Sopranistin PENNY SOFRONIADOU als Cordelia sehr gut, bei den Männern ist SCOTT HENDRICKS in seiner Bariton-Stimme als König Lear einfach hervorragend,
genauso wie Tenor BRENTON RYAN als Edmund.
Genauere Aussagen über die anderen sind für mich nur schwer zu machen, da auf Grund der Entfernung und der vielen Akteure auf der Bühne – Herzog von Albany, Herzog von Cornwall, Graf von Kent, Graf von Gloster, Edgar, Edmund, Goneril, Regan, Cordelia – in immer wechselnden Kostümen (KLAUS BRUNS) ständig hin und her laufen, der einzelne in seiner spezifischen Rolle also nur schwer auszumachen ist.
Ein besonderes Lob gebührt aber DAGMAR MANZEL als der Narr, die in ihrer Sprechrolle ganz unverkennbar über die Bühne tänzelt und entscheidende Impulse gibt.
Die besten Momente hat die Oper, wenn das ganze Orchester zusammen mit den vielen Schlaginstrumente einen wahren Klangteppich über den Raum zaubert.
Das ist einfach wahnsinnig schön anzuhören.
Noch nie habe ich so präzise Pauken, Tomtoms, Tamtams, Gongs, Bongos und Becken herausgehört.
Wow!
Fazit: Für Fans von moderner klassischer Musik des 20. Jahrhunderts.
„Lear“ von Aribert Reimann
Komische Oper Berlin
Flughafen Tempelhof
Musikalische Leitung: Nicholas Carter,
Inszenierung: Barry Kosky,
Bühne: Rebecca Ringst,
Kostüme: Klaus Bruns,
Mit: Scott Hendricks (Lear), Rosie Aldridge (Goneril), Nicole Chevalier (Regan), Penny Sofroniadou Cordelia, Aryeh Nussbaum Cohen (Edgar), Brenton Ryan (Edmund), Günter Papendell (Graf Gloster), Dagmar Manzel (Narr)
Bildergalerie mit vier Fotos aus „Lear“:
English
LEAR by Aribert Reimann at the Komische Oper Berlin
By Holger Jacobs
Rating: 🙂 🙂 🙂 (three of five)
An unusual opera in an unusual venue
A note:
If you find the likes of Richard Strauss or Benjamin Britten too modern as opera composers, there is no need to read any further.
For everyone else—those open to modern classical music—I would like to share my experience of the opening night of *Lear* by Aribert Reimann, staged in a hangar at the former Tempelhof Airport.
As you surely know, the Komische Oper’s main venue on Unter den Linden is undergoing extensive renovation and the addition of a new building wing. These projects will take several years to complete.
In the meantime, the Komische Oper is performing at the Schiller Theater on Bismarckstraße, while also staging one production per season at the former Tempelhof Airport.
This approach generally meets with a tremendous response from the audience.
Last year’s production of *Jesus Christ Superstar* even had to be extended due to high demand.
This year, the Komische Oper’s new season opens with *Lear* (premiered in 1978) by the German composer Aribert Reimann (1936–2024).
And, of course, it is taking place at Tempelhof once again.
The production is directed by Barry Kosky.
As one might expect, the libretto (by Claus Henneberg) is based on Shakespeare’s *King Lear* (1606).
It is set in early medieval England, a time when the Anglo-Saxons, Vikings, and Normans were battling for supremacy over the island.
It is worth mentioning here that the famous 11th-century Bayeux Tapestry is currently on display at the British Museum in London (following its inauguration by Emmanuel Macron and King Charles III); spanning 70 meters, it depicts the Battle of Hastings in 1066, in which the Norman William the Conqueror defeated his opponent, King Harold, and was crowned King of England shortly thereafter.
Story
As in Shakespeare’s *King Lear*, Reimann’s *Lear* features two narrative strands:
First, the story of the King himself, who, in his old age, intends to bequeath his kingdom to his three daughters.
Second, the story of the family of the Earl of Gloucester—the King’s advisor—whose two sons vie for the inheritance.
In the end, everyone dies; only Gloucester’s legitimate son, Edgar, survives.
Conflict arises within the King’s family when Lear makes the inheritance conditional upon his daughters professing their love for him; while Goneril and Regan offer effusive declarations, the third daughter, Cordelia, refuses, believing her love for her father to be so profound that it requires no words.
Consequently, she is banished by her father.
Once the remaining two sisters assume the inheritance, however, they conspire against their father, pressuring him to abdicate and surrender the kingdom to them immediately.
Meanwhile, in the Gloucester household, the illegitimate son Edmund uses trickery and deceit to oust his legitimate brother, Edgar, from the line of succession—a scheme that initially succeeds brilliantly.
Later, Edmund allies himself with Goneril, who proceeds to poison her sister Regan in order to rule alone.
Cordelia, having fled to France, returns to England with an army and reunites with her father; disillusioned by his older daughters‘ machinations, he forgives her.
However, the French army is defeated, and both Cordelia and King Lear are taken prisoner.
When Cordelia is murdered, King Lear dies of grief and anguish while holding his dead daughter in his arms.
Critics
To write a good review of the production, various aspects must be considered separately.
First, there is the venue itself—the former airport—which remains magnificent.
Even just waiting for the opera to begin—spent in an open hangar overlooking the entire Tempelhofer Feld—is magical.
Whoever came up with the idea of choosing Tempelhof as a temporary home for the Komische Oper deserves congratulations.
Second is the space itself (Hangars 4 and 5) where the opera takes place.
In the center lies a large area covered with wooden panels, measuring approximately 20 by 20 meters and standing about 80 centimeters high.
To the left and right are rows of seats rising up like those in an amphitheater.
I was seated quite high up and had a great view.
The disadvantage: the singers are so far away that they appear merely as thin silhouettes against the landscape;
you can only guess at their facial expressions.
Perhaps, like my grandmother once did, I’ll get a pair of binoculars for next time.
The orchestra is positioned at the front and back of this large wooden platform: the percussion instruments are set up at the front on two three-story towers,
while the rest of the orchestra—strings, woodwinds, and horns, along with the conductor (Nicholas Carter)—is located at the rear.
The setting is certainly compelling.
The set design (by Rebecca Ringst) consists essentially of just a 20-by-20-meter wooden floor, though it holds a few surprises in store.
For one thing, the floor panels can be lifted out individually, allowing performers to disappear beneath them depending on the action.
There is also a mobile platform that spans the entire length of the wooden floor and can be pushed in either direction as the plot dictates.
Third: the music
Let’s turn to the opera itself—or rather, its musical quality.
Firmly committed to modernism, Aribert Reimann drew inspiration from predecessors such as Arnold Schoenberg.
Atonality and intense dissonance define the soundscape;
the vocal lines for the female voices, in particular, feature rapid shifts ranging from the very lowest registers to the highest coloratura peaks.
Over time, this can become rather grating on your nerves.
On the way home, a woman told me she couldn’t have endured another ten minutes of it.
Since I wasn’t able to record a video this time, I’m afraid I can’t provide an example for you.
Fourth: the singer
Naturally, this composition demands on the singers‘ a great vocal prowess.
Among the female voices, I was particularly impressed by soprano Penny Sofroniadou as Cordelia;
as for the men, Scott Hendricks is simply outstanding as King Lear with his rich baritone,
as is tenor Brenton Ryan in the role of Edmund.
It is difficult for me to make specific comments about the other performers;
due to the distance and the large number of characters on stage—the Duke of Albany, the Duke of Cornwall, the Earl of Kent, the Earl of Gloucester, Edgar, Edmund, Goneril, Regan, and Cordelia—constantly moving back and forth in ever-changing costumes (designed by Klaus Bruns), it is hard to distinguish individuals in their specific roles.
Special praise, however, goes to Dagmar Manzel as the Fool; she dances unmistakably across the stage in her speaking role and provides crucial dramatic impetus.
The opera is at its best when the full orchestra, combined with a multitude of percussion instruments, conjures up a veritable tapestry of sound throughout the space. It is simply incredibly beautiful to hear.
Never before have I heard such precise articulation of timpani, tom-toms, tam-tams, gongs, bongos, and cymbals. Wow!
Summery: For fans of modern 20th-century classical music.
„Lear“ by Aribert Reimann
Komische Oper Berlin
Tempelhof Airport
Musical Direction: Nicholas Carter; Director: Barry Kosky; Set Design: Rebecca Ringst; Costumes: Klaus Bruns
Cast: Scott Hendricks (Lear), Rosie Aldridge (Goneril), Nicole Chevalier (Regan), Penny Sofroniadou (Cordelia), Aryeh Nussbaum Cohen (Edgar), Brenton Ryan (Edmund), Günter Papendell (Earl of Gloucester), Dagmar Manzel (The Fool)
Image gallery with four photos from „Lear“:
Author: Holger Jacobs
Founder & Editorial Director of kultur24.berlin ug.
Founder & Editorial Director of kultur24 TV on Youtube.
Former correspondent for fashion in Paris.
Photographer, writer and videographer.






















