Berlinale 2026 – mit „Der Heimatlose“ und „The Moment“
Von Holger Jacobs
11.02.2026
Weltpremiere für ein Erstlingswerk und ein Musikfilm mit viel Spannung und Sex
„Der Heimatlose“ in der Kategorie Perspectives
Noch vor der eigentlichen Eröffnung der 76. Internationalen Filmfestspiele von Berlin am Donnerstagabend habe ich mir am Mittag in einer Pressevorführung die deutsche Produktion „Der Heimatlose“ angesehen.
Dieses Erstlingswerk von Regisseur KAI STÄNICKE spielt auf einer Nordseeinsel am Ende des 19. Jahrhunderts in einer kleinen Gemeinde von ca. 30 Einwohnern.
Es beginnt mit der Ankunft eines Mannes um die 30, der vor 14 Jahren die Insel aus zunächst noch unbekannten Gründen verlassen hatte.
Bei seiner Ankunft erkennen die Inselbewohner ihn nicht wieder.
Selbst sein damals bester Freund Friedemann (PHILIP FROISSANT) erkennt Hein (PAUL BOCHE) nicht mehr – oder will ihn nicht mehr wiedererkennen.
Als keiner der Dorfbewohner sich eindeutig zu ihm bekennt, selbst seine wesentlich jüngere Schwester nicht und auch seine demenzkranke Mutter, beschließt die Dorfgemeinschaft ein Art Gerichtsurteil abzuhalten, bei dem geklärt werden soll, ob es sich wirklich um den Hein handelt, der hier einmal vor langer Zeit gelebt hat.
Die erste Prüfung bezieht sich auf ein Ritual, welches die Dorfbewohner regelmäßig bei 10-jährigen Jungen abhalten:
Das Ausnehmen eines Fisches.
Die Dorfbewohner erinnern sich, dass Hein diese Prüfung mit Bravour bestand, er selbst aber denkt, dass er damals völlig versagt hätte.
Auch bei der nächsten Prüfung, das Grab seines Vaters auf dem dorfeigenen Friedhof zu identifizieren (die Grabsteine sind schon halb verwildert) versagt er.
Als es zur dritten und entscheidenden Prüfung kommt, besteht er darauf, selbst eine Challenge bestimmen zu können:
Jeder soll erzählen, was sich genau bei Heins Abschied vor 14 Jahren abgespielt hat.
Hier stimmen zwar die Erinnerungen der Dorfbewohnern und der von Hein überein, doch es kommt heraus, dass das Verhältnis von Hein und Friedemann wohl über das übliche Maß an Männerfreundschaft hinaus ging.
Selbst die Sympathie für die hübsche Greta (EMILIA SCHÜLE) konnte das nicht ändern.
Eine tolle Geschichte, spannend erzählt, mit hervorragenden Schauspielern. Auch die Idee, die Häuser des Dorfes nur als Kulissen wie auf einer Theaterbühne zu zeigen, ist außergewöhnlich.
Dabei geht es in diesem wunderbaren Film aber gar nicht in erster Linie um homoerotische Gefühle, sondern viel mehr um die Veränderungen, die jeder einzelne von uns über die Jahre erfährt – und die so weit gehen können, dass wir nach einer gewissen Zeit selbst enge Verwandte kaum noch wiedererkennen.
Regisseur KAI STÄNICKE hat dies, wie er erzählt, selbst erlebt, als er aus einer kleinen Stadt in Nordrhein-Westfalen zum Studium nach Berlin zog und sich bei jeder Fahrt in die alte Heimat dort immer fremder fühlte.
KAI STÄNICKE hatte ein Drehbuch-Workshop auf der Berlinale 2022 absolviert und konnte anschließend sein Script durch die Filmförderung der Länder von Schleswig-Holstein und Niedersachsen verwirklichen.
Gedreht wurde auf den Inseln Norderney und Sylt.
„The Moment“ in der Kategorie Panorama
Genau das Gegenteil zum etwas spröden und sich erst langsam entwickelnden „Der Heimatlose“ ist dieser halb-dokumentarische, schnell geschnittene Musikfilm über die Vorbereitungen zu einer Tournee der britischen Pop-Sängerin CHARLI XCX (von Charlie X-rated-Cunt-X-rated).
Die britische Pop-Ikone, die eigentlich Charlotte Emma Aitchison heißt, spielt sich hier selbst.
Auch der Background hat wirklich stattgefunden:
Es ging um die Tournee für ihr neues Album „Brat“ (auf deutsch ungefähr „freche Göre“), welches 2024 in den Charts in Großbritannien und den USA Platz 3 erreichte.
Ein zweites Remix-Album, ähnlich betitelt, kam gleich hinterher mit dem zusätzlichen Song „Guess“, welches sie zusammen mit BILLIE EILISH aufgenommen hatte und Platz 1 der Single-Charts erreichte (88 Millionen Aufrufe auf Youtube).
Im Video fragt sie, welche Farbe wohl ihre Unterwäsche hätte, blau, pink schwarz oder weiß – die man dann auch entsprechend gleich sehen kann.
Jede #MeToo-Bewegung und Emanzipation zum Trotz – weiblicher Sex zur Schau gestellt lässt die Klickzahlen hochschnellen!
Das Video ist ziemlich sexy, im Stil von amerikanischen Rappern mit wackelnden Ärschen, viel nackter Haut und knallharten Beats.
CHARLI XCXs Stimme erinnert mich ein bisschen an GWEN STEFANI in deren Anfängen.
Die Musik ist eine Mischung aus elektronischen Beats, schnellem Rhythmus und Sprechgesang.
Die Fiktion in dieser „Mockumentary“ (so die Beschreibung) ist das Auftauchen des Regisseurs Johannes Godwin (ALEXANDER SKARSGARD), der von der Tour eigentlich nur einen Dokumentar-Film drehen soll, der aber schon bei den Proben anfängt, sich in alles einzumischen.
Angefangen vom Bühnen-Set, über die Choreographie, über die Kostüme bis zum Ablauf der Show, alles soll nun nach seinen Regeln laufen.
CHARLI XCXs langjährige Vertraute Celeste (HAILEY BENTON GATES), die bisher immer deren Shows organisierte, wird mehr und mehr zur Seite gestoßen.
Als die Spannungen zu groß werden, haut CHARLI XCX einfach mal für ein paar Tage nach Ibiza ab.
Dort trifft sie in einem Luxus-Resort auf KYLIE JENNER (spielt sich selbst als berühmte Stil-Ikone aus den USA), die ihr erzählt, wie toll dieser Johannes Godwin doch wäre und wie eifersüchtig sie deshalb auf CHARLI XCX sei.
Wollte CHARLI XCX vor ihrer Reise diesen selbstgerechten Regisseur eigentlich feuern, schmeißt sie aber, angestachelt durch KYLIE JENNER, bei ihrer Rückkehr Celeste raus und lässt Johannes nun gewähren, wie er will.
Am Schluss des Films kommen nur kurze Bildausschnitte, die wohl erklären sollen, dass die Show ein großer Erfolg wurde.
Mir hat dieser Film gut gefallen, selbst wenn die Musik und auch das Milieu, in dem der Film spielt, sehr weit von meinem heutigen Leben entfernt sind.
Denn diese Welt der oberflächlichen Bussi-Bussi-Gesellschaft mit all ihren affektierten und überzogenen Charakteren kenne ich noch sehr gut aus meiner Zeit als Modefotograf in Paris.
Dort ging es genauso zu.
Die Modewelt (siehe „Der Teufel trägt Prada“) und die Musikwelt haben in ihrem „Inner Circle“ sehr viel Ähnlichkeit…
Das junge Publikum der Gen Z wird wegen der Musik natürlich begeistert sein.
Regisseur von „The Moment“ ist übrigens AIDAN ZAMIRI, der auch CHARLI XCX Musikvideos gedreht hat.
Der Film feierte seine Weltpremiere bereits auf dem SUNDANCE Filmfestival Anfang diesen Jahres in Colorado/ USA.
English text
“The Moment” in the Panorama category
The complete opposite of the somewhat brittle and slowly developing “The Homeless” (critic above) is this semi-documentary, fast-paced music film about the preparations for a tour by British pop singer CHARLI XCX (short for Charlie X-rated-Cunt-X-rated).
The British pop icon, whose real name is Charlotte Emma Aitchison, plays herself here.
The background story is also based on real events:
It was about the tour for her new album “Brat,” which reached number 3 in the charts in both the UK and the US.
A second remix album, similarly titled, followed immediately, featuring the song “Guess,” which she recorded with BILLIE EILISH and which reached 2024 number 1 in the singles charts.
This video got 88 million views on Youtube.
In the video, she asks what color her underwear would be: blue, pink, black, or white—which is then shown.
Despite the #MeToo movement and emancipation efforts, displaying female sexuality still drives up click rates!
The video is quite sexy, in the style of American rappers with wiggling butts, lots of bare skin, and hard-hitting beats.
Charli XCX’s voice reminds me a bit of Gwen Stefani in her early days; the music is a mix of electronic beats, fast rhythms, and spoken word.
The fictional element in this “mockumentary” (as the film is described) is the arrival of director Johannes Godwin (ALEXANDER SKARSGARD), who is supposed to be filming a documentary about the tour, but starts interfering in everything from rehearsals onward.
From the stage set and choreography to the costumes and the show’s execution, everything is now to be done according to his rules.
Charli XCX’s longtime confidante Celeste (HAILEY BENTON GATES), who has always organized her shows, is increasingly sidelined.
When the tensions become too much, Charli XCX simply takes off for a few days to Ibiza.
There, at a luxury resort, she meets Kylie Jenner (playing herself as a famous American style icon), who tells her how wonderful Johannes Godwin is and how jealous she is of Charli XCX because of him.
Before her trip, Charli XCX actually wanted to fire this self-righteous director, but, egged on by Kylie Jenner, she fires Celeste upon her return and lets Johannes do as he pleases.
At the end of the film, there are only brief glimpses of footage, presumably meant to explain the show’s huge success.
I enjoyed this film, even though the music and the milieu in which it’s set are very far removed from my life today.
I know this world of superficial, superficial society with all its affected and exaggerated characters very well from my time as a fashion photographer in Paris.
It was exactly the same there.
The fashion world (see “The Devil Wears Prada”) and the music world have a lot of similarities in their “inner circle.”
The young Gen Z audience will, of course, be thrilled by the music.
The director of “The Moment” is Aidan Zamiri, who also directed Charli XCX’s music videos.
“The Moment” celebrated its world premiere at the SUNDANCE Film Festival earlier this year in Colorado/USA.
Author: Holger Jacobs
Founder & Editorial Director of kultur24.berlin ug.
Founder & Editorial Director of kultur24 TV on Youtube.
Former correspondent for fashion in Paris.
Photographer, writer and videographer.























