Die neuen Filme im Kino: „Heimsuchung-Eine Jahrhundertgeschichte“

Heimsuchung - Volker Schlöndorff ©StudioCanal-Ziegler Film

Die neuen Filme im Kino: „Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte“

 

Von Holger Jacobs

28.10.2026

Ein Haus und seine Bewohner stehen stellvertretend für die deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert

Wenn ich den Namen VOLKER SCHLÖNDORFF als Regisseur lese muss ich direkt an „Die Blechtrommel“ denken, diese wunderbare Verfilmung des berühmten Romans von Günter Grass. Der Film gewann 1979 in Cannes die Goldene Palme und Anfang 1980 den Oscar für den besten fremdsprachigen Film.
Mehr Ehre geht nicht!

„Die Blechtrommel“, Volker Schlöndorff © United Artist

Jetzt, 47 Jahre später, kam VOLKER SCHLÖBDORFF wieder mit einem Film nach Cannes: „Heimsuchung“ nach dem gleichnamigen Roman von JENNY ERPENBECK von 2007, der mittlerweile von der Kultusministerkonferenz zur Pflichtlektüre für Abiturienten in Deutschland erklärt wurde.
2024 erhielt JENNY ERPENBECK den Booker Prize in den USA – als erste Deutsche.
JENNY ERPENBECK erzählt in ihrem Roman ihre eigene Geschichte zusammen mit Schicksalen anderer Personen, die sie recherchiert hat und die wirklich existiert haben. Bis zu dem Brief eines jüdischen Mädchens, das einen Brief an ihren Onkel schreibt, der bereits in ein KZ eingewiesen wurde. Verständlicherweise erreichte der Brief nie sein Ziel.

Roman „Heimsuchung“, Jenny Erpenbeck © Penguin Verlag

Die Handlung

VOLKER SCHLÖNDORFF, mittlerweile 87 Jahre alt, entwickelte das Filmskript in enger Kooperation mit der Buchautorin, natürlich mit zahlreichen Kürzungen, ohne aber die wesentlichen Momente des Romans auszulassen.

Anfang des 20. Jahrhundert besitz ein Bauer (DETLEV BUCK) ein Stück Land an einem See in der Mark Brandenburg (gedreht wurde am Scharmützelsee), welches er eines Tages seiner Tochter Klara vererben möchte.
Als diese unehelich schwanger wird, verstößt er seine Tochter und verkauft das Grundstück in zwei Teilen (vermutlich wollte ERPENBECK mehr Familienschicksale in ihrem Roman unterbringen, als nur eine).
Tochter Klara nimmt sich daraufhin das Leben und geht in den See.

Detlef Buck, „Heimsuchung“ © StudioCanal/ Ziegler-Film

Die eine Parzelle kauft ein Architekt (LARS EIDINGER) mit seiner Frau (SUSANNE WOLF).

Susanne Wolf, Lard Eidinger, „Heimsuchung“ © StudioCanal/ Ziegler-Film

Das Nachbargrundstück erwirbt ein jüdischer Tuchhändler (ULRICH MATTHES), der mit seiner Tochter, Schwiegersohn und Enkelin Doris dort die Wochenenden verbringen möchte.
Er baut sich nur einen kleinen Bungalow.

Ulrich Matthes, „Heimsuchung“ © StudioCanal/ Ziegler-Film

Die Episode ist die deutlich längste und zeigt ausführlich den Bau des Hauses des Architekten, sein Leben dort mit seiner Frau und seine berufliche Karriere in der Nazizeit einschließlich Aufnahme in die Reichskulturkammer.

Ulrich Matthes, Lars Eidinger, „Heimsuchung“ © StudioCanal/ Ziegler-Film

Direkt nebenan erleben wir die Verfolgung jüdischer Familien in Nazi-Deutschland anhand des Tuchhändlers, der in ein KZ nach Polen verbracht wird, wenig später gefolgt von seiner ganzen Familie, von wo sie nie mehr zurückkommen werden.
Nur die anfänglichen Briefe von Doris an ihren Großvater im KZ werden in dem kleinen Ferienbungalow von späteren Besitzern gefunden.

Die jüdische Familie, „Heimsuchung“ © StudioCanal/ Ziegler-Film

Kurz vor Ende des 2. Weltkrieges muss der Architekt noch zur Volksfront, während russische Soldaten zu dem Haus am See kommen und einer von ihnen die Frau des Architekten vergewaltigt.
Nach dem Krieg bemüht sich der Architekt unter den Kommunisten seine Karriere fortzusetzen, bis er beim Einkauf von Baumaterial im Westen erwischt wird und mit Gefängnis rechnen muss. Noch am selben Tag flieht er mit seiner Frau in den Westen und wird nie mehr in das Haus am See zurückkehren.

Susanne Wolf, Lars Eidinger, „Heimsuchung“ © StudioCanal/ Ziegler-Film

Die nun lehrstehende Immobilie wird von der DDR Regierung übernommen und an regimetreue Bürger vergeben, wie einer kommunistischen Schriftstellerin (MARTINA GEDECK) und ihrem Mann.

Martina Gedeck, © StudioCanal/ Ziegler-Film

Als die Jahre vorübergehen und sich ein Ende der DDR abzeichnet versucht noch die Enkelin der Schriftstellerin (MARIA MATSCHKE, Tochter von Schauspieler MATTHIAS MATSCHKE) das Haus offiziell zu erwerben.
Doch es ist zu spät.
Wenige Wochen später fällt die Mauer und die DDR löst sich auf.
Danach melden sich Verwandte des ehemaligen Besitzers, dem Architekten, und beanspruchen die Restitution, was ihnen auch gelingt.
Mit Tränen in den Augen muss die Enkelin (welche die Erzählerin der Geschichte darstellt und welche auch das Alter Ego der Autorin JENNY ERPENBECK ist) das Haus verlassen.

Maria Matschke, „Heimsuchung“ © StudioCanal/ Ziegler-Film

Kurze Zeit später kommt ein Bagger und reist das Haus ab.
Im Staub der einstürzenden Mauern erkennen wir alle bisherigen Bewohner wieder, wie sie im Garten davor stehen und machtlos der Vernichtung ihrer Vergangenheit zusehen müssen.

Kritik

Der Film „Heimsuchung“ fühlt sich sehr nach dem Film „In die Sonne schauen“ von MASCHA SCHILINSKI aus dem letzten Jahr an, in dem ebenfalls eine Geschichte über mehrere Generationen an einem einzelnen Ort gezeigt wird.
Doch während „In die Sonne schauen“ nur die Schicksale von jungen Mädchen über vier Generationen zeigt, liefert SCHLÖNDORFF in „Heimsuchung“ ein Spiegelbild von vier verschiedenen politischen Systemen mit ihren jeweiligen schlimmen Fehlern. Ob es in der Kaiserzeit die überholten Moralvorstellungen sind, oder das aufblühende Leben in der Weimarer Republik, die Gewaltherrschaft während der Nazi-Diktatur oder die Autokratie der kommunistischen Partei in der DDR.

Besonderes Augenmerk wird auf die Zeit gelegt, in der der Architekt und seine Frau das Haus bewohnen. Sie erleben drei der vier Systeme und können doch ihr Scheitern letztlich nicht verhindern. Brilliant gespielt von LARS EIDINGER als Architekt und SUSANNE WOLF als seine Frau.

Aber auch die Zeit danach mit der kommunistischen Schriftstellerin ist überzeugend dargestellt, besonders wegen MARTINA GEDECK, die hier wieder einmal eine Glanzleistung abliefert. Wie sie als überzeugte Kommunistin in das Haus einzieht und im Laufe der Zeit doch immer mehr Zweifel hegt ist spannend mitanzusehen.

Aber auch das Eindringen der „Wessis“ nach der Wende darf nicht fehlen, wenn ein arroganter Anwalt der Familie der Schriftstellerin erklärt, sie müsse jetzt hier verschwinden.
Die Tränen der Enkelin beim Auszug sollten aber auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass ihre Familie das Haus nur der erzwungenen Flucht des ursprünglichen Besitzers zu verdanken hatte, ähnlich, wie die Flucht und Vertreibung der jüdischen Familie des Nachbargrundstücks zwei Jahrzehnte zuvor, nur unter anderen politischen Vorzeichen.

So toll das alles klingt, muss ich dem Film doch ein großes Manko nachsagen:
seine Langsamkeit!

Beim Anschauen des Films bemerkt der Zuschauer nur allzu deutlich, dass VOLKER SCHLÖBDORFF noch aus einer ganz anderen Generation von Filmemachern stammt, aus einer Zeit, als man noch mit langen Einstellungen eine bestimmte Atmosphäre erzeugen wollte, wie z.B. auch bei Wim Wenders mit seinen langen Kamerafahrten.

Doch heute ist man schnellere Schnittfolgen gewöhnt, sonst fühlt man sich leicht gelangweilt. Und so ging es mir in diesem Film mehrmals.
Wenn am Anfang z.B. SUSANNE WOLF mit einem Satz in den See springt und die Kamera sie dann minutenlang beim Kraulen verfolgt, ohne dass sich daraus etwas anderes ergibt, dann ist so eine Einstellung einfach zu lang.
Und das ist nur ein Beispiel. So konnte ich nicht verhindern, dass ich ein paar Mal auf die Uhr geguckt habe.

Dabei sind zwei Stunden Filmlänge in heutiger Zeit nicht viel, wo Hollywood Blockbuster leicht drei oder sogar vier Stunden dauern können.
Nur bei denen passiert alle paar Sekunden etwas Neues.
Bei SCHLÖNDORFFs Film leider nicht.

Fazit: Bemerkenswerte Geschichten um ein schönes Haus und ihrer Bewohner, eingebunden in die wechselnden politischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts in Deutschland.
Leider etwas zu langatmig gefilmt.

Vier weitere Fotos aus „Heimsuchung“:

„Heimsuchung“ © StudioCanal/ Ziegler-Film

Author: Holger Jacobs

Founder & Editorial Director of kultur24.berlin ug.
Founder & Editorial Director of kultur24 TV on Youtube.
Former correspondent for fashion in Paris.
Photographer, writer and videographer.

Cookies help us deliver our services. By using our services, you agree to our use of cookies.