Die neuen Filme im Kino: „Vaterland“ mit Sandra Hüller
Von Holger Jacobs
04.08.2026
🙂 🙂 🙂 🙂 (vier von fünf)
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Schwer lastet die Vergangenheit auf der deutschen Seele…
Dieser außergewöhnliche Film von PAWEL PAWLIKOVSKI hatte seine Premiere beim Internationalen Filmfestival in Cannes im Mai 2026 und gewann dort den Preis für die beste Regie.
PAWLIKOWSKI, 1957 in Warschau geboren, ist ein Nachkriegskind, in der Zeit des Kalten Krieges geboren.
Mit 14 Jahren zog er mit seiner Mutter nach Deutschland und Italien, bis sie sich ab 1977 in Großbritannien niederließen.
Dieser Hintergrund hat seine Arbeit als Filmemacher stark geprägt.
Schon bei seinen vorherigen Filmen, wie „Ida“, der in Polen in den der 60er Jahren spielt oder „Cold War“, der ein Liebespaar zwischen Polen, Ost-Berlin und Paris in den Jahren 1945 bis 1959 zeigt, spielten die Folgen des 2. Weltkrieges und des anschließenden Kalten Krieges zwischen Ost und West eine wesentliche Rolle.
Allerdings legt PALIKOWSKI seinen Fokus mehr auf das Zwischenmenschliche, als auf das Politische – aber zeigt auch, wie das Politische das Menschliche beeinflusst.
Vaterland
Kaum, dass der Vorhang aufgeht und der Film beginnt ist der Zuschauer überrascht:
1. Ist der Film in Schwarz-Weiß gedreht
2. Wurde der Film in dem alten Filmformat 1 : 1,3 aufgenommen,
was im Gegensatz zum riesigen Breitbildformat des heutigen Hollywood geradezu amateurhaft aussieht.
Diese Einschränkungen, wenn sie überhaupt welche sind, vergisst man schnell, wenn die Handlung beginnt.
Denn der Film erzielt seine Wirkung in erster Linie durch die Strahlkraft ihrer Schauspieler und durch das, was sie sagen, eingebunden in einer klaustrophobischen Umgebung.
Der Film beginnt mit einem Telefonat zwischen Erika Mann (SANDRA HÜLLER) und ihrem Bruder Klaus Mann (VOLKER DIEHL), der sich zu dieser Zeit gerade in Südfrankreich aufhält.
Er schildert ihr seine depressive Gemütslage und erinnert dabei an die Selbstmorde von WALTER BENJAMIN und STEFAN ZWEIG im Exil.
Klaus sehnt sich nach seiner Schwester, worauf sie ihn einlädt sie und ihren gemeinsamen Vater Thomas Mann (HANNS ZISCHLER) auf einer angehenden Fahrt durch West- und Ostdeutschland zu begleiten, bei der Thomas Mann anlässlich des 200. Todestages von JOHANN WOLFGANG VON GOETHE mehrere Auszeichnungen in Ost und Westdeutschland bekommen soll (die Fahrt fand wirklich statt, allerdings reiste Thomas Mann damals mit seiner Frau Katia).
Doch Klaus lehnt ab. Sein Verhältnis zum Vater ist schwierig.
Erste Station von Thomas und Erika Mann ist Frankfurt am Main, wo GOETHE 1782 geboren wurde.
Zu dieser Zeit, 1949, ist Frankfurt und das Land Hessen noch eine amerikanische Besatzungszone.
Prompt wird Ihnen ein CIA-Mann bei dem Besuch zur Seite gestellt.
Am Abend der Ehrung trifft Erika auf mehrere frühere Bekannte und so auch auf ihren ehemaligen Ehemann, den in Deutschland berühmten Schauspieler, Regisseur und Theaterdirektor GUSTAV GRÜNDGENS.
Dieser war während der Nazi-Zeit in Deutschland geblieben und hatte Dank seiner Verbindung zu JOSEPH GOEBBELS eine steile Karriere gemacht.
Erikas Bruder Klaus hatte in seinem Buch „Mephisto“ über diesen Werdegang eines Opportunisten im Nazi-Deutschland geschrieben.
Das Buch war damals in Westdeutschland nach dem Kriege sogar verboten.
Charmant versucht sich Gründgens an Erika heranzumachen, die ihn aber brüsk zurückweist, ihn als schlimmsten Karrieristen beschimpft und ihm letztlich vor aller Augen eine Ohrfeige verpasst.
Währenddessen kommen auf dieser „After Show Party“ WOLFGANG und WIELAND WAGNER, die Söhne RICHARD WAGNERS, auf Thomas Mann zu und bitten ihn, sich für die Wiedereröffnung der Bayreuther Festspiele einzusetzen.
Der Schriftsteller lässt sich nichts anmerken und lobt die wunderbare Musik Wagners. Bis er am Ende seiner Ausführungen deutlich wird:
Bayreuth sollte man niederreißen und die Frau Richard Wagners, COSIMA WAGNER, eine vormals enge Vertraute ADOLF HITLERS, vor Gericht stellen…
Nach der Preisverleihung sonnen sich alle im Glanze des Nobelpreisträgers.
Es herrscht eine ausgelassene Stimmung.
Während Thomas Mann alles stoisch über sich ergehen lässt ist die Tochter mehr und mehr von dieser heuchlerischen Gesellschaft angewidert, die vor kurzem noch ADOLF HITLER zujubelte und nun auf heile Welt macht und sich „The Good Germans“ nennen.
Dabei schafft es der Regisseur PAWLIKOWSKI diese ambivalente Stimmung wunderbar einzufangen.
Dann kommt plötzlich ein Anruf: Klaus Mann hat sich in Cannes das Leben genommen.
Der Vater nimmt die Nachricht scheinbar mit derselben stoischen Gelassenheit auf, wie er auch alles andere Negative um ihn herum an sich abperlen lässt, während Erika Mann tief getroffen ist.
Es kommt zu einer scharfen Auseinandersetzung zwischen Vater und Tochter, währenddessen sie ihn sogar anschreit.
Doch Thomas Mann lässt sich nicht aus der Reserve locken, sondern bereitet sich auf seine nächste Rede vor.
Am nächsten Tag geht es weiter Richtung Osten, nach Weimar, dem Lebens- und Schaffensort GOETHES.
Schon die Fahrt dorthin, über die Grenze zwischen amerikanischer und russischer Zone, mit mürrisch blickenden, russischen Grenzbeamten und durch graue, zerstörte Städte, erscheint wie ein Alptraum.
Hier, in der sowjetischen Besatzungszone, ist die Aufbruchstimmung eine ganz andere.
Während im Westen die Menschen das kommende Wirtschaftswunder feiern, glaubt man im Osten zu dieser Zeit noch an eine bessere Gesellschaft durch den Sozialismus, während gleichzeitig die Einflussnahme und Unterdrückung durch die russische Besatzung unübersehbar ist.
Kurz vor Manns Auftritt zu der dortigen Preisverleihung stürmt plötzlich ein Mann in sein Hotelzimmer und bittet ihn um Hilfe.
Er erzählt, wie die Russen die ehemaligen KZ‘s der Nazis dazu benutzen, Tausende politischer Gefangene dort zu internieren.
Kaum hat der Mann zu Ende geredet, stürmen zwei in Zivil gekleidete Männer in das Hotelzimmer und nehmen den Mann fest.
Sprachlos sehen Thomas und Erika Mann zu.
Auf der Rückfahrt, bewacht von einem russischen Militärfahrzeug, geht es wieder durch die gleiche trostlose Landschaft, bis sie eine alte, verlassene Kirche entdecken, die durch den Krieg halb zerstört ist.
Sie entkommen ihren Bewachern und gönnen sich eine Pause.
Am Schluss sitzen beide auf einer Kirchenbank und lauschen dem Klang der Orgel. Thomas Mann fängt an zu weinen.
Ende
Als das Licht im Kinosaal wieder anging klatschen die Zuschauer plötzlich in die Hände.
Das habe ich außerhalb von Festivals noch nie erlebt.
Aber der Film berührt und wirkt nach.
Ich selbst fand das Spiel der Darsteller etwas steif, doch die Geschichte selbst und ihre filmische Umsetzung ist brillant und bringt einen zurück in eine Zeit, wo Deutschland sich neu erfinden musste. Im Osten, wie im Westen.
Und wo jeder auf seine Weise gezwungen war mit der Vergangenheit umzugehen, auch die Familie Mann in ihrer ganzen Komplexität.
Bilderserie mit 4 Fotos von „Vaterland“:
English
New movies in cinema: „Vaterland“ starring Sandra Hüller
By Holger Jacobs
August 4, 2026
🙂 🙂 🙂 🙂 (four of five)
The past weighs heavily on the German soul…
This extraordinary movie premiered at the Cannes International Film Festival in May 2026, where Polish director Paweł Pawlikowski won the award for Best Director.
Pawlikowski, born in Warsaw in 1957, is a child of the post-war era, born during the Cold War.
At the age of 14, he moved with his mother to Germany and Italy before they finally settled in Great Britain in 1977.
This background has profoundly shaped his work as a filmmaker.
In his previous movies—such as *Ida*, set in 1960s Poland, and *Cold War*, which depicts a romance spanning Poland, East Berlin, and Paris between 1945 and 1959—the aftermath of World War II and the subsequent Cold War between East and West already played a main role.
However, Pawlikowski focuses more on interpersonal relationships than on politics—but also showing how the political shapes humans.
„Vaterland“
The moment the curtain rises and the film begins, the viewer is surprised:
1. The film is shot in black and white.
2. It was recorded in the old 1:1.3 format
which—in contrast to major Hollywood productions in widescreen today—looks like a movie from the 1950s.
However, one quickly forgets these limitations—if these are limitations—once the story unfolds.
The films impact primarily comes from the compelling presence of its actors and their dialogue, all set in a claustrophobic backdrop.
The movie opens with a phone call between Erika Mann (Sandra Hüller) and her brother Klaus Mann (Volker Diehl), who is staying in the south of France at the time. He describes his depressive state of mind, recalling the suicides of Walter Benjamin and Stefan Zweig while in exile.
Klaus would love to see his sister again, so she invites him to join her and their father, Thomas Mann (Hanns Zischler), on an upcoming trip across West and East Germany—a journey during which Thomas Mann is set to receive several awards in both East and West Germany to mark the 200th anniversary of Johann Wolfgang von Goethe’s death (the trip actually took place, though Thomas Mann traveled with his wife, Katia, at the time, not with his daughter).
However, Klaus declines. His relationship with his father is difficult.
Thomas and Erika Mann’s first stop is Frankfurt am Main, the city where Goethe was born in 1782.
At that time—1949—Frankfurt and the state of Hesse were still part of the American zone of occupation; consequently, a CIA agent is promptly assigned to accompany them during their visit.
On the evening of the ceremony, Erika encounters several old acquaintances, including her ex-husband—the actor, director, and theater manager Gustav Gründgens, a famous figure in Germany.
Gründgens had remained in Germany during the Nazi era and, thanks to his connections with Joseph Goebbels, had enjoyed a great career.
Erika’s brother, Klaus, had chronicled this opportunist’s rise in Nazi Germany in his book *Mephisto*—a work that was actually banned in West Germany in the post-war period.
Gründgens attempts to charm Erika, but she brusquely rebuffs him, denouncing him as the ultimate careerist and ultimately slapping him across the face in full view of everyone.
Meanwhile, at the after-party, Wolfgang and Wieland Wagner—Richard Wagner’s sons—approach Thomas Mann and ask him to lend his support to the reopening of the Bayreuth Festival.
The writer gives nothing away at first, praising Wagner’s magnificent music. But at the end of his remarks, he speaks frankly:
Bayreuth should be torn down and Richard Wagner’s wife, Cosima Wagner—once a close confidante of Adolf Hitler—should be put on trial…
After the award ceremony, everyone basks in the glow of the Nobel laureate.
The atmosphere is hilarious.
While Thomas Mann stoically endures it all, his daughter grows increasingly disgusted by this hypocritical society—people who had recently cheered for Adolf Hitler but now pretend everything is fine and style themselves as „the good Germans.“
Director Pawlikowski brilliantly captures this ambivalent atmosphere.
Then, a sudden phone call: Klaus Mann has committed suicide in Cannes.
The father receives the news with the same apparent stoic behavior with which he lets all other negativity around him roll off, whereas Erika Mann is deeply shaken.
A heated argument erupts between father and daughter, during which she even shouts at him.
Yet Thomas Mann refuses to be drawn out of his reserve; instead, he prepares for his next speech.
The following day, the journey continues eastward to Weimar—the place where Goethe lived and created his work.
The trip itself—crossing the border between the American and Russian zones passing Russian border guards and driving through gray, ruined cities—feels like a nightmare.
Here, in the Soviet occupation zone, the prevailing mood is vastly different.
While people in the West are celebrating the coming „Wirtschaftswunder“, those in the East still believe in a better society through socialism—even as the influence and oppression exerted by the Russian occupation is everywhere visible.
Shortly before Thomas Mann is due to appear at an awards ceremony, a man suddenly bursts into his room and begs for help.
He describes how the Russians are using former Nazi concentration camps to intern thousands of political prisoners.
No sooner has the man finished speaking than two officers in civilian clothing storm into the hotel room and arrest the man.
Thomas and Erika Mann watch, speechless.
On the return journey, escorted by a Russian military vehicle, they travel through the same desolate landscape until they discover an old, abandoned church, half-destroyed by the war.
They escape their watchdogs and take a break.
Finally, they both sit on a church pew and listen to the sound of the organ. Thomas Mann begins to weep.
The End
When the lights in the cinema came back on, the audience suddenly clapped their hands.
I’ve never experienced that outside of festivals.
The film touches and has an impact.
I personally found the actors‘ acting a bit stiff, but the story itself and its cinematic implementation are brilliant and take you back to a time when Germany had to reinvent itself. In the East, as in the West.
And where everyone was forced to deal with the past in their own way, including the Thomas Mann family in all its complexity.
Series of pictures of the movie „Vaterland“:
Author: Holger Jacobs
Founder & Editorial Director of kultur24.berlin ug.
Founder & Editorial Director of kultur24 TV on Youtube.
Former correspondent for fashion in Paris.
Photographer, writer and videographer.












