Die Entführung aus dem Serail mit Komödiant Bülent Ceylan
Von Holger Jacobs
28.06.2026
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Wertung: 🙂 🙂 🙂 🙂 (vier von fünf)
Ein türkisch stämmiger Comedian in einer Oper von Wolfgang Amadeus Mozart
Eines muss gesagt werden:
Mit der Einladung an den Comedian BÜLENT CEYLAN die Hauptfigur Bassa Selim (eine reine Sprechrolle) in der Oper „Die Entführung aus dem Serail“ spielen zu lassen ist der Staatsoper Unter den Linden ein Coup gelungen.
Aber ich muss gestehen, dass ich kein großer Freund der Stand Up Comedy bin, weder Michael Mittermeier oder Kaya Yanar oder all die anderen, sagen mir besonders viel.
Auch den Quatsch Comedy Club an der Friedrichstrasse in Berlin-Mitte habe ich noch nie besucht.
Irgendwie fällt es mir schwer über diese Witze zu lachen.
Entweder sind sie zu platt oder wirken angestrengt.
Und dabei überkommt mich oft das Fremdschämen.
So auch zunächst an diesem Abend.
BÜLENT CEYLAN stürmt schon während der Ouvertüre auf die Bühne und entschuldigt sich sogleich, dass er wohl zu früh gekommen wäre.
Als dann aber der erste Akt beginnt wird es besser.
Zwar interveniert BÜLENT immer wieder mit kurzen Auftritten, bleibt aber ruhiger und seine Witze werden besser.
Ein paar Kalauer hat er wohl auch aus seinem Programm übernommen, wohl wissend, dass nur die wenigsten hier im Opernhaus einer seiner Shows je gesehen haben.
Auch sein Hinweis, dass es sich hier um eine richtige Multi-Kulti Inszenierung handeln würde (zu dessen Culture-Mix er sich natürlich auch zählt), ist nicht ganz falsch.
Mit einem Südafrikaner, der den spanischen Edelmann Belmonte (Siyabonga Maqungo) spielt, einer Rumänin, die die weibliche Hautrolle singt (Adela Zaharia) in einer Oper, die von einem Österreicher geschrieben wurde und ín einem arabischen Land spielt.
Und mit dem türkisch-stämmigen Comedian, Bülent Ceylan, der den reichen Muslim Bassa Selim interpretiert, der wiederum früher einmal spanischer Christ gewesen sein soll, später aber zum Islam konvertierte.
Interessant auch, als Bülent erzählte, dass er den protestantischen Glauben angenommen hatte, während sein Vater Muslim ist und seine Mutter aber Katholikin.
Handlung
Nach dem Buch „Belmont und Constanze oder die Entführung aus dem Serail“ von Christoph Bretzner schieb Johann Stephanie das Libretto für WOLFGANG AMADEUS MOZART, der von KAISER JOSEF II. von Österreich den Auftrag für eine Oper in deutscher Sprache bekommen hatte.
Die Uraufführung fand 1782 im Wiener Burgtheater statt.
Um der Sache einen Hauch von Exotik zu geben verfiel Mozart auf die Geschichte einer Entführung in der arabisch Welt einschließlich einem türkischen Harem.
Ein Schiff wird im Mittelmeer von Seeräubern überfallen und die Passagiere auf dem Sklavenmarkt verkauft.
So geschieht es auch der Spanierin Konstanze und ihrer Zofe Blonde zusammen mit deren Freund, dem Diener Pedrillo.
Nur der Verlobte von Konstanze, Belmonte, konnte fliehen.
Die drei werden von dem reichen Bassa Selim gekauft, der die beiden Frauen in sein Harem in die Türkei bringt.
Die Oper beginnt mit der Suche Belmontes (SIYABONGA MAQUNGA) nach den drei Vermissten, die er bei Bassa Selim (BÜLENT CEYLAN) findet und sich bei ihm zum Schein als Architekt anstellen lässt.
Zusammen mit Pedrillo (MICHAEL LAURENZ) versucht Belmonte nun einen Plan auszuhecken, wie sie Konstanze (ADELA ZAHARIA) und Blonde (SERAFINA STARKE) aus dem Serail entführen können.
Der Plan gelingt zunächst, wird aber aufgedeckt, noch bevor die vier in Sicherheit sind.
Als in der Schlussszene jeder denkt, dass die vier nun für ihre Flucht büßen müssen, zeigt sich Bassa Selim gnädig und gibt ihnen die Freiheit.
Er hatte sich in Konstanze verliebt und scheint außer Stande zu sein ihr etwas anzutun.
Kritik
Wie oben schon beschrieben gewöhnte ich mich langsam an die kurzen Unterbrechungen von BÜLENT CEYLAN, bei der er seine Gags loswerden konnte.
Insgesamt hat mir die Inszenierung von ANDREA MOSES aber gut gefallen.
Personenregie, Bühnenbild (RAIMUND BAUER), Rhythmus der Inszenierung mit Auftritten des Chors als Matrosen oder Haremsangestellten fand ich spannend und kurzweilig.
Besonders das Bühnenbild hat mir gefallen.
Relativ zurückhaltend war es doch voller interessanter Details.
Wie z.B. der Auftritt der Luxusyacht des Bassa Selim, mit der dieser die Szene betritt.
Sie wird von rechts nach links langsam auf die Bühne geschoben, besteht aber nur aus einem schmalen, bühnenhohen Schiffsrumpf mit Reling.
Komplett zweidimensional.
Und erinnert dabei sehr an die riesigen Kreuzfahrtschiffe, wenn diese in die Stadt Venedig einfahren und sich deren Rumpf 20 Meter hoch langsam an den Häusern der Lagunenstadt vorbeischiebt.
Auch die Kostüme (ANJA RABES) sind entsprechend bunt und farbenfroh.
Warum aber ausgerechnet die vier Hauptpersonen nur Straßenkleidung tragen ist mir schleierhaft.
Dabei sehen Konstanze und Belmonte mit ihren schwarzen Outfits noch ganz passabel aus, aber dieser Touristenfummel, den Pedrillo und Blonde tragen, geht gar nicht.
Vielleicht sehen die Touristen auf diesen Kreuzfahrtschiffen, die regelmäßig wie die Heuschrecken in Venedig einfallen, ja genauso aus…
Das Orchester stellte Trommel, Becken und Triangel als die besonderen Instrumente von Mozarts Komposition extra an den Rand der Bühne, um deren Bedeutung für die Musik herauszuheben.
Der junge THOMAS GUGGEIS als Dirigent sprang und hüpfte wie ein Hase auf seinem Dirigentenpult, als wolle er zeigen, wie froh er ist, hier auf dieser Bühne stehen zu dürfen.
Vielleicht kann er ja in der Zukunft seine Emotionen noch etwas bremsen, dann würde er überzeugender wirken.
Ansonsten konnte ich musikalisch keine Fehler ausmachen, zumal ich auch zu sehr mit dem Geschehen auf der Bühne beschäftigt war und dauernd überlegte, wann BÜLENT CEYLAN nun BÜLENT CEYLAN war und wann Bassa Selim in seiner Sprechrolle.
Über die Leistung der Sänger ist eigentlich nur Gutes zu sagen.
Besonders die Stimme des Südafrikaners SIYABONGA MAQUNGO ist einfach wunderbar.
Das Timbre ist samtweich und trotzdem so kräftig, dass auch dramatische Szenen gelingen.
MAQUNGOS unförmiger Körper aber lässt Fragen über seine Gesundheit aufkommen.
Ich hoffe, dass es nichts Schlimmes ist.
Die Rumänin ADELA ZAHARIA ist als Konstanze ganz in ihrem Element.
Lange, schwarze Haare umschmeicheln ihr schönes Gesicht und die hochgewachsene Figur überstrahlt die Szenerie.
ZAHARIA hat die Rolle der Konstanze schon an den Opernhäusern in Frankfurt, Hamburg und Düsseldorf gesungen und das merkt man.
Trotz eines leichten grippalen Infektes (wie Bülent erzählte) traf sie jeden noch so hohen Ton.
Doch merkte man ihr besonders am Anfang an, dass sie sehr bemüht war die Töne auch kräftig genug über die Bühne zu bringen, wodurch die Stimme in den Höhen manchmal zu schrill wurde.
Ganz anders SERAFINA STARKE als Blonde, die weich und zart auch schwierige Passagen meisterte und mit ihrer Fröhlichkeit alle begeisterte.
Einzig MICHAEL LAURENZ als Pedrillo blieb gesanglich etwas blass, dafür spielte er mit großem Körpereinsatz.
Fazit: Ein großer Sommerspass (draußen war am Premierenabend der Hitzerekord für Berlin gebrochen worden), der auch nicht opern-affinen Zuschauern Freude machen wird.
Englisch-sprachigen Besuchern wird es allerdings schwer fallen, die Witze eines BÜLENT CEYLAN zu verstehen. Die neben mir sitzenden Asiaten an diesem Abend blieben immer regungslos sitzen, während der Rest des Auditoriums brüllte vor Lachen.
„Die Entführung aus dem Serail“ von Wolfgang Amadeus Mozart
Aufführungsdauer ca. 3 Stunden
Staatsoper Unter den Linden
Premiere war am 27.06.2026
Musikalische Leitung: Thomas Guggeis, Inszenierung: Andrea Moses,
Bühne: Raimund Bauer, Kostüme: Anja Rabes,
Mit Siyabonga Maqungo (Belmonte), Adela Zaharia (Konstanze), Bülent Ceylan (Bassa Selim), Serafina Starke (Blonde), Michael Laurenz (Pedrillo),
David Steffens (Osmin)
English
„Die Entführung aus dem Serail“ featuring Comedian Bülent Ceylan
June 28, 2026
Rating: 🙂 🙂 🙂 🙂 (four out of five)
A comedian of Turkish descent in an opera by Wolfgang Amadeus Mozart
One thing must be said:
The Staatsoper Unter den Linden pulled off a real coup by inviting comedian Bülent Ceylan to play the lead role of Bassa Selim (a purely spoken part) in the opera *The Abduction from the Seraglio*.
I must confess that I am not a huge fan of stand-up comedy;
neither Michael Mittermeier nor Kaya Yanar—nor any of the others—really appeal to me.
I have never even visited the Quatsch Comedy Club on Friedrichstraße in Berlin-Mitte.
For some reason, I find it hard to laugh at these jokes.
They are either too crude or come across as forced.
And they often make me cringe with vicarious embarrassment.
That was how things started out that evening, too.
Bülent Ceylan stormed onto the stage while the overture was still playing and immediately apologized, saying he must have arrived too early.
But when the first act begins, things got better.
Although Bülent intervened again and again with short appearances, he remained calmer and his jokes got better.
He probably also took a few jokes from his program, knowing that only very few people here in the opera house have ever seen one of his shows.
His suggestion that this would be a real multi-cultural production (whose culture mix he is of course also part of) is not entirely wrong.
With a South African who plays the Spanish nobleman Belmonte (Siyabonga Maqungo), a Romanian who sings the female role (Adela Zaharia) in an opera written by an Austrian and set in an Arab country.
And with the comedian of Turkish origin, Bülent Ceylan, who interprets the rich Muslim Bassa Selim, who is said to have once been a Spanish Christian but later converted to Islam.
It was also interesting when Bülent said that he had adopted the Protestant faith, while his father is a Muslim and his mother is a Catholic.
Story
Johann Stephanie wrote the libretto for Wolfgang Amadeus Mozart—who had been commissioned by Emperor Joseph II of Austria to compose an opera in German—based on the book *Belmont and Constanze, or The Abduction from the Seraglio* by Christoph Bretzner.
The premiere took place in 1782 at the Burgtheater in Vienna.
To lend the work a touch of exoticism, Mozart chose a story about an abduction in the Arab world, featuring a Turkish harem.
A ship is attacked by pirates in the Mediterranean, and its passengers are sold at a slave market.
This is the fate that befalls the Spaniard Konstanze, her maid Blonde, and Blonde’s boyfriend, the servant Pedrillo.
Only Konstanze’s fiancé, Belmonte, manages to escape.
The three are purchased by the wealthy Pasha Selim, who takes the two women to his harem in Turkey.
The opera begins with Belmonte (Siyabonga Maqungo) searching for the three missing people;
he finds them in Pasha Selim’s service and secures a position for himself as an architect under a false pretense.
Together with Pedrillo, Belmonte organizes a plan to rescue Konstanze and Blonde from the seraglio.
The plan initially succeeds but is discovered before the four can reach safety.
In the final scene, just as everyone expects the four to be punished for their escape, Pasha Selim shows mercy and grants them their freedom.
He had fallen in love with Konstanze and finds himself unable to do her any harm.
Critics
As previously mentioned, I gradually grew accustomed to the brief interruptions by Bülent Ceylan, during which he could deliver his gags.
Overall, however, I really enjoyed Andrea Moses’s production.
I found the direction of the performers, the set design (Raimund Bauer), and the production’s pacing—including the chorus’s appearances as sailors or harem attendants—engaging and entertaining.
I particularly liked the set design; while relatively understated, it was full of interesting details.
A prime example is the entrance of Bassa Selim’s luxury yacht.
It is slowly pushed onto the stage from right to left, yet it consists merely of a narrow ship’s hull—complete with railings—that spans the full height of the stage.
It is entirely two-dimensional, lacking any depth.
At the same time, it strongly evokes the image of the massive cruise ships entering Venice, where their hulls—towering twenty meters high—slowly glide past the buildings of the lagoon city.
The costumes (by Anja Rabes) are likewise bright and colorful.
Yet it is a complete mystery to me why the four main characters, of all people, are dressed in ordinary street clothes.
While Konstanze and Belmonte look reasonably presentable in their black outfits, the touristy get-up worn by Pedrillo and Blonde is simply unacceptable.
Then again, perhaps the tourists on those cruise ships—who regularly descend upon Venice like a plague of locusts—look exactly the same…
The orchestra placed the drums, cymbals, and triangle—instruments that play a special role in Mozart’s composition—at the very edge of the stage to highlight their importance to the music.
The young conductor, Thomas Guggeis, hopped and bounded on his podium like a rabbit, as if to show just how happy he was to be standing on that stage.
Perhaps in the future he might temper his emotions a little; doing so would make him appear more convincing.
Otherwise, I could detect no musical flaws—though I was also too preoccupied with the action on stage, constantly trying to figure out when Bülent Ceylan was simply being Bülent Ceylan and when he was portraying Bassa Selim in his spoken role.
One can say nothing but good things about the singers‘ performances.
The voice of South African tenor Siyabonga Maqungo, in particular, is simply wonderful.
His timbre is velvety smooth yet powerful enough to carry off even dramatic scenes.
However, Maqungo’s ungainly physique raises concerns about his health;
I hope it is nothing serious.
Romanian soprano Adela Zaharia is completely in her element as Konstanze.
Long, dark hair frames her beautiful face, and her tall figure commands the stage.
Adela Zaharia has previously sung the role of Konstanze at opera houses in Frankfurt, Hamburg, and Düsseldorf, and it shows.
Despite suffering from a mild flu-like infection (as Bülent mentioned), she hit every note, no matter how high.
However, especially at the beginning, one could sense her strong effort to project her voice powerfully enough across the stage, which occasionally caused her tone to become too shrill in the upper register.
Serafina Starke, as Blonde, offered a striking contrast;
she mastered even difficult passages with a soft, delicate touch and delighted everyone with her cheerful spirit.
Only Michael Laurenz, as Pedrillo, was somewhat lackluster vocally, though he compensated with a highly physical performance.
Conclusion: Great summer fun (on opening night, the all-time heat record for Berlin was broken) that will delight even those not typically into opera.
However, English-speaking visitors will find it difficult to understand the jokes of comedian Bülent Ceylan.
The Asian audience members sitting next to me remained that evening impassive, while the rest of the auditorium roared with laughter.
„Die Entführung aus dem Serail“ von Wolfgang Amadeus Mozart
Aufführungsdauer ca. 3 Stunden
Staatsoper Unter den Linden
Premiere war am 27.06.2026
Musikalische Leitung: Thomas Guggeis, Inszenierung: Andrea Moses,
Bühne: Raimund Bauer, Kostüme: Anja Rabes,
Mit Siyabonga Maqungo (Belmonte), Adela Zaharia (Konstanze), Bülent Ceylan (Bassa Selim), Serafina Starke (Blonde), Michael Laurenz (Pedrillo),
David Steffens (Osmin)
Author: Holger Jacobs
Founder & Editorial Director of kultur24.berlin ug.
Founder & Editorial Director of kultur24 TV on Youtube.
Former correspondent for fashion in Paris.
Photographer, writer and videographer.























