Die Entführung aus dem Serail mit Komödiant Bülent Ceylan

Die Entführung - Staatsoper Berlin ph: Stephan Rabold

Die Entführung aus dem Serail mit Komödiant Bülent Ceylan

 

Von Holger Jacobs

28.06.2026

Wertung: 🙂 🙂 🙂 🙂  (vier von fünf)

Ein türkisch stämmiger Comedian in einer Oper von Wolfgang Amadeus Mozart

Eines muss gesagt werden:
Mit der Einladung an den Comedian BÜLENT CEYLAN die Hauptfigur Bassa Selim (eine reine Sprechrolle) in der Oper „Die Entführung aus dem Serail“ spielen zu lassen ist der Staatsoper Unter den Linden ein Coup gelungen.

Bülent Ceylan, „Die Entführung“, Staatsoper Berlin, ph: Stephan Rabold

Aber ich muss gestehen, dass ich kein großer Freund der Stand Up Comedy bin, weder Michael Mittermeier oder Kaya Yanar oder all die anderen, sagen mir besonders viel.
Auch den Quatsch Comedy Club an der Friedrichstrasse in Berlin-Mitte habe ich noch nie besucht.
Irgendwie fällt es mir schwer über diese Witze zu lachen.
Entweder sind sie zu platt oder wirken angestrengt.
Und dabei überkommt mich oft das Fremdschämen.

So auch zunächst an diesem Abend.
BÜLENT CEYLAN stürmt schon während der Ouvertüre auf die Bühne und entschuldigt sich sogleich, dass er wohl zu früh gekommen wäre.

Bülent Ceylan, „Die Entführung“, Staatsoper Berlin, ph: Stephan Rabold

Als dann aber der erste Akt beginnt wird es besser.
Zwar interveniert BÜLENT immer wieder mit kurzen Auftritten, bleibt aber ruhiger und seine Witze werden besser.
Ein paar Kalauer hat er wohl auch aus seinem Programm übernommen, wohl wissend, dass nur die wenigsten hier im Opernhaus einer seiner Shows je gesehen haben.
Auch sein Hinweis, dass es sich hier um eine richtige Multi-Kulti Inszenierung handeln würde (zu dessen Culture-Mix er sich natürlich auch zählt), ist nicht ganz falsch.

Mit einem Südafrikaner, der den spanischen Edelmann Belmonte (Siyabonga Maqungo) spielt, einer Rumänin, die die weibliche Hautrolle singt (Adela Zaharia) in einer Oper, die von einem Österreicher geschrieben wurde und ín  einem arabischen Land spielt.
Und mit dem türkisch-stämmigen Comedian, Bülent Ceylan, der den reichen Muslim Bassa Selim interpretiert, der wiederum früher einmal spanischer Christ gewesen sein soll, später aber zum Islam konvertierte.
Interessant auch, als Bülent erzählte, dass er den protestantischen Glauben angenommen hatte, während sein Vater Muslim ist und seine Mutter aber Katholikin.

Bülent Ceylan, „Die Entführung“, Staatsoper Berlin, ph: Stephan Rabold

Handlung

Nach dem Buch „Belmont und Constanze oder die Entführung aus dem Serail“ von Christoph Bretzner schieb Johann Stephanie das Libretto für WOLFGANG AMADEUS MOZART, der von KAISER JOSEF II. von Österreich den Auftrag für eine Oper in deutscher Sprache bekommen hatte.
Die Uraufführung fand 1782 im Wiener Burgtheater statt.
Um der Sache einen Hauch von Exotik zu geben verfiel Mozart auf die Geschichte einer Entführung in der arabisch Welt einschließlich einem türkischen Harem.

„Die Entführung“, Staatsoper Berlin, ph: Stephan Rabold

Ein Schiff wird im Mittelmeer von Seeräubern überfallen und die Passagiere auf dem Sklavenmarkt verkauft.
So geschieht es auch der Spanierin Konstanze und ihrer Zofe Blonde zusammen mit deren Freund, dem Diener Pedrillo.
Nur der Verlobte von Konstanze, Belmonte, konnte fliehen.
Die drei werden von dem reichen Bassa Selim gekauft, der die beiden Frauen in sein Harem in die Türkei bringt.

Die Oper beginnt mit der Suche Belmontes (SIYABONGA MAQUNGA) nach den drei Vermissten, die er bei Bassa Selim (BÜLENT CEYLAN) findet und sich bei ihm zum Schein als Architekt anstellen lässt.

Siyabonga Maqungo, „Die Entführung“, Staatsoper Berlin, ph: Stephan Rabold

Zusammen mit Pedrillo (MICHAEL LAURENZ) versucht Belmonte nun einen Plan auszuhecken, wie sie Konstanze (ADELA ZAHARIA) und Blonde (SERAFINA STARKE) aus dem Serail entführen können.
Der Plan gelingt zunächst, wird aber aufgedeckt, noch bevor die vier in Sicherheit sind.

„Die Entführung“, Staatsoper Berlin, ph: Stephan Rabold

Als in der Schlussszene jeder denkt, dass die vier nun für ihre Flucht büßen müssen, zeigt sich Bassa Selim gnädig und gibt ihnen die Freiheit.
Er hatte sich in Konstanze verliebt und scheint außer Stande zu sein ihr etwas anzutun.

„Die Entführung“, Staatsoper Berlin, ph: Stephan Rabold

Kritik

Wie oben schon beschrieben gewöhnte ich mich langsam an die kurzen Unterbrechungen von BÜLENT CEYLAN, bei der er seine Gags loswerden konnte.

Insgesamt hat mir die Inszenierung von ANDREA MOSES aber gut gefallen.
Personenregie, Bühnenbild (RAIMUND BAUER), Rhythmus der Inszenierung mit Auftritten des Chors als Matrosen oder Haremsangestellten fand ich spannend und kurzweilig.

Besonders das Bühnenbild hat mir gefallen.
Relativ zurückhaltend war es doch voller interessanter Details.
Wie z.B. der Auftritt der Luxusyacht des Bassa Selim, mit der dieser die Szene betritt.
Sie wird von rechts nach links langsam auf die Bühne geschoben, besteht aber nur aus einem schmalen, bühnenhohen Schiffsrumpf mit Reling.
Komplett zweidimensional.

„Die Entführung“, Staatsoper Berlin, ph: Stephan Rabold

Und erinnert dabei sehr an die riesigen Kreuzfahrtschiffe, wenn diese in die Stadt Venedig einfahren und sich deren Rumpf 20 Meter hoch langsam an den Häusern der Lagunenstadt vorbeischiebt.

Auch die Kostüme (ANJA RABES) sind entsprechend bunt und farbenfroh.
Warum aber ausgerechnet die vier Hauptpersonen nur Straßenkleidung tragen ist mir schleierhaft.
Dabei sehen Konstanze und Belmonte mit ihren schwarzen Outfits noch ganz passabel aus, aber dieser Touristenfummel, den Pedrillo und Blonde tragen, geht gar nicht.
Vielleicht sehen die Touristen auf diesen Kreuzfahrtschiffen, die regelmäßig wie die Heuschrecken in Venedig einfallen, ja genauso aus…

Das Orchester stellte Trommel, Becken und Triangel als die besonderen Instrumente von Mozarts Komposition extra an den Rand der Bühne, um deren Bedeutung für die Musik herauszuheben.
Der junge THOMAS GUGGEIS als Dirigent sprang und hüpfte wie ein Hase auf seinem Dirigentenpult, als wolle er zeigen, wie froh er ist, hier auf dieser Bühne stehen zu dürfen.
Vielleicht kann er ja in der Zukunft seine Emotionen noch etwas bremsen, dann würde er überzeugender wirken.
Ansonsten konnte ich musikalisch keine Fehler ausmachen, zumal ich auch zu sehr mit dem Geschehen  auf der Bühne beschäftigt war und dauernd überlegte, wann BÜLENT CEYLAN nun BÜLENT CEYLAN war und wann Bassa Selim in seiner Sprechrolle.

„Die Entführung“, Staatsoper Berlin, ph: Stephan Rabold

Über die Leistung der Sänger ist eigentlich nur Gutes zu sagen.
Besonders die Stimme des Südafrikaners  SIYABONGA MAQUNGO ist einfach wunderbar.
Das Timbre ist samtweich und trotzdem so kräftig, dass auch dramatische Szenen gelingen.
MAQUNGOS unförmiger Körper aber lässt Fragen über seine Gesundheit aufkommen.
Ich hoffe, dass es nichts Schlimmes ist.

Bülent Ceylan, Adela Zaharia, „Die Entführung“, Staatsoper Berlin, ph: Stephan Rabold

Die Rumänin ADELA ZAHARIA ist als Konstanze ganz in ihrem Element.
Lange, schwarze Haare umschmeicheln ihr schönes Gesicht und die hochgewachsene Figur überstrahlt die Szenerie.
ZAHARIA hat die Rolle der Konstanze schon an den Opernhäusern in Frankfurt, Hamburg und Düsseldorf gesungen und das merkt man.
Trotz eines leichten grippalen Infektes (wie Bülent erzählte) traf sie jeden noch so hohen Ton.
Doch merkte man ihr besonders am Anfang an, dass sie sehr bemüht war die Töne auch kräftig genug über die Bühne zu bringen, wodurch die Stimme in den Höhen manchmal zu schrill wurde.

Ganz anders SERAFINA STARKE als Blonde, die weich und zart auch schwierige Passagen meisterte und mit ihrer Fröhlichkeit alle begeisterte.
Nur MICHAEL LAURENZ als Pedrillo blieb gesanglich etwas blass, dafür spielte er mit großem Körpereinsatz.

Serafina Starke, David Steffens, „Die Entführung“, Staatsoper Berlin, ph: Stephan Rabold

Fazit: Ein großer Sommerspass (draußen war am Premierenabend der Hitzerekord für Berlin gebrochen worden), der auch nicht opern-affinen Zuschauern Freude machen wird.
Englisch-sprachigen Besuchern wird es allerdings schwer fallen, die Witze eines BÜLENT CEYLAN zu verstehen. Die neben mir sitzenden Asiaten an diesem Abend blieben immer regungslos sitzen, während der Rest des Auditoriums brüllte vor Lachen.

„Die Entführung aus dem Serail“ von Wolfgang Amadeus Mozart
Aufführungsdauer ca. 3 Stunden
Staatsoper Unter den Linden
Premiere war am 27.06.2026
Musikalische Leitung: Thomas Guggeis, Inszenierung: Andrea Moses,
Bühne: Raimund Bauer, Kostüme: Anja Rabes,
Mit Siyabonga Maqungo (Belmonte), Adela Zaharia (Konstanze), Bülent Ceylan (Bassa Selim), Serafina Starke (Blonde), Michael Laurenz (Pedrillo),
David Steffens (Osmin)

„Die Entführung“, Staatsoper Berlin, ph: Stephan Rabold

 

 

 

Author: Holger Jacobs

Founder & Editorial Director of kultur24.berlin ug.
Founder & Editorial Director of kultur24 TV on Youtube.
Former correspondent for fashion in Paris.
Photographer, writer and videographer.

Cookies help us deliver our services. By using our services, you agree to our use of cookies.