Premiere „Fearful Symmetries“ vom Staatsballett Berlin

"Fearful Symmetries" - Staatsballett Berlin. ph: Holger Jacobs

Premiere „Fearful Symmetries“ vom Staatsballett Berlin

 

Von Holger Jacobs

31.05.2026

Wertung: 🙂 🙂 🙂 🙂 (vier von fünf)

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Ein Abend mit zwei Tanzstücken, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

19. Jahrhundert trifft 20. Jahrhundert trifft 21. Jahrhundert – so könnte man diese Premiere beschreiben.
Die Musik von GEORGE BIZET aus dem Jahre 1855 (mit 17 Jahren als Studentenarbeit geschrieben) als Grundlage für die Choreographie von GEORGE BALANCHINE aus dem Jahre 1974.

George Balanchine, ph: Tanaquil-Leclercq

Und die Musik von JOHN ADAMS aus dem Jahre 1988 als Grundlage der Choreographie von CHRISTIAN SPUCK von heute.

„Symphony in C“ von George Balanchine

Dieses Tanzstück hat alles, was sich man sich unter Ballett vorstellt:
Schwelgende Musik mit klingenden Harmonien (Mitte des 19. Jahrhunderts war die Zeit der Romantik), klassische Balletttrikots für die Frauen mit dem typischen weißen Tutu und einem Dauerlächeln auf den Lippen und die Männer in klassischen Strumpfhosen.

„Symphony in C“, ph: Carlos Quezada

Was mich sonst immer ziemlich nervt macht hier aber durchaus Sinn.
Denn selbst wenn GEORGE BALANCHINE ein Mann des 20. Jahrhunderts war, lehnten sich seine Choreographien doch noch sehr an das 19. Jahrhundert an.
Er war eben der perfekte Mann für den Übergang in ein neues Zeitalter.
Die alten Ballettfans nicht vor den Kopf stoßen, aber sich auch nicht neuen Strömungen versagen.

„Symphony in C“, ph: Holger Jacobs

So schwebt seine Choreographie mit eingängigen Melodien über den Bühnenboden, hüpfende Tänzerinnen in absolutem Gleichschritt, was sehr an die weißen Schwäne aus „Schwanensee“ erinnert, dazu hübsche Tänzer in knallengen schwarzen Trikots, die hier einen schönen optischen Kontrast bilden.
Das alles vor einer gleichmäßig himmelblauen Leinwand, die wiederum das Weiß der „Schwäne“, pardon der Tänzerinnen, besonders hervorhebt.

„Symphony in C“, ph: Holger Jacobs

Aufgeteilt in vier kleine Abschnitte, tanzen vier Paare aus der Kategorie der Solisten des Ensembles (IANA SALENKO – DAVID SOARES, POLINA SEMIONOVA – MARTIN TEN KORTENAAR, MARINA DUARTE – JACK EASTON, HARUKA SASSA – KALLE WIGLE) jeweils ein Pas de Deux, zusammen mit weiteren Paaren aus der Reihe der Demi-Solisten, eingerahmt durch viele hübsche Tänzerinnen (u.a. INARA WHEELER, der wir letztes Jahr auf kultur24 ein Portrait gewidmet haben).

„Symphony in C“, ph: Holger Jacobs

Der Höhepunkt ist dann die vierte Szene, an deren Schluss 42 weiß-gekleidete Tänzerinnen und 12 schwarz-gekleidete Tänzer gemeinsam auf der Bühne stehen und zusammen ein berauschendes Bild abgeben.
Standing Ovations!

„Fearful Symmetries“ von Christian Spuck

Ganz anders der zweite Teil des Abends.

Hier kommt die Musik nicht aus dem 19., sondern aus dem Ende des 20. Jahrhunderts.
Und zwar von JOHN ADAMS, einem Mann, der eigentlich für seine Opernkompositionen bekannt ist.
Wie zum Beispiel für „Nixon in China“ aus dem Jahre 1987, bei dem ADAMS das weltweit mit großem Interesse verfolgte Treffen des damaligen US-Präsidenten RICHARD NIXON mit dem chinesischen Kommunistenführer MAO TSE-TUNG 1972 in Peking zum Thema machte.
Es wurde hier in Berlin zuletzt in der Deutschen Oper 2024 aufgeführt.

John Adams, 2008 -CC- Wikimedia

Nur ein Jahr nach „Nixon in China“, 1988, komponierte JOGHN ADAMS „Fearful Symmetries“, ein kurzes Orchesterstück, dessen Titel er bei der Lektüre eines Buches zufällig aufschnappte.
Ob man beim Hören der Komposition Symmetrien heraushören kann, bleibt Spekulation.
Aber zumindest hat es eine schnelle Klangfolge und eine zunehmende Dramatik zum Ende.
Seitdem haben mehrere Ballettkompanien diese Komposition als Hintergrund für eine Choreographie gewählt.

Nun ließ sich auch der Intendant unseres Staatsballetts CHRISTIAN SPUCK von JOHN ADAMS Musik inspirieren.
Dabei baute er in die Choreographie eine Handlung ein, die aber selbst für den aufmerksamen Zuschauer kaum zu erkennen ist.
Im Programmheft gibt CHRISTIAN SPUCK einen Hinweis:
Symmetrien bedeuten für uns Menschen in der Regel Harmonie und Ordnung, Disharmonien aber Chaos und Zerstörung.
Dabei werden diese Zerstörungen überwiegend von Machtmenschen zur eigenen Bereicherung  auf Kosten anderer ausgeführt.
Ohne die vielen Krisen in unserer Zeit zu sehr zu bemühen, ist die Grundidee von den sich gegenüberstehenden Polen, Symmetrie und Chaos, sehr aktuell.

„Fearful Symmetries“, ph: Carlos Quezada

CHRISTIAN SPUCK zeigt diese Zerstörung von ursprünglich herrschender Harmonie (die Choreographie beginnt zunächst mit mehreren fröhlich miteinander tanzenden Paaren) durch das Auftreten von vier allein schon durch ihre Kleidung auffallende Personen, die die bisherige Ordnung stören.
Darunter eine Königin (WERONIKA FROYDIMA) im langen Brokat-Gewand und langem Stab als Machtsymbol, einem Wissenschaftler (DOMINIK WHITE SLAKOVSKY), einem Liebhaber (JAN CASIER) und einem Clown (ROSS MARTINSON).
Diese vier schwirren umher und zerstören die Symmetrie.

„Fearful Symmetries“, ph: Holger Jacobs

Zwei weitere Details wären hier noch zu erwähnen:
Erstens ist über die gesamte Bühne (RUFUS DISWISZUS) im Hintergrund ein abstraktes Bild zu sehen, welches während der Vorstellung langsam von oben nach unten wandert.
Wie eine Bedrohung, die immer näher kommt.
Und zweitens spielen Kugeln eine Rolle, die einmal als Apfel von der Königin gegessen werden (biblischer Sündenfall?) oder am Schluss in großer Zahl über die Bühne rollen, als wollten sie die Tänzer zu Fall bringen.

„Fearful Symmetries“, ph: Carlos Quezada

Ein kleiner Wehrmutstropfen: Leider waren die Personen so schlecht ausgeleuchtet, dass man die Gesichter und deren Ausdruck nicht erkennen konnte.
Hier sollte nachgebessert werden.

Wer das Stück zum ersten Mal sieht wird kaum all diese politischen und weiteren Hintergründe im Detail wahrnehmen, denn die Musik und die herumwirbelnden Tänzerinnen und Tänzer ziehen einfach zu viel Aufmerksamkeit auf sich.

Doch eines fällt sofort auf:
Anders als die Figuren, die GEORGE BALANCHINE von seinen Protagonisten auf der Bühne ausüben läßt (alle hübsch anzusehen, aber konventionell), sind die Bewegungsabläufe der Tänzerinnen und Tänzer bei CHRISTIAN SPUCK wesentlicher spannender.
Wie einmal, als COHEN AITCHISON-DUGAS seinen Tanzpartner LEROY MOKGATLE in horizontale Drehbewegungen versetzt, ganz wie es die Sportbegeisterten unter uns es aus dem Paarlauf im Eiskunstlauf kennen (dort wird es auf Schulterhöhe ausgeführt).
Einfach toll!

Besonders gut gefallen hat mir auch das Pas de Trois zwischen MATTHEW KNIGHT, MICHELLE WILLEMS und COHEN AITCHISON-DUGAS.
„Jules et Jim“ von Francois Truffaut lassen grüßen.
Die Filmfans unter Euch wissen was ich meine.
Mehr davon!
Seht dazu mein Video von der Aufführung „Fearful Symmetries“ am Ende dieses Artikels.

Fazit: Ein Abend für jeden (Ballett-) Geschmack:
Für die Fans der Klassik und für die Fans der Moderne.

„Fearful Symmetries“
Staatsballett Berlin
Staatsoper Unter den Linden
Nächste Vorstellungen am 4., 11., 13. 14., 28. und 30. Juni 2026, jeweils um 19.30 Uhr.

Mein kurzes Video von „Fearful Symmetries“:

Video „Fearful Symmetries“, © Holger Jacobs

 

 

English Text

 

 

Premiere: „Fearful Symmetries“ by the Staatsballett Berlin

 

By Holger Jacobs

May 31, 2026

Rating: 🙂 🙂 🙂 🙂 (four of five)

An evening featuring two dance works that could not be more different.

The 19th century meets the 20th century meets the 21st century—that is how one might describe this premiere.
Music by GEORGE BIZET from 1855 (written as a student exercise at the age of 17) serves as the bases for the choreography by GEORGE BALANCHINE from 1974.

George Balanchine, ph: Tanaquil-Leclercq

And music by JOHN ADAMS from 1988 serves as the bases for the choreography by CHRISTIAN SPUCK—created today.

„Symphony in C“ by George Balanchine

This dance piece possesses everything one typically imagines when thinking of ballet:
sumptuous music with resonant harmonies (the mid-19th century was, after all, the Romantic era);
classic ballet costumes for the women—featuring the quintessential white tutu and a perpetual smile—and classic tights for the men.
Yet, what usually tends to annoy me quite a bit actually makes perfect sense here (with the sole exception of the ladies‘ incessant grinning).

„Symphony in C“, ph: Carlos Quezada

For even though George Balanchine was a man of the 20th century, his choreography remained deeply rooted in the traditions of the 19th.
He was, quite simply, the perfect figure to bridge the transition into a new era:
avoiding alienating long-time ballet aficionados while simultaneously remaining open to new artistic currents.

„Symphony in C“, ph: Holger Jacobs

Thus, his choreography glides across the stage floor, accompanied by catchy melodies;
skipping women move in absolute unison—strongly reminiscent of the white swans in *Swan Lake*—joined by handsome men in skin-tight black costumes, who provide a striking visual contrast.
All of this unfolds against a backdrop of uniform sky-blue, which, in turn, serves to particularly highlight the pristine white of the „swans“—or rather, the dancers.

„Symphony in C“, ph: Holger Jacobs

Divided into four distinct sections, four couples drawn from the ensemble’s soloist ranks—Iana Salenko & David Soares, Polina Semionova & Martin ten Kortenaar, Marina Duarte & Jack Easton, and Haruka Sassa & Kalle Wigle—each perform a *pas de deux*.
They are joined by additional couples from the *demi-soloist* ranks, all framed by a corps of lovely female dancers (including Inara Wheeler, whom we featured in a profile on *kultur24* last year).
The highlight is the fourth scene, at the conclusion of which 42 white-clad female dancers and 12 black-clad male dancers stand together on stage, creating a breathtaking tableau.
Standing ovation!

„Symphony in C“, ph: Holger Jacobs

„Fearful Symmetries“ by Christian Spuck

The second part of the evening was entirely different.

Here, the music hails not from the 19th century, but from the late 20th—
specifically from John Adams, a man best known for his opera compositions.
Take, for instance, *Nixon in China* (1987), in which Adams took as his subject the 1972 meeting in Beijing between then-U.S. President Richard Nixon and Chinese Communist leader Mao Zedong—an event followed with immense interest around the globe.
Here in Berlin, the opera was recently performed at the Deutsche Oper in 2024.

John Adams, 2008 -CC- Wikimedia

Just one year after *Nixon in China*—in 1988—John Adams composed *Fearful Symmetries*, a short orchestral piece whose title he happened to stumble upon while reading a book.
Whether one can actually discern any symmetries while listening to the composition remains a matter of speculation;
however, it certainly features rapid musical sequences and builds to an intensifying dramatic climax.
Since its inception, several ballet companies have chosen this composition as the musical foundation for their choreography.
For instance, in 2009, the Danish choreographer Peter Martins selected *Fearful Symmetries* as the score for his own choreography of the same name; the work was rehearsed with the Pennsylvania Ballet and performed at the Merriam Theater in Philadelphia.
And in 2012, choreographer Nils Christe likewise created a dance piece set to this music by John Adams for the Ballett am Rhein at the Düsseldorf Opera House.

Now, CHRISTIAN SPUCK—Artistic Director of our State Ballet—has also drawn inspiration from the music of JOHN ADAMS.
Unlike Nils Christe and Peter Martins, Spuck incorporated a narrative storyline—though one that remains barely discernible to the attentive viewer.
In the program booklet, Christian Spuck offers a clue:
For us humans, symmetries generally signify harmony and order, while disharmonies represent chaos and destruction.
Moreover, such acts of destruction are predominantly perpetrated by power-hungry individuals seeking their own enrichment at the expense of others.
Countless regimes, governments, and empires have been destroyed because a few individuals were insatiably driven to acquire more—even when the majority of the populace was, in fact, doing well.
Without dwelling too heavily on all the crises of our time, the fundamental concept of opposing poles—symmetry versus chaos—remains profoundly relevant today.

„Fearful Symmetries“, ph: Carlos Quezada

Christian Spuck depicts this destruction of an initially prevailing harmony (the choreography opens with several couples dancing together in joyful unison) through the arrival of four figures—distinguished by their attire alone—who disrupt the established order.
Among them are a Queen (Weronika Froydima) clad in a long brocade gown and wielding a long staff as a symbol of power; a Scientist (Dominik White Slakovsky); a Lover (Jan Casier); and a Clown (Ross Martinson).
These four figures flit about, shattering the symmetry.

Two additional details play a significant role here:
First, an abstract image spans the entire background of the stage (RUFUS DISWISZUS), slowly descending from top to bottom over the course of the performance.
Like a looming threat drawing ever closer.

„Fearful Symmetries“, ph: Holger Jacobs

Second, balls play an important role—appearing at one point as an apple consumed by the Queen (a biblical Fall from Grace?) and, at the finale, rolling across the stage in great numbers, as if intent on tripping up the dancers.

„Fearful Symmetries“, ph: Carlos Quezada

One minor drawback: Unfortunately, the lighting on the performers was so poor that it was impossible to discern their faces or facial expressions.
This is something that definitely requires improvement.

First-time viewers of the piece are unlikely to grasp all these political and contextual nuances in detail, as the music—combined with the whirling dancers—simply commands too much of one’s attention.

However, one thing stands out immediately:
Unlike the figures George Balanchine typically has his protagonists embody on stage (which, while lovely to look at, remain conventional), the movement sequences performed by Christian Spuck’s dancers are far more compelling.
Take, for instance, the moment when dancer Cohen Aitchison-Dugas sends his dance partner, Leroy Mokgatle, spinning into a series of horizontal rotations—a move that sports enthusiasts among us will recognize from pairs figure skating (where, typically, it is executed at shoulder height).
Simply magnificent!

I was also particularly taken with the *pas de trois* performed by Matthew Knight, Michelle Willems, and Cohen Aitchison-Dugas.
It gave a distinct nod to *Jules and Jim* by François Truffaut; film fans among you will know exactly what I mean.
More of this, please!

Verdict: An evening to suit every (ballet) taste—for fans of the classics and fans of the modern.

*Fearful Symmetries*
Staatsballett Berlin
Staatsoper Unter den Linden
Upcoming performances on June 4, 11, 13, 14, 28, and 30, 2026—each at 7:30 PM.

My short video-trailer of „Fearful Symmetries“:

Video „Fearful Symmetries“, © Holger Jacobs

 

Author: Holger Jacobs

Founder & Editorial Director of kultur24.berlin ug.
Founder & Editorial Director of kultur24 TV on Youtube.
Former correspondent for fashion in Paris.
Photographer, writer and videographer.

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