Cavalleria Rusticana + Pagliacci in Salzburg

Jonas Kaufman, credit: Osterfestspiele Salzburg, Foto: Andreas Hirsch

Cavalleria Rusticana + Pagliacci in Salzburg

 

Wertung: ūüôā ūüôā ūüôā ūüôā ūüôā ¬† (f√ľnf von f√ľnf m√∂glichen)

Von Karin Jacobs-Zander

10.4.2015. Zum H√∂hepunkt der diesj√§hrigen Osterfestspiele in Salzburg geh√∂rten die beiden Kurzopern ‚ÄěCavalleria Rusticana‚Äú von Pietro Mascagni und ‚ÄěPagliacci ‚Äď Der Bajazzo‚Äú von Ruggero Leoncavallo). Sicher auch durch die Tatsache bedingt, dass mit Christian Thielemann (ML), Jonas Kaufmann (Tenor) und Philipp St√∂lzl (Regie) jeder in ihrem Fach das Beste darstellen, was es zurzeit in der Opernwelt gibt.

Zugegeben, eine leichte Skepsis hatte mich nach den vielen Bildern und Berichten von den Inszenierungen der beiden Opern ‚ÄěCavalleria rusticana‚Äú und ‚ÄěPagliacci‚Äú ¬†schon befallen, denn allzu verwirrend stellte ich mir das Neben- und √úbereinander der Szenen vor, die auf einer in zwei Ebenen und bis zu 6 Guckk√§sten unterteilten B√ľhne parallel abliefen. Und dann das Erstaunen: diese Regie-Konzeption von Philipp St√∂lzl ging nicht nur perfekt auf, sie scheint mir geradezu ein genialer Einfall zu sein. Nicht das K√§mpfen mit den √ľberdimensionalen Ausma√üen dieser Riesenb√ľhne, an denen schon so manche Salzburger Inszenierung gescheitert ist, war die Idee. Ganz im Gegenteil lie√ü St√∂lzl sie sich zum Besten dienen, indem er sie dazu nutzte, dem Verismo-Gedanken so nahe wie m√∂glich zu kommen. Das wirkliche Leben spielt ja nicht chronologisch nacheinander, sondern immer geschieht vieles gleichzeitig, laufen Handlungs- und Emotionsstr√§nge nebeneinander, bedingen und verst√§rken sich gegenseitig.

F√ľr die S√§nger war es ein Geschenk des Himmels, denn sie mussten nicht mehr Wichtiges an der Rampe abliefern, konnten ganz nat√ľrlich mit kleinen Gesten und zarter Mimik ihre Bedr√§ngung , ihre Freude, ihre Angst ausdr√ľcken, w√§hrend der Zuschauer wie vor einer Fernsehregie-Wand das Geschehen heranzoomte, das er gerade f√ľr sein Verst√§ndnis des Geschehens brauchte.

Der Abend beginnt mit Pietro Mascagnis ‚ÄěCavalleria rusticana‚Äú. Die Oper spielt in Sizilien. St√∂lzl legt die Geschichte in die 1950er Jahre, in eine Zeit der moralischen Strenge und der aufkommenden Nachkriegs-Gesch√§ftigkeit. Hier, in dieser italienisch- konservativen Atmosph√§re, in der jeder jeden √ľberwacht, kann man nur emotional √ľberleben, wenn man sich Auswege aus dem Druck der geforderten Wohlanst√§ndigkeit sucht. Die Hitze der unerlaubten Gef√ľhle, die Schw√ľle der unterdr√ľckten Sehns√ľchte und¬†¬† die schwei√ügebadete Angst vor der Katastrophe legten sich wie unsichtbare Wolken √ľber die B√ľhne und schwappten in den Zuschauerraum. Dass diese Oper in Schwarz-Wei√ü gehalten wurde, unterstrich die Stimmung und lie√ü die Handlung so realistisch wie in einer alten Dokumentation erscheinen.

Die einfallsreiche Regie wurde kongenial erg√§nzt durch wunderbare S√§ngerdarsteller, die sich ganz in die Rollen hinein lebten, allen voran der Star des Abends, Jonas Kaufmann. Durch seine Augen, seine Mimik, seine Gesten erkannte man die bedr√ľckende Welt aus Scheinmoralit√§t und Dogmen. Mit ihm wurde man hinein gezogen in eine sich immer enger zuziehende m√∂rderische Schlinge . Als sich die ersten Guck- K√§stchen w√§hrend der Ouvert√ľre ( am Pult der S√§chsischen Staatskapelle auch diesmal Christian Thielemann) √∂ffneten , war mit einem Schlag die ganze Situation klar: der junge Mann, Turiddu (Jonas Kaufmann) hat ein Problem und seine ganze Haltung macht die Ausweglosigkeit , in der er sich befindet, klar. Stumm, mit dem R√ľcken zum Publikum, fast ohne Bewegung sitzt Jonas Kaufmann da und zieht allein durch seine K√∂rpersprache die Zuschauenden in die verzweifelte Geschichte seiner Liebe hinein. Jonas Kaufmann ist ein zutiefst verunsicherter Turiddu, dessen Melancholie die Stimmung der ganzen Oper bestimmt. Zerrissen zwischen zwei Bindungen , von denen keine wirklich leicht und gl√ľcklich zu sein scheint, lebt er am Rande des gerade noch M√∂glichen und sucht kleine , niemals gen√ľgende Nischen der Freiheit. Die heimliche Geliebte, Lola (Annalisa Stroppa), benutzt ihn als Ausgleich zu ihrem reichen, aber groben Ehemann Alfio (Anbrogio Maestri), die andere, seine Verlobte Santuzza (Liudmyla Monastyrska), verfolgt ihn mit ihrer Eifersucht. Gro√üartig besetzt und von einer feinen Personenregie gef√ľhrt sind alle S√§nger, die stimmlich wie darstellerisch auf ihren Rollen liegen.¬†Der letzte Moment zeigt das Sterben des Turiddu, der sich t√∂dlich verletzt in die Kirche schleppt . Ein Leben in Schwarz- Wei√ü ist zu Ende gegangen.

Nach der Pause : ‚ÄěPagliacci‚Äú von Ruggero Leoncavallo

Auf farblose Tristess folgt ein Farbenrausch, auf die schw√ľle Atmosph√§re ausgelassene Heiterkeit. Eine gro√üe Menschenmenge str√∂mt auf die untere Guckkasten-Ebene, wo ein gro√üer Platz ge√∂ffnet ist f√ľr die Lebendigkeit der Massenszenen. Eine Kom√∂dieantengruppe ist angekommen, bringt Leben in den Alltag eines Dorfes. Unter ihnen der Star der Truppe, Canio, der ‚ÄěPagliaccio‚Äú, gesungen von Jonas Kaufmann.

Nicht nur die √§u√üeren Vorzeichen haben sich ge√§ndert, aus Dunkel wurde Licht, aus Einsamkeit ein lustiges Miteinander, sondern auch die inneren Uhren gehen in dieser Oper anders herum. Wieder ist es Jonas Kaufmann, durch den wir in die Emotionalit√§t der Geschichte hinein gezogen werden. Doch diesmal ist er der zwanghaft Eifers√ľchtige, der seiner untreuen Frau nachspioniert und mit Gewalt halten will, was nicht zu halten ist. Neben Kaufmann stehen jetzt andere Solisten auf der B√ľhne. Die Theatertruppe besteht neben dem Clown ‚ÄěPagliaccio‚Äú (Canio: Jonas Kaufmann) , aus ‚ÄěColombina‚Äú ( Canios Frau Nedda : Maria Agresta) , ‚ÄěTaddeo‚Äú (Tonio: Dimitri Platanias), ‚ÄěHarlekin“ (Beppe: Tansel Akzeybek) . Daneben spielt Neddas Geliebter Silvio (Alessio Arduini) eine wesentliche Rolle.

Auch hier ist die Gleichzeitigkeit der gro√üen Szenen in der unteren Spielebene mit den sehr intimen , oft auch stummen Szenen in den oberen Guckk√§sten ein wunderbarer Gewinn. Jonas Kaufmann kann, durch Gro√üaufnahmen unterst√ľtzt, die Gewalt dieses Mannes, der vor verletzter Eitelkeit und Verlust√§ngsten zum Rasenden wird, in einer Weise zum Ausdruck bringen, dass man ihn kaum wieder erkennt.

Nach der gro√üen Arie ‚ÄěRidi Pagliaccio‚Äú braust der Applaus des Publikums wie ein Aufschrei durch das Festspielhaus. So verletzt und tieftraurig hat man Jonas Kaufmann vielleicht noch nie geh√∂rt.¬†Es scheint vorstellbar, dass er selbst der n√§chste Tote sein wird, denn mit ersterbender Stimme, fast tonlos beendet Jonas Kaufmann die Vorstellung: ‚ÄěLa comedia √® finita‚Äú!

Die beiden Opern werden am kommenden Samstag, dem 11. April, um 20.15 Uhr in 3Sat √ľbertragen.

Jonas Kaufmann, credit: Osterfestspiele Salzburg, Foto: Andreas Hirsch

13 Bilder, hier: Jonas Kaufmann, credit: Osterfestspiele Salzburg, Foto: Andreas Hirsch

 

Karin Jacobs-Zander

Author: Karin Jacobs-Zander

Karin Jacobs-Zander, Dramaturgin und Autorin der B√ľcher „Lebenslotsen“ und „Wo M√ľnchen am sch√∂nsten ist“ aus dem Ellert & Richter Verlag, lebt in M√ľnchen als freie Journalistin

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