Die Physiker von Dürrenmatt am Deutschen Theater Berlin

Die Physiker - Deutsches Theater Berlin - ph: Eike Walkenhorst

Die Physiker von Dürrenmatt am Deutschen Theater Berlin

 

Von Holger Jacobs

11.02.2026

Eine starke Geschichte mit großartigen visuellen Effekten, aber schwacher Inszenierung

Fast alle von uns (zumindest die aus der „Boomer“-Generation) haben das Theaterstück „Die Physiker“ von Friedrich Dürrenmatt in der Schule durchgenommen.
Dieses 1961 veröffentlichte Drama des genialen Schweizer Schriftstellers war in den 60er und 70er Jahren hochaktuell.

Friedrich Dürrenmatt, 1959 -CC-Wikimedia

Denn es stellt die Frage, ob die Wissenschaft auch Dinge erfinden darf, die die Menschheit möglicherweise selbst vernichtet.
Womit damals in der Nachkriegszeit natürlich der Bau der Atombombe gemeint war, durch deren Einsatz in Hiroshima und Nagasaki am Ende des 2. Weltkriegs an die 200.000 Menschen auf einen Schlag getötet wurden.
Und die Wahrscheinlichkeit eines 3. Weltkrieges, bei der beide Weltmächte durch den Einsatz von Atombomben die gesamte Erde verwüsten könnten.

Atompilz Hiroshima 1945 -CC-Wikimedia

Bis dahin waren alle Erfindungen zum Wohle der Menschheit gedacht, wie die Nutzungsmachung der Elektrizität, um das Dunkel der Nacht zu erleuchten (THOMAS EDISON), die Möglichkeit der Impfung gegen die schlimmsten Krankheiten (EDWARD JENNER, LOUIS PASTEUR) und die Erfindung der Dampfmaschine (THOMAS NEWCOMEN), mit der die menschliche Kraft durch Maschinen ersetzt werden konnte.

Als aber 1938 OTTO HAHN und FRITZ STRASSMANN die Kernspaltung erfanden, bei dem sie Uran mit Neutronen bestrahlten, veröffentlicht in der Zeitschrift Die Naturwissenschaften am 6. Januar 1939 und kurz darauf in Nature am 11. Februar 1939, wurde die Büchse der Pandora geöffnet.

Otto Hahn, 1938 -CC-Wikimedia Commons

LISE MEITNER, ebenfalls berühmte Physikerin und als Jüdin vor den Nazis nach Schweden geflohen, errechnete aus der Kernspaltung von OTTO HAHN die enorme Energiemenge von 200 Elektronenvolt, das zig-fache einer konventionellen Bombe mit Dynamit.

Lise Meitner, 1940 -CC- Wikimedia Commons

Auch ALBERT EINSTEIN (vor den Nazis in die USA emigriert) und der Physiker LEO SZILARD erkannten die Gefährlichkeit einer solchen Bombe.
Wer diese Bombe als erster besaß, der würde den Krieg gewinnen.

Albert Einstein, 1921, -CC-Wikimedia

So schrieben beide am 2. August 1939 einen Brief an US-Präsident FRANKLIN ROOSVELT, indem sie davor warnten, dass Deutschland eventuell eine solche Bombe zuerst bauen könnte.

Letter from Einstein to Roosevelt, 1939 -CC-Wikimedia

Als am 1. September 1939 der Krieg in Europa ausbrach erkannte ROOSVELT die Gefahr und startete das „Manhattan“-Projekt zum Bau einer amerikanischen Atombombe.

„Little Boy“, Atombombe, 1945 -CC-Wikimedia

Am 16. Juli 1945 wurde in New Mexico die weltweit erste Atombombe gezündet.

FRIEDRICH DÜRRENMATT stellte mit diesem Theaterstück die Frage nach der Ethik der Wissenschaft.
Darf man alles erfinden, was der Geist sich ausdenkt, auch wenn es der Menschheit schadet, statt hilft?
„Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden“

Handlung

In einem Sanatorium für Geisteskranke findet ein Mord statt.
Ein Patient hat seine Pflegerin erdrosselt.

„Die Physiker“, Deutsches Theater, ph: Eike Walkenhorst

Der zuständige Inspektor Voß (JONAS HIEN) kommt vorbei und will den möglichen Täter, den Physiker Ernesti (CARMEN STEINERT), verhören, wird aber von der Oberschwester Marta (ALEXEJ LOCHMANN) zurückgewiesen, da der Täter schwer geistesgestört sei, sich für Albert Einstein hielte und deshalb unzurechnungsfähig sei. Er müsse sich jetzt erst einmal erholen.
Wie sich aber herausstellt, war schon drei Monate zuvor ein Mord begangen worden.
Auf dieselbe Weise.

Mareike Beykirch, „Die Physiker“, Deutsches Theater, ph: Eike Walkenhorst

Auch damals hatte ein Patient, ebenfalls Physiker aus derselben geschlossenen Abteilung, seine Pflegerin erdrosselt.
Es handelte sich um den Patienten Beutler (MAREIKE BEYKIRCH), der sich für Isaac Newton hält.
Und auch damals schon musste der Inspektor wegen des Geisteszustandes des Patienten wieder unverrichteter Dinge abziehen.
Bei einem Gespräch mit der Anstaltsleiterin Frau Dr. von Zahnd (ULRICH MATTHES) wird der Inspektor noch mehr gedemütigt.

Ulrich Matthes, „Die Physiker“, Deutsches Theater, ph: Eike Walkenhorst

Eines Tages kommt Lina Rose (MAREIKE BEYKIRCH) mit ihren drei Kindern vorbei.
Sie ist die frühere Frau des dritten Patienten in dieser Abteilung, Johann Willhelm Möbius (ANJA SCHNEIDER).
Dieser hält sich zwar nicht für jemanden anderes, aber glaubt, dass sein Leben von König Salomo bestimmt sei.
Kurz darauf erdrosselt auch Möbius seine Pflegerin.

Anja Schneider, „Die Physiker“, Deutsches Theater, ph: Eike Walkenhorst

Dann stellt sich heraus, dass alle drei völlig normal sind, aber sich aus ganz unterschiedlichen Gründen hier haben einweisen lassen.
Möbius hatte die sogenannte Weltformel erfunden (diese hatte auch der echte Einstein zu seinen Lebzeichen versucht zu finden, allerdings vergeblich), mit der die ganze Welt vernichtet werden könnte.
Damit sie keiner bekommt, hat er sich für verrückt erklären lassen.

Die beiden anderen Patienten sind ebenfalls nicht geisteskrank, sondern Spione aus Ost und West (Kalter Krieg!), die die Weltformel von Möbius stehlen wollen.
Dieser hatte die Unterlagen dazu aber schon vor einiger Zeit verbrannt.
Am Schluss wird bekannt, dass die Anstaltsleiterin ZAHND die Unterlagen vor ihrer Vernichtung kopiert hat und nun an den Meistbietenden verkaufen möchte. Und es zeigt sich, dass letztlich sie selbst die einzig wahre Verrückte in diesem Sanatorium ist.

Kritik

Kaum, dass der Vorhang sich öffnet, erscheint eine riesige weiße Leinwand, vor der der Inspektor Voß und die Oberschwester Marta stehen und über den gerade begangenen Mord diskutieren.
Ein starker Scheinwerfer lässt Ihre Schatten überdimensional auf die Leinwand strahlen.

„Die Physiker“, Deutsches Theater, ph: Eike Walkenhorst

Durch eine geschickte Projektion schreiten weitere Schatten durch das Bild, auch ohne das die dazugehörigen Menschen zu sehen sind.
Dieses Bühnenbild (PETER BAUR) ist auf jeden Fall ein echter Hingucker!
Tolle Idee, toll umgesetzt.
Nur leider nutzt sich der Effekt bald ab.
Und längt so manches Mal von der eigentlichen Handlung ab.
Denn bei der Personenregie war Regisseur BASTIAN KRAFT auf die Idee gekommen, die männlichen Parts mit weiblichen Schauspielerinnen zu besetzen (die drei Physiker) und die weiblichen Rollen mit Männern (die Pflegerinnen und die Anstaltsleiterin).
Leider ist die Wirkung nicht überzeugend.

Carmen Steinert, „Die Physiker“, Deutsches Theater, ph: Eike Walkenhorst

Die Pflegerinnen sehen wie Transvestiten aus und die Physiker wie Maskierte im Karneval.
Auch fehlt es den weiblichen Darstellern der Physiker an Strahlkraft und Überzeugung.

„Die Physiker“, Deutsches Theater, ph: Eike Walkenhorst

Hier hätte deutlich mehr echtes Drama über die Bühne kommen müssen.
So sieht es mehr wie der Auftritt in einem Jugendtheater aus, zumal die Schauspielerinnen auch alle noch sehr jung sind, was wiederum nicht zu gestandenen Physikern passt.

„Die Physiker“, Deutsches Theater, ph: Eike Walkenhorst

Einzig ULRICH MATTHES als Anstaltsleiterin kann überzeugen.
Immer wenn er aufritt ist Spannung garantiert.

„Die Physiker“, Deutsches Theater, ph: Eike Walkenhorst

Vor 12 Jahren hatte Regisseur BASTIAN KRAFT übrigens schon mal einen Dürrenmatt mit ULRICH MATTHES inszeniert: „Der Besuch der alten Dame“.
Hier mein Video von 2014:

Video „Besuch der alten Dame“, April 2014 © Holger Jacobs

Fazit: Optisch attraktive, aber inhaltlich schwache Inszenierung.
Auf Grund des immer noch aktuellen Themas aber durchaus empfehlenswert.

„Die Physiker“ von Friedrich Dürrenmatt
Premiere am 24.05.2026
Deutsches Theater Berlin
Regie: Bastian Kraft, Bühne: Peter Baur, Kostüme: Jelena Miletic, Video: Jonas Link
Mit: Ulrich Matthes (Frl. Zahnd), Anja Schneider (Möbius), Carmen Steinart (Ernesti – genannt Einstein), Mareike Beykirch (Beutler – genannt Newton, Frau Rose), Jonas Hien (Inspektor Voss), Alexej Lochmann (Oberschwester Marta, Pfleger Sievers)), Caner Sunar (Krankenschwester Monika, Pfleger McArthur)

„Die Physiker“, Deutsches Theater, ph: Eike Walkenhorst

 

Author: Holger Jacobs

Founder & Editorial Director of kultur24.berlin ug.
Founder & Editorial Director of kultur24 TV on Youtube.
Former correspondent for fashion in Paris.
Photographer, writer and videographer.

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