Ausstellung SEX NOW im NRW Forum in Düsseldorf
Von Holger Jacobs
11.04.2026
Wertung: 🙂 🙂 🙂 🙂 (vier von fünf)
Eine Ausstellung über das wichtigste Thema der Menschheit
Mit der Sexualität ist das so eine Sache.
Jeder weiß, dass wir ohne sie gar nicht existieren würden, aber gleichzeitig gibt es so eine schamhafte Zurückhaltung, wenn es darüber zu einem Gespräch kommt.
Keiner würde bei einer Diskussionsrunde über dieses Thema einfach „ich bin geil, ich habe Lust“ sagen oder zu seinem Sitznachbarn „Darf ich Dich ficken?“.
So bleibt man bei „Er hat mit Ihr geschlafen“ oder „Die beiden sind miteinander ins Bett gegangen“ oder „sie haben ein Date“.
Davon kommen dann auch so unsinnige Ausrücke wie „Beischlaf“ oder „er ist ihr zugegangen“ und ähnlicher Mist.
Wie unsere Vorfahren zu Zeiten des Homo Sapiens und des Neanderthalers mit diesem Thema umgegangen sind wissen wir nicht.
Ob sie sich wie unsere nahen Verwandten die Affen einfach den ihr Nächststehenden nahmen und mit ihm Geschlechtsverkehr hatten wissen wir auch nicht.
Aber zumindest ist ihre Reproduktion größer gewesen, als ihre Sterblichkeitsrate – sonst, wie schon oben erwähnt – gäbe es uns gar nicht.

Dream of fisherman’s wife, Hokusai, 1814, „Sex Now“ exhibition, NRW Forum Düsseldorf, ph: Holger Jacobs
Die Ausstellung „Sex Now“ wurde vom ehemaligen Direktor des NRW Forums, ALAIN BIEBER (verließ das Museum im Herbst 2025) und JUDITH WINTERHAGER kuratiert.
Nach ihrer Aussage wollten sie viele Aspekte, die zu diesem Themenkomplex gehören, zusammenführen.
Von der Schamhaftigkeit der 50er Jahre, über die sexuelle Revolution der 60er und 70er Jahre bis zum Zustand im 21. Jahrhundert.
Somit wird eine Chronologie der Sexualität aufgezeigt, die immer auch einhergeht mit den politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen einer jeweiligen Epoche.
Ich selbst bin in den 70er und 80er Jahren – wie man heute so schön sagt – sozialisiert, bzw. in dem Fall sexualisiert worden.
Mein erstes erotisches Erlebnis hatte ich, als ich im Internat einem Mädchen beim Hochgehen der Treppen unter den (damals schon sehr kurzen) Rock schaute.
Das würde heute wohl schon im Sinne von Stalking als strafbare Handlung bezeichnet werden.
Was ich von damals in Erinnerung habe ist eine große Lust auf die Lust – von Jungen und Mädchen!
Die Jungs steckten sich in hautenge Jeans, damit man auch möglichst viel von ihrer Männlichkeit sehen konnte und die Mädels, wie schon oben erwähnt, in immer kürzeren Röcke, um möglichst viel Bein zu zeigen – oder sogar noch mehr.
Ich kann mich sogar daran erinnern, wie ein Mädchen eine lange Kette um ihren Hals trug, deren Anhänger beim Sitzen dann direkt auf/ über ihrem Schoss baumelte – ratet Mal, wo wir Jungs alle hinguckten…
Das aus heutiger Sicht Erstaunliche war, dass es die jungen Frauen selber waren, die so viel Bein wie möglich zeigen wollten, um die Blicke der Jungs auf sich zu ziehen.
Es gab regelrechte Kämpfe mit den Mentorinnen, wie viele Zentimeter der Rock über dem Knie enden musste.
Heute würde das wohl keine Frau mehr öffentlich zugeben, dass sie sich gerne sexy anzieht, damit die Männer auf sie aufmerksam werden.
Wozu auch die Diskussionen gehören, wie peinlich es den Frauen angeblich wäre, wenn die Männer ihnen beim Vorbeigehen auf den Hintern gucken.
Na ja, moralische Werte schwanken über die Jahrzehnte wie die Bäume im Wind.
Mal geht es in die eine Richtung – mit Lust auf die Liebe und entsprechender Freizügigkeit in Kleidung und Aussehen – mal geht es wieder in die andere Richtung – mit Züchtigkeit, christlicher Enthaltsamkeit und verteufelter Nacktheit.
Wer also in den 70er Jahren nach Hippies und Woodstock-Festival dachte, die sexuelle Freiheit würde nun immer so weiter gehen, der hatte sich gewaltig geirrt.
Mit den Politikern HELMUT KOHL in Deutschland („geistig moralische Erneuerung“), MARGARET THACHTER in Großbritannien und RONALD REAGAN in den USA kam der Konservatismus mit Paukenschlag zurück.
Und davon hat sich die Gesellschaft bis heute nicht erholt.
Im Gegenteil: mit dem Aufkommen von rechtsextremistischen Parteien, wie der AFD in Deutschland, der Front National in Frankreich und den Republikanern mit DONALD TRUMP in den USA, wird alles noch viel schlimmer.
Einziger Rückzugsort bleibt da für viele nur noch das Internet mit seinen zahllosen Porno-Kanälen, so dass viele Menschen gar nicht mehr am Samstagabend ausgehen (der Film „Saturday Night Fever“ von 1976 erscheint hier wie ein Relikt aus vergangener Zeit), sondern lieber vor ihrem Screen hocken und dort nach Befriedigung suchen.
Mit Liebe, Zärtlichkeit und Intimität hat das natürlich nichts mehr zu tun.
Die Ausstellung
Die Kuratoren ALAIN BIEBER und JUDITH WINTERHAGER teilten die 1200 qm große Ausstellung in 10 Themenbereiche:
1. Sex Positiv
2. Fluffy Library
3. Untenrum
4. Killing me Softly
5. #MeToo
6. Porn Yes
7. Kinky
8. Sexual Wellness
9. Eroticissima
10. Futuresex
In diesen 10 verschieden Bereichen werden Anhand von Fotografien, Objekten, Videos und Literatur die einzelnen Themen behandelt.
Von der sexuellen Selbstbestimmung der 70er Jahre in SEX POSITIV, über eine Plüschlandschaft für feministischer Literatur in FLUFFY LIBRARY, das (Auf-) zeigen von Geschlechtsteilen und dem dazugehörigen Haarbewuchs in UNTENRUM, über sexualisierte Gewalt, die von Männern wie HARVEY WEINSTEIN ausgingen (die Epstein Files kommen hier nicht vor) in #METOO, das Aufbrechen von stereotypischem Rollenverhalten in Pornofilmen in POR YES, Lack, Leder und SM-Themen, einschließlich männlicher Homosexualität, in KINKY, Sex-Spielzeuge und jede Form von Selbstbefriedigung in SEXUAL WELLNESS und schließlich virtuelle Sexualität im Metaverse in EROTICISSIMA.
Das erscheint enorm viel, ist es aber gar nicht.
Man geht doch relativ schnell durch die Räume, wobei das eine oder andere Thema sowieso schneller durchschritten wird, weil man sich davon nicht angesprochen fühlt.
Interessant ist noch zu erwähnen, dass das Herrenmagazin PLAYBOY hier als Hauptsponsor fungierte und selbst bei der Objektwahl mitwirkte.
Der Playboy war ab den 5oer Jahren (ab 1972 auch in Deutschland) , genauso wie später in den 70er Jahren die Zeitschrift TWEN, aber auch die Zeitschrift BRAVO, für viele Jungs (und auch für Mädchen bei Dr. Sommer in der BRAVO) eine Möglichkeit der Aufklärung, die sie zu Hause nicht bekamen.
Filme, wie die Reihe „Der Schulmädchen Report“, waren dagegen reine Fleischbeschau auf niedrigstem Niveau und keine Aufklärung.
Fazit: Gute Idee mit vielleicht zu vielen Themen gleichzeitig.
Etwas weniger Themen mit jeweils tiefergehender Analysen wäre u.U. besser gewesen.
Trotzdem ein großes Bravo, allein schon für den Mut dieses Thema gewählt zu haben.
Sex Now
NRW FORUM Düsseldorf
Ehrenhof 2
05.09.2025 – 03.05.2026
Di – So 11 – 18 Uhr
Hier noch weitere Objekte aus der Ausstellung in meiner Bildergalerie:
English text
Exhibition SEX NOW at the NRW Forum in Düsseldorf
By Holger Jacobs
Rating: 🙂 🙂 🙂 🙂 (four of five)
An exhibition about the most important topic of humanity
Sexuality is a tricky thing:
Everyone knows that we wouldn’t exist without it, but at the same time, there’s a kind of shameful reticence when it comes up in conversation.
No one would simply say „I’m horny, I’m in the mood“ during a discussion on this topic, or ask their neighbor, „Can I fuck you?“
So, we stick to phrases like „He slept with her,“ „They went to bed together,“ or „They’re on a date.“ This leads to stupid expressions like „intercourse“ or „he approached her,“ and more of this nonsense.
We don’t know how our ancestors, in the time of Homo sapiens and Neanderthals, dealt with this topic.
Whether they, like our close relatives the apes, simply took the nearest person and had sexual intercourse with him (or her), we don’t know.
But at least their reproduction rate was higher than their mortality rate – otherwise, as mentioned above, we wouldn’t exist at all.

Dream of fisherman’s wife, Hokusai, 1814, „Sex Now“ exhibition, NRW Forum Düsseldorf, ph: Holger Jacobs
The exhibition “Sex Now” was curated by the former director of the NRW Forum, Alain Bieber (who left the museum in autumn 2025), and Judith Winterhager.
According to them, they wanted to bring together many aspects related to this complex topic.
From the prudishness of the 1950s, through the sexual revolution of the 1960s and 70s, to the state of affairs in the 21st century. Thus, a chronology of sexuality is presented, which is always intertwined with the political and social upheavals of each era.
I myself was socialized (as we say today) —or in this case, sexualized—in the 1970s and 80s.
My first erotic experience was when I glanced up a girl’s (already very short) skirt as she was going up the stairs at my boarding school.
Today, that would probably be considered a criminal offense, in the sense of stalking.
What I remember from back then is a great lust—for lust—among both boys and girls!
The boys squeezed themselves into skin-tight jeans so that as much of their masculinity as possible was on display, and the girls, as mentioned above, wore increasingly shorter skirts to show as much leg as possible.
I can even remember one girl wearing a long necklace whose pendant dangled right above her lap when she sat down—guess where all of us boys were looking…
What’s astonishing from today’s perspective was that it were the young women themselves who wanted to show as much leg as possible to attract the boys‘ attention.
There were actual battles with the mentors over how many centimeters the skirt should end above the knee.
Today, no woman would publicly admit that she likes to dress sexily to attract men’s attention.
This also includes the discussions about how embarrassing it supposedly is for women when men look at their behinds as they walk by.
Well, moral values fluctuate over the decades like trees in the wind.
Sometimes they go in one direction—with a desire for love and corresponding freedom in clothing and appearance—and sometimes in the other—with chastity, Christian abstinence, and demonized nudity.
So anyone who thought in the 70s, after hippies and the Woodstock festival, that sexual freedom would continue indefinitely was sorely mistaken.
With politicians like Helmut Kohl in Germany (“spiritual and moral renewal”), Margaret Thachter in Great Britain, and Ronald Reagan in the USA, conservatism made a dramatic comeback.
And the society did not recover until now.
On the contrary: with the rise of far-right parties like the AfD in Germany, the National Front in France, and the Republicans with Donald Trump in the USA, things are getting much worse.
For many, the only refuge left is the internet with its countless porn channels, so many no longer go out on Saturday nights (the 1976 film “Saturday Night Fever” seems like a relic from a bygone era), but prefer to sit in front of their screens and seek gratification there.
Of course, this has nothing to do with love, tenderness, or intimacy.
The Exhibition
Curators Alain Bieber and Judith Winterhager divided the 1200 sq m exhibition into 10 thematic sections:
1. Sex Positive
2. Fluffy Library
3. Down There
4. Killing Me Softly
5. #MeToo
6. Porn Yes
7. Kinky
8. Sexual Wellness
9. Eroticissima
10. Futuresex
These 10 different sections explore the individual themes using photographs, objects, videos, and literature.
From the sexual self-determination of the 1970s in SEX POSITIVE, to a plush landscape for feminist literature in FLUFFY LIBRARY, the (display of) genitals and their associated pubic hair in DOWN THERE, to sexualized violence perpetrated by men like Harvey Weinstein (the Epstein Files are not mentioned here) in #METOO, the breaking down of stereotypical role behavior in porn films in POR YES, latex, leather, and SM themes, including male homosexuality, in KINKY, sex toys and every form of masturbation in SEXUAL WELLNESS, and finally, virtual sexuality in the metaverse in EROTICISSIMA.
That seems like a lot, but it really isn’t.
You move through the rooms relatively quickly, although you might skip over some topics because they don’t resonate with you.
It’s also interesting to mention that the men’s magazine PLAYBOY acted as the main sponsor and even participated in the selection of the exhibits. From the 1950s onwards (also in Germany from 1972 onwards),
Playboy, just like the magazine TWEN later in the 1970s, but also the magazine BRAVO, was a way for many boys (and also for girls with Dr. Sommer in BRAVO) to get sex education that they didn’t get at home.
Movies like the „Schoolgirl Report“ series, on the other hand, were pure objectification at the lowest level and offered no educational value.
Conclusion: A good idea, perhaps with too many topics tackled at once. A few less topics, each analyzed in greater depth, might have been better.
Nevertheless, a big bravo, if only for the courage to choose this topic.
Sex Now
NRW FORUM Düsseldorf
Ehrenhof 2
September 5, 2025 – May 3, 2026
Tue – Sun 11 am – 6 pm
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Author: Holger Jacobs
Founder & Editorial Director of kultur24.berlin ug.
Founder & Editorial Director of kultur24 TV on Youtube.
Former correspondent for fashion in Paris.
Photographer, writer and videographer.





























