Entartete Kunst – Der Fall Cornelius Gurlitt

"Entartete Kunst - Der Fall Cornelius Gurlitt © Holger Jacobs

Entartete Kunst – Der Fall Cornelius Gurlitt

am Renaissance Theater Berlin

Wertung: 🙂 🙂 🙂   (drei von fünf)

Von Holger Jacobs

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6.10.2015

Liebe Kulturfreunde,

 

Intro:

Ähnlich wie bei dem Stück „Terror“ von Ferdinand von Schirach spielt die Vorgeschichte zum Text eine entscheidende Rolle. Wir alle können uns noch an den spektakulären Kunstfund in der Schwabinger Wohnung des Kunsthändlers Cornelius Gurlitt 2012 erinnern. Über 1000 Werke von unschätzbarem Wert wurden allein in dieser 3-Zimmer-Wohnung gefunden, von Picassos, Matisse, Chagall über Beckmann, Kirchner bis Franz Marc, Otto Dix und vielen anderen namhaften Künstlern. Wenige Wochen später wurden noch einmal 238 Arbeiten in einem Salzburger Anwesen von Gurlitt gefunden. Allein der Wert dieser Sammlung wäre eine Schlagzeile gewesen. Jedoch stellte sich heraus, dass die Arbeiten alle vom Vater von Cornelius Gurlitt stammen, Hildebrand Gurlitt. Dieser wiederum war einer der von den Nazis beauftragten Kunsthändlern, die die von Hitlers Schergen enteigneten und von jüdischen Besitzern geraubten Kunstgegenstände auf internationalen Kunstmärkten verkaufen sollten, um daraus Geld zu machen.

380 Werke wurden als die von den Nazis als „entartet“ bezeichneten Arbeiten erkannt, 590 wurden als Raubkunst klassifiziert, also Kunstwerke, die jüdischen Besitzern entwendet oder bei militärischen Eroberungen in anderen Ländern geraubt wurden. Ca. 300 Arbeiten rechnete man der Sammlung zu, die der Vater Gurlitt, schon vor 1933 besaß.

Cornelius Gurlitt war im September 2010 im Zug von Zürich nach München vom deutschen Zoll kontrolliert worden. Zu dieser Zeit war gerade die Steuerfluchtdebatte in den Medien besonders aktuell, hatten doch mehrere Mitarbeiter von Schweizer Banken den deutschen Steuerbehörden CD’s mit verdächtigen Konten zugespielt. Als Herr Gurlitt im Zug behauptete kein Bargeld bei sich zu haben, wurde er von den Beamten gefilzt und 9000.- Euro gefunden. Bis zu 10.000 Euro darf man zwar über die Grenze bringen. Doch durch sein Verhalten hatte er sich verdächtig gemacht, worauf die Steuerbehörde auf ihn aufmerksam wurde. Bei weiteren Recherchen stellte man fest, dass er an der angegeben Adresse in München-Schwabing nicht gemeldet war, er kein Bankkonto, keine Steuernummer und keine Kranken-oder Sozialversicherung besaß. Und Steuern hatte er auch noch nie gezahlt. Trotzdem wohnte er in einer teuren Wohnung in Münchens Top-Wohnlage. Die Staatsanwaltschaft in Augsburg ( zuständig für alle großen Steuer-und Schmiergeldaffären in Deutschland) stellte einen Durchsuchungsbefehl aus, der am 12. Februar 2012 vollstreckt wurde. Dabei entdeckten die Beamten 1280 Kunstwerke. Sie wurden beschlagnahmt. Doch erst 1 1/2 Jahr später kam die Sache durch einen Artikel des Focus Magazins im November 2013 an die Öffentlichkeit, welches eine weltweite Aufmerksamkeit auf den Fall mit sich brachte. Das Brisante dabei: Höchstwahrscheinlich war das Vorgehen der Staatsanwaltschaft in Augsburg rechtswidrig, denn Cornelius Gurlitt hat sich keines Vergehens schuld gemacht. Und auch die gesamte Anzahl der Bilder hatte er geerbt, also rechtmäßig erworben.

 

Das gesamte und sehr umfassende Thema der gestohlenen Kunst im 2. Weltkrieg und die enteigneten Arbeiten, die von den Nazis als entartet bezeichnet und zum großen Teil vernichtet wurden, ist äußerst kompliziert. Zunächst erließen die Nazis am 31. Mai 1938 das „Gesetz über die Einziehung von Erzeugnissen entarteter Kunst“, welches ihre Taten quasi legitimierte. Und dieses Gesetzt ist bis heute nicht aufgehoben. Die ca. 20.000 Werke, die dabei enteignet wurden, stammten überwiegend aus öffentlichen Museen, so dass hier keine Privatperson zu Schaden kam. Die Entnahme aus den Ateliers der Künstler deckt sozusagen dass noch existierende Gesetz. Zusätzlich kommt hier noch die Verjährung von 30 Jahren zum Tragen. Von den 20.000 Arbeiten wurde ca. die Hälfte zerstört, 1500 – 2000 wurden über Händler in die ganze Welt verkauft und der Rest gilt als verschollen.

Bei der Raubkunst gab es ein vom Alliierten Militärgericht 1949 erlassenes Gesetzt, dass Kunstgegenstände nicht restituiert werden müssten (wahrscheinlich hatten sie selber bei ihren Eroberungen viel Kunst eingesammelt, welches sie nicht mehr zurückgeben wollten). Also gibt es nur moralische Verpflichtungen, hier zumindest Entschädigungen zu leisten. So hatte Gurlitt selber bei einem Verkauf eines Bildes von Max Beckmann im Auktionshaus Lempertz 2011 sich mit den jüdischen Erben auf einen Vergleich geeinigt.

Also hätte nie jemand Cornelius Gurrlitt seine Bildersammlung wegnehmen dürfen? Die Frage bleibt letztlich unbeantwortet, da Gurlitt am 6. Mai 2014 verstarb. Er vermachte seine gesamte Sammlung an das Kunsthaus Bern. Ob diese das Erbe antreten will ist noch nicht geklärt. Bisher sind immer noch alle Arbeiten beschlagnahmt. 2014 wurde eine 6-köpfige Expertengruppe zusammengestellt, die die Herkunft der Bilder herausfinden will. Ergebnis offen.

 

Handlung und Inszenierung:

Am Anfang sieht man Cornelius Gurlitt (Udo Samel) unter einer großen Plane hervorkommen. Er spielt mit einer elektrischen Eisenbahn. Plötzlich klingelt es an der Tür und die Steuerfahnder Karl Friedrich (Boris Aljinovic) und Lise Schmidt (Anika Mauer) kommen herein und beginnen Gurlitt auszufragen. Vergeblich wehrt er sich etwas Unrechtes getan zu haben. Seine Bilder wären seine Kinder und die einzigen „Wesen“, die ihn in seinem Leben begleiten.

Im zweiten Teil sieht man, wie Männer alle Bilder einsammeln und wegschaffen. Noch immer kommen bohrende Fragen der Steuerbeamten. Einmal kommt ein Kunsthändler vorbei, der noch eines der letzten zurückgebliebenen Bilder kauft. Allein, ohne seine geliebten Bilder, stirbt Gurlitt. Im Epilog sieht man ihn noch einmal mit seinen schönsten Werken, die auf einer Leinwand an ihm vorbeiziehen.

Das Stück versucht die letzten Monate im Leben von Cornelius Gurlitt nachzuvollziehen und lenkt dabei ganz die Aufmerksamkeit auf die Steuerfahndung und das Abholen der Bilder. Vielleicht etwas wenig, wenn man bedenkt, was alles hinter dem Fall steckt. Zusätzlich wirkt auch die Person des Gurlitt befremdend. Sie wird von einem ziemlich wohlbeleibtem Udo Samel gespielt, der zusätzlich noch mit derben Sprüchen und unflätigen Bemerkungen daherkommt und ständig von „fuppen“ redet, was wohl „ficken“ heißen soll. Leider völlig anders, als der wirkliche Gurlitt, der extrem schüchtern und zurückhaltend und auch in Liebesdingen sicher kein Held war. Also wirkt das doch etwas peinlich. Aber der Autor Ronald Harwood wollte die Figur wohl so abstoßend wie möglich darstellen. Im Verlauf der Handlung überwiegt aber die Schwermut und Traurigkeit, die Gurlitt befällt, als ihm seine Bilder und damit auch sein Leben genommen werden. Letztlich ein trauriges Ende für einen traurigen Mann, der sich bis zuletzt als Opfer sieht.

 

„Entartete Kunst – Der Fall Gurlitt“
Regie: Torsten Fischer
Ausstattung: Herbert Schäfer, Vasilis Triantafillopoulos
Dramaturgie: Gundula Reinig
Renaissance Theater
Knesebeckstr. 100
10623 Berlin
Nächste Vorstellungen am 10. Und 11. Oktober 2015

 

Cornelius Gurlitt (Udo Samel, Der Fall Gurlitt © Holger Jacobs

25 Bilder: Cornelius Gurlitt (Udo Samel, Der Fall Gurlitt © Holger Jacobs

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Founder & Editorial Director of kultur24.berlin ug.
Founder & Editorial Director of kultur24 TV on Youtube.
Former correspondent for fashion in Paris.
Photographer, writer and filmmaker.

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