Tartuffe open air im Deutschen Theater

Tartuffe-Deutsches Theater-Linn Reusse-Felix Goeser, Photo: Andreas Wilcke

Tartuffe open air im Deutschen Theater

 

Von Holger Jacobs

24.05.2021

Endlich Theater wieder „live“ erleben!

Wie schon im Jahr zuvor hat das Deutsche Theater Berlin seinen Hof dazu genutzt unter freiem Himmel einzelne Stücke dem theaterhungrigen Publikum zu präsentieren. War es im letzten Jahr noch das Ein-Personen-Drama „DIE PEST“ nach Albert Camus mit dem aus Mazedonien stammenden Schauspieler Bozidar Kocevski, steht jetzt ein Ensemble von acht Darstellern auf der Bühne.

Was sage ich: „Bühne“?

Es ist vielmehr ein aus dem Deutschen Theater herausragender Vorbau. Intendant Ulrich Khuon hatte in der Corona-bedingten spielfreien Zeit die breite Treppe zum Haupteingang des Theaters auf ca. 10 Meter vergrößern lassen und somit eine kleine, neue open air Bühne geschaffen.

Das passt vortrefflich, da die Schauspieler jetzt einfach von hinten durch das große Portal auftreten können und sich dort auch notfalls im Inneren umziehen können. Selbst wenn es anfangen sollte zu regnen gibt es noch einen kleinen Schutz.

Der Durchgang zum Foyer wird auch gleich am Anfang genutzt, wenn Madame Pernelle (Regine Zimmermann), Mutter des Hausherren Orgon (Felix Goeser), direkt aus dem Haus mit einem Fahrrad auf die Bühne fährt.

Molières Stücke sind fast immer Komödien, und so soll natürlich auch diese Inszenierung die Lachmuskeln reizen.
Dies wird auch sofort versucht, indem gleich in der ersten Szene alle Beteiligten ihre Sätze ein Dutzend Mal wiederholen.
Oder die Sätze in geschickter Weise umformulieren und über deren Deutung dann in Streit geraten. Ist das lustig? Na ja, nicht so richtig.
Wie bei allen Witzen verliert sich bei zu häufiger Wiederholung die Wirkung.

Allerdings muss auch gesagt werden, dass es sich bei dieser Produktion nicht wirklich um Molières Original-Tartuffe handelt, sondern um ein von PeterLicht (der Autor will diese zusammengeschriebene Schreibweise) verfasstes Stück frei nach Molière mit Namen „Tartuffe oder das Schwein der Weisen“.

Wer meine Rezensionen kennt weiß, dass bei mir schon alle roten Lichter angehen, wenn die Theater-Titel „frei nach“ oder einfach nur „nach“ genannt werden. Denn von allen Inszenierungen, die ich bisher in meinem Leben gesehen habe, bei denen der Autor nur ein bekanntes Stück oder Namen nimmt, um letztlich sein eigenes Werk zu schreiben, gibt es ca. 95 % Reinfälle und vielleicht nur magere 5 % Prozent Erfolg.
Der einzige, dem meiner Meinung nach dieses Kunststück perfekt gelungen ist, war Simon Stone. Sein „John Gabriel Borkman“ frei nach Ibsen, am Akademietheater der Burg in Wien inszeniert, gesehen hier beim Theatertreffen 2016 in Berlin, war einfach brilliant!
Noch heute denke ich oft daran zurück.

Zurück zu unserem „Tartuffe“ open air am Deutschen Theater.
Die Handlung bei PeterLicht spielt sich im Großen und Ganzen wie bei Molière ab: Der Betrüger Tartuffe schleicht sich bei der reichen Familie des Orgon ein und alle werden von ihm manipuliert. Das Groteske bei PeterLichts Stück ist, dass der Tartuffe dies nicht durch überbordenden Charme erreicht, sondern durch unangenehmes Daneben-Benehmen. Seine Stimme ist ein einziges Schweine-Grunzen, sein Verhalten nicht viel anders.

Der Hausherr will ihm seinen gesamten Besitz übereignen und ihm sogar seine Tochter Mariane (Kotbong Yang) zur Frau geben.
Doch allmählich formiert sich Widerstand. Die Frau von Orgon, Elmire (Natali Seelig), die ständig von Tartuffe angemacht wird, versucht dies ihrem Mann beizubringen. Und auch die gescheite Kammerzofe Dorine (Linn Reusse) gibt dem Eindringlich Kontra.
Irgendwann begreift Orgon die Misere und kann gerade noch das Schlimmste verhindern.

Fazit:
Insgesamt eine gute schauspielerische Leistung des Ensembles, herausragend (wie schon bei der „Pest“) ist wieder einmal Bodizar Kocevski, hier als grunzender „Tartuffe“. Auch Felix Goeser als Orgon und Kotbong Yang als Mariane haben mir gut gefallen. Die gitarrenspielende Musikerin (Carolina Bigge) am Rande fand ich überflüssig.
Schöne Idee:
Während das Stück auf der Bühne schon voll im Gange ist, schauen Orgon und Tartuffe, deren Auftritte erst später kommen, aus den Fenstern des Deutschen Theaters auf die Zuschauer hinab (siehe Bilderserie). Und dazu zwitschern die Vögel im blauen Frühlingshimmel.

„Tartuffe oder Das Schwein der Weisen“ 
von PeterLicht, frei nach Molière
Regie: Jan Bosse, Bühne: Stéphane Laimé, Kostüme: Kathrin Plath, Musik, Komposition & Sounddesign: Carolina Bigge, Arno Kraehahn,
Licht: Marco Scherle, Dramaturgie: David Heiligers.
Mit: Božidar Kocevski (Tartuffe), Regine Zimmermann (Herr Frau Pernelle), Felix Goeser (Orgon), Natali Seelig (Elmire), Linn Reusse (Dorine), Tamer Tahan (Damis), Kotbong Yang (Mariane), Moritz Grove (Cléante), Carolina Bigge (Live-Musik)
Premiere war am 22. Mai 2021
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

Unsere Bilderserie mit 7 Fotos der Produktion:

„Tartuffe oder das Schwein der Weisen“, Deutsches Theater, Photo: Holger Jacobs

 

 

 

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Founder & Editorial Director of kultur24.berlin ug.
Founder & Editorial Director of kultur24 TV on Youtube.
Former correspondent for fashion in Paris.
Photographer, writer and filmmaker.

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