Tausendmal Berlin–Der Hamburger Bahnhof feiert 30. Geburtstag
Von Holger Jacobs
19.06.2026
Wertung: 🙂 🙂 🙂 🙂 (vier von fünf)
Das Museum für zeitgenössische Kunst in einem ehemaligen Bahnhof ist zu einer wichtigen Kunstinstitution in Berlin geworden
Das Schicksal, schon nach kurzer Zeit des Betriebes zu klein, oder besser gesagt zu kurz zu werden für die immer länger werdenden Züge, ereilte nicht nur den Hamburger Bahnhof in Berlin.
Auch das architektonische Meisterwerk in Paris, das Musée d‘ Orsay, erbaut im Jahre 1900 und schon wieder geschlossen 1939, hatte nur eine kurze Betriebszeit und blieb quasi ungenutzt bis endlich 1977 der damalige Präsident von Frankreich, VALERY GISCARD d‘ ESTAING beschloss, es zu einem Museum umzubauen.
Die Eröffnung durfte ich dann 1986 als Journalist selbst erleben.
Heute werden im Musée d‘ Orsay auf 16.000 qm über 4000 Exponate aus der Zeit des Impressionismus bis 1914 gezeigt.
Manet, Monet, Degas, Cezanne, Van Gogh – alles, was das Auge glücklich macht.
Besucherzahl im Jahr 2023: 3,8 Millionen.
Da kann der Hamburger Bahnhof natürlich nicht mithalten.
Aber im Jahr 2024 wurden immerhin 357.000 Besucher gezählt, was aber trotz der teilweise für das Publikum nicht so einfach zu verstehenden zeitgenössischen Kunst (z.B. die Berge aus Fett von Joseph Beuys) durchaus beachtlich ist.
Nachdem der Hamburger Bahnhof (1846 erbaut, für den Bahnbetrieb geschlossen 1884, danach Bau und Verkehrsmuseum und dann im 2. Weltkrieg stark beschädigt) mehr als 40 Jahre ein Dornröschen-Dasein fristete, wurde noch zu Mauerzeiten (der Bahnhof lag in unmittelbarer Nähe zur Zonengrenze, ganz knapp auf der Westseite) Mitte der 80er Jahre entschieden, ihn zum Kunstmuseum umzubauen.
Denn der bekannte Kunstsammler ERICH MARX hatte der Stadt Berlin angeboten, seine bedeutende Sammlung mit ca. 700 Werken aus der Zeit nach dem 2. Weltkrieg bis heute (mit Rauschenberg, Warhol, Twombly, Kiefer und Beuys alles dabei, was wichtig und teuer ist) dauerhaft zur Verfügung zu stellen.
Und dafür suchte man einen angemessenen Rahmen.
Gesagt – getan.
Die Eröffnung des Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart fand 1996 statt.
Im Jahr 2004 kamen dann noch einmal 1500 Werke zeitgenössischer Kunst (mit u.a. Werke von MARTIN KIPPENBERGER und IZA GENSKEN) aus der Sammlung des Großindustriellen FRIEDRICH CHRISTIAN FLICK hinzu, die in den angrenzenden Rieckhallen untergebracht wurden.
Mit der finanziellen Unterstützung der Freunde der Nationalgalerie e.V. (Gründungsmitglied war u.a. der bekannte Rechtsanwalt und Kunstliebhaber PETER RAUE) können jetzt immer wieder neue Werke lebender Künstler angekauft werden.
Als SAM BARDAOUIL und TILL FELLRATH im Jahre 2023 die Leitung des Hamburger Bahnhofs übernahmen, wollten sie neue Impulse für die Ausstellung der Sammlung setzen.
Zunächst wurde die sogenannte „Kleihues-Halle“ an der Ostflanke umgestaltet.
Der 80 Meter lange Anbau des Museums bekam verschiedene Abteilungen.
Das große „Mao“ Bild von Andy Warhol verschwand und musste weniger bekannten Künstlern weichen.
Geblieben ist nur die monumentale Installation „Das Kapital“ von JOSEPH BEUYS und dessen Basaltstehle, sowie ein großer Siebdruck von ANDY WARHOL, der das Portrait von Joseph Beuys zeigt.
Der wesentliche Teil der Umgestaltung passierte allerdings im Westflügel.
Hier werden jetzt seit 2023 auf zwei Etagen immer wieder neue Konstellationen der Sammlung gezeigt.
Mit Künstlern, die entweder in Berlin leben oder einen besonderen Bezug zur Stadt haben.
Am 13. Juni 2026 wurde jetzt die neue Ausstellung „Tausendmal Berlin“ eröffnet.
„Tausendmal Berlin“
Die jetzige Ausstellung mit dem Titel „Tausendmal Berlin“ knüpft an die ursprüngliche Idee mit Arbeiten von Berliner Künstlern an, erweitert sie aber mit neuer Aufgliederung und neuen Werken.
Die neuen Abschnitte heißen:
1. „Stadt im Wandel“
2. „Vernetzt mit der Welt“
3. „Gelebte Wirklichkeiten“
4. „Gelebte Geschichte“
Ob der Besucher die Themen dieser Abschnitte auch in den Werken wiederfindet ist eine andere Frage.
Ich habe den Eindruck, das dabei mehr ein rein intellektueller Rahmen gedacht wurde, als einen Bezug zu den Bildern herzustellen.
Oder was hat das Bild „The Artist Studio“ von ROY LICHTENSTEIN mit dem Titel „Stadt im Wandel“ zu tun?
Insgesamt sind 70 Werke von 50 Künstlern ausgestellt.
Laut Aussage der Kuratoren SAM BARDAOUIL und CHARLOTTE KAUB sind 70 % aller in dieser Ausstellung gezeigten Arbeiten neu, der Rest war auch schon in der bisherigen Ausstellung von 2023 zu sehen.
Auf alle gezeigten Werke hier einzugehen ist mir nicht möglich, aber ich möchte Euch gerne meine Favoriten vorstellen:
Meine Favoriten
Da wäre einmal der ROY LICHTENSTEIN mit seinem „The Artist Studio“ von 1989.
Er hatte Ende der 80er Jahre Berlin besucht, deshalb der Bezug zur Mauerstadt.
Die Idee Rauschenbergs mit Pünktchen die aus vielen kleinen „Drops“ bestehenden gedruckten Bilder darzustellen, ist immer noch verblüffend.
Sein zusätzliches Gespür für Bildgestaltung und Farbgebung machen seine Bilder zweifellos zu Meisterwerken.
Mein zweiter Favorit ist ROBERT RAUSCHENBERG, den ich immer schon besonders geliebt habe.
Zum ersten Mal auf der berühmten „Westkunst“ Ausstellung 1981 in Köln gesehen (Kurator Kasper König, Vater des Galeristen Johann König) mag ich den poetischen Aspekt in seinen Bildern, der immer Bezug nimmt auf sein eigenes Leben.
Hier in diesem Bild „German Stroll“ nimmt er Bezug auf seine Reise 1989 nach Berlin, indem er Fotografien, die er während dieser Reise machte, mit einbaute.
Weiterhin ist RAUSCHENBERGS Technik des „Combine Painting“ bemerkenswert.
Wie der Name schon sagt kombiniert RAUSCHENBERG verschiedene Materialien auf einer Leinwand, von Papier, Stoff bis zu Holz und ganze Gegenstände (in einem Bild von ihm ist sogar ein vollständiger Stuhl miteingebaut).
Dabei wissen viele gar nicht, dass diese Methode ursprünglich gar keine Marotte von ihm war, sondern eine Notwendigkeit, als er in jungen Jahren nicht genügend Geld für Leinwände hatte und deshalb auf alles malte, was gerade zur Verfügung stand.
Mein dritter Favorit ist natürlich ANSELM KIEFER, der in der Kunstwelt schon einen Legendenstatus hat.
Regisseur WIM WENDERS drehte 2023 den Dokumentarfilm „Anselm – Im Rauschen der Zeit“ über ihn, der im selben Jahr bei den Filmfestspielen in Cannes vorgestellt wurde.
Ähnlich wie bei MARKUS LÜPPERTZ ist für KIEFER die deutsche Geschichte, nachdrücklich die Zeit nach dem 2. Weltkrieg, Ausgangspunkt seines Schaffens.
Alles ist in Grau und Braun gehüllt, mit Metall und Blei versehen, tragen Kiefers Bilder die Last unserer Vergangenheit.
Immer wieder beeindruckend.
Der Hamburger Bahnhof zeigt ALSELM KIEFERS großformatige Bilder „Leviathan“ von 1989 und „Lilith am Roten Meer“ von 1990.
Schaut Euch die Bilder zunächst aus einiger Entfernung an (die Arbeiten sind jeweils ca. 5 Meter breit) und geht anschließend langsam immer näher.
Eine weitere Beschreibung ist dann nicht mehr nötig.
Die Kunst der jüngeren Generationen ist zwiespältig.
Natürlich auch hier viele große Namen, wie KATHARINA SIEVERDING mit „Deutschland wird deutscher“ von 1990.
Fotograf THOMAS STRUTH mit seiner Fotografie „Pergamon Altar“ von 2001.
Ein Paar, welches damals als Darsteller auf der Aufnahme von 2001 zu sehen ist, Werner Brunner und Monique Rival, kam zur Ausstellungseröffnung vorbei.
COSIMA VON BONIN mit der Installation/ Skulptur „Smoke“, welches sie 2008 zusammen mit dem damaligen Besitzer der Paris Bar, MICHEL WÜRTHLE, konzipiert hatte.
Und Cosima von Bonins Stoffbild „Und jetzt weiter im Text“ von 2008
TRACEY EMIN (eine der „Young British Artists“ aus den 80er Jahren) mit der Fotografie „I’ve Got It All“ aus dem Jahr 2000.
ANDREAS GURSKY mit der Fotografie „Singapore Stock Exchange“ von 1997.
NORBERT BISKY mit “Eclipse” von 2024.
Seine strahlenden Jungs und seine berauschenden Farben sind immer wieder ein Erlebnis.
MONICA BONVICINI mit der Skulptur “Fleurs du Mal“ von 2024 (Hommage an den Flaschentrockner von Marcel Duchamp).
Mit gläsernen „Cojones“ um die Eisenstangen.
Und die Spiegelarbeit „Your Long Nudity“ von 2026.
Die Idee ist wohl sich selbst nackt vor den Spiegel zu stellen…
Und natürlich das Künstlerpaar EVA & ADELE mit der Polaroid-Serie „CUM“ aus den Jahren 1991 bis 2025 über ihre gemeinsamen Auftritte an vielen Schauplätzen der Welt.
Als EVA (rechts im Bild) letztes Jahr starb endete auch die Serie.
Enttäuscht haben mich KATHARINA GROSSE mit einem kleinen gezackten Würfel aus ihrer großen Ausstellung von 2020 im Hamburger Bahnhof (kultur24 berichtete), der allerdings so klein ist, dass die Besucher eher darüber stolpern, als ihn als Kunstwerk wahrzunehmen.
KATHARINA GROSSES Arbeiten müssen groß und raumfüllend sein, sonst entfalten sie nicht ihre Wirkung.
Auch die Arbeit „Puzzled“ aus 2009 von MONA HATOUM, bestehend aus amorphen Spiegeln an einer Blechwand, sind in dieser Präsentation völlig bedeutungslos.
Wer nicht aufpasst geht glatt dran vorbei.
Und die kleinen schwarzen Tiere aus den 90er Jahren von ROSEMARIE TROCKEL, „Gewohnheitstiere“ genannt, die überall im Raum herumliegen, sind für mich absolut nichtssagend.
Da ist der großen deutschen Künstlerin in der Vergangenheit schon Besseres eingefallen.
So, liebe Leser, das ist mein Eindruck von dieser großen Ausstellung zum 30. Jubiläum.
Am ersten Wochenende vom 12. – 24. Juni 2026 gab es ein kostenloses „Open House“ mit Live-Musik und Würstchen-Ständen.
Am 13. – 15 November 2026 kommt dann die Abschlussfeier.
Viel Spaß bei Eurem nächsten Besuch im Hamburger Bahnhof!
PS. Das Bild hier unten zeigt die zurzeit ebenfalls stattfindende riesige Installation „We Make Years Out of Hours“ der litauischen Künstlerin LINA LAPELYTÉ (*1984), die von der Modemarke CHANEL gesponsert wurde, welche aus 400.000 Holzklötzchen in der Größe von 10 cm x 10 cm besteht, aus denen jeder Besucher bauen kann, was er will.
Ein Paradis für Kinder und für Männer, die wieder Kind werden wollen.
Besonders, wenn eine zuvor hoch aufgerichtete Mauer mit einem lauten Krach zusammenfällt – herrlich!
Author: Holger Jacobs
Founder & Editorial Director of kultur24.berlin ug.
Founder & Editorial Director of kultur24 TV on Youtube.
Former correspondent for fashion in Paris.
Photographer, writer and videographer.








































